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"Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann

Par Tanja Schönborn : Lektorin - ENS de Lyon
Publié par Cécilia Fernandez le 28/10/2015
Der vorliegende Artikel liefert nach einem kurzen Abriss des Inhalts eine literarische Analyse des Romans, wobei drei Schwerpunkte gesetzt wurden: Auf die literarische Darstellung der Weimarer Klassik folgt die Untersuchung des wissenschaftlichen Fortschritts und des sich wandelnden Weltbildes im XIX. Jahrhundert, um in einem dritten Schritt die Person des Alexander von Humboldt als satirische Verkörperung der deutschen Mentalität ins Zentrum der Betrachtung zu rücken. Abschließend werden einige Ideen für die didaktische Vermittlung des Romans vorgestellt.

Einleitung

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte. Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte, seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß. Als er sie wieder öffnete und Minna immer noch da war, nannte er sie lästig, beschränkt und das Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nichts half, streifte er die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden.[1]

So beginnt Daniel Kehlmanns Werk Die Vermessung der Welt und bringt damit zwei scheinbar unvereinbare Gegensätze in einem Buch zusammen: Deutsche Kultur und Humor. Bereits nach diesen wenigen Zeilen sticht das prägende Stilmittel ins Auge: die subtile Komik der Darstellung, die den Erfolg dieses historischen Romans begründete. Mit mehr als 1,4 Millionen verkauften Exemplaren in Deutschland ist Die Vermessung der Welt einer der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit. Er wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt -in Frankreich erschien das Buch unter dem Titel Les Arpenteurs du monde- und auf internationalen Bestsellerlisten gehandelt. Im deutschsprachigen Raum zählt er zur Schullektüre und ist Abiturthema, außerdem wurde er im Jahre 2012 unter der Mitwirkung Daniel Kehlmanns verfilmt.

In den Kritiken wird der Roman vor allem als Werk über Größe und Grenzen der Wissenschaft wahrgenommen, erzählt er doch die Lebensgeschichten zweier großer Wissenschaftler des XIX. Jahrhunderts, nämlich des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Kehlmann selbst zufolge ist sein Roman aber vielmehr

eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein - auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. (Daniel Kehlmann, FAZ)

Kehlmann geht dem deutschen Nationalcharakter auf den Grund, indem er die Verklärung der Goethezeit mit den Mitteln der Satire ins Wanken bringt. Das Werk bedient sich historischer Fakten über die beiden Gelehrten und verwebt diese zu einer zwischen Realität und Fiktion changierenden Doppelbiographie. Der vorliegende Artikel liefert nach einem kurzen Abriss des Inhalts eine literarische Analyse des Romans, wobei drei Schwerpunkte gesetzt wurden: Auf die literarische Darstellung der Weimarer Klassik folgt die Untersuchung des wissenschaftlichen Fortschritts und des sich wandelnden Weltbildes im XIX. Jahrhundert, um in einem dritten Schritt die Person des Alexander von Humboldt als satirische Verkörperung der deutschen Mentalität ins Zentrum der Betrachtung zu rücken. Abschließend werden einige Ideen für die didaktische Vermittlung des Romans vorgestellt.

Inhalt des Werkes

Ausgangspunkt der Erzählung ist die historisch belegte einmalige Begegnung zwischen Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß im Jahre 1828 beim Wissenschaftlerkongress in Berlin. Der Mathematiker kommt der Einladung Humboldts nur missmutig nach und logiert zusammen mit seinem Sohn Eugen bei Humboldt zuhause. Eugen schließt sich in Berlin einer freiheitlich gesinnten Studentenbewegung an und wird bei einer verbotenen Versammlung festgenommen. Die beiden Wissenschaftler versuchen seine Freilassung zu erwirken und Humboldt gelingt es schließlich, das Strafmaß auf eine Verbannung nach Amerika abzumildern. Die Kapitel 1 und 11-16 bilden damit die Rahmenhandlung der Geschichte, in den Kapiteln 2 – 10 werden abwechselnd die Lebensgeschichten Gauß’ und Humboldts erzählt. Auch wenn beide es zu großem Ruhm unter ihren Zeitgenossen gebracht haben, hätten ihre wissenschaftlichen Karrieren kaum unterschiedlicher verlaufen können:

[D]er eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. Das war der Keim für den Roman. (Daniel Kehlmann, FAZ)

Humboldt stammt aus adeligem Hause und wächst unter privilegierten Bedingungen auf. Er genießt zusammen mit seinem älteren Bruder Wilhelm eine Erziehung nach den Idealen der Aufklärung und der Weimarer Klassik, leidet jedoch unter der strengen Übermacht der Mutter. Gauß dagegen kommt aus ärmlichen Verhältnissen und ist auf ein Stipendium des Herzogs von Braunschweig angewiesen, um die höhere Schule besuchen zu können und an seinem Lebenswerk, den Disquisitiones Arithmeticae zu arbeiten, dank derer er bereits als junger Mann in die Annalen der Mathematik eingeht und schließlich zusammen mit seiner Jugendliebe Johanna eine Familie gründen kann. Die wichtigste Person in seinem Leben ist allerdings seine Mutter, die zwar ein schlichtes Gemüt hat, aber stets liebevoll mit ihrem Sohn umgeht. Darin liegt auch Carls starke Verbundenheit mit seinem Zuhause und seiner vertrauten Umgebung begründet. Er fühlt sich zeitlebens unverstanden, da ihm niemand geistig gewachsen scheint.

