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Geschlechterinszenierung und -transgression im Kinderbuch: Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf"

Publié par MDURAN02 le 06/02/2009
Pippi Langstrumpf – das außergewöhnliche Mädchen mit den roten Zöpfen, das gegen elterliche Autoritäten rebelliert, hat in Deutschland Kultstatus erlangt; in Frankreich dagegen war Fifi Brindacier lange Zeit kein Begriff. Dieser Beitrag untersucht die Rezeptionsgeschichte des schwedischen Kinderbuches und wirft unter der Perspektive der von Judith Butler theoretisierten Gender Studies (zu Deutsch Geschlechterforschung) einen neuen Blick auf die Hauptfigur Pippi, die permanent verschiedenste Rollen einnimmt, übersteigert und überschreitet und so ein kinderliterarisches Beispiel für die Transgression von Geschlechternormen darstellt. Pippi Langstrumpf fait partie du canon de la littérature de jeunesse en Allemagne mais est moins connue en France. L’article se propose de retracer l’histoire de la réception de ce livre pour enfant suédois et envisage le rôle de Pippi à la lumière des gender studies car le personnage de Pippi dépasse les catégories habituelles du féminin et du masculin.
Evelyn Wiesinger
lectrice ENS LSH Lyon
 Inhaltsverzeichnis: Einleitung 1. –  Pippi Langstrumpfs Entstehungsgeschichte und Rezeption – 2. –  Geschlechterperspektivierung in Pippi Langstrumpf
2.1 –  Die Figur der Pippi – – – – – – – –  
2.1.1 –  Das Motiv des fremden Kindes – – – – – –
2.1.2 –  Souveräne Weiblichkeit – – – – – – –  
2.1.3 –  Pippi in der männlichen Geschlechterrolle – – – –  
2.1.4 –  Übersteigerung der weiblichen Geschlechterrolle – – –  
2.2 –  Die "klassischen" Geschlechterrollen? Pippis Freunde Thomas und Annika
2.3 –  Die Entmachtung der erwachsenen Figuren –  
– – – – –   3. Inszenierung, Transgression und Performativität in Pippi Langstrumpf Schlusswort Bibliographie Document d'accompagnement pour la classe : analyse d'un texte extrait de Pippi Langstrumpf.

Im "Document d'accompagnement" und in den innerhalb des Artikels zitierten Textpassagen wird die Zeichensetzung und die Orthographie der Originaltexte beibehalten, auch wenn diese nicht immer den aktuell gültigen Regeln entsprechen.

