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Sigrid Damm: "Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung"

Par Eva Passmann : Elève - ENS de Lyon
Publié par Marie Laure Durand le 02/02/2014
Sigrid Damm invite à une « promenade » à travers la vie de Friedrich Schiller. Sa façon de décrire Schiller reflète son rapport à la RDA.

Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe sind beide bedeutende deutsche Dichter. Gibt man jedoch ihre Namen in den Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek ein und vergleicht die Trefferzahlen, so scheint Goethe gefragter und von größerer Bedeutung zu sein. Ungefähr 10.600 Ergebnisse werden für Schiller und mehr als das Doppelte, ungefähr 20.967 Treffer, für Goethe angezeigt (Diese Trefferzahlen ergab eine Suchanfrage vom 05.12.2012 im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: www.dnb.de).

256px-goethe-schiller-weimar-3_1391406941333-jpgDas Bronze-Denkmal des Dichterpaares auf dem Theaterplatz in Weimar, das zwischen 1825 und 1857 entstand, zeigt ebenfalls Unterschiede in der Darstellung und Interpretation beider Persönlichkeiten. Zwar sind die Plastiken gleich groß, obwohl Schiller körperlich größer war als Goethe, jedoch wird Goethe, der ältere, als stattlicher, etwas kräftiger und ruhig nach vorne schauend dargestellt. Er legt dem 10 Jahre jüngeren Kollegen freundschaftlich, fast lehrerhaft die Hand auf die Schulter und hält in der anderen Hand einen Lorbeerkranz. Schiller ist dagegen schlanker, seine Kleidung wirkt ein wenig lockerer und jugendlicher, er hat sein Gesicht abgewandt, schaut in die Ferne. In der einen Hand hält er eine Schriftrolle, mit der anderen macht er eine Bewegung, um nach dem Lorbeerkranz zu greifen, berührt diesen jedoch nicht. Der eine trägt die Lorbeeren in der Hand, der andere scheint danach greifen zu wollen. Goethe wirkt Schiller überlegen und in der öffentlichen Wahrnehmung, wie es die Internetsuche oder auch das Denkmal zeigen, scheint Goethe, besser dazustehen und vielleicht sogar bevorzugt zu werden.

So ging es auch Sigrid Damm. Die Schriftstellerin gibt an, dass ihr Goethe „stets näher“ (S. 9) war und dass sie nach dem Angebot ihres Verlages, ein Buch über Schiller zu schreiben, erst einmal Bedenkzeit brauchte. Abwehr und Faszination empfindet sie am Anfang gegenüber Schiller. Abwehr, da sie die „Hochgestimmtheit“ (S. 15) seines Tons, die idealistischen und moralistischen Ansichten sowie auch seine Rhetorik und Didaktik irritieren. Die Faszination für ihn kommt mit der Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner „Kunstwelt“ (S. 16), der Entwicklung seines Schaffens, die sie als „Spannungsbogen“ (S. 16) bezeichnet, mit der Entdeckung der Widersprüche in seinem Werk und in seinem Leben, wie z.B. die zeitweilige Abwendung vom Theater, mit seinen Gedanken, besonders seiner Suche nach der Wahrheit.

Sie entschließt sich dann doch, das Buch mit dem Titel Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung zu schreiben. Sigrid Damm ist eine Biografin, die sich bereits mit bedeutenden Klassikern beschäftigt hat. Die Titel ihrer Biografien sind meist mit einer persönlichen Assoziation verbunden, wie z.B. in Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz, und so findet sich auch in der vorliegenden Biografie der Zusatz: „Eine Wanderung“.

Friedrich Schiller hat, was zum Teil durch seine Krankheit bedingt war, am Ende seines Lebens sein Haus kaum verlassen. Das beeinträchtigte sein Schaffen jedoch nicht, denn „die Wanderungen in seinem Kopf [kamen] nie zum Stillstand“ (S. 165). Und so geht auch Sigrid Damm auf eine Wanderung, sie wandert durch das Leben und das Werk des Dichters, beschreibt ihre Recherchen als „Wanderung durch seine Texte“ (S. 15). Hierbei öffnen sich ihr Wege in die Gedankenwelt Schillers. Sie „durchwander[t] Satz für Satz“ (S. 15).