Während Carl in heimischen Gefilden bleibt, zieht es Alexander in die weite Welt. Nach dem Tod der Mutter bricht er zu einer sechsjährigen Forschungsreise nach Süd- und Mittelamerika auf. Zusammen mit seinem wichtigsten Reisebegleiter, dem französischen Botaniker Aimé Bonpland, geht er dort völlig in der Erforschung der Natur auf:

Er war in Neuspanien, Neugranada, Neubarcelona, Neuandalusien und den Vereinigten Staaten gewesen, hatte den natürlichen Kanal zwischen Orinoko und Amazonas entdeckt, den höchsten Berg der bekannten Welt bestiegen, Tausende Pflanzen und Hunderte Tiere, manche lebend, die meisten tot, gesammelt, hatte mit Papageien gesprochen, Leichen ausgegraben, jeden Fluß, Berg und See auf seinem Weg vermessen, war in jedes Erdloch gekrochen und hatte mehr Beeren gekostet und Bäume erklettert, als sich irgend jemand vorstellen mochte. (19)

Gauß wendet sich in der Zwischenzeit der Astronomie zu. Er berechnet die Umlaufbahn des Planetoiden Ceres und gibt Vorlesungen an der Universität Göttingen. Da seine Frau Johanna bei der Geburt des dritten Kindes stirbt, heiratet er deren Freundin Minna, gegen die er jedoch eine tiefe Abneigung hegt. Aus Not verdient er sich seinen Lebensunterhalt als Landvermesser und befasst sich im Alter mit Sterbestatistik. Sein poetisch veranlagter Sohn Eugen ist für ihn eine Enttäuschung, daher fällt der Abschied vor dessen Verbannung eher unterkühlt aus.

In Humboldt flammt im Alter der Wunsch auf, die Welt erneut zu bereisen, diesmal möchte er Russland und das ferne Asien sehen. Gauß unterstützt ihn in diesen Bestrebungen und die beiden stehen während der Reise durch Briefwechsel in geistigem Austausch. Diese zweite Expedition, die als Gegenstück zur Amerikareise geplant war, gerät jedoch zu einer großen Enttäuschung, da Humboldt nur noch als Schatten des großen Entdeckers von einst erscheint und beim Gedanken an Gauß sogar zweifelt, „wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben“ (293). Eugen begibt sich in Teneriffa auf Humboldts Spuren und gelangt schließlich mit dem Schiff nach Amerika.

Die Ideale der Weimarer Klassik

Um das Verhalten der beiden Protagonisten nachzuvollziehen und sie als Wissenschaftler zu begreifen, ist es unumgänglich, zunächst den zeitgeschichtlichen Kontext zu betrachten, da man wie Gauß feststellt „in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht“ (9). Wir befinden uns in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, genauer gesagt umfasst der Roman in etwa die Zeitspanne von 1775 – 1830 (Bauer 2010 : 8) und reflektiert die Ideen- und Sozialgeschichte der späten Aufklärung und der Weimarer Klassik. Innerhalb der feudal geprägten deutschen Länder wird die Entwicklung eines ökonomisch starken Bürgertums durch den technischen Fortschritt begünstigt (Jeßing, Köhnen 2007 : 33). Die Entfaltung der Wissenschaften löst eine theologisch ausgerichtete Weltanschauung durch ein auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruhendes Weltbild ab, was als Säkularisierung bezeichnet wird (Bauer 2010 : 40f.). Die Aufklärung soll den Menschen von der Bevormundung durch klerikale und adelige Autoritäten befreien. Gemäß Immanuel Kants Leitspruch Sapere aude! gilt ein selbstbestimmtes und vernunftbegabtes Individuum als Ideal menschlicher Existenz. Durch die gesellschaftlichen Entwicklungen werden auch Erziehungsfragen zu einem zentralen Thema (Jeßing, Köhnen 2007 : 34): Prägend für die Zeit der Aufklärung und der Weimarer Klassik sind die „Leitideen der Harmonie und Humanität und der Vernunft als Richtschnur von Denken und Handeln“ (Nadolny 2012 : 12). Die Humanität des Menschen besteht in seiner Erziehbarkeit zum Guten, Ziel der Erziehung ist die Vervollkommnung in allen Bereichen, das heißt „Gefühl und Verstand, künstlerisches Empfinden und wissenschaftliches Denken, theoretisches Erfassen und praktische Umsetzung.“ (Thurm 2012). Daher werden die Humboldt-Brüder auf Anraten Goethes einem strengen Erziehungsexperiment unterzogen, wobei Wilhelm in alten Sprachen, Literatur und Philosophie unterrichtet wird, Alexander dagegen in Chemie, Physik und Mathematik (20). Um nun auch die „Herzensbildung“ (23) zu gewährleisten, sollen die Jungen sentimentale Briefe an die schöne Henriette Herz schreiben (22f.), deren literarischer Salon einer der bedeutendsten der Frühromantik war (Nadolny 2012 : 60). Der Ablauf dieser Veranstaltungen wird folgendermaßen beschrieben:

In Henriettes Salon trafen sich einmal in der Woche gebildete Leute, sprachen über Gott und ihre Gefühle, weinten ein wenig, schrieben einander Briefe und nannten sich die Tugendbündler. […] [A]nderen Tugendbündlern hatte man über alles, was einem in der Seele vorging, offen und mit Ausführlichkeit Auskunft zu geben. Ging einem nichts in der Seele vor, musste man etwas erfinden. (23)

