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Andrea Maria Schenkel : "dunkle Geschichten"

Par Evelyn Wiesinger : Wissenschaftliche Mitarbeiterin - Universität Regensburg
Publié par MDURAN02 le 09/04/2009
Andrea Maria Schenkel est déjà un auteur reconnu qui a obtenu à deux reprises le Prix du Polar allemand pour ses « petites histoires sombres », ((Tannöd)) (2006) et ((Kalteis)) (2007). Son dernier roman, ((Bunker)), vient de paraître. Entretien avec Andrea Maria Schenkel autour de l’écriture, du genre policier et de la place des femmes. Andrea Maria Schenkel hat zweimal den Deutschen Krimi Preis erhalten für ihre dunkle Geschichten. Ihr dritter Roman, ((Bunker)), ist gerade erschienen. Eine Diskussion mit Schenkel über das Schreiben, das Genre Krimi, das Frauenbild in Deutschland.

Andrea Maria Schenkel, geboren 1962, lebt in der Nähe von Regensburg. Bekannt wurde sie durch den 2006 erschienenen Roman Tannöd, für den sie den Deutschen Krimi Preis erhielt. Tannöd, bislang in 20 Sprachen übersetzt, wird zur Zeit fürs Kino verfilmt.

Für ihr zweites Buch Kalteis (2007) erhielt Schenkel zum zweiten Mal in Folge den Deutschen Krimi Preis. Eine Verfilmung unter der Regie von Hark Bohm ist geplant.

Schenkels neuester Roman Bunker ist 2009 erschienen.

Ihr Anliegen ist es, keine schwarz-weißen Geschichten zu erzählen. Ihre Figuren sind weder gut noch böse. Frauenfiguren treten öfters auf; das Thema Frauenbild durchzieht das Gespräch, das Evelyn Wiesinger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Regensburg, am 30. März 2009 anlässlich des internationalen Krimifestivals Quais du Polar in Lyon mit ihr geführt hat.

Tannöd

CoverTannoed.jpgMit ihrem Erstlingswerk Tannöd, das bereits 2006 in Deutschland erschienen und bis heute mehr als eine Million Mal verkauft worden ist, hat die damals noch völlig unbekannte Andrea Maria Schenkel, die auch heute noch in einem kleinen Ort in der Nähe des bayerischen Regensburg lebt, in Deutschland "Krimi-Neuland" betreten. Denn Tannöd ist kein klassischer Krimi: Es gibt keinen Ermittler im engeren Sinne, der am Ende die heile Welt wieder herstellen könnte, was schon allein deshalb unmöglich wäre, da Schenkels Figuren nie einfach nur "gut" oder "böse" sind, sondern uns in vielen Facetten die in Jedem schlummernden Abgründe der menschlichen Seele vorführen.

Zu Beginn des Buches lässt Schenkel kurz eine Figur sprechen, die nach langer Zeit wieder in das vor Jahren einmal besuchte fiktive Dorf Tannöd fährt, angezogen von der Neugierde über ein dort stattgefundenes grausames Verbrechen. In der Folge schlüpft der Leser quasi selbst in diese Person: Der Mord an einer ganzen Bauernfamilie, der lose an ein allerdings nie aufgeklärtes reales Verbrechen in einem bayerischen Dorf in den zwanziger Jahren angelehnt ist, wird vollständig aus der Perspektive der verschiedenen Dorfbewohner in deren karger Sprache erzählt. Dieses Puzzle aus subjektiven "Zeugenberichten" lässt dem Leser den für Schenkel so wichtigen Freiraum, um dem Geschehen seinen eigenen Sinn abzugewinnen und dem Grauen nachzufühlen, das unterschwellig beständig anwesend ist, bis schließlich am Ende der Täter selbst seine Motive offenlegt.

Ganz ohne in die Klischees eines "Regionalkrimis" zu verfallen, macht gerade die Mischung aus der authentischen Beschreibung der erdrückenden Enge und Bigotterie einer Dorfgemeinschaft im ländlichen Nachkriegsbayern und der zugleich subtilen Annäherung an einen Mord, der im Prinzip überall stattgefunden haben könnte, die Faszination von Tannöd aus, die Schenkels Erstling auf Leser in der ganzen Welt ausübt.

Kalteis

CoverKalteis.jpgMacht, Gewalt, Sexualität und Trieb sind zentrale Themen in Schenkels 2007 erschienenem zweiten Roman Kalteis, den die Autorin ebenfalls eher als "schwarze Geschichte" denn als Krimi einordnet. Wiederum inspiriert von einer realen Mordserie, geht es um das fiktive Landmädchen Kathi, die im München der dreißiger Jahre ihr Glück sucht, sich aber immer mehr in Gelegenheitsprostitution und die Münchner Halbwelt verstrickt und schließlich zum ersten Opfer des brutalen Sexualverbrechers und Serienmörders Josef Kalteis wird.

Kathis und Kalteis' Geschichte wird allerdings nicht im klassischen Sinne erzählt: Obwohl der Täter von Anfang an bekannt ist, wird durch die achronologische Collage aus verschiedenen personalen Erzählperspektiven (darunter die des Täters selbst), Protokollfragmenten und Polizeiakten die Spannung bis zum unweigerlichen Aufeinandertreffen von Täter und Opfer gehalten. Anders als in Tannöd, wo das Grauen oftmals gerade vom nicht Gesagten ausgeht, schreckt Schenkel diesmal nicht davor zurück, auch die Perversionen Kalteis' in allen Details zu beschreiben.

Bunker

CoverBunker.jpgAndrea Maria Schenkels jüngstes Werk Bunker, das im Februar 2009 auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist, unterscheidet sich ganz wesentlich von seinen Vorgängern: Der Roman ist rein fiktiv, und auch die ort-zeitliche Einordnung bleibt sehr vage; lediglich ein Satz lässt die Handlung im Deutschland der frühen 1990er Jahre vermuten.

In Bunker wird eine Frau von einem Unbekannten scheinbar grundlos entführt und in einem einsamen Haus im Wald gefangengehalten. Entführte und Entführer leben tagelang auf engstem Raum und sind dabei auch Gefangene in ihren jeweiligen Gedankenwelten, in denen jeder für sich komplexe Kämpfe mit der eigenen Vergangenheit und der Frage nach der Schuld ausficht. Nicht nur in den gedanklichen Retrospektiven der beiden Protagonisten, auch in der tatsächlichen Entführungssituation, in der die Figuren zunehmend unvorhersehbarer agieren, verwischen immer mehr die Grenzen zwischen Täter und Opfer, sowie zwischen scheinbarer Normalität und Wahnsinn.

In Bunker wird abwechselnd aus der Sicht von Entführer und Entführter berichtet; die erlebte Rede wirkt dabei mitunter auch provokativ und naiv. Die Innenperspektive der beiden Protagonisten überlässt es zuletzt dem Leser selbst, sich die Frage nach Schuld und Unschuld, sowie nach den verworrenen Beziehungen zwischen Macht, Gewalt und Einsamkeit zu stellen.