Ihre Biografie über Schiller zeichnet ein detailliertes und ausführliches Lebensbild des Dichters, das nicht nur seine Werke, sondern auch die Umstände beschreibt, die zur Entstehung dieser Werke führten. Es ist interessant, die Herangehensweise Sigrid Damms, die zuerst keinen Zugang zu Schiller fand, zu beobachten und sie bei der Erschließung des Dichters zu begleiten. Und obwohl ihre Schiller-Biografie 2004 entstand, ist ihre Wahrnehmung des Dichters dabei ebenfalls in Abhängigkeit zu ihrer Position als Autorin der ehemaligen DDR zu sehen.

Schillers Gedanken und Schriften wurden stets politisch interpretiert und eingesetzt. Vor allem in der DDR wurden seine Texte zum Pflichtbestandteil der Schullektüre. So zählte man im Jahr 1955 in der DDR fast tausend Theaterinszenierungen seiner Werke und, unterstützt durch das Lob Friedrich Engels', wurde das Drama Kabale und Liebe über vierzig Mal verlegt (cf. Steiner, George: „Schiller. Um die Muse aufzumuntern“, www.zeit.de [Stand: 01.12.2012]). Einige seiner Werke, die als zu freiheitsliebend oder aufrührerisch verstanden werden konnten, z.B. Die Räuber, wurden dagegen kaum beachtet. Schiller, der als Vertreter der Weimarer Klassik gilt, wurde hier als Wegbereiter der sozialistischen Ideologie genutzt. So sagte z.B. Johannes R. Becher, der erste Präsident des Kulturbundes der DDR: „Schiller gehört uns!“ (cf. Steiner, George: „Schiller. Um die Muse aufzumuntern“, www.zeit.de [Stand: 01.12.2012]).

Damit wurde Schiller unter die Dichter des offiziellen literarischen Erbes der DDR eingereiht. Das literarische Erbe der DDR bestand zum einen aus den Texten und Erfahrungen, die DDR-Schriftsteller aus dem Exil mitgebracht hatten und die so den Grundbestand der DDR-Literatur ausmachten, zum anderen waren es Texte der Weltliteratur, die in der DDR politisch genutzt wurden, und dies von zwei unterschiedlichen Seiten: einerseits durch die DDR-Regierung bzw. die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), die den realen Sozialismus mit dem literarischen Schaffen verbinden und somit festigen wollte; andererseits durch DDR-Schriftsteller, die sich auf vergangene Autoren und ihre Werke bezogen, u. a. Romantiker und Klassiker. Hölderlin, Kleist oder Karoline von Günderrode z.B., die in der Gesellschaft ihrer damaligen Epoche „aneckten“ bzw. nicht verstanden wurden, boten den DDR-Autoren durch die Form der Intertextualität eine Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen und Kritik zu äußern.

Sigrid Damm, die 1940 in Gotha geboren wurde und in Thüringen aufwuchs, studierte von 1959 bis 1965 Germanistik und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Im Anschluss arbeitete sie als Dozentin an den Universitäten in Jena und Berlin und promovierte im Jahr 1970. In den 1970er Jahren arbeitete sie im Ministerium für Kultur der DDR, wo sie sich an der Herausgabe des Bandes Geschichte der deutschen Literatur im DDR-Verlag Volk und Wissen beteiligte und wissenschaftliche Arbeiten zur Romantik und zur DDR-Literatur veröffentlichte. Ab 1978 zog sie sich aus dem Kulturministerium zurück. Zu diesem Zeitpunkt zerbrach auch ihre Ehe, aus der ihre beiden Söhne stammen. Seitdem ist sie als freie Autorin sowie Gastdozentin an verschiedenen Universitäten tätig und lebt in Berlin und Mecklenburg.

Ihre Bücher wurden in Ost- und Westdeutschland gelesen und sie machte sich durch ihre ersten Werke über Caroline Schlegel-Schelling (1978), Jakob Reinhold Lenz (1985) und Goethes Schwester Cornelia (1987) als Biografin einen Namen.
Sigrid Damm hat einen eigenen, nüchternen, sehr persönlichen Stil, mit dem sie sich Friedrich Schiller und seinem Leben widmet. Dieses

Buch wurde jedoch auch kritisch kommentiert. So sah die Neue Zürcher Zeitung ihren Umgang mit Schillers Alltagsleben als zu persönlich, Die Zeit hingegen lobte die Zusammenstellung ihrer Recherchearbeiten (Eintrag "Damm, Sigrid" in Munzinger Online/Personen. Internationales Biografisches Archiv, www.munzinger.de [Stand: 01.12.2012]).