Die hier dargestellte Gefühlsbildung wirkt oberflächlich und sinnentleert. Der Versuch, die Emotionen durch strenge Reglementierung zu veredeln, erstickt sie im Keim. Alexander hat sich zeitlebens dem rationalen Denken verschrieben. Alles, was sich empirisch erforschen und begreifen lässt, ist für ihn von Interesse, für schöngeistige Dinge wie Musik oder Theater ist er nicht empfänglich. Er strebt eine Rationalisierung der Kunst an, da Abweichungen und Erfundenes die Menschen seiner Meinung nach nur verwirren (221). Humboldt schlägt einen strengen Regelkatalog für die Malerei und die dramatische Dichtung vor, der botanischen Klassifizierungssystemen gleich kommt und das Kunstwerk damit jeglicher Freiheit beraubt. Er ist sogar überzeugt, dass der technische Fortschritt die Künste eines Tages völlig überflüssig machen werde (222). Durch seine inhaltlich korrekte aber extrem versachlichte Widergabe von Goethes Gedicht Wanderers Nachtlied – Ein Gleiches beweist er jedoch unfreiwillig, dass die Übertragung wissenschaftlicher Prinzipien auf die Kunst zur Zerstörung derselben führt:

Goethes Version:

Humboldts Version:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Auch möge er [Humboldt, d. V.] das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb der Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig und bald werde man tot sein. Alle sahen ihn an. Fertig, sagte Humboldt. (128)


Alexander von Humboldt scheitert nicht nur am Kunstverständnis seiner Zeit, sondern auch an den gesellschaftlichen Idealen. Ehe er als junger Mann zu seiner Amerikaexpedition aufbricht, begegnet er in Weimar den großen Vertretern der deutschen Klassik, die auch unter dem Namen Weimarer Viergestirn bekannt sind: Wieland, Herder, Schiller und Goethe (36). Letzterer mahnt ihn, in der Neuen Welt als Botschafter der deutschen Kultur aufzutreten. Durch einen Blick in die Runde des über Versmaße philosophierenden Wilhelm von Humboldt und des verstohlen gähnenden Friedrich Schiller (37) wird die Größe der Idole rasch relativiert und es deutet sich hier schon an, dass die Ideale der Humanität, die in den edlen Salons der Weimarer Gesellschaft propagiert werden, zum Scheitern verurteilt sind. Tatsächlich gerät Humboldts Befreiung dreier Sklaven in Neuandalusien zur Farce, da diese mit der neu gewonnenen Freiheit nichts anzufangen wissen (70). Außerdem benötigt er für die Durchführung seiner Expedition erfahrene Ruderer. Es handelt sich um scheinbar freiwillige Eingeborene aus einer jesuitischen Missionsstation, die ausgepeitscht wurden, um sie zu dem Unterfangen zu überreden (vgl. 118 f.). Die humanistischen Ideale von der Gleichheit aller Menschen erweisen sich als nicht realisierbar, denn „in der Peripherie Südamerikas […] greifen andere Kategorien von Wahrnehmung und Erkenntnis, die nichts mit den europäischen gemein haben“ (Schilling 2012 : 239). Alexander soll als Gesandter der Weimarer Klassik deren Ideale in die Neue Welt hinaustragen und als eine Art Heilsbringer den Urwald durch Werte wie Toleranz und Humanismus in einen aufgeklärten Ort verwandeln: „Von uns kommen Sie, sagte Goethe, von hier. Unser Botschafter bleiben Sie auch überm Meer“ (37). Dass er bei diesem Unterfangen schon mit der vorgefertigten Meinung eines europäischen Eroberers anreist, wird in einem Brief an seinen Bruder Wilhelm deutlich, in dem er sich beschwert, die Ureinwohner „seien allesamt abergläubisch, […] man merke, welch weiter Weg es noch sei zu Freiheit und Vernunft.“ (121) Alexander stößt im Urwald auf interkulturelle Probleme und Missverständnisse. Statt die „frohe Botschaft“ der deutschen Kultur zu empfangen, machen sich die Ureinwohner über den kleinen Mann aus Preußen lustig und er muss einsehen, dass hier eigene Gesetzmäßigkeiten gelten, denen er sich zu fügen hat.

Der Roman als Spiegel des wissenschaftlichen Weltbildes im 19. Jh

Die Vermessung der Welt wird in der allgemeinen Rezeption als Roman über Wissenschaft und Forscherdrang verstanden (Daniel Kehlmann, FAZ). Aus der „Durchdringung aller Daseinsbereiche durch die sich mächtig entfaltende Wissenschaft“ (Bauer 2010 : 40) resultiert im XIX. Jahrhundert ein allgemeiner Zukunfts- und Fortschrittsoptimismus. Franz J. Bauer spricht in diesem Kontext sogar von der „Epoche der modernen Einzelwissenschaften“ (ebd.). Kehlmanns Roman stellt die Frage, worin Fortschritt und Verantwortung der Wissenschaft eigentlich bestehen. Um sich dieser Problematik zu nähern, wird im Folgenden das Wissenschaftsverständnis der beiden Protagonisten genauer untersucht.

