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Der Ilulissat-Fjord (Grönland), UNESCO-Weltnaturerbe, Fallstudie einer Heritageifizierung

Par Andréa Poiret : Indépendante, formation en géographie et en patrimoine et musées - Université Paris I Panthéon-Sorbonne
Publié par Cécilia Fernandez le 30/01/2024

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Der Standort Ilulissat mit seinem Gletscher, der in einem tief eingeschnittenen Fjord nach vorn dringt, bietet einen bevorzugten Beobachtungsposten für den Klimawandel. Er ist daneben eine wichtige archäologische Stätte für die Kultur der Inuit sowie ein von der Unesco als Weltnaturerbe eingestuftes Touristenziel. Diese Heritageifizierung wirft mehrere Fragen auf: insbesondere zur Unterscheidung von natürlichem und kulturellem Erbe und zu den potenziell negativen Auswirkungen des Tourismus auf den Schutz des Standorts.

Das Foto zeigt den Eisbergsockel des Gletschers Sermeq Kujalleq bei Ilulissat (Grönland), auch bekannt unter dem dänischen Namen Jakobshavn Isstrøm (Jakobshavn Ice Stream auf englisch). Es ist ein « Küstengletscher », dessen Eiszunge in einen Gletscherfjord zum Ozean mündet. Er ist der aktivste Gletscher der Welt (Mikkelsen, Ingerslev, 2008). Seine Dynamik resultiert aus der Akkumulation von Schneemassen, die unter die Eiskappe eindringen, dort zusammengepresst werden und so zu Eis werden (Metamorphose des Eises) (Benson 1961). Das Eis wandert dann zum Zehrgebiet des Gletschers und bildet Eisberge von bis zu 700 m Dicke, die im Sommer schmelzen.

Dokument 1. Foto des Eisbergsockels

Foto: Andréa Poiret, Juli 2019.
 

Ein paar Zahlen

  • Fläche des Gletscherbeckens: 402,4 km²
  • Fläche des Gletscherfjords: 70 km²
  • Tiefe: Zwischen 1000 und 1500 m zur Wasseroberfläche
  • Dicke der Eiskappe: 3,2 km
  • Volumen des inneren Eises: Zwischen 2,6 und 2,9 Mio. Km³
  • Jährliche Eisproduktion: 46 km³ Eis
  • Fließgeschwindigkeit des Gletschers: 19 m pro Tag (1998) ; 40 m pro Tag (2008)

 

Die Heritageifizierung des Standorts

Der Sermeq Kujalleq ist der einzige Überrest der letzten Eiszeit des Quartärs auf der Nordhalbkugel. Er geht aus den letzten Vergletscherungen hervor (etwa 100 000 – 10 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung), dem Abschmelzen im frühen Holozän (10 000 – 5000 Jahre) und der Neuvergletscherung im späten Holozän (etwa 5 000 – 100 Jahre) (Mikkelsen, Ingerslev, 2008). Darum ist er in der Geomorphologie sehr genau untersucht worden, wie zahlreiche Studien belegen, die ihm gewidmet worden sind (vgl. diese 12-seitige Bibliographie). Er gilt als ein Archiv der vergangenen klimatischen Veränderungen, zwischen 250 000 und etwa 11 550 Jahren BP ((BP : Before present, in Geologie, Klimatologie und ähnlichen Disziplinen übliche Datierung rückwärts vom 1. Januar 1950.)) (Dansgaard et al., 1993 ; Alley, 2000). Seine gegenwärtige Entwicklung wird in ihrer Wechselwirkung mit dem Klimawandel untersucht, um die zukünftigen Reaktionen der Eiskappen und Gletscherbäche vorauszusehen. Dieser Standort hat aber auch eine historische Bedeutung. Grönland ist seit 4 500 Jahren bewohnt. Der Sermeq Kujalleq-Gletscher war ein Jagdgebiet der Sermermiut (« Gletschervolk »), was sichtbare archäologische Spuren dort belegen. Aus allen diesen Gründen wurde dieser Ort 2004 in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes aufgenommen, nach den Kriterien des Artikels 44 (i): ein Ausnahmeort zu sein und (iii) : herausragende natürliche Phänomene oder Gebiete natürlicher Schönheit und besonderer ästhetischer Bedeutung zu enthalten. Dieser Fjord ist bequem von der Stadt Ilulissat aus zu erreichen, drei Wanderwege stehen zur Wahl: der blaue (6,9 km), der gelbe (2,7 km) und der rote (1 km) Weg.