Zum Hören: Andrea Maria Schenkels Interview

Schenkels Debüt, ihre Verunsicherung in der Schule, ihre Befreiung, endlich schreiben zu dürfen

Auszug 1: Schenkels Debüt, ihre Verunsicherung in der Schule, ihre Befreiung, endlich schreiben zu dürfen (Dauer 6:32)

Evelyn Wiesinger: Gut, also Frau Schenkel, erstmal Herzlich Willkommen an der Ecole Normale Supérieure und ich freue mich besonders, dass Sie heute da sind, da Sie auch aus meinem Heimatsort Regensburg kommen.   In Deutschland war ja Ihr erstes Buch Tannöd ein riesiger Erfolg und auch mit Ihrem zweiten Roman Kalteis haben Sie dann den deutschen Krimipreis gewonnen und jetzt im Februar 2009 ist eben Ihr drittes Buch, Bunker, herausgekommen und in Frankreich gerade die Übersetzung von Kalteis mit dem Titel Un tueur à Munich.  Als erste Frage erstmal, es war ja auch deswegen so eine Sensation Ihr Erfolg, weil Sie jetzt nicht so die typische Schriftstellerin(nen)-Karriere haben, sondern eigentlich eher einen ungewöhnlichen Werdegang. Vielleicht könnten Sie nochmal kurz darstellen, wie Sie dazu gekommen sind?

Andrea Maria Schenkel: Ja, wie bin ich dazu gekommen? Ich bin Leser, das ist alles, also… Ich liebe Bücher, schon solange ich überhaupt denken kann, habe ich immer gelesen, ich wollte immer schreiben und ich habe mich einfach nicht getraut. Ich habe schon als Kind kleine Geschichten verfasst, ich wollte es ganz gerne immer machen, es ist mir ein bisschen verdorben worden durch den Deutschunterricht.

Evelyn Wiesinger: Interessant.

Andrea Maria Schenkel: Ja

Evelyn Wiesinger: In welcher Weise?

Andrea Maria Schenkel: Ja, ich hatte gerade in den höheren Klassen Schwierigkeiten mit der Deutschlehrerin, und ich muss dazu sagen, ich bin Linkshänder und zu dem damaligen Zeitpunkt, als ich zur Schule gekommen bin, wurden alle Linkshänder noch umgelernt und ich war der Exot, denn ich hatte ein ärztliches Attest, dass ich nicht umlernen muss, und das war gerade für ältere Lehrer oder, ja, relativ konservative Lehrer, manchmal sehr sehr schwierig.

Evelyn Wiesinger: Hm… Das ist ja in späteren Jahren immer noch fast ein Skandal gewesen.

Andrea Maria Schenkel: Es war ein Skandal… Es hat mich zum Teil total verunsichert, denn als Linkshänder schreibt man natürlich etwas langsamer als als Rechtshänder. Und vor allen Dingen war es mir auch nicht erlaubt, die Blätter so zu halten, wie ich das auch ganz gerne wollte. Ich musste sie also halten wie ein Rechtshänder. Für einen Linkshänder ist es nicht möglich so schnell zu schreiben, wenn man es genauso halten muss wie ein Rechtshänder, und (ja, ) dadurch war ich dann langsamer, dadurch bei Diktaten sehr sehr langsam. Oft zwei, drei Sätze hinterher. Das konnte ich nicht mehr aufholen. Also du lässt dann praktisch ganze Sätze aus, das zählt natürlich alles als Fehler und dann war meine Deutschnote, wenn es nicht gerade einen Aufsatz betraf, bei Diktaten relativ schlecht, weil mir ganze Satzteile fehlten. Nicht, weil ich es nicht schreiben konnte, sondern weil es einfach von der Geschwindigkeit her nicht ging.

Evelyn Wiesinger: Und gab es irgendwann mal den Punkt, wo dann trotzdem die Freude am Schreiben wieder kam ? … Ging das dann von selbst, wo der schulische Druck weg war oder…?

Andrea Maria Schenkel: Es kam von selbst dann wieder, als der schulische Druck weg war, ja. Es hat mir dann später eigentlich viel mehr Spaß gemacht… Warum habe ich nicht veröffentlicht?  Das ist auch ganz klar, weil ich lange Zeit unter demDruck gelitten habe, dass ich glaubte, dass alles, was ich schreibe, falsch ist, also das waren nun die Auswirkungen der Schule, kann man sagen, also die Auswirkungen dieses Unterrichts, den wir hatten.

Evelyn Wiesinger: Und, das heißt, Sie haben  auch vorher schon geschrieben. Darf man wissen, was das so war?

Andrea Maria Schenkel: Es waren komischer Weise immer, ja, immer diese „Krimis“… ich finde hier die Bezeichnung „dunkle Romane“ besser, „dark novel“ glaube ich? Und das waren immer solche Dinge, die mich fasziniert haben, aber man merkt die ganze Zeit, wie groß der Einfluss und wie groß die Verunsicherung manchmal sein kann. Ich habe es also nicht gewagt, jemandem irgendetwas zu zeigen, das ich geschrieben habe.

Evelyn Wiesinger: Und wieso gerade dann bei Tannöd? Wie haben Sie die Barriere dann überwunden? War das auch so ein Stück Emanzipation, sozusagen: Ich mache jetzt was Eigenes. 

Andrea Maria Schenkel: Es war auf jeden Fall ein Stück Emanzipation und vor allen Dingen der Druck. Wenn man wirklich schreiben will, dann baut sich der Druck über Jahre hinweg auf. Der Druck wird immer größer und man weiß nicht, was man machen soll. Es ist schon fast, würde ich sagen, eine Obsession, also es ist eine Leidenschaft. Irgendwann ist der Druck dann so groß, dass man sagt: Ich muss jetzt machen, denn sonst explodiere ich, sonst halte ich das nicht mehr aus. Es muss irgendein Ventil gefunden werden und genau so war das dann.

Evelyn Wiesinger: Also das Schreiben alleine reicht dann nicht mehr, sondern man braucht einfach das Publikum sozusagen.

Andrea Maria Schenkel: Man braucht das Publikum. Man braucht das Ventil. Es war für mich am Anfang furchtbar, vor  allen Dingen die beiden ersten Bücher. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, wie schwierig das für mich war, die Manuskripte aus der Hand zu geben und einem „Fremden“ in Anführungszeichen -  beim zweiten Buch war es, Gott sei Dank, kein Fremder mehr - aber jemand anders zu zeigen, einem Lektor zu zeigen, ich habe da wirklich gedacht, die werden es sehen, um Gottes Willen… Es war unheimlich schlimm … Ich habe immer darauf geachtet, dass niemand sieht, was ich schreibe... Ich habe es gerne vorgelesen, aber bloß niemandem zeigen, was man schreibt, denn es könnte ja sein, dass ein Fehler drin ist… Es war für mich unheimlich schwierig…  und von daher kann man sagen, dass es ein riesiger Schritt nach vorne gewesen war, eine riesige Befreiung, endlich schreiben zu dürfen, zu können, und  vor allen Dingen die Überraschung festzustellen… ja, halt, deine Rechtschreibung ist ja nicht so schlecht, wie du denkst.

Schenkels Kinder und Familie, das Frauenbild in Deutschland 

Auszug 2: Schenkels Kinder und Familie, das Frauenbild in Deutschland (Dauer 5:56)

Evelyn Wiesinger:  Sie haben gesagt, Sie haben das auch immer so ein bisschen heimlich gemacht, also Ihre Familie hat das auch nicht  - nehme ich an -  ofort gelesen.

Andrea Maria Schenkel: Ja, sie hat es nicht sofort gelesen und mein großer Sohn hat es immer vorgelesen bekommen.

Evelyn Wiesinger: Wie alt sind Ihre Kinder?