Einleitung

Pippi Langstrumpf ist die wohl bekannteste Hauptfigur aus den Kinderbüchern der schwedischen Autorin Astrid Lindgren, die am 14. November 2007 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Die Geschichten um das außergewöhnlich starke und kesse Mädchen mit den roten Zöpfen, das eines Tages zusammen mit seinem Pferd Kleiner Onkel und seinem Affen Herrn Nilsson in die Villa Kunterbunt in einer schwedischen Kleinstadt einzieht, und von da an seine neuen Spielkameraden Thomas und Annika zu verrückten Abenteuern verführt und sich jeglicher erwachsenen Autorität widersetzt, haben in Deutschland seit ihrem erstmaligen Erscheinen in den 50er Jahren bei Kindern wie Erwachsenen einen regelrechten Kultstatus erlangt: Die 2007 neu aufgelegte Jubiläumsausgabe der Pippi Langstrumpf war in Deutschland schon vor ihrem Erscheinen ausverkauft (vgl. http://www.zeit.de/2007/46/Astrid-Lindgren), und auch andere Zahlen sprechen dafür, dass Lindgrens Schöpfung in Deutschland, wo sich der Verlag Oetinger bereits 1949 die Rechte sicherte, die Kindheit mehrerer Generationen geprägt hat: "In keinem anderen Land außerhalb Schwedens war und ist Astrid Lindgren so populär wie in Deutschland; ihre Bücher wurden hier rund 30 Millionen Mal verkauft. Das entspricht einem Fünftel der Weltauflage." (Weitendorf, 2008, S. 60). Aber auch rund um den Globus zählen Lindgrens Bücher "zu den [...] am häufigsten übersetzten kinderliterarischen Werken" (Surmatz, 2005, S. 3). Die schwedische Autorin hat dabei nicht nur den UNESCO-Buchpreis und den alternativen Nobelpreis gewonnen, sondern es sind, zumindest in Deutschland wie in Schweden, auch Schulen und Literaturpreise nach ihr benannt worden (vgl. Surmatz, 2005, S. 3). Nach einem Blick auf den nicht alltäglichen Werdegang Astrid Lindgrens und die Polemik um den pädagogischen Wert Pippi Langstrumpfs, die das Erscheinen des für die damalige Zeit völlig unkonventionellen Kinderbuchs begleitete, beleuchtet der erste Teil dieses Artikels die Rezeption Pippis in Deutschland und Frankreich, wobei die signifikanten Abweichungen der jeweiligen Übersetzungen vom schwedischen Ausgangstext, sowie die erstaunlich späte französische Rezeption des in Deutschland doch so populären Kinderbuchs von Interesse sein werden. Der zweite Teil dieses Beitrags setzt sich in der Folge unter der Perspektive der vor allem von Judith Butler begründeten Gender Studies mit der im Kontext der 50er Jahre sehr ungewöhnlichen Geschlechterinszenierung und -transgression in Pippi Langstrumpf auseinander. Dabei soll es weniger darum gehen, die Besonderheit des Werks an Pippis Rebellion gegen erwachsene Autoritäten und dem offensichtlichen Bruch mit kinderliterarischen Traditionen festzumachen, sondern anhand von Text- und Filmausschnitten die permanent ausgeführten transgressiven Akte der Hauptperson zwischen den traditionellen Geschlechterschemata aufzuzeigen, durch die sich Pippi weder eindeutig "typisch" weiblichen noch "typisch" männlichen Verhaltensmustern zuordnen lässt. Pippis Transgressionen stehen dabei im Kontrast zu den rollenspezifisch stark festgelegten übrigen Figuren und tragen zum auch heute noch ungeheuren Potential dieses Kinderbuchs bei, das uns die von Judith Butler postulierte generelle kulturelle Simulation der Geschlechtsidentität als ständigem performativen Akt vor Augen führen kann.

1. Pippi Langstrumpfs Entstehungsgeschichte und Rezeption

1.1 "Pippi Langstrumpf" als "Revolution in der Kinderstube"?

Lindgrens Werdegang

Werfen wir zu Beginn einen kurzen Blick auf den für die damalige Zeit nicht alltäglichen Werdegang der 2002 verstorbenen Autorin: Lindgren wird 1907 als Astrid Ericsson in Näs (Småland) geboren, wo sie nach eigenen Aussagen eine glückliche Kindheit auf dem elterlichen Hof verbringt. Mit 18 Jahren, von ihrem Jugendfreund schwanger, muss sie das heimatliche Dorf verlassen, da sie sich weigert, den Vater ihres Kindes zu heiraten. Astrid geht nach Stockholm, um eine Ausbildung zur Sekretärin zu machen; ihr unehelicher Sohn Lars wächst zunächst bei einer Pflegefamilie in Dänemark auf. Die junge Frau arbeitet bei einer Buchhandelszentrale, dann beim Königlichen Automobil-Club, wo sie ihren späteren Ehemann Sture Lindgren kennenlernt. Mit Hilfe der Anwältin Eva Andén, die sich besonders für die Rechte junger Frauen einsetzt, holt Astrid ihren Sohn wieder zu sich und heiratet 1931 Sture Lindgren; ihre gemeinsame Tochter Karin wird 1934 geboren. Astrid bleibt drei Jahre bei den Kindern zu Hause, bevor sie ab 1937 wieder als Stenographin arbeitet.  

Die Geburtsstunde der "Ur-Pippi"