Alexander hat schon von klein auf ein reges Interesse an der Natur, was sich vor allem in seinen Bestrebungen äußert, das Chaos der Welt in Ordnung zu bringen: „Wenn man ihn sich selbst überließ, strich er durch die Wälder, sammelte Käfer und ordnete sie nach selbsterdachten Systemen“ (20). Indem er die Dinge ordnet und kategorisiert, versucht er ihnen den Schrecken des Ungewissen zu nehmen. Als in Paris die Maßeinheit des Meters festgelegt wird, ist er „trunken vor Enthusiasmus“ (39). Außerhalb von Europa muss er jedoch schnell erkennen, dass er seine ursprüngliche Kategorisierung von Weimar als dem Zentrum von Kultur und Wissenschaft und Südamerika als zu zivilisierender Peripherie nicht aufrechterhalten kann (Schilling 2012 : 240). Seine wissenschaftliche Tätigkeit geht über das bloße Vermessen und Ordnen weit hinaus. Je tiefer er in den Urwald vordringt, desto mehr stellen sich Fragen nach Opfer und Moral der Wissenschaft. Er ist zum Leichenraub in den Grabstätten der südamerikanischen Ureinwohner bereit (vgl. 120f.), bricht Schmetterlingen aus Sammlerliebe das Rückgrat (vgl. 107) oder lässt Rüden von Krokodilen zerfleischen, um deren Jagdverhalten zu untersuchen (vgl. 169). In seinem unbändigen Erkenntnisdrang macht Humboldt selbst vor dem eigenen Körper nicht halt. Er und Bonpland erforschen in schmerzhaften Selbstversuchen die Stromleitfähigkeit von Aalen (vgl. 103f.) oder die Wirkung des Nervengifts Curare (vgl. 131f.). Stephanie Catani beschreibt den Effekt solcher Szenen wie folgt:

Diese zwischen Komik und Befremden changierenden Szenen legen insgesamt eine Wissenschaftskritik offen, welche die Dialektik der Aufklärung nicht nur sichtbar macht, sondern […] durch das Element des Komischen gleichzeitig entpathetisiert, ohne sie dadurch jedoch ihrer deutlichen Kritik zu berauben. (2009 : 205)

Alexander ist mehr Naturforscher als Kulturbotschafter oder überzeugter Humanist. Dass der Forscherdrang und der Wille zur Erkenntnis bei ihm stärker ausgeprägt sind als das moralische Bewusstsein, zeigt seine nüchterne Erklärung für den Leichenraub:

Der Häuptling des Dorfes fragte, was in den Stoffballen sei. Er habe einen furchtbaren Verdacht. […] Na schön, rief Humboldt, er gebe es zu. Aber diese Toten seien so alt, daß man sie eigentlich nicht mehr Leichen nennen könne. Die ganze Welt bestehe schließlich aus toten Körpern! Jede Handvoll Erde sei einmal ein Mensch, jede Unze Luft sei tausendfach von inzwischen Verstorbenen geatmet worden. Was hätten sie nur alle, wo sei das Problem? (123)

Muss der Leser auch über Alexanders mangelndes Feingefühl und die anachronistische Wortwahl schmunzeln, so bleibt doch ein übler Nachgeschmack, wenn man erkennt, dass Humboldt für seine Forschung im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht, die Versklavung anderer akzeptiert, Tierversuche durchführt und Erkenntnisse auf Kosten der eigenen und der Gesundheit anderer gewinnt. Der Roman stellt die Moral eines Wissenschaftlers in Frage, der durch sein aufklärerisches Gedankengut nicht zu einem humaneren Verhalten angeleitet wird, sondern seine Hemmungen und Gewissensbisse ablegt, indem er die Dinge entmystifiziert und selbst menschliche Überreste auf ihren Gegenstandscharakter reduziert.

Carl erscheint als Gegenpol zu Alexander, was die Methoden der Wissenschaft betrifft: Während der Naturforscher die Welt bereist, bricht der Mathematiker zu geistigen Höhenflügen auf. Er verlässt Deutschland nie und dringt doch weiter vor als die meisten seiner Zeitgenossen, da er tieferliegende Gesetzmäßigkeiten der Welt erkennt. Er glaubt sogar göttliche „Rechenfehler“ ausmachen zu können, „als hätte Gott sich Nachlässigkeiten erlaubt und gehofft, keiner würde sie bemerken“ (88). Hier kippt der Vernunftgebrauch des modernen Individuums in Hybris: Carl will Gott im Jenseits auf dessen Fehler bei der Planung der Welt ansprechen (vgl. 99) und „greift in seiner Vermessenheit selbstherrlich auch nach den ‚letzten‘ Dingen, den Dingen, die eigentlich Gottes sind“ (Bauer 2010 : 42). Tatsächlich kommt es zu einer unheimlichen Begegnung. Der Mathematiker, der glaubt mit seinem Verstand bis zu den letzten Gesetzen der Weltordnung vordringen zu können, wird in seine Schranken gewiesen: Als Landvermesser trifft er auf den Grafen von der Ohe zur Ohe (Kapitel 9, „Der Garten“), der ihm als allwissendes, übersinnliches Wesen erscheint und damit im Widerspruch zu seinem vernunftorientierten Weltbild steht.

Während sich Humboldts wissenschaftlicher Kosmos in der neuen Welt sukzessive weiterentwickelt, führen Gauß‘ Ausflüge nach Königsberg und Berlin abrupte Umbrüche in dessen wissenschaftlichem Denken herbei. Als er Immanuel Kant in Königsberg aufsucht und sich dessen Demenzerkrankung gewahr wird (vgl. 96f.), ist er selbst auf dem Höhepunkt seiner intellektuellen Schaffenskraft. Beim Treffen in Berlin sind beide Wissenschaftler stark gealtert und resignieren angesichts der Vergänglichkeit ihrer wissenschaftlichen Leistungen. Beide legen in ihrer Jugend einen unbändigen Fortschrittsglauben an den Tag, bis hin zur Idee der Unsterblichkeit. Doch in ihren späten Jahren müssen sie anerkennen, dass dem menschlichen Wirken durch Alter, Krankheit und Tod unüberwindliche Grenzen gesetzt sind. Carl sieht als positives Fazit seiner Berlinreise, dass er es trotz Alter und Gebrechen noch vermag, die Forschung voranzubringen und von seinem Wohnort aus Berechnungen des Universums vorzunehmen. Allerdings gesteht er demütig, die „Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas verstehe“ (220). Und Humboldt muss einsehen, dass seine Entdeckungen kein „Zeitalter der Wohlfahrt“ (238) herbeigeführt haben und so mahnt er,

man dürfe die Leistungen eines Wissenschaftlers nicht überschätzen, der Forscher sei kein Schöpfer, er erfinde nichts, er gewinne kein Land, er ziehe keine Frucht, weder säe noch ernte er, und ihm folgten andere, die mehr, und wieder andere, die noch mehr wüßten, bis schließlich alles wieder versinke. (291)