Andrea Maria Schenkel: Jetzt zwischen 10, 13 und 17 - damals waren sie wesentlich kleiner, also damals ging die Kleine noch in den Kindergarten, sie war im Kindergarten, sie konnte nachmittags alleine im Garten spielen, sie musste nicht mehr ständig beaufsichtigt werden und die beiden Brüder sowieso, und das war die erste Zeit, wo ich einen richtigen Freiraum hatte um zu schreiben, und es war die erste Möglichkeit für mich zu schreiben, und ich hab die Möglichkeit wirklich beim Schopf genommen. Ja, am Anfang möchte ich sagen war ich vielleicht sogar ein bisschen belächelt, durch meinen Mann (lacht). Das hört er jetzt zwar nicht mehr gerne, aber das war so, nach dem Motto: Oh Gott, jetzt fängt sie zu schreiben an. Wie viele fangen zu schreiben an und naja …

Evelyn Wiesinger: Und jetzt hat er sich schon dran gewöhnt sozusagen, mit einer Autorin verheiratet zu sein…

Andrea Maria Schenkel: Nein, in gewisser Weise hat er sich immer noch nicht dran gewöhnt. Ich glaube auch nicht, dass man sich so schnell daran gewöhnt. Vor allen Dingenmuss man das auch ein bisschen so sehen: Mein Mann ist Arzt, und ich weiß nicht, wie das in Frankreich ist, aber in Deutschland ist es doch immer noch so, obwohl natürlich der Stellenwert nicht mehr ganz so hoch ist, wie er früher mal war, aber bereits während des Studiums, während der Ausbildung an den Krankenhäusern, ich würde es mal so sagen: Ärzte sind es gewohnt, keinen Widerspruch zu haben. Ärzte sind es gewohnt, das was sie sagen, ist richtig und es wird eigentlich nicht widersprochen. Und das überträgt sich natürlich auch ein bisschen ins Private.

Evelyn Wiesinger: Das ist auch interessant, dass wir darauf kommen, weil ich finde, dass es in Deutschland noch viel häufiger ist, dass die Frauen auch längere Zeit daheimbleiben…

Andrea Maria Schenkel: Ja.

Evelyn Wiesinger: … und in Frankreich ist es ja auch durch die anderen Betreuungsmöglichkeiten einfach so, dass die Frauen viel schneller wieder in den Beruf einsteigen und ich glaube, das ist auch für viele Franzosen eigentlich überraschend, dass das jetzt jemandem schwerfallen kann, so einen eigenen beruflichen Einstieg wieder zu schaffen, weil es in Deutschland lang nicht so selbstverständlich ist.

Andrea Maria Schenkel: Nein, in Deutschland ist es überhaupt nicht selbstverständlich, vor allen Dingen nicht in dem Bereich in Deutschland, in dem ich lebe: in Bayern. Sie wissen es ja aus eigener Erfahrung, es ist, - gut Sie haben noch keine Kinder aber trotzdem -  es ist normal zu Hause zu sein. Wenn ich sagen würde, ich fange nach drei Monaten wieder zu arbeiten an, dann schauen mich die Leute an und sagen um Gottes Willen, das ist eine Rabenmutter. Was macht diese Frau – sie lässt ihre Kinder alleine. Es ist sogar so: meine Kinder sind jetzt relativ groß. Ich höre immer wieder von deutschen Journalisten: Was machen Sie eigentlich mit Ihren Kindern? Also diese Frage: Was machen Sie mit Ihren Kindern? Mich regt die Frage mittlerweile wahnsinnig auf, denn ich glaube, dass Männer auch Kinder haben, aber das ist selbstverständlich, sie haben eine Frau, die zuhause auf die Kinder aufpasst. In Deutschland ist das Bild immer noch so: man kann es dem Mann eigentlich nicht zumuten, die Wäsche zu waschen, zu bügeln, den Haushalt zu versorgen, während die Frau ihrem Beruf nachgeht. Es ist mehr selbstverständlich, dass Männer ihrem Beruf nachgehen und sich die Familie der Karriere des Mannes unterordnet, als dass das möglich ist, dass Frauen ihrem Beruf nachgehen oder dem nachgehen, was sie gerne machen, und sich dann der Mann mit der Familie dieser Karriere unterordnet. Also wir haben ein sehr, sehr traditionelles Bild. Ich habe mal gehört von jemandem, der längere Zeit in Frankreich gelebt hat, sie hat mir gesagt: Hier sind ihre Kinder zur Schule gegangen und als sie zur Schule hochging und fragte, wie ist denn der Leistungsstand oder so, dann wurde sie mehr oder weniger so barsch von den Lehrern zurückgewiesen: Passen Sie mal auf, wir sagen Ihnen das schon. Es ist alles in Ordnung und solange Sie nichts hören, brauchen Sie hier eigentlich gar nicht auftauchen, und in Deutschland ist es genau das Gegenteil. Wenn jemand nicht so ungefähr alle 14 Tage bei den Lehrern vorbeischaut, dann sind es automatisch Rabeneltern, die nicht am Fortkommen ihrer Kinder interessiert sind, es sind Eltern, die sich nicht für die schulische Laufbahn der Kinder interessieren, also es ist absolut das Gegenteil.

Evelyn Wiesinger: Ja, die Unterschiede sind wirklich frappierend...und Haben Sie denn eigentlich Bedenken gehabt, solche Bücher, die ja doch auch ziemlich brutal sind, Ihre Kinder lesen zu lassen oder vorzulesen. Sie haben ja gesagt, dem Älteren…

Andrea Maria Schenkel: Also ja, der Ältere hat das erste Buch gelesen und das zweite war ihm dann zu heftig, das hat er nicht mehr gelesen, und das dritte, weiß ich jetzt gar nicht, ob er das gelesen hat. Aber das erste habe ich ihm vorgelesen, und es gibt ja die Stelle mit dem Inzest, das war natürlich schwierig. Ich hab’s ihm trotzdem vorgelesen und er hat dann zu mir gesagt: „Ohh, ist das eklig! Das kannst du nicht schreiben.“ und dann hab ich gesagt: „Gut, wenn du sagst, es ist eklig und ich kann es nicht schreiben, dann kann ich es schreiben, dann ist es gut.“ 

Schenkels kleine dunkle Geschichten, der Unterschied zum traditionellen Krimi, ihre literarischen Vorbilder

Auszug 3: Schenkels kleine dunkle Geschichten, der Unterschied zum traditionellen Krimi, ihre literarischen Vorbilder (Dauer 10:19)

Evelyn Wiesinger: Ja, Sie haben ja selber schon so angesprochen: welches Genre ist das Ganze? So manche nennen es „Krimi“, Sie selber haben oft schon gesagt, dass Sie sich jetzt nicht so als die typische Krimiautorin sehen. Trotzdem waren Sie jetzt in Lyon auf diesem Internationalkrimifestival eingeladen und eigentlich auch die einzige deutsche Autorin, die da war. Was glauben Sie denn? Warum hat man Sie eingeladen? Warum gerade Sie?

Andrea Maria Schenkel: Keine Ahnung, warum gerade mich. Ich denke mal, ich bin höchst wahrscheinlich eine der wenigen Autoren, die in Frankreich veröffentlicht sind, das ist vielleicht der Grund und vielleicht auch, weil meine Bücher eben nicht unbedingt einzuordnen sind in die Kategorie „Krimi“, sondern wie gesagt mit dem Begriff „nouvelle noire“, auch wenn es diesen Begriff in Deutschland nicht gibt, aber ich glaube, sie werden damit einfach doch besser beschrieben. Also, es sind dunkle Geschichten, es sind literarische Krimis, wenn man so will, wobei… „kleine dunkle Geschichten“ wäre mir fast lieber.

