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Die Mädchenliteratur im Wandel der Zeit: von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert

Par Karla Vesenmayer : Lectrice d'allemand - ENS de Lyon
Publié par Marie Laure Durand le 06/04/2011
Die Entstehung des modernen Mädchenbuches ist ein komplexer Prozess, der nicht nur die weibliche Psyche, sondern auch das Gesellschaftsbewusstsein und die Vorstellung der Gesellschaft über die Bedeutung und Rolle der Frau thematisiert. Waren die ersten Mädchenbücher in Form von Exempelgeschichten und „väterlichen Ratschlägen“ noch ausschließlich darauf ausgerichtet, die Mädchen auf ihre spätere Rolle als Mutter, Hausfrau und Gattin vorzubereiten, so kann man schon im 18. Jahrhundert eine Hinwendung zum Unterhaltsamen in der Literatur finden, die die Mädchen zwar immer noch erziehen, aber gleichzeitig auch unterhalten sollte. In der Kaiserzeit gewinnt der unterhaltsame Aspekt schließlich die Oberhand und verdrängt allmählich die moralisch-belehrenden Elemente von der Oberfläche – denn Werte und Normen sollen weiterhin vermittelt werden, aber ohne dies offensichtlich und abschreckend als leitendes Thema zu wählen. Und somit wurde der Grundstein gelegt für die florierende Mädchenliteratur seither.

In unserer heutigen Zeit gibt es eine Fülle von Literatur, die speziell für Mädchen in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen geschrieben wurden: Ob Hanni und Nanni oder Beste Freundin, blöde Kuh, der Titel allein verrät schon, an wen sich diese Bücher richten. In ihnen geht es um Liebe, Freundschaft, den ersten Kuss, aber auch um die Probleme, mit denen Mädchen in der Pubertät konfrontiert werden - nicht unbedingt die Art von Literatur, die ein Junge zur Hand nehmen würde. Doch dass Mädchen eine andere Entwicklung durchlaufen als Jungs wurde nicht von jeher berücksichtigt: Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es nur einheitliche Kinder- und Jugendliteratur, die zwischen den verschiedenen Geschlechtern der Rezipienten keinen Unterschied machten. Dies sollte sich ändern, als man versuchte, die Mädchen durch Exempelgeschichten und Ratgebern auf ihre spätere Rolle als Mutter und Hausfrau vorzubereiten. Natürlich war diese Art der Mädchenbücher noch weit entfernt von unserem heutigen Verständnis der unterhaltenden Literatur, und es sollte noch bis zum 19. Jahrhundert dauern, bevor man auch die verschiedenen Entwicklungsphasen eines Mädchens berücksichtigte, anstatt sie schon von klein auf mit dem Alltagsleben einer Hausfrau zu konfrontieren.

1. Einleitung

Der Begriff "Mädchenbuch" gehört zu den lesegruppenbezogenen Begriffen von Teilgebieten der Jugendliteratur wie "Jugendbuch" und "Kinderbuch" [...]. Er enthält damit unausgesprochen eine Beziehung zur traditionellen Entwicklungspsychologie, aus der spezifische Gruppeninteressen an Lektüre abgeleitet wurden, die zugleich auf bestimmte Alters- und Entwicklungsstufen bezogen waren [...]. Der Begriff Mädchenbuch wäre daher ohne ein bestimmtes Bild vom "Mädchen" und ohne einen gesellschaftlichen Konsensus darüber nicht möglich. (Dahrendorf, 1974, 264)

Wie aus dem Zitat von Malte Dahrendorf hervorgeht, handelt es sich bei der Mädchenliteratur um eine geschlechtsspezifische Untergattung der Jugendliteratur, die sich einem gesellschaftlich anerkannten Bild von Mädchen anpasst. Doch gab es die Mädchenliteratur nicht schon seit Beginn der Jugendliteratur: Erst nachdem eingeräumt wurde, dass die Mädchen eine andere physische und psychologische Entwicklung durchgehen als die Jungen, konnte eine Literatur entstehen, die sich speziell an Mädchen wendet und sich einer angepassten Erziehung widmet. Diese Vorstellung einer "richtigen" Erziehung war dabei immer eng verbunden mit dem jeweiligen Zeitgeist und der vorherrschenden Meinung darüber, welche Rolle das Mädchen und die spätere Frau in der Gesellschaft zu spielen haben. Daran lehnte sich natürlich auch die Mädchenlektüre an: So findet man in den frühen Werken für Mädchen reine "Sittenlehren", die die jungen Mädchen auf ihre spätere Rolle als Hausfrau, Mutter und Gattin vorbereiten sollten, ohne besondere Rücksicht auf den Unterhaltungswert zu nehmen. Dies hat sich in der Zwischenzeit natürlich grundlegend geändert. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Entwicklung in der Mädchenliteratur von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert, d.h. bis die Grundpfeiler für unsere heutige Vorstellung von Mädchenbüchern gelegt waren, darzustellen und dabei auch die sozialgeschichtlichen Umstände zu berücksichtigen.