Er endet damit als tragische Figur, findet sein abschließendes Lebensziel aber im Buchprojekt des Kosmos, in dem er sein gesamtes Wissen konservieren möchte. Nur Zahlen und Fakten, „entkleidet von Irrtum, Phantasie, Traum und Nebel“ (293). In diesem Vorhaben offenbart sich jedoch auch die Schattenseite der Moderne: Der Mensch ist durch den wissenschaftlichen Fortschritt der Überzeugung, alle geheimnisvollen Phänomene der Welt berechnen und erklären zu können. Mit der Verneinung allen Übersinnlichen geht aber auch eine Entzauberung der Welt einher. Dies wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und führt in letzter Konsequenz wieder zur Entmündigung des modernen Menschen, der sich selbst unter das Joch der Rationalität zwingt (Bauer 2010 : 43ff.).

Alexander von Humboldt als Satire der deutschen Mentalität

Wenn Kehlmann in Die Vermessung der Welt die deutsche Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des XIX. Jahrhunderts reflektiert, setzt er sich auch spielerisch mit Vorurteilen über die deutsche Mentalität auseinander und macht auf satirische Weise klar, weshalb seine Landsleute nicht immer den besten Ruf in der Welt genießen. Daniel Kehlmann verleiht vor allem der Figur des Alexander von Humboldt überspitzte Attribute des „typischen Deutschen“, was auch dessen historischem Vorbild geschuldet ist. Die Idee dazu kam dem Schriftsteller bei seinem Aufenthalt in Mexiko City:

Im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Land habe ich Humboldt entdeckt, der dort sehr präsent ist. Ich habe in ihm dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Missverständnissen strotzt (Daniel Kehlmann, FAZ).

Um die Charakterzüge der Figur noch deutlicher hervortreten zu lassen, bedient sich Kehlmann eines literarischen Kniffs: Er stellt Humboldt einen Gegenspieler an die Seite, nämlich seinen französischen Reisegefährten Aimé Bonpland, „der als Korrelativ und Kontrastfolie Humboldts fungiert“ (Catani 2009 : 206). Die Situationskomik des Romans speist sich immer wieder aus dem Kollidieren unvereinbarer Ansichten und da diese Passagen für den französischen Deutschunterricht von besonderem Interesse sind, sollen sie im Folgenden näher untersucht werden.

In Paris trifft Humboldt zufällig auf den 25-jährigen Botaniker Bonpland, der sich ihm spontan als Reisebegleiter anschließt, um nicht in seine Heimat La Rochelle zurückkehren zu müssen. Zwischen den Gefährten entwickelt sich im Verlauf der gemeinsamen Abenteuer eine Art Hassliebe. Bonpland hegt immer wieder Aggressionen gegen seinen deutschen Begleiter, hat im Fieberwahn „Träume, in denen er Baron Humboldt erwürge, zerhacke, erschieße, anzünde, vergifte oder unter Steinen begrabe“ (163), und doch erklärt der Erzähler, dass „jeder für den anderen wichtiger sein sollte, als irgendein Mensch sonst.“ (40)

Anders als Humboldt ist Bonpland als sinnliches und impulsives Wesen konzipiert, er ist von sexuellen Kontakten und Alkoholkonsum nicht abgeneigt. Humboldt dagegen steht für die Reinform des vernunftorientierten Menschen und der absoluten Triebkontrolle, auch wenn er sich damit „entsetzliche Gewalt“ (264) antut. Durch den Versuch, in allen Lebenslagen die Contenance zu wahren und seine Affekte zu unterdrücken, gibt er sich jedoch der Lächerlichkeit preis, was immer wieder im Vergleich mit Bonpland deutlich wird:

Humboldt philosophiert schon als Junge mit seinem Bruder Wilhelm über eine der brennendsten Fragen seiner Zeit, nämlich den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Alexander vertritt dabei die materialistischen Ansichten La Mettries, dem zufolge der Mensch eine Maschine sei (vgl. 23f.). Bonpland hingegen bejaht die animalische Natur des Menschen. Als Humboldt ihm jegliche sexuelle Abenteuer untersagt, kommt es zum Wortgefecht:

Manchmal überkomme es einen, sei das so schwer zu verstehen? Humboldt sei doch auch ein Mann. […] Der Mensch sei kein Tier, sagte Humboldt. Manchmal doch, sagte Bonpland. Humboldt fragte, ob er nie Kant gelesen habe. Ein Franzose lese keine Ausländer. (48)

Humboldts steife Ansichten werden durch sein übertrieben korrektes Aussehen noch unterstrichen. Er trägt seine preußische Uniform sowohl nachts als auch bei tropischen Temperaturen und meint, sie schütze ihn vor Krankheiten. Dies korrespondiert mit dem Kommentar von Gauß‘ Vater, der zu sagen pflegt, „[e]in Deutscher […] sei jemand, der nie krumm sitze.“ (53f.). Absolute Selbstdisziplin scheint für den Deutschen der Schlüssel zu einem mustergültigen Verhalten zu sein.