 Evelyn Wiesinger: Was ist denn für Sie der Hauptunterschied vom klassischen Krimi oder worin unterscheiden Sie sich dann?

Andrea Maria Schenkel: Ein klassischer Krimi ist meiner Meinung nach immer noch ein [englischer Begriff]. Man hat am Anfang das totale Chaos und dann hat man jemanden, der einen bei der Hand nimmt, der einem den richtigen Weg zeigt, da ist ein Ermittler, egal in welcher Form, ob als Detektiv als Kommissar, als ich weiß nicht was. Es kann eine alte strickende Dame wie bei Agatha Christie sein oder es kann jemand sein, der durch Zufall in die Geschichte hineinstolpert und einen dann bei der Hand nimmt; aber es ist jemand, der ermittelt, der Fragen stellt und am Ende alles aufklärt und am Ende ist die Welt wieder heil, also, ein klassischer Krimi ist auch eine sehr stark schwarz-weiß orientierte Geschichte. Es ist sehr klar, wir haben auf der einen Seite die Schwarzen, die Bösen und auf der anderen Seite die Guten, die Weißen. Es ist also die Geschichte des Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß. Und meine Geschichten sind nicht schwarz und weiß, denn ich glaube, dass die Realität, das normale Leben, nicht schwarz und weiß ist.  Also wir haben unheimlich viel Grau-Stufen dazwischen und ich glaube nicht, dass jemand nur böse ist und ich glaube auch nicht, dass jemand nur gut ist. Selbst die Guten haben ihre schwarzen Seiten und die Bösen ihre weißen, und es interessiert mich viel mehr, warum bei einem diese Seite stärker zu Tage tritt  und beim anderen diese. Ich glaube auch nicht, dass ich unbedingt weiß, warum Menschen so handeln wie sie handeln, aber ich versuche immer einen kleinen Ausschnitt im Leben dieser Menschen zu behandeln und zu zeigen, was innerhalb dieses kurzen Zeitraums passiert. Das ist das, was mich mehr interessiert.

Evelyn Wiesinger: Und haben Sie jetzt auch so wirklich konkrete literarische Vorbilder, wo Sie sagen: „Das hat mich inspiriert“ oder auch thematisch…?

Andrea Maria Schenkel: Es gibt natürlich viele literarische Vorbilder, die mich interessiert haben, die ich gerne gelesen habe. Ich kann jetzt nicht sagen, dieser oder jener ausschließlich, aber wie jeder habe ich natürlich meine Vorlieben. Manchmal sind es auch bloß Bilder, manchmal sind es auch bloß Erinnerungen an ganz bestimmte Dinge, zum Beispiel Homo Faber von Max Frisch. Am meisten denke ich da an die Szene zurück, als die Hauptfigur irgendwo in Mittelamerika in dieser Hängematte liegt. Wie er beschreibt … Er beschreibt dann die Hitze, den Staub, den Dreck um ihn herum und in dem Moment spürt man die Hitze. Man spürt den Staub. Man merkt, wie die Haut selbst…, obwohl man zuhause im Wohnzimmer sitzt und es womöglich Winter ist, aber trotzdem, man spürt die Hitze, man hört die Fliegen, man spürt den Staub überall, man hat den Staub plötzlich zwischen den Zähnen, den Dreck… Also, man fühlt sich genauso und das sind natürlich literarische Vorbilder, das ist vollkommen klar. Oder wenn ich an Edgar Allan Poe denke, mit dem Herz unter den Dielenbrettern… es ist eine wunderschöne Geschichte, es ist ein wunderschönes Bild. Es sind mehr diese Bilder, die man im Kopf hat. Ich glaube vor allen Dingen auch, ohne den Film wären die Bücher in der Art und Weise, wie ich sie schreibe, nicht möglich, denn ich schreibe ja multiperspektivisch, also mit verschiedenen Ebenen, und die Art und Weise, wie ich schreibe, erinnert, glaube ich, zum Teil eben an Filme. Es sind Ausschnitte, die genau beschrieben werden und dann zusammengesetzt werden.

Evelyn Wiesinger: Ja, genau. Also, es ist ja auch so, als zum ersten Mal diese Techniken im Roman eingesetzt wurden - zum Beispiel Berlin Alexanderplatz ist ja auch so eine Art Montage - das wurde auch wirklich von Filmen inspiriert.

Andrea Maria Schenkel: Ja, ganz genau. Wir haben da Alfred Döblin. Ichlese momentan gerade Die drei Sprünge des Wang-lun, ich bin allerdings noch nicht allzu weit, aber trotzdem … Man könnte sagen, es ist ein altes Buch, aber es ist unheimlich modern in der Art und Weise, wie es geschrieben wird. Er beschäftigt sich mit der Ästhetik des Hässlichen und das ist angeblich das einzige wirklich expressive Buch, das jemals veröffentlicht wurde. Und es ist zum Teil schwierig zu  lesen, aber es ist für mich unheimlich interessant, denn ich kann aus solchen Büchern unheimlich viel lernen.  Ich denke, es ist natürlich auch eine gewisse Vorliebe, die man da hat. Auch in der Malerei tendiere ich mehr zum Expressionismus. Es sind ganz bestimmte Bilder, die einen geprägt haben und die sich natürlich wiederum in der Art und Weise, wie man schreibt, wie man Geschichten erzählt, widerspiegeln. Das ist ganz klar.

Evelyn Wiesinger: Ja, die Technik, in der Sie schreiben, könnte man ja auch Collage-, Montagetechnik nennen.Wie kommt denn jetzt sowas zustande? Schreibt man sozusagen erst die zusammengehörigen Teile, zum Beispiel gibt es ja immer wieder Ausschnitte aus Verhörprotokollen, also scheinbar dokumentarisches Material, und wie stellt sich so was zusammen?

Andrea Maria Schenkel: Ja, es ist tatsächlich so, ich weiß zwar am Anfang, wie ich es gestalten möchte, aber ich teile es natürlich auf. Es ist viel einfacher, die Verhörprotokolle in Kalteis in einem Stück zu schreiben, also über einen Zeitrahmen zu schreiben, weil man dann in dieser Stimmung drin bleibt, als das Buch von der ersten Seite bis zur letzten Seite, also in der linearen Reihenfolge, zu schreiben. Ich weiß zwar, wann ich es reinsetzen will und ich weiß auch wo, aber es ist trotzdem so, dass ich mir das aufteile. Das ist ganz klar. Das ist auch gerade bei Kalteis… Ich habe das so fantastisch gefunden, weil viele gesagt haben, da sind ja diese Vernehmungsprotokolle drin, es sind einfach nur die Vernehmungsprotokolle drin. Das witzige daran ist das: diese Vernehmungsprotokolle sind nicht authentisch. Also, sie sind reine Fiktion, und gerade das deutsche Publikum hat danach häufig geglaubt, die Ablehnung des Gnadengesuches am Anfang sei real: Es ist die Ablehnung des Gnadengesuches. Das stimmt nicht. Es ist komplette Fiktion. Die Ablehnung des Gnadengesuches waren zwei dürre Sätze: „Gnadengesuch wird abgelehnt. Exekution ist zu vollziehen“. Warum auch sollte irgendeine Behörde in Berlin für einen Schwerverbrecher in München eine längere Begründung des Gnadengesuches, also der Ablehnung des Gnadengesuches, schreiben? Es war für sie nicht notwendig, also es war schon sehr, sehr viel, überhaupt zwei Sätze zu schreiben. Das ist natürlich für ein Buch zu wenig. Deshalb ist es ja  reine Fiktion. Was mir so unheimlich gut gefallen hat, ist, dass mir sogar zum Teil Rechtsanwälte und Richter drauf hereingefallen sind und wissen wollten: „Ist es echt?“ Und ich habe dann gesagt: „Nein! Das ist nicht echt. Das ist Fiktion“. Genau das ist Fiktion …. Es macht auch unheimlich viel Spaß, dieses Spiel mit Realität und Fiktion. Ja, also mir macht es unheimlich viel Spaß zu schreiben, mir hat es bei Kalteis sehr viel Spaß gemacht, da hin und her zu wandeln. Es war eine Herausforderung dieses Buches.