2. Abriss der Entwicklung von Kinder- und Jugendliteratur

Wenn man sich mit der Herausbildung der Mädchenliteratur beschäftigt, ist es unumgänglich sich zuvor mit der Entstehung und Entwicklung seiner Übergattung auseinanderzusetzen, d.h. der Kinder- und Jugendliteratur (im Folgenden mit KJL abgekürzt) im Allgemeinen. Die KJL im weitesten Sinne hat ihre Anfänge bereits im Mittelalter, auch wenn diese noch nicht unserer heutigen Auffassung von Literatur für Kinder entspricht: Sie bestand aus Lernhilfen für den Lateinunterricht, Rhetorikbüchern und auch Werken zur Vermittlung von Werten und Tugenden - also Werke, die speziell für Heranwachsende geschrieben wurden, jedoch nicht auf die Probleme des Heranwachsens eingingen, sondern ausschließlich der Bildung und Erziehung dienten (Schikorsky, 2003, 8). Jedoch bedeutete das nicht, dass diese Art von Lektüre nicht auch unterhaltend sein konnte: Oft wurden die Belehrungen in Exempelgeschichten gekleidet, die zwar immer noch dem Zweck der moralischen Lehre dienten, aber in ihrer Form ansprechender waren und gerne gelesen wurden. Auch im 16. Jahrhundert bestand der Großteil der KJL noch aus religiösen Lehr- und Erbauungsschriften, so z. B. aus Kinderbibeln, Lieder- und Gebetbücher und Katechismen. Zwar gab es daneben auch andere Werke, doch wurden diese im Vergleich zu den religiösen Schriften von Pädagogen als "unwahr" und "verderblich" bezeichnet, so z. B. Fabeln oder Volksbücher (Schikorsky, 2003, 25f.). Besonders durch Martin Luther und seiner Forderung einer "weltlichen Schulaufsicht" kam es zu einer neuen Welle religiöser und erzieherischer Schriften, darunter auch Luthers Der kleine Katechismus (1529), in dem er das Fundament für christliche Erziehung und Entwicklung in der Familie sieht. Diese Tendenz entwickelte sich weiter im Übergang zur Aufklärung, in der pietistische KJL einen enormen Aufschwung erlebte. Eine wichtige Entwicklung nahm die KJL im 16. Jahrhundert mit dem Colmarer Jörg Wickram (ca. 1505-1562), dessen Werk Der Goldtfaden (1557) dazu verhalf, dem deutschen Prosaroman zur Eigenständigkeit zu verhelfen. In seinen Geschichten betonte Wickram, dass nicht die bei der Geburt vermachten Privilegien, sondern die individuellen Leistungen zählten (Schikorsky, 2003, 27). So handelt sein Roman Der Jungen Knaben Spiegel vom arbeitsamen Bauernsohn Fridbert und dem lasterhaften Rittersohn Wilbald, wobei der erstere als Vorbild fungiert, der letztere als Abschreckungsmodell. Wie zu erwarten hat Fridbert letztendlich mehr Glück im Leben als Wilbald, und Strebsamkeit, Wissen, Bereitschaft zur Anpassung führen als wesentliche Koordinatoren zu einem erfolgreichen Leben. Ein Meilenstein in der KJL wurde jedoch erst im 18. Jahrhundert gelegt: Durch die philanthropistische Bewegung der Aufklärung wollte man nunmehr bei der Erziehung von Kindern auf körperliche Züchtigungen verzichten und stattdessen auf menschliche Zuneigung zwischen Lehrer bzw. Elternteil und Schüler bzw. Kind bauen (Schikorsky, 2003, 29). Diese neue Erziehungsmaßnahme wirkte sich auch auf die Literatur aus: Als wichtiges Element in der Kindererziehung standen in den neuen Werken für Kinder nun die Hinwendung zum Adressaten, also die Akzentuierung der Bedürfnisse des kindlichen und jugendlichen Lesers im Vordergrund. Als Mitbegründer der modernen Kinderliteratur ist besonders Joachim Heinrich Campe (1746-1818) zu erwähnen, der sich sowohl in Sprache als auch Inhalt speziell an die jugendliche Lesergruppe wandte und Belehrung mit Vergnügen vereinen wollte (Dahrendorf, 1980, 28). Robinson der Jüngere (1779/80), eine pädagogische Umwandlung des Abenteuerromans Robinson Crusoe (1719) von Daniel Defoe, erfreut sich selbst heute noch ungebrochener Beliebtheit und erschien schon in mehr als 800 Ausgaben auf der ganzen Welt (Schikorsky, 2003, 43). Nach den napoleonischen Kriegen (in der so genannten Biedermeierzeit, ~1815-1848) folgte eine Zeit des Harmoniebedürfnisses. Für die KJL bedeutete dies eine erneute Hinwendung zur belehrenden Lektüre, die Normen und Werte wie Gehorsam, Frömmigkeit, Anstand und Ordnung idealisierte (Schikorsky, 2003, 59). Doch sollten diese Werte kindgerecht verpackt werden: In der Zeit des Biedermeier wurde die Kindererziehung zum zentralen Thema, die Kindheit als eigenständiger Lebensabschnitt war nun endgültig anerkannt. In der Familie selbst stellte sich ein Prozess der Intimisierung und Emotionalisierung ein, der sich auch in der KJL vollzog: Durch Erzeugung von Mitleid und Rührung beim Lesen sollten wichtige Werte vermittelt werden. Wie in den folgenden Kapiteln aufgezeigt wird, ist dies auch die Zeit der spezifischen Unterscheidung zwischen den Geschlechtern schon im Kindesalter: So werden z.B. für die Mädchen Puppen und Puppenhäuser geschaffen, für die Jungen hingegen Bälle und militärisches Spielzeug. Diese Entwicklung wirkte auch auf die Literatur ein: So entstanden Mädchenpuppengeschichten, Tiergeschichten und Abenteuer- oder Kriminalromane.