Genau diese Art der Recherche hebt das Werk hervor: Die Autorin forscht genau nach, erkundigt sich nach den Hintergründen und Umständen im Leben des Dichters. Sie besucht die Wohnorte und Schauplätze in Schillers Leben, beobachtet akribisch, nimmt jedes noch so kleine Alltagsdetail auf, z.B. Briefe oder Rechnungen im Nachlass Schillers und fügt dann, wie bei einem Puzzle, alles zusammen. Das Resultat ist keine klassische Schiller-Biografie, es ist ein Lebenszeugnis, das durch Textstellen aus Briefen, z.B. zwischen Schiller und Goethe, eigenen Notizen des Dichters und durch Kommentare Sigrid Damms einen neuen, sehr umfassenden und authentischen Blick auf Friedrich Schiller erlaubt. Ihr gelingt es, die Persönlichkeit Schillers unabhängig von den vorherigen Interpretationen neu zu sehen und somit den staubigen Umhang des Dichters, der ihm all die Jahre auferlegt wurde, zu lüften. Ihr Standpunkt bleibt dabei immer fragend und offen für Erklärungen. Sie erscheint fast wie eine Beraterin und Freundin an Schillers Seite, die ihm Einfühlsamkeit und Verständnis entgegenbringt. Die erklärenden Anmerkungen und das hermeneutische Lesen seiner Texte und anderer Zeugnisse sind kennzeichnend für den Stil der Literaturwissenschaftlerin. Sie bleibt dabei nicht bei den konventionellen Methoden der Germanistik, sondern geht wie ein Detektiv auf literarische Spurensuche. Diese Ausgewogenheit zwischen objektiver Darstellung und subjektivem Mitempfinden prägt ihren ganzen Stil.

Der Aufbau ihres Buches ist klassisch, indem sie in zehn Kapiteln chronologisch dem Leben Schillers folgt und am Ende eine tabellarische Auflistung der Lebens- und Werkdaten anhängt. Sie beginnt in den ersten Kapiteln mit einer kleinen Einführung, die ihre persönliche Annäherung an Schiller erklärt und zeigt, wo ihre Berührungspunkte mit dem Dichter sind. Diese persönlichen Textstellen, in denen die Autorin ihre Beziehung zu Schiller zeigt, begleiten den ganzen Text. Sigrid Damm schreibt auch von ihrer Arbeitsweise, die aus intensivem Lesen seiner Texte besteht. Sie will die „Individualität“ (S. 18) des Werkes zeigen, das „Verwobensein“ (S. 18) der Texte mit ihrem Autor. Indem sie sich auf das Leben, genauer den Alltag des Schriftstellers konzentriert, geht sie vielleicht einen „unspektakulären Weg“ (S. 18), der sie dafür aber sehr nah an Schiller heranführt.

Sie zeigt sein Verhältnis zu seinen Eltern und den drei Schwestern, beschreibt ihn als jungen Carlsschüler und „Untertan“ (S. 27) unter der Autorität des württembergischen Herzogs Carl August. Dann schildert sie den Erfolg seines Dramas Die Räuber, das er erst selbst veröffentlicht, dessen Uraufführung in Mannheim ihn von einem Tag auf den anderen berühmt macht und welches ihn „Vaterland und Familie kosten“ (S. 27) wird. Denn der Herzog hat für Schiller nach dem Jura- und Medizin-Studium bereits eine Stelle als Regimentsarzt vorgesehen und verbietet ihm „jegliche künstlerische Betätigung“ (S. 30). Bei Missachtung werden Schiller das Schreiben und der Kontakt ins Ausland verboten. Auf einen Dialog lässt sich der Monarch nicht ein und so sieht Schiller nur eine Möglichkeit und flüchtet aus Württemberg, woraufhin er als „Deserteur“ zur „Persona non grata“ (S. 33) erklärt wird. Sigrid Damm erkennt seine missliche Lage als „Flüchtling, Fremder, ein ins Exil Gezwungener“ (S. 34). Er reist von Stadt zu Stadt und kommt schließlich auf einem Landgut bei Henriette von Wolzogen in Thüringen unter. Sein unsteter Zustand auf der Suche nach einer Bleibe wird von ständigen Geldnöten begleitet. Er verwaltet sein Geld nicht gut und pflegt einen anspruchsvollen Lebensstil, so muss er sich stets Geld leihen und macht Schulden. Seine Karriere als Theaterautor ist nicht mit seinem ersten Drama gemacht, der Anfang ist schwer, seine Werke, z.B. Fiesko, wecken nicht die gewünschte Begeisterung, auch mit dem Schauspielensemble kommt es zu Konflikten. Gestärkt durch seinen Freund und Mäzen Christian Gottfried Körner, verbringt Schiller einige, vor allem finanziell gesehen, sichere Jahre in Dresden, wo er am Don Carlos arbeitet. Auch dieses bleibt ein „ungeliebtes Stück“ (S. 77).