Die Gewalt gegen Frauen als Hauptthema, das Frauenbild in Deutschland, biographische Elemente und wahre Begebenheiten 

Auszug 4: die Gewalt gegen Frauen als Hauptthema, das Frauenbild in Deutschland, biographische Elemente und wahre Begebenheiten (Dauer 18:45)

Evelyn Wiesinger: Ja wir haben uns über den Schreibstil unterhalten, jetzt werden wir mal zu den Themen gehen. Was würden Sie sagen, wenn Sie alle drei Werke zusammen nehmen, gibt es da irgendwie einen thematischen roten Faden, so zentrale Themen, die auch immer wieder vorkommen und die Ihnen wichtig sind?

Andrea Maria Schenkel: Es geht in allen drei Dingen eigentlich immer um Gewalt, hauptsächlich Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, und das ist natürlich für mich schon ein zentrales Thema. Das ist natürlich etwas, das mich beschäftigt. Ich spüre, je älter ich werde, desto sensibler werde ich dieses Thema betreffend. Ich weiß nicht, wie das in Frankreich ist, aber ich finde immer noch in unserer Gesellschaft drüben in Deutschland, gerade in Bayern ist dieses traditionelle Frauenbild immer noch sehr sehr wach, sehr aktuell. Manchmal habe ich das Gefühl, wir werden wieder zurückgedrängt. Also wir werden wieder zurückgeschoben in unsere Positionen „Kirche, Kinder, Küche“. Das macht mich unheimlich wütend, das macht mich unheimlich ärgerlich, denn ich finde, Frauen haben das Recht, ihr Leben so zu leben, wie sie es gerne leben möchten, unabhängig davon, gleichgültig, ob sie Kinder haben oder nicht.

Evelyn Wiesinger: Was glauben Sie, was drängt uns wieder zurück? Oder warum ist es so, dass es wieder eher rückwärts geht?

Andrea Maria Schenkel: Ich denke, es sind ganz bestimmte Wellen innerhalb der Gesellschaft  oder Moden, die immer wieder auftauchen.Momentan, wenn ich mir manchmal irgendwelche Fernsehserien, Fernsehbilder anschaue, darin kommt dann vor, dass sich Frauen eigentlich hauptsächlich durchs Muttersein definieren sollten. Dann macht mich das wütend. Ich kann nicht mal genau sagen, warum es mich so wütend macht. Es macht mich einfach wütend, weil ich finde, es beschränkt mich, es schränkt mich ein. Es reduziert mich auf ein ganz bestimmtes Bild, das von mir dann nur noch vorhanden ist. Ich bin aber dieses Bild nicht. Mir fällt es vor allen Dingen gerade auch an Frauen meiner Generation auf. Ich bin jetzt 47 und wenn ich mir meine Freundinnen anschaue, die alle in dem gleichen Alter sind, deren Kinder zum Teil jetzt auf dem Sprung ins Erwachsenenleben sind, wie sie versuchen, sich neu zu definieren, ihren  Standpunkt neu zu finden und sehr häufig dann von ihren eigenen Männern daran gehindert werden, dann. macht mich das auch unheimlich wütend. Ich merke dann, wie weit wir eigentlich von der Gleichberechtigung entfernt sind. Also zumindest in Deutschland. Ich weiß nicht, wie es in Frankreich ist. Aber in Deutschland ist es ein unheimlich weiter Weg, ein unheimlich langer Weg. Wie gesagt, es taucht immer wieder die Frage auf: „Was machen Sie mit Ihren Kindern?“. Kein Mann wird gefragt: „Was machen Sie mit Ihren Kindern?“. Es wird vorausgesetzt, ich habe eine Frau, die meine Kinder versorgt. Ich bin manchmal furchtbar neidisch auf männliche Autoren. Sie haben die Möglichkeiten, irgendwelche Stipendien anzunehmen, sich weiter zu bilden, sich fortzubilden, in andere Städte zu gehen, dort für eine Zeit zu leben, zu arbeiten. Es ist überhaupt kein Problem, denn es ist anerkannt in unserer Gesellschaft, dass ein Mann, auch wenn er Kinder hat, in eine andere Stadt gehen kann, um sich für seinen Beruf weiter zu bilden. Bei mir ist es so, wenn ich die Möglichkeit bekomme, dann heißt es: „Halt! Sie haben Kinder. Was machen Sie eigentlich mit den Kindern?“

Evelyn Wiesinger: Ja. Das kann ich mir schon vorstellen, dass das in Deutschland eine typische Frage ist.

Andrea Maria Schenkel: Man wird dann wiederum auf die traditionelle Rolle festgelegt, und du bist schlecht, wenn du dich nicht um die Kinder kümmerst. Ich sehe das auch in der Art und Weise, wie ich erzogen wurde. Also meine Mutter fragt nicht nach dem Erfolg der Bücher. Das ist eine winzige Frage, die wird sofort abgehackt und dann heißt es: „Und ist alles in Ordnung zuhause? Und bist du mit der Wäsche auf dem Laufenden? Und ist das Haus geputzt? Hast du die Fenster schon gemacht? Ist es alles erledigt? Sind die Kinder gut in der Schule? Was? Sie haben eine schlechte Note geschrieben? Ja, da bist doch du verantwortlich! Du musst schauen, dass sie lernen. Du bist derjenige, der für ihr Wohl verantwortlich ist. Wie gesagt, das ist diese traditionelle Rolle und die macht mich unheimlich wütend.   

Evelyn Wiesinger: Ja, also, Gewalt gegen Frauen ist ein wichtiges Thema, überhaupt eben Gewalt, Sexualität, also wirklich schockierende Dinge, über die Sie schreiben. Jetzt könnte man sagen, Sie leben ja praktisch in einer bayerischen Idylle…

Andrea Maria Schenkel: Warum schreibt sie nicht über bayerische Idylle? Aber ich denke mal, das ist überall so…

Evelyn Wiesinger: … Ja, wie kommt es dann, haben Sie schon immer über solche Themen geschrieben, über Brutalität, über Sexualität, Gewalt, war das schon immer so ein latentes Thema in all ihren Dingen?