3. Herausbildung und Entwicklung der Mädchenliteratur von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert

Wie schon einleitend erwähnt orientiert sich die KJL stets an dem Kindheitsbild, das in einer bestimmten Zeit vorherrscht: So reflektiert sie die Vorstellungen davon, was unter Kindheit oder Pubertät zu verstehen sei, und vor allem welche Bedeutung den verschiedenen Entwicklungsstufen im Rahmen der Gesellschaft und der Familie beigemessen werden sollte. Ändert sich dieses Bild, so wird dies auch in der Literatur widergespiegelt, wie in dem Abriss der KJL im Allgemeinen aufgezeigt werden konnte. Besonders wichtig war der Bedeutungswandel auch für die Mädchenliteratur: Lange Zeit wurde die "Übergangszeit" von Kindheit zum erwachsenen Frauendasein ignoriert. Die Pubertät, das Heranwachsen wurde lediglich als Vorbereitungsphase auf das Erwachsenenleben als vollwertige Frau gesehen und dementsprechend durch zielgerichtete Erziehungsmaßnahmen ausgefüllt, wobei auf die altersgemäßen Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wurde (Schikorsky, 2003, 10). Lektüre für Kinder und Jugendliche diente lange Zeit der Belehrung, und so wandte sich auch die Lektüre für Mädchen nicht von diesem Anspruch ab. Erst im laufenden 19. Jahrhundert erkannte man, dass der Übergang vom Mädchen zur Frau alles andere als einfach, sondern im Gegenteil ein komplexer und verwirrender Prozess ist, den man angemessen angehen und unterstützen muss. Wie schon erwähnt wurde in der Biedermeierzeit der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen stärker kontrastiert und auf die verschiedenen Bedürfnisse eingegangen. Mit dieser Erkenntnis erlangte die Übergangszeit nach und nach eigene Qualität, und Erziehungsmaßnahmen - und damit verbunden vor allem auch die Mädchenlektüre - passten sich den Umständen an (Wilkending, 1994, 8). In den folgenden Kapiteln soll nun die Entwicklung der Mädchenlektüre aufgezeigt werden. In einem ersten Schritt wird geklärt, was unter Mädchenlektüre zu verstehen ist, d.h. seine äußere und innere Charakteristik. Danach soll der Werdegang des Mädchenbuches dargestellt werden, unter besonderer Berücksichtigung der sich verändernden Stellung des Mädchens und auch der Frau, insofern als sie mit der Zeit zur Hauptproduzentin von Mädchenlektüre wurde.

