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L'Autriche des écrivains

Par Josef Winkler
Publié par cferna02 le 26/06/2015
Ce texte fait partie des actes de la neuvième édition des Assises Internationales du Roman, organisées par la Villa Gillet en mai 2015 à Lyon. Josef Winkler y décrit la fascination qu'il éprouva pour les textes de Jean Genet alors qu'il était jeune homme.

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Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler wurde 1953 in Kamering, einem im Drautal, in den Alpen Kärntens gelegenen Dorf, geboren. Er teilt sein Leben zwischen diesem Dorf, in dem er auf dem Bauernhof seiner Eltern aufwuchs und das als Hauptort seiner meisten Bücher dient, und zahlreichen Aufenthalten in Italien, insbesondere in Rom. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, so mit dem Georg-Büchner-Preis 2008, dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur 2007 und dem Alfred-Döblin-Preis 2001 für Natura morta - eine römische Novelle.

Letzte Erscheinungen: Winnetou, Abel und Ich, Suhrkamp, Berlin, 2014, 143 Seiten und Mutter und der Bleistift, Suhrkamp, Berlin, 2013, 90 Seiten.

 

Ce texte fait partie des actes de la neuvième édition des Assises Internationales du Roman, organisées par la Villa Gillet en mai 2015 à Lyon.

Jean Genet wurde dreizehnmal wegen unbedeutender Delikte gerichtlich verurteilt. Angefangen beim Diebstahl von einem Dutzend Taschentüchern über Fahrzeugpapiere und Führerscheine, die er aus geparkten Autos stahl, über Zigarettenetuis, die er einem Arzt gestohlen hatte, den versuchten Diebstahl eines Hemdes und eines Seidentuchs in einem Kaufhaus, den Diebstahl von vier Flaschen Aperitif bis hin zu seinen Bücherdiebstählen, häufte er bis zum September 1943 Gefängnisstrafen von zwei Wochen bis zu zehn Monaten an. Einmal sagte Genet zu einem Untersuchungsrichter: "Wäre ich kein Dieb gewesen, so wäre ich ein Ignorant geblieben, und alle Schönheiten der Literatur wären mir unbekannt. Denn mein erstes Buch habe ich gestohlen, um das ABC zu lernen. Darauf folgten ein zweites und ein drittes."

Als ich, vierzehnjährig, nach mehreren Diebstählen von Süßigkeiten im Villacher Kaufhaus Forum von einem Angestellten ertappt wurde, stellte er mich zwischen den Lebensmittelregalen zur Rede. Hast du etwas eingesteckt? fragte er. Ohne zu zögern, bejahte ich. Komm einmal mit! Ich folgte ihm mit vor Scham gerötetem, von frischen Brennesseln geschlagenem Gesicht und mit zitternden Knien in eine kleine, zu einem Büro umfunktionierte Kabine, wo er, den Lebensmittelladen durch ein Fenster teilweise überblickend, meinen Namen und mein Geburtsdatum aufschrieb. Ich dachte daran, daß mich nur mehr der Selbstmord, ein Sprung von der Villacher Draubrücke mit dem Totenkranz um den Hals - auf dessen weißen Kreppapierschleifen "Fünftes Gebot!" und "Du sollst nicht stehlen!" stände -, retten könnte. Oder sollte ich in der Paternioner Seilerei einen Hanfstrick kaufen, um die neben dem Stalltor hängenden Kalbstricke meines Vaters nicht zu beschmutzen, und mich an einem Fichtenast erhängen? Der Kaufhausangestellte drohte, daß er die Polizei anrufen werde, aber während er mit der einen Hand den Telefonhörer abhob, gab er mir mit der anderen eine Ohrfeige, so daß ich von der einen zur anderen Kabinenseite taumelte. Mit diesem Schlag ins Gesicht, den ich dankbar annahm, hatte er mich von der Polizei und meinem Vater erlöst. Damals stand mein Vater, als ich in der Bauernküche die Suppe auslöffelte, mit einem kot- und blutbeschmierten Kalbstrick vor mir, wenn ich in Villach im Kino gewesen und, statt spätestens um halbdrei, erst um halbfünf ins Dorf zurückgekehrt war. Noch heute, wenn ich diesem Kaufhausangestellten in Villach wiederbegegne und wir mit dem Omnibus in dieselbe Richtung fahren, er nach Feffernitz, ich nach Kamering, gehe ich schnell und schamvoll an ihm vorbei, aus Angst, daß er mich wiedererkennt und mich noch einmal zur Rede stellt.