Andrea Maria Schenkel: Ich denke schon, dass es immer ein latentes Thema war. Vor allen Dingen, solange ich mich zurück erinnern kann, hat mich dieses „Beschränktsein“ auf eine Mutterrolle in der Gesellschaft immer wahnsinnig geärgert. Ich habe innerlich immer rebelliert. Ich habe es nicht festmachen können. Ich habe aber dann später auch den Weg eingeschlagen. Ich liebe meine Kinder. Ich bin gerne Mutter. Ich liebe es, sie um mich zu haben, aber ich bin auch so, dass ich sie gerne loslassen möchte, dass ich sie gerne zu Menschen erziehe, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen und nicht unbedingt glauben, sie sind für mich dann verantwortlich. Das ist auch bei Texten so: Das führt jetzt weiter, denn manche Autoren schauen auf ihre Texte wie Kinder, manche Autoren sind unheimlich stark auf den Text fixiert und dass der Text auch wirklich wortgetreu und werkgetreu übertragen wird. Damit habe ich kein Problem. Es ist für mich viel viel interessanter, was mit dem Text passiert. Welche Bilder, welche Assoziationen entstehen. Wie entwickelt sich der Text weiter? Wie setzt ein anderer den Text um? Wenn ich etwas schreibe, habe ich meine eigenen Bilder, die auf meinen Erfahrungen beruhen, und ich beschreibe bewusst nicht alles. Ich lasse bewusst Lücken.

Evelyn Wiesinger: Das heißt bei Adaptionen, es gibt ja jetzt eine Hörspielfassung, es gibt eine Theaterversion. Es soll ja auch ein Film im Dezember, glaub ich, rauskommen…

Andrea Maria Schenkel: Im November, ja.

Evelyn Wiesinger: Genau. Das heißt, das ist so etwas, wo Sie wirklich loslassen können. Sie lassen da andere Leute mit Ihrem Werk wirklich…

Andrea Maria Schenkel: … spielen und arbeiten. Das ist interessant für mich zu sehen, was dabei raus kommt. Das ist interessant für mich, auf Lesereise zu gehen und mit dem Publikum zu sprechen. Gut, Tannöd, ist wesentlich populärer in Deutschland als Kalteis, aber für mich ist Kalteis eigentlich das interessantere Buch, weil die Reaktionen aufs Buch wesentlich intensiver waren. Ich habe festgestellt, dass sehr sehr viele Männer mit der Art und Weise, wie Sexualität in dem Buch dargestellt wird und vor allen Dingen Sexualität und Gewalt in dem Buch dargestellt werden, dass sie nicht damit zurechtkamen, dass es bei ihnen zum Teil Unwohlsein, Ängste hervorgerufen hat, es sie stark verunsichert hat – weil sie glaubten, dass eine ganz bestimmte Art von Sexualität normal ist und vielleicht auch für ihre Partnerin angenehm ist, und sie zum ersten Mal damit konfrontiert waren, nachzudenken: Ist alles eigentlich immer so optimal, wie ich es mir vorstelle, oder ja, ist es tatsächlich so? Es war für manche Leser, vor allen Dingen männliche Leser einfach unangenehm. Genau die Gegenreaktion von weiblichen Lesern, die dann zu mir gesagt haben: „Die Art und Weise, wie Sie es dargestellt haben... Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie es so dargestellt haben. Es ist zum ersten mal so, dass Sexualität und Gewalt so dargestellt wird.

Evelyn Wiesinger: Ja, das ist interessant, dass man wirklich sozusagen eine männliche und weibliche Reaktion unterscheiden kann.

Andrea Maria Schenkel: Ja. Und von daher war für mich also Kalteis eigentlich ein interessanteres Buch.

Evelyn Wiesinger: Dann gibt es so im Weitesten auch autobiographische Elemente. Also bei den ersten beiden Büchern liegt es ja nahe, weil Sie auch aus Bayern kommen. Mir sind aber auch Sachen aufgefallen, zum Beispiel gibt es sowohl in Tannöd als auch in Kalteis eben den kleinen nervigen Bruder, auf den man immer aufpassen muss und die große Schwester hat eigentlich keine Lust. Sind sowas Bilder, die irgendwoher kommen oder steckt da auch ein bisschen eigenes Erleben drin?

Andrea Maria Schenkel: Ja, er taucht in Bunker auf und er taucht in Tannöd auf.

Evelyn Wiesinger: Ach ja, genau! Nicht in Kalteis.

Andrea Maria Schenkel: Ich habe keinen Bruder. Ich weiß, dass es diesen kleinen nervigen Bruder gibt, auf den man aufpassen muss. Ich weiß es nicht... ich bin die kleine Schwester und ich war höchst wahrscheinlich für meine Schwester manchmal eine ziemlich nervige kleine Schwester, auf die sie aufpassen musste. Bewusst habe ich das allerdings nicht eingesetzt. Also, wenn dann vielleicht im Unterbewusstsein. Ich denke mal, dass sehr viele Dinge natürlich aus dem Unterbewusstsein in einen Text mit einfließen, das ist ganz klar, denn der Text löst sich natürlich nicht vollkommen von meiner eigenen Person, wobei ich allerdings sagen muss, dass viele Dinge, mit denen ich mich in den Büchern beschäftige, nicht unbedingt irgendetwas mit mir selbst zu tun haben.

Evelyn Wiesinger: Das fragt man sich ja auch: Wie kann man sich solche Szenen ausdenken? Wie kann man sich jetzt zum Beispiel in so einen Serienmörder und Vergewaltiger hineindenken? Es ist ja wirklich seinem Gedankenstrom, dem Sie folgen. Wenn man es selber, ich meine, wenn man das kaum jemals erlebt hat... Wie kann es dann so real werden?

Andrea Maria Schenkel: Ich glaube nicht einmal, dass es so schwierig ist. Natürlich, man beschäftigt sich vorher mit dem Thema Serienmörder. Man liest alles Mögliche. Ich habe alles Mögliche gelesen, was mit dem Thema zu tun hatte. Ich habe mich natürlich auch die Unterlagen angeschaut, die zur Verfügung gestanden sind. Dann ist es nicht einmal so schwer, sich in die Person hineinzuversetzen. Es ist das Glück, das Schriftsteller haben, dass sie sich jederzeit in andere Personen hineinversetzen dürfen, hineinversetzen können, andere Leben leben. Es hat was Schizophrenes. Wenn man sich der Figur nähert, die erzählt einem dann von sich aus. Also die Figur fängt an sich zu öffnen und erzählt einem dann von sich aus. Ich mit meiner eigenen Persönlichkeit trete zurück. Es hat etwas Schizophrenes: die Figur selbst übernimmt dann sozusagen – also, wenn es eine gute, wenn es eine starke Figur ist – die Federführung und erzählt mir, gibt mir den Weg vor, den ich zu gehen habe. Bei Kalteis war ich hinterher zum Teil erschrocken, wie nah ich an der Person dran war, denn ich habe eigentlich immer geglaubt, er ist auf einer gewissen Distanz. Ich habe manchmal während des Schreibens Angst gehabt, dass ich immer noch zu distanziert bin und dann später… Ich muss anders anfangen. An irgendeinem Punkt wollte ich unbedingt diese Schlachtszene im Buch haben.