3.1 Definition "Mädchenbuch"

Unter Mädchenliteratur versteht man heutzutage im Allgemeinen einen Typ von Literatur, der sich speziell an Mädchen richtet und auch fast nur von Mädchen gelesen wird (Der Richtigkeit halber gilt aber auch hier zu erwähnen, dass sich die Mädchenliteratur allerdings keineswegs mit der Mädchenlektüre, also den Büchern, die von Mädchen tatsächlich gelesen werden, decken müssen (Grenz, 1981, 30), ebenso wie in der KJL). Protagonisten sind zumeist Frauen oder junge Mädchen, die durch typisch weibliche Verhaltensweisen und weibliches Empfinden gekennzeichnet sind und die mit geschlechtsspezifischen Problemen zu kämpfen haben - kurz: Figuren, die den Leserinnen als Identifikationsmodell dienen können.

Das Mädchenbuch gilt unter anderem als Medium der Sozialisation: Gemäß der jeweiligen Vorstellungen der verschiedenen Epochen soll das Mädchen durch entsprechende Lektüre auf ihre spätere, von der Gesellschaft zugeschriebene Rolle vorbereitet werden. In früheren Zeiten wurden diese Geschichten ganz direkt als Exempel- und Belehrungsschriften an das Mädchen weitergereicht, in denen allein das Erzieherische im Vordergrund stand. Heutzutage geschieht dies meist in unterhaltender Form, d.h. die moralisch-belehrenden Elemente werden eingebettet und versteckt in einer Rahmenhandlung, deren romanhaftes Erscheinungsbild von der "bitteren Medizin" ablenkt. Doch heute wie damals sind einige Elemente von zentraler Bedeutung, will man die Sozialisationsfunktion des Mädchenbuches wirksam machen. Dahrendorf unterteilt sie in die "äußere Charakteristik", das heißt die äußere Aufmachung, zu der auch der Titel und das Titelbild zählen, und in die "innere Charakteristik", die sich mit Inhalt und Schreibstil befasst (Dahrendorf, 1974, 266). Der Titel eines Mädchenbuches spricht bereits die Erwartungen der verschiedenen Mädchen an: Er besteht entweder aus einfachen Mädchennamen (Hanni und Nanni, 1965) oder einem Satz, in dem zugleich das Thema beschrieben wird (Beste Freundin, blöde Kuh!, 2002). Der Titel kann auch über Assoziationen als an Mädchen gerichtet verstanden werden: Die Stunde der Puppen (1966), Wenn ich schön wäre (1956) etc. Dahrendorf listet in seinem Artikel verschiedene Wörter auf, die dabei eindeutig die weibliche Leserschaft ansprechen: "Schicksal", "Herz", "Rose" usw. (Dahrendorf, 1974, 266). Das Titelbild hat ebenfalls Lenkungsfunktion: So werden für jüngere Mädchen andere Titelbilder ausgewählt als für schon pubertäre Mädchen. Für die ersteren gibt es Mädchengruppen (die den "Gesellungsdrang" widerspiegeln), für die älteren eher ein einzelnes Mädchen im Alter der Leserin, wobei die zentralen Probleme der Altersstufe (Einsamkeit, Anpassungsprobleme, Schwierigkeiten) thematisiert werden (Dahrendorf, 1974, 266). Zu den Elementen der inneren Charakteristik zählt Dahrendorf die obligatorische weibliche Hauptfigur, die sich im gleichen Alter wie die angesprochene Leserin befindet; eine Thematik, die auf die speziellen Entwicklungsstufen der Leserinnen ausgerichtet ist und so zu einer Identifikation zwischen Mädchen und Hauptfigur führt; eine Erzählform, die die Identifikation noch weiter erleichtert (meistens die auktoriale oder die Ich-Erzählform). All dies führt dazu, dass diese Bücher sich auf den weiblichen Lesezirkel beschränken, was sie zu spezifischen Mädchenbüchern macht. Doch wie schon einleitend erwähnt, hat sich der Stil im Laufe der Zeit verändert: Von den damaligen Belehrungsschriften war es noch ein weiter Weg bis zur heutigen Mädchenlektüre. Mit verantwortlich für den Wandel war das Frauen- und Mädchenbild der verschiedenen Epochen, das sich seit dem 18. Jahrhundert einem starken Wandel unterzogen hat.