Doch Schiller will unabhängig sein, er geht nach Weimar, wo sich nicht nur seine Geliebte, Charlotte von Kalb, sondern auch Goethe, Herder und Wieland aufhalten. Er schreibt historische Abhandlungen, um Geld zu verdienen, und erhält eine Stelle als Universitätsprofessor in Jena, die er aber aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung aufgibt. Auch als Historiker hat er Erfolg, aber er sieht darin keine Kunst und will über etwas anderes schreiben.

Ständig ist er im Zwiespalt zwischen Philosophie und Poesie. Es braucht Zeit, bis er Anerkennung erhält, er muss sich entwickeln und selbst finden. Dies gilt auch für die Freundschaft zu Goethe, die er als „das wohltätigste Ereignis seines ganzen Lebens“ (S. 21) betrachtet. Schiller bewundert Goethe, dessen Haltung zu Schiller ist am Anfang jedoch ambivalent, vielleicht fürchtet er eine aufkommende Konkurrenz. Sigrid Damm sieht „Schillers Stolz[, s]ein Verletztsein“ (S. 121) und seinen Kampf um Anerkennung. Die Beziehung der beiden Dichter entwickelt sich spät, dafür kommt es zu einer intensiven Zusammenarbeit, z.B. in den Xenien, die sich im gegenseitigen Lesen, Loben und Korrigieren äußert.

Sigrid Damm zeigt auch Schiller auf der Suche nach einer „wohltemperierten Ehe“ (S. 20) ohne Leidenschaft mit einer Frau, die ihn nicht vom Schreiben abhält – er findet diese in Charlotte von Lengenfeld – und als Vater. Für Schiller war das Schreiben eine Daseinsform, auf die er alles ausrichten wollte. Selbst seine Krankheit, die ihn in seiner Reise- und Bewegungsfreiheit sehr einschränkte, sieht er nicht nur negativ, da sie ihm die nötige Zeit zum Schreiben einräumt.

Die letzten Jahre seines Lebens ist Schiller sehr produktiv. Er hat sich schließlich ganz für die Poesie entschieden, arbeitet an bedeutenden Theaterstücken, z.B. Maria Stuart oder der Wallenstein-Trilogie und es kommt zum letzten großen Gemeinschaftsprojekt mit Goethe: Wilhelm Tell. Bis kurz vor seinem Tod übersetzt und bearbeitet er noch Phädra von Racine und schreibt am Demetrius.
Sigrid Damm nennt noch eine letzte Begegnung mit Goethe, nach der Schiller ein letztes Mal ins Theater geht. Danach erkrankt er an einer Lungenentzündung, sein Bett wird ins Arbeitszimmer gestellt, wo er am 9. Mai 1805 stirbt. Die Biografin endet mit ihrer persönlichen Vorstellung der Totenfeier Schillers, in deren Trauerstimmung das Lachen seiner Tochter Emilie hineintönt, wie es überliefert ist, und schließt mit dem Satz: „Es bleibt nichts als das Werk.“ (S. 539).