Evelyn Wiesinger: Wo er eben über seine Arbeit spricht…

Andrea Maria Schenkel: Genau. Ich habe nicht gewusst, warum. Ich habe wirklich nicht gewusst, warum ich das haben wollte. Aber ich wollte es. Ich habe gewusst, ich brauche diese Szene an dieser Stelle. Ich bin dann zu unseren Nachbarn rüber, die noch bis vor drei Jahren Hausschlachtungen gemacht haben, und habe es mir erklären lassen, wie das damals war, wie das in den 30er Jahren gemacht wurde, denn damals gab es diese Bolzenschussapparate noch nicht, und habe mir genau erklären lassen, wie das funktioniert und so. Später, bei einer meiner ersten Lesungen war ein Kriminalpsychologe, Kriminalbiologe, also jemand, der sich auf jeden Fall mit Serienmördern und solchen Tätern und solchen Verbrechen beruflich auseinandersetzt, da und er hat mir dann etwas erzählt, das mich dann eigentlich schockiert hat und zwar, er hat zu mir gesagt, dass Täter vom Typus Joseph Kalteis Schlachtfantasien haben. Dass sie die Dinge sehr häufig zuerst an Tieren ausprobieren, ehe sie dann sich das erste Mal an ihren richtigen Opfern ausprobieren. Das hat mich eigentlich schockiert, denn in dem Moment habe ich gewusst, ich war doch relativ nah an der Figur dran.  Ich bin ihm vielleicht doch näher gekommen, oder er war mir näher, als ich es für möglich gehalten habe. Und das war dann eigentlich sehr schockierend, in dem Augenblick. 

Evelyn Wiesinger: Tannöd und Kalteis beruhen ja eben auf wahren Begebenheiten, und war das dann eher so, dass Sie sozusagen auf der Suche nach so einer Thematik waren? Weil Sie auch sagen, das interessiert Sie einfach diese Gewaltverbrechen oder ist es so, dass Sie dem erst zufällig begegnet sind und dann gesagt haben…

Andrea Maria Schenkel: Es ist natürlich so, es kommt nicht aus heiterem Himmel. Mich interessieren solche Fälle schon immer. Das hat angefangen damit, dass ich als kleines Kind meiner Großmutter immer zugehört habe, wenn sie mir irgendwelche Geschichte erzählt hat, zum Beispiel eben über den Fall in Hinterkaifeck oder über den Räuber Kneißl, der ja in Bayern ein Mythos ist, und es gibt ja mehrere… Momentan hab ich ein Blackout, jetzt fällt mir der Name nicht ein… Es gibt mehrere dieser Räuberbanden oder dieser Mordtaten, die in Bayern recht populär waren. Es gibt zum Beispiel auch einen Fall in Regensburg. Man weiß nicht genau warum, aber er hat damals Vater und Mutter erschlagen, eben vermutlich, weil die Eltern nicht einverstanden waren, dass er ein evangelisches Mädchen geheiratet hat. Ob es stimmt oder nicht, oder ob derjenige vielleicht auch psychisch krank war, ich weiß es nicht, aber diese Geschichten haben mich schon als Kind fasziniert. Oder wenn wir spazieren gegangen sind, Sie kennen ja vielleicht den „Drei-Bäumerl-Berg“ in Königswiesen und das alte Gut war noch da, ich glaub nicht, Sie können sich noch dran erinnern…

Evelyn Wiesinger: Ich habe auch in Königswiesen gewohnt.

Andrea Maria Schenkel: Aber vorher war da das alte Gut, also wie ich noch ganz klein war, da war ich vielleicht so sechs Jahre alt, war noch das alte Gut dort, da konnte man noch vorbeigehen und die Scheunen waren zu Teil verlassen dann…. Da gab es so eine Kleingartenanlage und im Sommer sind wir dann oft… Da haben wir so Radtouren und Spaziergänge oder zum Gruber  rüber gemacht, über die Donau dann, und da muss man an Königswiesen vorbei. Wenn mir dann meine Großmutter oder meine Mutter erzählt hat, dass da angeblich einmal ein Knecht umgebracht worden ist oder auf dem „Drei-Bäumerl-Berg“ eben jemand ermordet wurde, dann hat es mich fasziniert, dann hat es mich nicht losgelassen. Ich habe mir dann immer in meiner Fantasie das ausgemalt. Ich habe schon immer diesen Hang zu diesen dunklen Geschichten gehabt.

Evelyn Wiesinger: Ok.

Andrea Maria Schenkel: Und später hab ich mir dann Literatur darüber gekauft, über irgendwelche Mordfälle, Sachbücher darüber, sodass eine Freundin einmal, die zu mir zu Besuch gekommen ist, zum Abendessen, gesagt hat, sie weiß nicht, ob sie jetzt das Abendessen essen soll, wenn sie einen Blick auf meine Bücher hat, dann findet sie das doch etwas seltsam.

Evelyn Wiesinger: Also es war nicht ganz Zufall, dass Sie eben gerade auf diese Themen gestoßen sind.

Andrea Maria Schenkel: Es ist bestimmt kein Zufall.

Das neueste Buch Bunker 

Auszug 5: das neueste Buch Bunker (Dauer 14:35)

Evelyn Wiesinger: Gut, dann gehen wir jetzt mal zu ihrem neuesten Buch, Bunker. Also das unterscheidet sich in vielen Punkten ganz wesentlich von den ersten beiden. Zum Beispiel, es steckt eigentlich kein Lokalkolorit drin. Also man kann es so gar nicht verordnen, zu einer bestimmten Region, die Sprache ist auch neutral. Wir haben keinen Dialekteinfluss und insgesamt steckt eigentlich keine Milieustudie drin, wie wir sie bei Tannöd und bei Kalteis eigentlich schon haben. Wieso haben Sie da sozusagen die bewährten Pfade, die in Tannöd und Kalteis ganz gut angekommen sind, erstmal verlassen? Warum haben Sie gesagt: „Jetzt mache ich etwas Anderes“?

Andrea Maria Schenkel: Das war ganz bewusst. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, und zwar, weil ich einfach nicht festgelegt werden wollte auf dieses „Ja, sie schreibt immer im bayerischen Milieu und sie schreibt immer in einer Art von Dialekt, obwohl es eigentlich kein Dialekt ist. Es war ein ganz bewusster Bruch. Bei beiden vorangegangenen Büchern haben mir die Leser ja immer gesagt, es entsteht ein Sog beim Lesen. Man hat den Eindruck, ins Buch reingezogen zu werden. Ich wollte ausprobieren, ob es auch möglich ist, wenn man den Dialekt oder diesen Lokalkolorit weglässt, ob es auch dann möglich ist. Ich glaube, es ist möglich. Viele, die es gelesen haben, haben mir mal bestätigt, dass es möglich ist. Es entsteht wiederum dieser Sog und das war für mich das Interessante. Genauso, wie ich es meide, - man kann sagen wie der Teufel das Weihwasser - einen Detektiv drin zu haben, um nicht festgelegt zu werden, war es für mich unheimlich wichtig in Bunker, eine andere Sprache zu verwenden. Was nicht unbedingt heißen will, dass ich es im nächsten Buch wieder so machen werde. […] Es war eigentlich schon fast eine gewisse Rebellion, zu sagen: „Ich möchte etwas anders machen“.

Evelyn Wiesinger: War es dann schwer auch diese ganz andere Art von Sprache zu finden? Also das ist ja auch eine andere Perspektive. Es sind immer ein Ich-Erzähler, so verschieden die beiden Ebenen Täter/Opfer, die dann auch wieder die Rollen tauschen. War das denn schwer? Also die Sprache ist wirklich ganz anders, „modern“, würde ich sagen, wir haben auch Fäkalsprache. Es ist ganz direkt. War das denn schwer, sich erstmal loszulösen von der doch ganz anderen Sprache in den ersten beiden Werken?