3.2 Zentrale Aspekte der frühen Mädchenliteratur

Die frühe Mädchenliteratur kann als eine Art Diskurs über die Rollenverteilung oder die Bestimmungen verstanden werden, die den Mädchen zugesprochen wurden. Die ideale Frau verkörperte nämlich über Jahrhunderte hinweg (und verkörpert in manchen Kreisen auch immer noch) eben jene bürgerliche Tugenden wie Sanftmut, Unterordnung und Demut. Rousseau schrieb ihr Mütterlichkeit, Gattenliebe und Häuslichkeit zu, ihre Hauptaufgabe liege in der Erziehung der Kinder und dem generellen Dienst im Rahmen der Familie (Wilkending, 1994, 10). In diesem Sinne war eine gleichwertige Erziehung der Geschlechter ausgeschlossen, ja erst gar nicht notwendig. Dementsprechend orientierte sich auch die frühe, speziell an Mädchen gerichtete Lektüre an diesen Werten und sollte junge Mädchen auf ihre spätere Aufgabe vorbereiten. Es entstanden viele Ratgeber, Exempelgeschichten und Erzählungen, die darauf abzielten, die Mädchen im Sinne der gesellschaftlichen Auffassung von der Rolle der Frau zu beeinflussen und zu erziehen (Grenz, 1981, 31). Campe schreibt zum Beispiel in seinem 1789 erschienenen Väterlicher Rath für meine Tochter über die Bestimmung der Frau und ihre nötige Ausbildung, dass sie darin liege, "menschlichen Anlagen und Kräfte, die körperlichen wie die geistigen, die sittlichen wie die erkennenden, aber wohl verstanden! immer in Bezug auf deinen bestimmteren Beruf als Weib, und nur an Gegenständen und nur durch Wirkungsarten, welche innerhalb der Gränzen dieses deines weiblichen Berufes liegen, auf jede dir mögliche Weise, sorgfältig und emsig zu entwickeln, zu üben, zu stärken und zu veredlen" (Campe, 1796, 12). Diese Art von "Aufgabenkatalog" (Dahrendorf, 1980, 32) für die Mädchen interessant und schmackhaft darzustellen ist im Groben und Ganzen die Funktion der frühen Mädchenliteratur, in der die Autoren durch abschreckende Warngeschichten auf die Konsequenzen im Falle einer Überschreitung dieser Grenzen aufmerksam machen. Campe ist sich der wenig vorteilhaften Stellung der Frau jedoch bewusst, auch wenn er in dieser Hinsicht sehr konservativ ist. Das Wichtigste für ihn sei, dass sich seine Tochter ihrer Unterlegenheit bewusst wird: [D]aß das Geschlecht, zu dem du gehörst, nach unserer dermahligen Weltverfassung, in einem abhängigen und auf geistige sowol als körperliche Schwächung abzielenden Zustande lebt, und, so lange jene Weltverfassung die nämliche bleibt, nothwendig leben muß. Das ist freilich keine angenehme, aber eine nöthige Nachricht, die ich, wenn ich zu deinem großen Schaden dich nicht täuschen wollte, dir nicht verheelen durfte. (Campe, 1796, 21) Moralische Erzählungen speziell für Mädchen entstanden im Vergleich zur KJL im Allgemeinen erst relativ spät: Anfangs wurden die Erzählungen für jüngere Mädchen noch nicht von der KJL getrennt, und Erzählungen für ältere Mädchen beschränkten sich auf die moralisch-belehrende Literatur, die noch auf den unterhaltsamen Teil verzichtete. Erst im 18. Jahrhundert entstanden spezifische Erzählungen für Mädchen: 1767 erschienen die Predigten für junge Frauenzimmer von Fordyce, aus dem Englischen übersetzt. Wie man schon am Titel sehen kann, wurden hier noch die "jungen Frauenzimmer" angesprochen, also junge Mädchen, die in der Vorbereitungsphase für das Frauendasein stehen und dafür bildlich an die Hand genommen werden müssen, und nicht das Kind oder Mädchen an sich. Die Literatur für Mädchen im 18. und frühen 19. Jahrhundert war genau darauf ausgelegt, sie durch geschlechtsspezifische Sittenlehre zu einer Frau, Mutter und Gattin zu erziehen. Hierzu ein anschauliches Beispiel für junge Mädchen aus Gottlob Wilhelm Burmanns Kleine Lieder für kleine Mädchen und Jünglinge aus dem Jahre 1777 (zitiert aus Wilkending, 1994, 75):

Die Küche
Angenehmer Aufenthalt
Kleiner Mädchen große Ehre;
O wenn ich doch auch nun bald
Nützlich für die Küche wäre!
Niemals schämte sich die Mama
Gutes Essen zu bereiten!
Und wie niedlich schmeckt es da:
Uns und allen unsern Leuten!
O, wenn ich erst größer bin
Will ich Küch und Wirthschaft lernen;
Und mit weisem Eigensinn
Von dem Putztisch mich entfernen.
Wirthschaftlich und häuslich seyn
Zieret alle Frauenzimmer;
Und bringt auch fürs Haus was ein:
Aber Putz und Spiegel nimmer!