Friedrich Schiller, der aufgrund der Räuber französischer Ehrenbürger wurde, hat sich politisch eher zurückgehalten. Auf die Benachrichtigungen über die Ereignisse der Französischen Revolution schwieg er und bekannte später in einem Brief an seinen Freund Körner, wie sehr ihn die zunehmende Brutalisierung der Aufstände anwiderte (Berghahn, 1973, S. 163). Trotzdem sind diese Ereignisse von Bedeutung, denn sie treiben seine Überlegungen zu einem ästhetischen Konzept der Erziehung durch die Kunst an. Schiller kann sich nicht von der Kunst abkehren, was ihn in einen inneren und existenziellen Konflikt treibt. Für ihn heißt es: „Ich muß ganz Künstler seyn können, oder ich will nicht mehr seyn.“ (S. 157). Er ist ein Dichter der Freiheit, der „Freiheit des Geistes“ (S. 164). Dabei hat er sich nicht immer in seinem Leben frei gefühlt. Besonders geprägt hat ihn die Erfahrung in der Carlsschule, die Sigrid Damm ein „Überwachungssystem“ nennt, in dem der „Eleve“ eine Nummer trug und zu „Spitzeldiensten“ gezwungen wurde, die zu „Berichte[n] über Charakter und Gesinnung“ der Mitschüler dienten (alle Zitate S. 187). Für Schiller ist diese Zeit eine „Folter“ (S. 187) und er fühlt sich wie ein Gefangener. Das Problem mit Autorität zeigt sich auch im Verhältnis zu seinem Vater, das sich durch „eine gewisse Steifheit“ (S. 191) kennzeichnet, da sein Leben als Künstler nicht die väterlichen Erwartungen trifft. Doch Schiller „hält sich zurück, widerspricht kaum, verteidigt sich wenig“ (S. 191).

Interessant ist auch die staatliche Aufteilung Deutschlands zur Zeit Schillers. Dieser reist am Anfang durch verschiedene Kleinstaaten, die alle unterschiedlich strengen Regierungsformen unterworfen sind. Später lehnt er die Berufung nach Tübingen ab, was ihn näher an seine Eltern geführt hätte. Er ist von der Familie getrennt und lebt mit seiner Frau und seinem ersten Sohn in Weimar. Diese Trennung der Familie, bedingt durch das einem Flickenteppich gleichende Deutschland, macht ihm zu schaffen. Auch wegen seiner Krankheit führt er ein „eingeschränkte[s] Leben“ (S. 273), was Sigrid Damm als „seine Existenz hinter den papierenen Fensterscheiben“ und „seine eingeschloßene LebensArt“ bezeichnet, in der „die Türschwelle als Grenze für [seine] Wünsche und Wanderungen“ fungiert (S. 275).

Diese vielen Einschränkungen in seinem Leben, die Überwachung und Freiheitsberaubung durch die Carlsschule, die Unterdrückung seines künstlerischen Talents, seine Heimatlosigkeit als persona non grata, die Angst vor Verfolgung, das Hinnehmen der Ungerechtigkeit und der Kritik durch den Vater, das Schweigen zu politischen Ereignissen, die Trennung von der Familie, sein Streben nach Freiheit und das Verlangen, seine Kunst und das Schreiben ungehindert ausüben zu können, die mit den Augen Sigrid Damms beschrieben werden, lassen Parallelen zu einem Leben in der DDR deutlich werden.

Zu den Wegbegleitern und Freunden Sigrid Damms gehörten auch die Schriftsteller Christa Wolf und Franz Fühmann, der als ihr Mentor beschrieben wird (www.suhrkamp.de [Stand: 01.12.2012]). Letzterer sah die Vorgaben des sozialistischen Systems sehr kritisch, als er feststellte, dass der Sozialismus in der DDR keine freie Wahl war, und unterstützte besonders die jungen Autoren in der DDR, die sogenannten „Hineingeborenen“.