Den Weg in die Schriftstellerei findet Astrid Lindgren erst Ende 30 eher auf zufällige Art und Weise, obwohl ihr wohl schon in der Schule ein gewisses Talent zuerkannt worden war. Schenkt man der "Legende" um Pippi Langstrumpf Glauben, so erfindet sie die Geschichten der rothaarigen Rebellin im Winter 1941 für ihre kranke Tochter. Als Lindgren sich im März 1944 das Bein verstaucht, muss sie mehrere Tage im Bett verbringen. In dieser Zeit soll sie die Geschichten von Pippi zu Papier gebracht haben - zunächst gedacht als Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter. Lindgren reicht das in der schwedischen Literaturwissenschaft später als Ur-Pippi bezeichnete Manuskript zusammen mit anderen Kinderbuchentwürfen beim Verlag Bonnier ein; während Pippi Langstrumpf abgelehnt wird, gewinnt sie mit dem eher traditionellen Mädchenbuch Britt-Mari erleichtert ihr Herz einen zweiten Preis. Erst nach mehreren Überarbeitungen der Ur-Pippi, bei denen immerhin 60 Prozent des Textes verändert werden, akzeptiert der Verlag Rabén & Sjögren das Kinderbuch. Die 1945, 1946 und 1948 veröffentlichten Pippi-Bände (zu Deutsch) Pippi Langstrumpf, Pippi Langstrumpf geht an Bord und Pippi in Taka-Tuka-Land erleben auf Anhieb einen enormen Verkaufserfolg, so dass Lindgren 1946 sogar die Leitung der Kinderbuchabteilung des Verlags übernehmen kann. Dass der Autorin von Anfang an bewusst ist, dass ihre Figur der Pippi nicht den (Kinder- wie Kinderbuch-) Idealen der damaligen Zeit entspricht und somit enormes Kritikpotential enthält, kann man dem Brief an den Verlag Bonnier entnehmen, den Lindgren ihrem Pippi-Manuskript beilegt:

Pippi Langstrumpf ist [...] ein kleiner "Übermensch" in Gestalt eines Kindes, in ein ganz normales Milieu gestellt. Dank ihrer übernatürlichen Körperkräfte und einiger anderer Umstände ist sie ganz unabhängig von allen Erwachsenen und lebt ihr Leben wie es ihr gefällt. Bei Zusammenstößen mit großen Leuten behält sie immer das letzte Wort [...]. Denn Pippi ist ja eigentlich so ein Wunschtraum von den Kindern, könnte man wohl sagen. Bertrand Russell hat gesagt, die Kinder, die träumen von Macht, so wie Erwachsene sexuelle Wunschträume haben. Und Pippi, sie hat Macht, sie kann alles tun, was sie will. [...] in der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren! (http://efraimstochter.de/)

Eine "Revolution in der Kinderstube"?

Das Jugendamt wird zwar nicht eingeschaltet, dennoch löst die Publikation der Pippi Langstrumpf zunächst in Schweden selbst und später in konservativer eingestellten Ländern Europas eine nicht nur von Pädagogen, sondern auch in der Literaturwissenschaft polemisch geführte Debatte über eine mögliche "Revolution in der Kinderstube" aus (vgl. Marsyas, 1953, S. 73). Der vielleicht bekannteste Kritiker ist der schwedische Literaturprofessor John Landquist, der Lindgren in der Zeitung Aftonbladet vom 18.08.1946 als "unkultiviert" und die Figur der Pippi als "unnormal und krankhaft" bezeichnet:

Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Phantasie eines Irren. [...] [Das Buch ist] etwas Unangenehmes, das an der Seele kratzt. (http://www.follow-me-now.de/html/body_pippi_langstrumpf.html)

Schwedische Pädagogen und Eltern, die Pippi Langstrumpf als Angriff auf jegliche pädagogisch-ästhetische Orientierung und religiös-moralische Erziehung interpretieren, protestieren und unterstellen ihr einen zutiefst schädlichen Einfluss auf Kinder, da sie die Autorität der Erwachsenen untergrabe.

Bruch mit der Backfischliteratur

In der Tat entspricht Lindgrens Pippi Langstrumpf ganz und gar nicht den Idealen der damaligen Kinderbücher: Seit der in der Romantik erfolgten Trennung von Jungen- und Mädchenliteratur erschöpfen sich die "Jungenbücher" vor allem in Abenteuerromanen mit markanten männlichen Helden als Identifikationsfiguren, während das Mädchenbuch insbesondere die Erziehung und Bildung der Leserinnen zu aufopferungsvollen und anpassungsbereiten Ehefrauen und Müttern verfolgt, die nach der Phase des schwärmerischen Wartens auf ihren Ehegatten sich von diesem in allen Dingen leiten lassen und ihr Leben ganz den gemeinsamen Kindern und dem Glück des Mannes widmen. Dementsprechend findet die meist im gutbürgerlichen Milieu angesiedelte sog. "Backfischliteratur" (oft auch als "domestic story" bezeichnet), angefangen beim Trotzkopf von Emmy von Rhoden (1885) bis zum heute noch gelesenen Hanni und Nanni von Enid Blyton (1965) seit dem Ende des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung in ganz Europa (vgl. Keiner, 1994, S. 32ff): 