Diese Klassifizierung als « Naturerbe » muss allerdings relativiert werden: es geht nämlich um kulturelle Elemente, wenn man bedenkt, dass Natur ein kulturelles Konstrukt ist (Descola, 2005), dass die eigene Wahrnehmung und Vorstellung vom « Natürlichen » (Arnould, Glon, 2006) individuell verschieden ist und die Natur selbst sich fortwährend verändert (Héritier, Guichard-Anguis, 2008). Die Charakterisierung dieses Standorts als « Naturerbe » impliziert, dass dieser Fjord « jegliche Spur menschlichen Eingriffs zurückweist » (Héritier, Guichard-Anguis, 2008). Das wirft die Frage nach dem Schutz eines Naturerbes auf, welches sich per Definition unaufhörlich verändert (ebd.). Wird es nicht gerade durch Schutzmaßnahmen weniger natürlich? Und ist dieser Ort nicht außerdem dadurch zum Erbe geworden, dass er touristisch und dank wissenschaftlicher Kenntnisse aufgewertet wurde (Biot, 2008; Portal, 2008)? Dieses « Naturerbe » wäre demnach « eine Aneignung des Potenzials und der Umweltressourcen » (Héritier, Guichard-Anguis, 2008) für touristische Zwecke. Die Untersuchung dieses Gletschers stellt die Frage nach der Vereinbarkeit seiner Heritageifizierung mit dem möglichen Aufkommen eines umweltbewussten Reisebetriebs. Wie lassen sich, im Grunde genommen, Erhaltung und Aufwertung des Standorts mit der Rücksicht auf die Umwelt vereinbaren?

Die Mental map (s.u.) wurde nach Gedächtnis von Standort-Ranger Aron Emil Peterson angefertigt. Aron Emil Peterson hat sie gezeichnet, um den Ort zu lokalisieren, von dem aus das obige Foto aufgenommen wurde, anhand der Notiz « us » auf englisch (= « wir » auf deutsch), aber auch zur Erklärung bestimmter geomorphologischer Erscheinungen. So kann man den Fjord erkennen, mit den Städten Ilimanaq und Qasigiammgnut im Süden und Ilulissat im Norden. Die Karte zeigt die unterschiedliche Dicke der Eisberge: im Osten auf der Skizze Eisberge von 900 bis 1000 m Dicke, in der Mitte, wo wir uns bei der Aufnahme befanden, Eisberge von 800 m Dicke im Osten und 450 bis 300 m Dicke weiter westlich. Von den Wanderwegen sind zwei im Norden abgebildet, der blaue (« blue trek » auf der Karte) und der gelbe (« yellow trek »). Außerdem zeigt die Karte auch geomorphologische Elemente an, so die Akkumulationszone (« producing glacier » auf der Karte), den ehemaligen Gletscher (« dead glacier » auf der Karte) sowie den Rückzug des Gletschers mit seiner Grenze von 1850. Die Eisfront ist zwischen 1851 und 1950 um 26 km zurückgewichen.

Dokument 2. Mental map vom Ort des Dokuments 1 und Skizze

  

Mental map Juli 2019 von Standort-Ranger Aron Emil Peterson aufgezeichnet, nach Süden ausgerichtet (links), und als Skizze von einer Satellitenansicht übernommen, nach Norden ausgerichtet (rechts).
 