Mitte der siebziger Jahre stieß ich zufällig auf die Romane von Jean Genet, als ich in einer Villacher Buchhandlung in einem Taschenbuchprospekt blätterte und mein Blick beim Buchtitel Das Totenfest hängenblieb. Nach meiner Freilassung wurde ich an die italienische Grenze gebracht, die ich in der Nähe von Villach überquerte. Ich wollte das Buch sofort kaufen, aber es stellte sich heraus, daß es erst in einigen Monaten erscheinen würde, daß aber vom selben, mir bis dahin unbekannten Autor bereits der Roman Notre-Dame-des-Fleurs erschienen war. Während ich in Villach mit dem aufgeschlagenen Buch durch die Straßen ging, war ich nach wenigen Textabsätzen vollkommen verzaubert, schlug das Buch wieder zu und taumelte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um wieder ein paar Zeilen zu lesen und innezuhalten. Kurze Zeit später kaufte ich Notre-Dame-des-Fleurs ein zweites und ein drittes Mal, las in Gasthäusern und Kirchen, in den Klagenfurter Parks und ging monatelang völlig berauscht von den Bildern und Sätzen Genets durch die Straßen. Ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt, hatte zwei Jahre davor den elterlichen Bauernhof in meinem Heimatdorf Kamering verlassen und arbeitete im Büro der Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt. Ich wagte es lange nicht, irgend jemandem die Bücher zu zeigen, im Gegenteil, ich kaufte in Villach und Klagenfurt alle vorrätigen Bücher von Genet, damit in meiner näheren Umgebung, so hoffte ich, keiner außer mir seine Romane in die Hände bekommen könnte. Ich ging in den Klagenfurter Dom, wo der Bischof von Gurck eine Messe zelebrierte, schlug Notre-Dame-des-Fleurs und nicht mehr die katholischen Gebets- und Gesangbücher auf. Ich bete ihn an. Wenn ich ihn nackt ausgestreckt liegen sehe, habe ich Lust, auf seiner Brust die Messe zu lesen. Ich hatte damals eine kleine, aus mehreren hundert Büchern bestehende Bibliothek, aber als ich auf Genets Prosadichtungen stieß, verschenkte ich, mit wenigen Ausnahmen, die angesammelten Bücher.

Ob mich damals, als ich wie eine Schnecke meinen Sargdeckel auf meinem Rücken herumschleppte, Genets Pompes funèbres vor dem Selbstmord gerettet hat? Ich stieß auf Lautréamont, der mit vierundzwanzig starb, auf Georg Büchner, Thomas Chatterton, Raymond Radiguet, bald auf Cesare Pavese, Paul Celan und Georg Heym.

En savoir plus sur Josef Winkler

Interview de Josef Winkler avec Günter Kaindlstorfer "Leselounge"

Lire la critique de "Requiem pour un père" sur Libération.fr

Oeuvres traduites en français

Requiem pour un père, Verdier, 2013, 144 p. Traduit de l'allemand par Bernard Banoun.
Consulter la page de l'auteur chez Verdier.

 

Pour citer cette ressource :

Josef Winkler, "L'Autriche des écrivains", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), juin 2015. Consulté le 26/05/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/litterature-contemporaine/textes-inedits/l-autriche-des-ecrivains

Les 9èmes Assises Internationales du Roman


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Mots-Clés
  • Josef Winkler
  • Jean Genet
  • Macht der Literatur
  • pouvoir de la littérature