Das Backfischbuch entsteht in einer Epoche, in der sich das städtische Bürgertum weitgehend von der Selbstversorgung löst [...] und für die Tätigkeit der Frau in der Familie die psychischen Ausgleichsfunktionen an Bedeutung gewinnen [...]. Damit wird auch der Status der Töchter in der Familie unsicher. Je weniger ihre Arbeitsfähigkeit gebraucht wird, die Wege zur Berufsausbildung und Selbstversorgung aber noch verschlossen sind, desto mehr fallen sie der Familie zur Last, die sich ihrer durch eine "gute Partie" baldmöglichst zu entledigen sucht. (Zahn, 1983, S. 382) 

Lehnert sieht in der vor allem in den Werken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast durchgängigen Thematik der "Zähmung" eines zunächst kindlich-aufmüpfigen Mädchens zur braven Ehefrau und Mutter sogar ein literarisches Abbild der Freud'schen Sexualtheorie, insofern als "alle Kinder eine ursprünglich 'männliche' Sexualität hätten und das Mädchen sich von dieser Männlichkeit lösen müsse, um zur 'reifen Weiblichkeit' zu gelangen." (Lehnert, 1996, S. 11). Demzufolge muss ein derart unkonventionelles Kinderbuch wie Pippi Langstrumpf in den 50er Jahren beinahe zwangsläufig zu einem Aufschrei bei Eltern und Pädagogen führen, und wird für die schwedische Kinderliteratur in der Retrospektive sicher zu Recht als "so etwas wie ein Startschuss für die Erneuerung, die sich während der vierziger Jahre vollzog" (Rabèn, 1951, S. 2) bezeichnet, der sich nicht nur in Schweden "wie ein Katalysator auf die weitere Entwicklung der Kinderliteratur" (Surmatz, 2005, S. 4f) auswirken wird.

1.2 Rezeption in Deutschland und Frankreich

In Schweden legt sich die Aufregung um Pippi Langstrumpf relativ schnell wieder, nicht zuletzt, da aufbauend auf den neuen Erkenntnissen der Kinderpsychologie und einem freieren Erziehungsideal, vertreten etwa von Summerhill-Begründer Alexander Sutherland Neill oder dem von Lindgren zitierten Bertrand Russell (s.o.), die Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr als Frei- und Schonraum verstanden wird, was durchaus als  Fortführung der bereits in der Romantik ansatzweise geforderten Autonomie der Kindheitsphase gesehen werden kann. Während Pippi also gewissermaßen ein in Skandinavien schon früh einziehendes antiautoritäres Kindheitsbild vorwegnimmt, das Kinder als Gesprächspartner ernst nimmt und die verstärkte Gleichstellung der Geschlechter in der Erziehung verfolgt, kollidiert Lindgrens Kunstfigur in anderen Ländern Europas noch viel stärker mit konservativeren Bildungs- und Erziehungsvorstellungen, was sich in den Erstübersetzungen zum Teil in einer regelrechten Zensur bzw. einer radikalen Umarbeitung des Originaltexts niederschlägt. Allerdings wird in vielen Ländern, darunter auch Frankreich und Deutschland, die Erstübersetzung im Lauf der Jahrzehnte immer wieder verändert, wobei man bei den späteren Versionen darauf achtet, sich dem schwedischen Ausgangstext anzunähern (vgl. Surmatz, 2005, S. 398ff): Während die bereits 1949 von Cäcilie Heinig ins Deutsche übersetzte Pippi Langstrumpf bis 2001 nicht weniger als 13 Überarbeitungen erfährt (vgl. Surmatz, 2005, S. 116ff), wird das Werk in Frankreich nach seiner ebenfalls in der Folgezeit überarbeiteten Erstausgabe von 1951 im Jahre 1995 durch Alain Gnaedig sogar noch einmal völlig neu übersetzt (vgl. Surmatz, 2005, S. 400).