Die Folgen der Heritageifizierung

Die Schönheit dieses Ortes, wie sie aus dem Foto hervorgeht, sowie die positiven Auswirkungen der Heritageifizierung, welche auf der Mental map erscheinen, wie auch seine Erreichbarkeit, werden von den menschlichen Aktivitäten geschädigt. Der Tourismus in den Polargebieten (« Cryotropismus » = Attraktivität der polaren Gebiete, die mit vereisten Landschaften und Abenteuer assoziiert werden) hat sich beschleunigt, auch wenn Grönland eine der am wenigsten besuchten Regionen ist (Delmas, 2012 ; 2014). Bis 2005 waren die Touristen auf der Suche nach der « Wildnis », dem Unbekannten und einer « ungezähmten Natur ». Grönland wurde zum Symbol des Klimawandels, und die Heritageifizierung des Fjords von Ilulissat wurde zu einem der Werkzeuge seiner Mediation (Delmas, 2012). Dieser Tourismus findet hauptsächlich während der Sommermonate statt, von Juni bis Ende August (ebd.). Die Zahl der Übernachtungen in Ilulissat stieg von 35 169 (2004) auf 71 739 (2018), (Dokument 3).

Dokument 3. Anzahl der Übernachtungen in Ilulissat pro Jahr

Die zahlreichen Reisebüros der Stadt Ilulissat schlagen verschiedene Aktivitäten vor: Kayaktouren, Boots- oder Hubschrauberausflüge, um den Fjord zu bewundern und Wale zu beobachten, Busfahrten zu den verschiedenen Wanderwegen und sogar « after hike massages » (Massagen, die am Ende der Wanderwege angeboten werden). Kreuzfahrtschiffe legen mit Hunderten von Touristen an. Die Zahl der Passagiere auf diesen Schiffen stieg von 8 250 (2015) auf 12 914 (2018), (Dokument 4). Dieser Zustrom von Besuchern setzt den natürlichen Standort sehr unter Druck, besonders im Hinblick auf seine Artenvielfalt. So hinterlassen die vielen Wanderer auf den Wegen immer deutlichere Spuren, und aus dem bewachsenen Boden wurde nackte Erde. Der tägliche Touristenstrom, der zur Beobachtung der Wale in Booten unterwegs ist, trägt seinerseits zur Beschädigung der archäologischen Überreste der Inuit-Kultur bei. Andererseits bringt die Entwicklung des Tourismus durch diese Aktivitäten und die wachsende Nachfrage nach traditionellem Handwerk auch neue Einnahmequellen mit sich (Delmas, 2014).

Dokument 4. Anzahl der Kreuzfahrtpassagiere pro Jahr in Ilulissat

 

Sollte der Tourismus mit seinem Druck auf die Umwelt begrenzt oder ausgebaut werden? 

Mehrere Gestaltungsvorhaben tragen zum Ausbau der touristischen Nutzung des Standorts bei. Ein « visitors' center » (Besucherzentrum) am blauen Wanderweg ist für Herbst 2020 vorgesehen. Die Zielsetzung dieses Projekts ist es, « ein[en] Beitrag zu unserem Verständnis des Klimawandels [...] des Eisfjords, und besonders seiner Kultur und Geschichte, wie auch der spektakulären Schmelze der Eiskappe Grönlands » [zu leisten]. Das dänische Architekturbüro Dorte Mandrup hat eine Holzkonstruktion vorgesehen, « welche einen Dialog zwischen der Ausstellung im Inneren und der natürlichen Umgebung des Gebäudes, einen Dialog zwischen Mensch und Natur, » hervorbringen möchte (Lomholt, 2019). Dort wird auch das derzeitige Icefjord Office untergebracht sein, welches das UNESCO-Welterbe verwaltet, dazu ein Café, eine Boutique, eine Forschungsstation und eine Ausstellung (über den Entstehungsprozess des Eises, die Inuit-Kultur entlang des Fjords und den derzeitigen Klimawandel). Hat dieses Vorhaben den Ehrgeiz, das Bewusstsein über Klimawandel zu schärfen, so ist sein Hauptziel doch, zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser « touristischen Attraktion von Weltklasse » beizutragen (Lomholt, 2019). Es werden an die 25 000 Besucher pro Jahr erwartet.