Sigrid Damm zählt zu einer anderen Generation von DDR-Schriftstellern als z.B. Anna Seghers, 1900 geboren, oder Christa Wolf, 1929 geboren. Sie ist ab 1978 als freie Autorin tätig und kann somit der, nach Wolfgang Emmerich (1996) eingeteilten, vierten Phase der DDR-Literatur zugeordnet werden. Diese Phase beginnt ab 1971 mit dem Amtsantritt Erich Honeckers, der eine Korrektur der Politik Walter Ulbrichts sowie eine vermeintliche „Ent-Tabuisierung“ in den Bereichen Kunst und Literatur vorsieht. In diese letzte Phase fällt auch die Biermann-Affäre, die zum Protest vieler DDR-Schriftsteller gegen die Kulturpolitik ihres Landes und zu der Unterzeichnung eines öffentlichen Protestbriefes führte. Die darauf folgenden Konsequenzen waren nicht nur Ausschlüsse aus der SED und dem Schriftstellerverband, sondern auch weitere Ausreisen aus der DDR, wie sie z.B. die Dichterin Sarah Kirsch oder der Schriftsteller Günter Kunert beantragten. In Bezug auf die Übersiedelung Kirschs erklärte Sigrid Damm: "Als Sarah Kirsch 1977 die DDR verließ, da bereitete ich meinen Abgang aus dem Ministerium vor" (Zitat aus einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 16.05.2008, www.munzinger.de [Stand: 01.12.2012]) Die Wende habe 1989 dagegen fast nichts an ihrem Stil geändert:

Die Wende, so sehr sie meine Lebensrealitäten veränderte, hat mein Schreiben so gut wie gar nicht berührt. Die Zäsur war für mich 1978, als ich meinen Beruf aufgab. Damals zog ich mich aus der DDR zurück. (ebd.)

Anhand ihrer anderen Werke kann man weitere Rückschlüsse auf ihre Einstellung zur DDR ziehen. In ihrem Roman Ich bin nicht Ottilie (1992) ist die Verarbeitung ihrer eigenen Lebensgeschichte zu erkennen, das Gefühl des „Eingeengt-Seins“ durch gesellschaftliche und politische Zwänge und ihr Abschied von dem DDR-Staat. Darin beschreibt die Protagonistin Sara, die sich zwischen ihrem Mann und ihrem Geliebten entscheiden muss, wie ihr Land, die DDR, zu einem „Totenhaus“ (suhrkamp.de [Stand: 01.12.2012]) wird.

Sigrid Damm verfasst Schillers Biografie gut fünfzehn Jahre nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands. Aufgrund dieser Tatsache weist dieses Werk keinen direkten Bezug zur DDR-Wirklichkeit auf und kann unmöglich als direkter Protest gegen die DDR gelesen werden. Aber kleine Nuancen in ihrer Sichtweise auf Schiller und in ihrer Auseinandersetzung mit diesem Teil des deutschen literarischen Erbes dürfen als Hinweise auf ihre Vergangenheit in der DDR aufgefasst werden.

Bibliografie

Berghahn, Klaus L.: Briefwechsel zwischen Schiller und Körner. München, Winkler Verlag, 1973.

Damm, Sigrid: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. Frankfurt am Main/ Leipzig, Inseltaschenbuch, 2009.

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Leipzig, Gustav Kiepenheuer Verlag, 1996.

Lautenbach, Ernst: Schiller. Lexikalische Zitaten-Auslese. München, IUDICIUM Verlag, 2007.

Luserke-Jacqui, Matthias: Friedrich Schiller. Tübingen, Narr Francke Attempto Verlag, 2005.

Schlenker, Wolfram: Das kulturelle Erbe in der DDR. Gesellschaftliche Entwicklung und Kulturpolitik 1945- 1965. Stuttgart, Metzler, 1977.

Internetquellen

Steiner, George: „Schiller. Um die Muse aufzumuntern“. http://www.zeit.de/2005/18/Schiller_200 [Stand: 01.12.2012]

http://www.suhrkamp.de/buecher/einmal_nur_blick_ich_zurueck_-sigrid_damm_35343.html [Stand: 01.12.2012]

http://www.suhrkamp.de/buecher/ich_bin_nicht_ottilie-sigrid_damm_17286.html [Stand: 01.12.2012]

Eintrag "Damm, Sigrid" in Munzinger Online/Personen – Internationales Biografisches Archiv. http://www.munzinger.de/document/00000025170 [Stand: 01.12.2012]

 

Pour citer cette ressource :

Eva Passmann, "Sigrid Damm: "Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung"", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), février 2014. Consulté le 13/11/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/rda-et-rfa/litterature-de-rda/sigrid-damm-das-leben-des-friedrich-schiller-eine-wanderung-