Schwedisches Original im Vergleich mit der deutschen Erstfassung

Vergleicht man nun die schwedische Fassung mit der (west-)deutschen Version von 1949 (in Ostdeutschland wird Pippi Langstrumpf erst ab 1975 rezipiert (vgl. Surmatz, 2005, S. 153)), so stechen bereits auf den ersten Seiten signifikante Veränderungen des schwedischen Ausgangstexts ins Auge, die hier allerdings nur exemplarisch behandelt werden sollen. So wird etwa im schwedischen Original die Hauptperson folgendermaßen eingeführt (von Astrid Surmatz wortgetreu aus dem Schwedischen ins Deutsche übertragen):

Es war das merkwürdigste Mädchen, das Tommy und Annika je gesehen hatten, und zwar war es Pippi Langstrumpf, die ihren Morgenspaziergang machte. So sah sie aus. Ihr Haar hatte die Farbe einer Möhre und war in zwei harte Zöpfe geflochten, die vom Kopf abstanden. Ihr Kleid war ziemlich eigenartig. Pippi hatte es selbst genäht. Eigentlich sollte es blau werden, aber der blaue Stoff reichte nicht, und deshalb hatte Pippi lieber hier und dort kleine Stoffstücke angenäht. An ihren langen, schmalen Beinen saßen ein paar lange Strümpfe, der eine braun und der andere schwarz. (Surmatz, 2005, S. 154)

Zum Vergleich nun dieselbe Stelle in der deutschen Fassung des ersten Bands der Pippi Langstrumpf von 1949:

[...] Ihr Kleid war sehr komisch. Pippi hatte es selbst genäht. Es war wunderschön gelb; aber weil der Stoff nicht gereicht hatte, war es zu kurz, und so guckte eine blaue Hose mit weißen Punkten drunter hervor. An ihren langen dünnen Beinen hatte sie ein Paar lange Strümpfe, einen Zebrastrumpf und einen schwarzen. (Surmatz, 2005, S. 154)

Neben der offenbar beliebigen Umfärbung des Kleides von blau zu gelb und der wohl politisch motivierten Abänderung des "braunen Strumpfes" in einen "Zebrastrumpf" fällt auf, dass die Frage danach, was Pippi denn unter ihrem zu kurzen Kleid trage, in der deutschen Fassung eindeutig - und zwar recht züchtig - beantwortet wird, was Surmatz auf in Deutschland noch viel stärker vorhandene "normierende zielkulturelle Tabus zur Körperlichkeit" (Surmatz, 2005, S. 155) zurückführt. Eine ähnliche Erklärung drängt sich auf, wenn man die Illustrationen der schwedischen und deutschen Erstausgabe vergleicht, wobei ja insbesondere bei Kinderliteratur Illustrationen die Rezeption mitbestimmen, da sie "prägnante Züge der Erzählung [...] visualisieren, um den kindlichen Rezipienten bei der Aufnahme und Strukturierung der Textinformationen zu unterstützen" (Blume, 2001, S. 92).

Dok.  1: Illustration der schwedischen Erstausgabe (1945) von Ingrid Vang-Nyman
Dok.  2: Illustration der deutschen Erstausgabe (1949) von Walter Scharnweber

Wie im Buchtext wirkt die "schwedische" Pippi um einiges mehr als (vor)pubertäres, mit seiner Rolle als Heranwachsender experimentierendes Mädchen; durch Strapse (wohlgemerkt in den 50er Jahren aber noch ein weitaus alltäglicheres und kaum sexualisiertes Kleidungsstück) und lasziven Blick liegt die (rein vom Bild ausgehende) Assoziation zu Vladimir Nabokovs Lolita (1955) nicht allzu fern. Selbst wenn man nicht so weit gehen will, so ist doch offensichtlich, dass sich die "deutsche" Pippi als pausbäckiges Mädchen eher ins Clowneske, Komische verschiebt. Eventuelle erotische Signale wie die Strumpfhalter oder das zu kurze Kleid, mit denen das Original recht spielerisch umgeht, werden in der deutschen Version "entschärft" und unterstreichen verstärkt den unkonventionellen und sich vor allem von der weiblichen Kleidungsnorm (verkörpert durch die stets adrett gekleidete Annika) unterscheidenden Aufzug Pippis. Nichtsdestoweniger ist den Pippi-Bänden in Deutschland bis heute der Erfolg gesichert, wo man Lindgren immer noch gerne als "ohne Zweifel eine der weltweit bedeutendsten und beliebtesten Kinderbuchschriftstellerinnen unserer Zeit" (Weitendorf, 2008, S. 59) bezeichnet, deren Pippi Langstrumpf den Beginn einer "tiefgreifenden literarischen Revolution" (Weitendorf, 2008, S. 59) markiert und "die deutsche Kinderkultur aus dem Nachkriegsmuff in die Moderne" (Weitendorf, 2008, S. 59) führt.