Wie man an diesem Beispiel sehen kann, begann die Erziehung zur Hausfrau schon im frühen Kindesalter. Bei jugendlichen Mädchen galt es hingegen, sie in ihrer Wildheit zu zähmen, ihre Phantasien zu kontrollieren und das "Jungenhafte" aus ihrem Wesen zu verbannen (Pellatz, 1997, 35). Das junge Mädchen ist in der Pubertät nicht angepasst, es ist sehr stimmungslabil. Diese Veränderungen im Wesen des Mädchens haben das Eingreifen der Erzieher und Pädagogen wohl besonders provoziert, denn im ausgehenden 18. Jahrhun-dert entstanden zahlreiche Erziehungsschriften, die sich auf diese Altersstufe spezialisierten (Pellatz, 1997, 36). Darunter befanden sich auch Vater-Tochter-Ratgeber wie der schon in Kapitel 3.1 zitierte Väterliche Rath für meine Tochter von Campe, in denen gegen die Phantasien der heranwachsenden Frauen angegangen wurde.

3.3 Das 19. Jahrhundert: erzählende Literatur für Mädchen

Im späten 18., frühen 19. Jahrhundert begann eine grundlegende Veränderung in der deutschen Mädchenliteratur, gekoppelt an die Entwicklung der KJL. Großen Einfluss hatten dabei die Werke des Engländers Samuel Richardson, vor allem sein Werk Clarissa (1748), ein empfindsam-didaktischer Roman, dessen Grundmuster der "unschuldig verfolgten Tugend" (Grenz, 1981, 113) viel Nachahmung erfuhr, z. B. durch Friedrich Schulz mit Albertine. Richardsons Clarissen nachgebildet und zu einem lehrreichen Lesebuch für deutsche Mädchen bestimmt (1788-89). Charakteristisch für die Romane in Richardsons Stil ist die intentionale Ausrichtung auf das weibliche Lesepublikum: So haben sie nicht nur weibliche Hauptfiguren, sondern wenden sich auch im Titel und im Vorwort an junge Frauen, die mit diesen Werken angesprochen werden sollen (Grenz, 1981, 114). Das Schema ist dabei meist wie folgt: Junge Mädchen kommen bei ihrem Eintritt ins gesellschaftliche Leben vom rechten Wege ab, kehren am Schluss aber geläutert und reuevoll wieder zurück in den Schoß der Familie und werden dafür vom Schicksal (und der Gesellschaft) mit einer vorteilhaften Heirat belohnt. Dabei werden die anfangs asexuellen Heldinnen mit der "(bösen) Sexualität der Negativfigur kontrastiert" (Grenz, 1981, 169), um vor solch einem lasterhaften Werdegang zu warnen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich diese kommunikative und unterhaltsame Art der Erziehung weiter am gegebenen Modell des ausgehenden 18. Jahrhunderts, vor allem in der Biedermeierzeit (1815-1848). Durch die Entstehung eines gesellschaftlichen Bewusstseins, das die geschlechtsspezifischen Probleme schon in frühem Kindesalter anerkennt, entwickelt sich ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen der Erwachsenen und Autoren in die Innenwelt der Mädchen, auch der noch sehr jungen Mädchen (Grenz, 1981, 191). Dies geschieht vor allem im Zuge des gesellschaftlichen Umschichtungsprozesses - d.h. der Auflösung der Produktions- und Konsumptionsgesellschaft bei gleichzeitiger Herausbildung der Familie als stabilisierende und zentrale Institution - durch den immer mehr Frauen Einzug in das Berufsfeld Schriftsteller nahmen. Frauen war es in der Regel nicht möglich - wie am Extrakt von Campe in 3.2 aufgezeigt wurde - ihre Fähigkeiten außerhalb ihrer "Gr[e]nzen" innerhalb der Familie und des Häuslichen auszubauen oder gar auszuüben. Durch