Ein anderes weitverbreitetes Klischee ist die deutsche Humorlosigkeit. Im Gespräch mit Aimé Bonpland stellt Alexander fest, dass kein „Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser“ erforsche, woraufhin der Franzose ergänzt: „Oder ein Deutscher den Humor.“ (111). Humboldts entrüsteter Versuch, Beispiele für den vortrefflichen deutschen Humor anzuführen, endet ähnlich unglücklich wie seine Rezitation des schönsten deutschen Gedichtes:

Ein Preuße könne sehr wohl lachen. In Preußen werde viel gelacht. Man solle nur an die Romane von Wieland denken oder die vortrefflichen Komödien von Gryphius. Auch Herder wisse einen guten Scherz wohl zu setzen. (111)

Auch bei der wissenschaftlichen Arbeit kommt es zu Meinungsverschiedenheiten: Humboldts Obsession, alles zu vermessen, kann als Parodie der deutschen Genauigkeit betrachtet werden. Als er von Spanien aus in die Tropen aufbricht, korrigiert er den erfahrenen Kapitän bei der Navigation. Als der Seefahrer ihm erklärt, „[m]an fahre so ungefähr den Breitengrad entlang und irgendwann sei man da“ reagiert der deutsche Entdecker mit Entrüstung: „Aber wie könne man leben, fragte Humboldt, reizbar geworden vom Kampf gegen die Übelkeit, wenn einem Genauigkeit nichts bedeute?“ (45). Seine Gewissenhaftigkeit ist zur Pedanterie pervertiert, wie man an seiner Kritik an den spanischen Karten erkennt:

Die Karten von Spanien seien nicht exakt. Man wolle ja wissen, wohin man reite. Aber das wisse man doch, rief Bonpland. Hier sei die Landstraße, und sie führe nach Madrid. Mehr brauche man nicht! Um die Straße gehe es nicht, antwortete Humboldt. Es gehe ums Prinzip! (42)

Weil er die Messinstrumente im Blick behalten muss, schaut Humboldt selbst bei einer einmaligen Sonnenfinsternis kein einziges Mal auf und erklärt,

Manche nähmen ihre Arbeit eben ernster als andere! Das möge ja sein, aber… Bonpland seufzte. Ja? Humboldt blätterte im Ephemeridenkatalog, zückte den Bleistift und begann zu rechnen. Aber was? Müsse man immer so deutsch sein? (80)

Während Humboldt tatsächlich im Sinne La Mettries wie eine Maschine erscheint, deren Aufgabe das Messen und Errechnen von Ergebnissen ist, lässt sich Aimé als gefühlsbetontes Wesen von der Schönheit der Natur mitreißen und wirkt dadurch menschlicher. Durch die Verteidigung seiner Ansichten gegenüber Bonpland hebt Humboldt seine „typisch deutschen“ Charaktereigenschaften unfreiwillig hervor: Eine übertriebene Arbeitsmoral, Pedanterie und Rechthaberei sowie ein fehlender Sinn für Humor.

Zusammenfassung

Die Vermessung der Welt enthält einen reichen Schatz an zeitgeschichtlichem und naturwissenschaftlichem Hintergrundwissen, auf das aufgrund der Kürze des Artikels nur ausschnitthaft eingegangen werden konnte. Der Fokus dieser Arbeit lag darauf, den Roman als Buch über die deutsche Kultur zu untersuchen und ihn so für den fremdsprachlichen Deutschunterricht nutzbar zu machen. Dass Kehlmanns Werk jedoch mehr ist, als die fiktive Geschichte von zwei schrulligen Deutschen, gibt bereits der doppeldeutige Titel zu verstehen. Wie sich im Verlauf der Analyse gezeigt hat, ist Vermessung nämlich nicht nur als wortwörtliches Maßnehmen zu verstehen, sondern auch als die Vermessenheit des Menschen, sich für die Krone der Schöpfung zu halten und daraus das Naturrecht zur Unterwerfung der Welt abzuleiten. Kehlmann stellt den unbedingten Fortschrittsoptimismus des XIX. Jahrhunderts in Frage, indem er die Leistungen der Forschung relativiert und auch deren negative Folgen aufzeigt. Dieses kritische Hinterfragen beschränkt sich jedoch nicht nur auf vergangene Entwicklungen und stellt damit den Modellcharakter der Weimarer Klassik in Frage, sondern verweist auch auf gegenwärtige Schwierigkeiten. Gauß’ Überlegungen spielen auf die Verantwortung des Forschers an, der die Konsequenzen seines Handelns nicht aus dem Blick verlieren darf: „Nichts, was einmal jemand vermessen hatte, war noch oder konnte je sein wie zuvor.“ (268)

Die Protagonisten müssen am Ende ihres Lebens erkennen, dass der Mensch sich die Dinge durch das Berechnen und Vermessen allein nicht vollends aneignen kann und dass sich ein Teil der Realität immer unserem rationalen Verständnis entziehen wird. Der Roman lädt uns dadurch ein, unser Weltbild immer wieder zu hinterfragen und weist uns darauf hin, „daß man ein Problem nur ohne Vorurteil und Gewohnheit betrachten müsse, dann zeige es von selbst seine Lösung“ (57).