Dokument 5. Der Standort Ilulissat

Schlussfolgerung

Die Heritageifizierung des Standorts Ilulissat-Eisfjord ist eine zweischneidige Angelegenheit. Seine Erhaltung durch die Einrichtung eines Regelwerks und einer Kontrolle des Ortes im Zusammenhang mit seinem Status als UNESCO-Welterbe wertet den Standort zwar auf, gefährdet aber dadurch auch seinen Schutz. Seine touristische Nutzung zieht immer mehr Besucher an, welche die Zugänge zum Gletscher niedertreten. Eine Absprache zwischen den Standortverwaltern und den Verantwortlichen für die Tourismuswirtschaft Grönlands würde sich als nützlich für die Unterstützung eines nachhaltigen Tourismus herausstellen. Diese Art Tourismus würde solche Besucher bringen, die lange genug am Ort blieben, um die « natürlichen » und kulturellen Landschaften Grönlands besser zu begreifen. Die Challenge der Heritageifizierung, welche Erhaltung und Aufwertung miteinander versöhnt, findet sich an vielen als Welterbe geschützten Orten. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Aguas Calientes (auch bekannt unter dem Namen Machupicchu Pueblo), die sich im Zuge der Tourismuswirtschaft am Machu Picchu entwickelt hat. Ganze Straßenzüge von Hotels, Restaurants und Banken sind entstanden, während Tausende von Touristen täglich den Ort des historischen Weltkulturerbes zertreten. Der Ilulissat-Fjord ist noch nicht soweit, auch wegen der recht hohen Reisekosten nach Grönland. Die Lage könnte sich jedoch mit dem für 2023 geplanten Bau eines internationalen Flughafens in Ilulissat verändern.

Fußnoten

Bibliografie

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BENSON, C. 1961. "Stratigraphical studies in the snow and firn of the Greenland ice sheet", in Folia Geographica Danica 9, pp. 13-37.
BIOT, V. 2008. « Les cavités naturelles », in Géographie et cultures, 66.
DANSGAARD, W., JOHNSEN, S.J., CLAUSEN, H.B., DAHL-JENSEN, D., GUNDESTRUP, C.U., HVIDBERG, C.S., STEFFENSEN, J.-P., SVEINSBJØRNSDOTTIR, A.E., JOUZEL, J. et BOND, G. 1993. "Evidence for general instability of past climate from a 250 kyr ice core record », in Nature 364, pp. 218- 220.
DELMAS, Antoine. 2012. « La production d'une représentation touristique. Une objectivation des guides Lonely Planet sur le Groenland », Belgeo.
DELMAS, Antoine. 2014. « Terre des Hommes, pays des glaces. L'expérience touristique au Groenland », in Mondes du Tourisme, 10.
DESCOLA, Philippe. 2005. Par-delà nature et culture. Paris: Gallimard.
ECHELMEYER, K., CLARKE,T. S. et HARRISON, W. D. 1991. "Surficial glaciology of Jakobshavn Isbræ,West Greenland: Part I, Surface morphology" in Journal of Glaciology 37, pp. 368-382.
HÉRITIER, Stéphane et GUICHARD‑ANGUIS, Sylvie. 2008. « Le patrimoine "naturel", entre culture et ressource », in Géographie et cultures, 66.
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LAMBECK, K. et CHAPPELL, J. 2001. "Sea level change through the Last Glacial cycle", in Science 292, pp. 679-686.
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MIKKELSEN, N. et INGERSLEV, T. 2008. Ilulissat icefjord nomination document for the world heritage site, GEUS.
PORTAL, C. 2008. « Patrimonialisation des reliefs dans les parcs naturels de la façade atlantique européenne », in Géographie et cultures 66.

 

Andréa POIRET
Studentin, Master in Geografie, Master in Heritage und Museen – Paris /Panthéon-Sorbonne

aus dem Französischen übersetzt von
Charlotte MUSSELWHITE-SCHWEITZER

Korrektur gelesen von Cécilia FERNANDEZ

Webbearbeitung: Cécilia Fernandez

Pour citer cette ressource :

Andréa Poiret, "Der Ilulissat-Fjord (Grönland), UNESCO-Weltnaturerbe, Fallstudie einer Heritageifizierung", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), janvier 2024. Consulté le 28/05/2024. URL: https://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/civilisation/environnement-et-developpement-durable/der-ilulissat-fjord-gronland-unesco-weltnaturerbe-fallstudie-einer-heritageifizierung