das neue Sozialgebilde Familie allerdings kam es immer öfter zu finanziellen Schwankungen, und unverheiratete Töchter stellten eine schwere Belastung dar (Wilkending, 1994, 17). Daher wurde den Frauen eine eingeschränkte Reihe "weiblicher" Berufe eröffnet, die sich noch sehr nahe an den Werten der Mütterlichkeit, Häuslichkeit und Erziehung orientierten - darunter u.a. auch das Schriftstellerdasein: Schon seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert trat die Frau in die literarische Öffentlichkeit, aber erst im 19. Jahrhundert sollte sie den Mann als Autor im Bereich der Kinder- und Mädchenliteratur verdrängen - ein Prozess in Analogie mit der Erweiterung des Einflusses der Frau hinsichtlich der Mädchenerziehung im 19. Jahrhundert und der beginnenden Emanzipation im Allgemeinen (Wilkending, 1994, 37). Ein stärkeres Einfühlungsvermögen und Differenzierung zwischen den verschiedenen Entwicklungsstadien des Mädchens sind das Resultat: Es entstehen somit u.a. auch Geschichten für die ganz Kleinen in Form von Puppengeschichten, also moralische Beispielgeschichten, in denen das junge Mädchen ("Puppenmutter") und deren Puppen ("Mädchenpuppen") die zentrale Rolle spielen: Die Puppen dienen entweder als Spielgefährten oder als "Lernspielzeug", die dem Mädchen als Erziehungsinstrument dienen (Barth, 1997, 91). Für die schon älteren Leserinnen im pubertären Alter änderte sich ebenfalls das Lektüreangebot: Das moralisch-belehrende Element tritt weiter in den Hintergrund durch die Aufnahme romanhafter Motive, die die Beispielgeschichte zu einer längeren Erzählung ausweiten und damit die Unterhaltung in den Vordergrund stellen. In dieser Zeit erkannte man die geschlechtsspezifische Problematik der pubertären Zeit des Mädchens, und man versuchte nun nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch den Ton und die Schreibweise dem Mädchen und seinen Gefühlen Rechnung zu tragen: Man erkannte, dass man "auf Mädchen [...] mehr über Gefühl und Phantasie, auf Jünglinge mehr über Nachdenken und Urteil einwirken" (Grenz, 1981, 194) müsse, um sie im Sinne der Erwartungen der Gesellschaft zu prägen. Dies führte zur Entstehung der so genannten "Backfischliteratur": Mit Backfisch bezeichnete man junge Mädchen im pubertären Alter, Mädchen, die "weder Fisch noch Fleisch" waren, sich also in einer schwierigen Phase der Identitätsbewältigung befanden (unsere heutigen Teenager). Das Wort "Backfisch" selbst stammt vom Englischen "back-fish", welches geangelte Fische bezeichnete, die noch zu klein waren und somit zurück ins Wasser geworfen wurden. Der bezeichnendste Roman dieser Art ist Bachfischchens Leiden und Freuden (1863) von Clementine Helm. Er orientiert sich am damals höchsten Ziel eins Mädchens, die Heirat: Die 15jährige Grete kommt zu ihrer Tante nach Berlin, um dort erzogen zu werden. Sie lernt dabei ihre gesellschaftlichen Pflichten wie Besuche abstatten und gewinnt bald Freunde: die Professorentochter Marie und die schnippische Eugenie. Ihren ersten Heiratsantrag vom menschenscheuen Baron Senft lehnt sie ab. Doch als sie von einem Freund ihres Vaters, Dr. Hausmann, vor den Scherzen zweier Allgäuer gerettet wird, gibt sie ihm nach einjähriger Verlobungszeit ihr Jawort. Auch ihre beste Freundin Marie findet am Schluss einen Gatten.