Ideen für den Unterricht

a) Das Werk unter grammatischem Aspekt: indirekte Rede/Konjunktiv I

Untersucht man zunächst die sprachliche Gestaltung des Romans, so fällt Folgendes auf: Es dominieren knappe, vorwiegend parataktisch konstruierte Sätze, der Erzählstil ist reportageartig und suggeriert dadurch Objektivität (Hellberg 2012 : 69). Um der Trivialität des historischen Romans zu entgehen, vermeidet es der Autor, seinen Personen direkte Aussagen in den Mund zu legen. Bis auf wenige Ausnahmen kommunizieren sie im Konjunktiv I, dem Modus der indirekten Rede. Kehlmann legt den neutralen Schreibstil eines historischen Sachbuchs wie eine Folie über den Romaninhalt und erzeugt dadurch die besondere Komik der Darstellung. Er wollte laut eigener Aussage schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker, denn ein „Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und – und das ist der entscheidende Punkt – er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde“ (Daniel Kehlmann, FAZ). Dieser Effekt kann den Schülern anhand ausgewählter Textpassagen vermittelt werden. Dabei können sie die Bildung des Konjunktivs I durch Analyse der im Text verwendeten Formen induktiv erarbeiten. Um die grammatische Übungseinheit abzuschließen, sollen die Schüler Passagen der indirekten Rede in die wörtliche Rede übertragen und die unterschiedlichen Wirkungen untersuchen. Hierfür eignet sich beispielsweise der Beginn der Erzählung, der von Gauß‘ Aufbruch nach Berlin berichtet.

b) Die Verfilmung

Alternativ beziehungsweise ergänzend zur literarischen Analyse bietet sich eine filmästhetische Untersuchung an. Der Bestseller wurde 2012 unter der Regie Detlev Bucks und unter Mitwirkung Daniel Kehlmanns verfilmt. Der Autor schrieb das Drehbuch und hat auch einen kleinen Auftritt im Film.

Material zum Film:

Der Film verfügt über eine eigene Homepage, auf der sich viele hilfreiche Materialien für den Unterricht befinden: Neben dem Filmtrailer und diversen Fotos bietet die Website Informationstexte zum Roman und zum Autor Daniel Kehlmann, außerdem eine Inhaltsangabe des Films und Kurzbiographien der Schauspieler:
http://wwws.warnerbros.de/dievermessungderwelt/index.html

Das Filmheft der österreichischen Homepage www.kinomachtschule.at liefert nützliche Informationen zu den historischen Vorbildern, ein Interview mit dem Regisseur, einen Vergleich der Romangrundlage mit der filmischen Adaptation und Fragen für den Unterricht: http://www.kinomachtschule.at/data/vermessungderwelt.pdf

c) Redeanlässe und kreative Schreibaufgaben

Neben der Grammatikvermittlung ist das Werk auch zum Schaffen von Redeanlässen und für kreative Schreibaufgaben geeignet: Das erste Kapitel Die Reise verrät viel über die Persönlichkeit der Figur des Carl Friedrich Gauß. Hier können die Schüler in einer Mindmap Charaktereigenschaften der Person sammeln: Der Mathematiker erscheint als Misanthrop, der Frau und Kinder beschimpft, mürrisch und launisch ist und sich kindisch verhält. Auch die starke Bindung zu seiner Mutter und seinem vertrauten Heim wird bereits zu Beginn des Buches deutlich.

Das zweite Kapitel Das Meer ist Alexander von Humboldt gewidmet und schildert seine Kindheit, seine geistige Bildung nach den Maximen der Weimarer Klassik, seine erste Begegnung mit Aimé Bonpland und seine Reise von Spanien nach Mittelamerika. Die oben präsentierten Interpretationsansätze zu Weimarer Klassik, Wissenschaft und Vermessungswahn sowie zur deutschen Mentalität lassen sich auf dieses Kapitel anwenden und können im Unterrichtsgespräch erarbeitet werden.

Wie sehr sich die Kindheit der beiden Wissenschaftler voneinander unterscheidet, zeigt der Film in eindrücklichen Bildern. Die ärmliche Volksschule steht im Kontrast zum Privatunterricht der Humboldtbrüder. Die Schüler haben hier die Möglichkeit, das Schulsystem einer anderen Zeit zu betrachten und die Vor- und Nachteile verschiedener Schulformen zu hinterfragen.

Die Filmszenen des Erwachsenenalters geben Aufschluss über die Unterschiede in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Alexanders Reiseszenen zeigen seine Begeisterung für die Rätsel der Natur, seine akribische Arbeitsweise, aber auch seine Schwierigkeiten als idealistischer Aufklärer in einer Welt, die ihn mit Sklaverei und Aberglaube konfrontiert. Gauß schwebt geistig in anderen Sphären und seine bittere Erkenntnis, dass selbst seine eigenen Kinder ihn nicht verstehen, macht sein resolutes Verhalten im Alter psychologisch nachvollziehbar.

Diese Szenen können im Unterricht zum besseren Verständnis besprochen werden und vermitteln den Schülern genug Hintergrundinformation zur Anfertigung einer Hausaufgabe, die ihnen hilft, die neuen Vokabeln kreativ anzuwenden. Dazu sollen sich die Schüler in die Person des Carl Friedrich Gauß oder des Alexander von Humboldt hineinversetzen und aus deren Perspektive einen Tagebucheintrag verfassen. Die Aufgabenstellung könnte lauten wie folgt:

Schreiben Sie einen Tagebucheintrag aus der Perspektive Gauß` oder Humboldts: Was haben Sie heute gemacht? Was bedeutet die Wissenschaft/die Mathematik für Sie? Warum fühlen Sie sich von den Menschen in Ihrer Umgebung unverstanden? 