"Pippi Langstrumpf" in Frankreich

Wirft man nun einen Blick auf die Rezeption in Frankreich, so stellt man im Vergleich zu Deutschland unvermeidlich den (zumindest bis in die 1990er Jahre) wesentlich geringeren Bekanntheitsgrad des Werks fest, obwohl die erste Übersetzung ins Französische von Marie Loewegren bereits aus dem Jahre 1951 stammt. Loewegrens Mademoiselle Brindacier, die relativ nah am schwedischen Ausgangstext bleibt, wird allerdings mangels Erfolgs ab 1962 durch eine massiv gekürzte und umgeschriebene Version ersetzt, nunmehr unter dem Titel Fifi Brindacier. Bereits in Mademoiselle Brindacier findet sich das ursprünglich dreibändige Werk auf zwei Bände reduziert, wobei die Version von 1962 noch umfangreichere "substantielle makrostrukturelle Auslassungen von längeren Abschnitten aus einzelnen Kapiteln" (Surmatz, 2005, S. 229) aufweist, darunter so essentielle Szenen wie die spielerische Polizistenjagd und der Kaffeeklatsch bei Settergrens, auf die in der nachfolgenden Untersuchung noch näher eingegangen werden soll.

Pippi als "mademoiselle"?

Surmatz betont außerdem, dass die Verwendung von "mademoiselle" im Titel der französischen Erstfassung "eher ein Mädchenbuch nahe[legt] und [...] durch formelle Höflichkeit der Anrede eine Distanz zwischen Lesern und Titelfigur" (Surmatz, 2005, S. 256) schaffe. Der französische Titel verwehrt zudem die mit dem an sich nicht geschlechtlich markierten Vornamen Pippi gegebene Möglichkeit, das Geschlecht der Hauptprotagonistin zunächst offen zu lassen (vgl. Surmatz, 2005, S. 256f). Während in der Sekundärliteratur nun teilweise recht pauschalisierend die zensierte Textfassung für den Misserfolg von Fifi Brindacier in Frankreich verantwortlich gemacht wird (vgl. Blume, 2001, S. 181), stellt Surmatz zumindest etwas differenzierter fest, dass die "in der französischen Überarbeitungsstufe von 1962 vorgenommenen Übersetzungseingriffe in ihrer Art mit denen der deutschen Übersetzung vergleichbar [sind], aber nicht in der Häufigkeit, Ausdehnung und Intensität, da die späteren französischen deutlich über die deutschen hinausgehen" (Surmatz, 2005, S. 399). Auf der Mikroebene betreffen die Veränderungen in der französischen Fassung beispielsweise Gefahrenmomente: So reitet etwa die "französische" Fifi nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Pony (vgl. Surmatz, 2005, S. 231) und generell wirken ihre übermenschlichen Qualitäten abgeschwächt (vgl. Blume, 2001, S. 91). Des Weiteren werden "moralisierende Elemente eingefügt, zum Anderen als subversiv oder 'aufmüpfig' angesehene Episoden umgearbeitet oder gestrichen" (Surmatz, 2005, S. 231): Es fehlen verbale Respektlosigkeiten, etliche von Pippis Lügengeschichten, und die Erwachsenen erscheinen stärker gegenüber der kindlichen Protagonistin und ihren Freunden hierarchisiert.

Die französische Illustration

Die "französische" Fifi ist folglich ein zwar etwas rebellisches, aber doch der Hilfe und Zuwendung bedürfendes Kind, was sich auch in der Illustration der französischen Erstausgabe von Noëlle Lavaire widerspiegelt (vgl. Blume, 2001, S. 92ff): Fifi unterscheidet sich dort kaum von Tommy und Annika; ihr zu kurzes Kleid, die verschiedenfarbigen Strümpfe und die übergroßen Schuhe sind nicht im Bild zu sehen und sogar ihr "Markenzeichen", die wild abstehenden Zöpfe, haben sich in eine gewöhnliche Kleinmädchenfrisur verwandelt (vgl. Blume, 2001, S. 93f). Zudem wird sie im Gegensatz zur deutschen und schwedischen Bebilderung in der französischen Erstausgabe nicht in gefährlichen Situationen gezeigt, etwa wenn sie ihr Pferd respektive Pony hochhebt (vgl. Blume, 2001, S. 92f). Diese sich auch graphisch vom schwedischen Original unterscheidende Fifi findet man erstaunlicherweise auch noch in der aktuellen Illustration von Daniel Maja in der sich stark am schwedischen Ausgangstext orientierenden französischen Neuübersetzung von 1995 wieder:

Gründe für die starken Eingriffe bei der französischen Erstausgabe suchen Surmatz und Blume im spezifischen kultur- und literaturgeschichtlichen Kontext Frankreichs der 50er Jahre, wobei gerade bei Kinderliteratur der "Berücksichtigung zeitgenössischer pädagogischer Konzepte und Kindheitsbilder entscheidende Bedeutung" (Surmatz, 2005, S. 28) zukomme. Surmatz vermutet demgemäß, dass eine im Sinne der Reformpädagogik sich ausprobierende Heranwachsende wie Pippi nicht mit der französischen Erziehungshaltung der Zeit, Kinder idealerweise zu einem "Abbild vernünftig denkender Staatsbürger" (Surmatz, 2005, S. 402) zu machen, vereinbar sei. Blume verweist neben der unterschiedlichen Wertschätzung des Kindes in den kulturellen Systemen Schwedens und Frankreichs auch auf das kinderliterarische Feld: "[...] die vom aufklärerischen Gedankengut beeinflusste französische Kinderliteratur [orientierte sich] an der Vorstellung vom Kind als 'typischem Individuum' und verstand ihre Hauptaufgabe darin, dem kindlichen Leser in vornehmlich realistisch geprägten Werken eindeutige ästhetische und moralische Werte an die Hand zu geben" (Blume, 2001, S. 74). Folgt man der Argumentation Blumes und Surmatz', entspricht ein Werk wie Pippi Langstrumpf also weder dem literarischen noch dem pädagogischen Diskurs im Frankreich der 50er Jahre, was durchaus die tiefgreifende Umgestaltung des Originaltexts erklären könnte.

Die französische Neuübersetzung

Erst seit 1995 ist auf dem französischen Buchmarkt eine nahe am schwedischen Ausgangstext bleibende, ungekürzte Neuübersetzung von Alain Gnaedig verfügbar, die die inhaltlichen wie sprachlichen Abweichungen der vorangegangenen Fassungen vom schwedischen Original zurücknimmt (vgl. Surmatz, 2005, S. 400), und - möglicherweise auch durch die 1997 in Kanada produzierte Zeichentrickserie - einen relativen Bekanntheitsgrad  erlangt hat (vgl. Surmatz, 2005, S. 403). Es bleibt aber abzuwarten, ob sich "trotz der verspäteten Rezeption über die französische Neuübersetzung noch eine stärkere Etablierung des Werks in der Zielkultur entwickeln wird" (Surmatz, 2005, S. 403).

Document pour la classe

Document d'accompagnement pour la classe : analyse d'un extrait de Pippi Langstrumpf.

Pour aller plus loin Pippi Langstrumpf

Bibliographie commentée http://efraimstochter.de Interaktive, pädagogisch und inhaltlich interessant aufbereitete Seite über Pippi Langstrumpf im internationalen Kontext. Für den Einsatz im Unterricht geeignet. http://www.goethe.de Sehr ausführliche Sonderseiten zum 100. Geburtstag von Astrid Lindgren mit Zusatzmaterial und weiterführenden Links. 

Was sind Gender Studies?

www.goethe.de www.uni-regensburg.de Ausgewählte Literatur zu verschiedenen Bereichen der Gender Studies.

Judith Butler

Professeur à l'Université de Californie à Berkeley : rhetoric.berkeley.edu Professeur à l'European Graduate School, biographie et bibliographie : www.egs.edu La réception de Judith Butler en France : revue sciences humaines Texte de la conférence de Judith Butler donnée le 25 mai 2004 à l'Université de Paris X-Nanterre et intitulée "Faire et défaire le genre (undoing gender)" sur le site de la revue Multitudes : multitudes.samizdat.net/Faire-et-defaire-le-genre

Vidéo colloque

Vidéo du colloque international "Questions à Judith Butler" (Poitiers, 13 et 14 mars 2008): spip.univ-poitiers.fr
Pour citer cette ressource :

"Geschlechterinszenierung und -transgression im Kinderbuch: Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf"", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), février 2009. Consulté le 22/05/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/mouvements-et-genres-litteraires/jeunesse-et-contes/geschlechterinszenierung-und-transgression-im-kinderbuch-astrid-lindgrens-pippi-langstrumpf-

Mots-Clés
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  • littérature de jeunesse
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  • Gender Studies
  • Geschlechterforschung
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