An diesem Roman sieht man die sich ändernden Prioritäten der Mädchenlektüre: Noch sind Anstandsbuch und Liebesgeschichte verknüpft, doch beginnt die Gefühlsgeschichte die Erziehungsgeschichte schon zu verdrängen. Im Grunde wird in diesen Romanen behandelt, wie man sich verhalten muss, um "unter die Haube zu kommen". Diese Art von Literatur stieg seit 1870 zu unübersehbarer Zahl an: Emmy von Rhoden schuf mit ihrem Der Trotzkopf (1885) einen Roman, der auch heute noch sehr beliebt ist. Wie der Name schon verrät, handelt es sich um ein eigensinniges Mädchen, das Probleme hat, sich in die Gesellschaftsstrukturen einzufügen. Erst durch angemessene Erziehung und auch unschöne Erfahrungen am eigenen Leib, erkennt die Heldin ihre Rolle in der Gesellschaft, wird geläutert, passt sich an und die Geschichte endet mit der Verlobung des "Trotzkopfes". Dieser Roman wurde als Serie weitergeführt (zwar nicht von Emmy von Rhoden selbst, aber zum Teil von ihrer Tochter Else Wildhagen): Trotzkopfs Brautzeit (1892) und Aus Trotzkopfs Ehe (1895) von Wildhagen, Trotzkopf als Großmutter (1905) von Suze La Chapelle Roobol, und Marie von Felsenseck rundete die Serie mit Trotzkopfs Erlebnisse im Weltkrieg (1916) ab. Romane in diesem Stile finden sich während der Kaiserzeit noch viele. Genannt seien nur noch Magda Trott (1880-1945) mit ihrer Reihe Pucki und Goldköpfchen, und Else Ury (1877-1943) mit der Serie Nesthäkchen. Seit dieser Zeit floriert die Mädchenerzählung, und im 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche neue Serien, wie die schon erwähnte Hanni und Nanni-Serie, die alle erstrangig auf Unterhaltung setzen, unterschwellig aber weiterhin auch Werte und Normen vermitteln.

4. Fazit

Wie aufgezeigt wurde, ist die Entstehung des modernen Mädchenbuches ein komplexer Prozess, der nicht nur die weibliche Psyche, sondern auch das Gesellschaftsbewusstsein und die Vorstellung der Gesellschaft über die Bedeutung und Rolle der Frau thematisiert. Waren die ersten Mädchenbücher in Form von Exempelgeschichten und "väterlichen Ratschlägen" noch ausschließlich darauf ausgerichtet, die Mädchen auf ihre spätere Rolle als Mutter, Hausfrau und Gattin vorzubereiten, so kann man schon im 18. Jahrhundert eine Hinwendung zum Unterhaltsamen in der Literatur finden, die die Mädchen zwar immer noch erziehen, aber gleichzeitig auch unterhalten sollte. In der Kaiserzeit gewinnt der unterhaltsame Aspekt schließlich die Oberhand und verdrängt allmählich die moralisch-belehrenden Elemente von der Oberfläche - denn Werte und Normen sollen weiterhin vermittelt werden, aber ohne dies offensichtlich und abschreckend als leitendes Thema zu wählen. Und somit wurde der Grundstein gelegt für die florierende Mädchenliteratur seither.

Bibliographie

Barth, Susanne. "Puppenschicksale. Zur Entstehung und Entwicklung der Puppengeschichte in der Mädchenliteratur um die Mitte des 19. Jahrhunderts", in Geschichte der Mädchenlektüre. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frauen, hrsg. von Dagmar Grenz und Gisela Wilkending. München: Juventa, 1997, 91-114.

Campe, Joachim Heinrich. Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig: Verl. der Schulbuchhandlung, 1796 [Nachdruck Paderborn, 1988].

Dahrendorf, Malte. "Das Mädchenbuch", in Kinder- und Jugendliteratur. Zur Typologie und Funktion einer literarischen Gattung, hrsg. von Gerhard Haas. Stuttgart: Reclam, 1974, 264-288.

Dahrendorf, Malte. Kinder- und Jugendliteratur im bürgerlichen Zeitalter. Beiträge zu ihrer Geschichte, Kritik und Didaktik. Königstein/Ts.: Scriptor, 1980.

Grenz, Dagmar. Mädchenliteratur. Von den moralisch-belehrenden Schriften im 18. Jahrhundert bis zur Herausbildung der Backfischliteratur im 19. Jahrhundert. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1981.

Pellatz, Susanne. "Pubertätslektüre für Mädchen am Ende des 18. Jahrhunderts", in Geschichte der Mädchenlektüre. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frauen, hrsg. von Dagmar Grenz und Gisela Wilkending. München: Juventa, 1997, 35-50. Schikorsky, Isa. Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln: DuMont, 2003.

Wilkending, Gisela. Kinder- und Jugendliteratur. Mädchenliteratur; vom 18. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg; eine Textsammlung. Stuttgart: Reclam, 1994.

 

Pour citer cette ressource :

Karla Vesenmayer, "Die Mädchenliteratur im Wandel der Zeit: von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), avril 2011. Consulté le 19/09/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/mouvements-et-genres-litteraires/jeunesse-et-contes/die-madchenliteratur-im-wandel-der-zeit-von-den-anfangen-bis-ins-19-jahrhundert