Die Protagonisten wurden durch die Unterschiede ihrer Herkunft, ihrer Erziehung und ihrer Erfahrungen geprägt. Das Aufeinandertreffen der beiden beim Wissenschaftlerkongress in Berlin kann als Ausgangslage für eine weitere kreative Textproduktion genutzt werden. Hierzu sollten die Schüler Gruppen bilden, die sich aus Gauß- und Humboldtvertretern (in Bezug auf die Tagebucheinträge der Hausaufgabe) zusammensetzen und dann gemeinsam einen Dialog für die erste Begegnung der beiden Wissenschaftler ausarbeiten, der anschließend vorgetragen wird. Danach kann durch das Ansehen der entsprechenden Filmszene ermittelt werden, welche Gruppe die Charaktere am besten verstanden und die Aufgabe am kreativsten umgesetzt hat. Der Arbeitsauftrag kann folgendermaßen formuliert werden:

Schreiben Sie in der Gruppe einen Dialog zur ersten Begegnung von Gauß und Humboldt. Gehen Sie dabei auf folgende Fragen ein:

1) Wie schätzen Sie Ihr Lebenswerk ein, was haben Sie für den Fortschritt der Menschheit geleistet?

2) Wie würden Sie Wissenschaft definieren und wie muss sich ein guter Wissenschaftler verhalten?

3) Was würden Sie am anderen kritisieren?

Was die Dialogszene betrifft, orientiert sich der Film stark an der Romanvorlage: Als der Mathematiker in Berlin den König brüskiert, äußert er seine Definition von Wissenschaft:

Projekte, schnaubte Gauß. Gerede, Pläne, Intrigen. Palaver mit zehn Fürsten und hundert Akademien, bis man irgendwo ein Barometer aufstellen dürfe. Das sei nicht Wissenschaft. […] Ein Mann allein an seinem Schreibtisch. Ein Blatt Papier vor sich, allenfalls noch ein Fernrohr, vor dem Fenster der klare Himmel. Wenn dieser Mann nicht aufgebe, bevor er verstehe. Das sei vielleicht Wissenschaft. (247)

Gauß erkennt die Abhängigkeiten der Wissenschaft und möchte sich davon lossagen. Er verweigert Forschung als Performanz und eine Wissenschaft, die für politische Zwecke missbraucht wird. Doch beide Protagonisten ermöglichen durch das Sammeln geographischer und geologischer Daten ungewollt eine Optimierung der Raumnutzung, was auch wirtschaftliche und militärische Folgen hat. Präsident Jefferson zeigt beispielsweise reges Interesse an den militärischen Stützpunkten der spanischen Kolonisten, die durch Humboldts präzise Karten genau geortet werden können (213f.). Damit verweist Kehlmann auf problematische Interessenskonflikte der Wissenschaft, die auch heute noch aktuell sind und für ihn Fragen nach einer moralischen Instanz aufwerfen:

[W]enn die Religion der Naturwissenschaft Vorschriften macht, wenn etwa die US-Regierung aus religiösen Gründen die Stammzellenforschung stark einschränkt; oder wenn, auf der anderen Seite, Naturwissenschaftler helfen, schreckliche Waffen zu entwickeln oder mit Menschen zu experimentieren, und das ganz moralfrei betrachten (Daniel Kehlmann, Der Spiegel).

Diese Problematik kann im Unterrichtsgespräch diskutiert werden und somit auch naturwissenschaftlich interessierte Schüler zur Beteiligung anregen.

[1] Daniel Kehlmann (2008): Die Vermessung der Welt. Berlin: Rowohlt Verlag, S. 7. Im Folgenden wird dieses Werk mittels Seitenzahl im Fließtext zitiert.

d) Mögliche Leitfragen für den Unterricht

Welche zentralen Charaktereigenschaften können Sie Humboldt und Gauß zuordnen?

Welche Opfer muss Humboldt auf der Reise bringen? Inwiefern ist er eine moralische Figur?

Finden Sie Beispiele für die Komik des Romans. Durch welche Stilmittel wird die Komik erzeugt?

Welche Ideen der Weimarer Klassik werden im Roman aufgegriffen? (Hellberg 2012 : 78f.)

Bibliographie

Primärliteratur:

Kehlmann, Daniel (2008): Die Vermessung der Welt. Berlin: Rowohlt Verlag.

Sekundärliteratur:

Bauer, Franz J. (2010): Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert (1789–1917). Profil einer Epoche. Stuttgart: Reclam.

Catani, Stephanie (2009): „Formen und Funktionen des Witzes, der Satire und der Ironie in ‚Die Vermessung der Welt‘“, in: Nickel, Günther (Hrsg.): Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“. Materialien, Dokumente, Interpretationen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 198–215.

Hellberg, Wolf Dieter (2012): Lektüreschlüssel zu Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Stuttgart: Reclam.

Jeßing, Benedikt / Köhnen, Ralph (2007): Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart u. a.: Metzler.

Nadolny, Arnd (2012): Textanalyse und Interpretation zu Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt. Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen. Hollfeld: Bange.

Schilling, Erik (2012): Der historische Roman seit der Postmoderne. Umberto Eco und die deutsche Literatur. Heidelberg: Winter.

Internetadressen:

Kehlmann, Daniel: „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/bucherfolg-ich-wollte-schreiben-wie-ein-verrueckt-gewordener-historiker-1304944-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 [Stand: 14.09.2015].

Ders.: „Mein Thema ist das Chaos“, in: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43513122.html [Stand: 14.09.15].

Thurm, Frieda: „Die Weimarer Klassik“, in: http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/18/thema-literatur-der-klassik-1786-1832/ [Stand 14.09.2015].

Verfilmungen:

Die Vermessung der Welt. Regie: Detlev Buck, Drehbuchadaptation: Daniel Kehlmann. Produktion GmbH: Deutschland 2012.

 

Pour citer cette ressource :

Tanja Schönborn, " "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), octobre 2015. Consulté le 19/09/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/litterature-contemporaine/die-vermessung-der-welt-von-daniel-kehlmann