Andrea Maria Schenkel: Nein, an und für sich war es eigentlich nicht schwer. Es ist ja so, Bunker spielt in den 90er und der Dialekt und die Art und Weise, wie in Bayern gesprochen wird, hat sich sehr stark verändert zu den 30er, zu den 50er. Ich möchte sogar sagen, wenn ich an meine Großmutter denke oder wenn ich an die bayerische Sprache auch noch in den 70er Jahren denke, dann war sie vollkommen anders, als sie jetzt ist. Dadurch, dass das Buch in den 90er spielt, hätte ich es eher als ausgesetzt betrachtet, Dialekt zu verwenden, denn in Bayern wird so gut wie kein Dialekt mehr gesprochen.

Evelyn Wiesinger: Na ja…

Andrea Maria Schenkel: Teilweise. Nicht mehr so stark. Am Land, ja. Am Land, ja.

Evelyn Wiesinger: Ja, am Land schon.

Frau Schenkel: Wenn man sich das so anschaut, wie schwierig es war in München, ein Kind zu finden, das Dialekt spricht, für die Hörspielaufnahmen...

Evelyn Wiesinger: Also ich denke, München ist wirklich so ein besonderer Fall… 

Andrea Maria Schenkel: Ja, München ist eine Ausnahme, ja…

Evelyn Wiesinger: Wenn man so in der Oberpfalz, aufs Land geht...

Andrea Maria Schenkel: Ja, Oberpfalz, ländliche Regionen, ländliche Regionen, ja. Da stimme ich ja dazu. In den Städten sieht es anders aus.

Evelyn Wiesinger: Ja, das ist klar, ja.

Andrea Maria Schenkel: Und von daher war es eigentlich für mich naheliegend, das einmal ohne Dialekt auszuprobieren. Vielleicht ein bisschen um zu zeigen: "Sie kann auch schreiben ohne Dialekt". Denn in Deutschland ist es ja so, da war ich so ein bisschen in der Ecke die schreibende Hausfrau vom Land. 

Evelyn Wiesinger: Und es kam ja auch oft dieses Attribut "Regionalkrimi", was ja auch von jedem Autor irgendwie gemieden...

Andrea Maria Schenkel: ...gemieden wird, ja, genau ! Es ist ja furchtbar, „Regionalkrimi“, und von daher war das für mich natürlich interessant, einmal etwas anderes zu machen. Auch das ich immer so viele Figuren drin habe. Dass ich es jetzt auf zwei Figuren reduziert habe, war für mich interessant. Das ist vielleicht auch so, die Art und Weise, wie ich meine Bücher sehe: Ich versuche mit jedem Buch, mit jedem Text, den ich mache, einen Schritt weiter zu kommen, etwas dazu zu lernen. Ich sehe mich jetzt nicht so, dass das perfekt ist, was ich mache, sondern ich versuche zu lernen. In gewisser Weise sind meine Leser auch Tester, denn sie müssen sich mit einem Werk auseinandersetzen, das nicht von jemandem geschrieben wird, der glaubt, dass er perfekt ist, in diesen Dingen, sondern sie müssen sich mit jemandem auseinandersetzen, der versucht immer wieder zu lernen, dazu zu lernen. So ist eben auch Bunker ein Schritt in die Richtung, in eine Richtung... Ich habe aus dem Buch Bunker seltsamerweise eigentlich mehr gelernt auch über mich als Person, als Schriftsteller, als Schreibender, mehr gelernt als bei beiden anderen Büchern. Für mich ist Bunker unheimlich wichtig gewesen, mich loszulösen, meinen Platz zu finden, was ich eigentlich möchte. Unabhängig von dem, was im Buch tatsächlich passiert, war für mich Bunker unheimlich wichtig, denn es hat mir einen Weg gezeigt. Ja, Bunker hat mir gezeigt:, was möchte ich und was möchte ich nicht? Also ich habe für mich selbst unheimlich viel gelernt aus Bunker. Wesentlich mehr als aus beiden anderen Büchern. Ich bin mir jetzt viel viel sicherer, was ich will und wie ich etwas umsetzen will, als ich es noch bei Kalteis und vor allen Dingen noch bei Tannöd war. 

Evelyn Wiesinger: Liegt es auch daran, dass diesmal sozusagen keine wahre Begebenheit zugrundeliegend ist?

Andrea Maria Schenkel: Ja, auf jeden Fall. Es ist interessant. Ich bin wesentlich sicherer geworden in meiner Arbeit und das war für mich die Weiterentwicklung. Das war für mich das Wichtige. Ich glaube, ich bin wieder einen anderen Schritt weiter gegangen. Ich habe es dann auch gesehen in dem Text, den ich nach Bunker geschrieben habe. Ich habe dann nach Bunker eine Kurzgeschichte geschrieben, die ich für Anthologie, die an Weihnachten dieses Jahr herauskommt, geschrieben habe. Da habe ich für alle, die das Bayerische so sehr lieben und diese Stimmung in Tannöd sehr lieben, habe ich wieder einen Text geschrieben und ich habe bemerkt, ich war viel viel freier. Ich war viel sicherer, viel freier, viel entspannter beim Schreiben dieses Textes. Dann habe ich zum ersten Mal bemerkt, wieviel ich eigentlich aus Bunker gelernt habe, wieviel ich damit nehmen kann, für mich selbst mitnehmen kann, auch in meiner zukünftigen Arbeit. Für mich war das Buch unheimlich wichtig. Für mich als Autor war das Buch wichtig.

Evelyn Wiesinger: Zum Buch selber: Der Titel ist ja „Bunker“. Hat das für Sie auch symbolisch irgendwie eine Bedeutung oder wie sind Sie jetzt genau zu dem Titel gekommen, weil letztendlich spielt der Bunker ja…

Andrea Maria Schenkel: … keine Rolle.

Evelyn Wiesinger: Ja, er spielt eine Rolle, aber es hätte auch anders sein können.

Andrea Maria Schenkel: Es hat zwei Dinge, und zwar das Buch ist entstanden… Ich brauchte einen Text, einen nichtveröffentlichten Text für die „Brechttage“ in Augsburg. Ich habe da genau das geschrieben, das jetzt am Anfang und am Ende des Buches steht, und zwar die Szene, wenn jemand eingesperrt ist in dem Bunker. Das Ganze beruht ein bisschen auf einem Erlebnis, und zwar ich war mit meinem Sohn in Nürnberg bei dem Kommunionausflug, also wir machen ja immer so einen Kommunionausflug, Sie kennen das ja…

Evelyn Wiesinger: Ja, genau.  

Andrea Maria Schenkel: Der Kommunionausflug mit meinem mittleren Sohn, der ist nach Nürnberg gegangen an diesem Tag: Da kann man mit Feuer spielen, mit Wasser, mit Erde. Das ist ein Bunker da, ein absolut finsterer Raum, in dem eine Wohnung eingerichtet ist, man kann reingehen und man kann sich vortasten. Und man hat einmal im Leben als Sehender, die Möglichkeit zu erfahren, wie es ist, blind zu sein. Für mich war die Situation unerträglich. Ich habe bemerkt, dass ich ein Mensch bin, der unheimlich stark durch visuelle Eindrücke lebt. Für mich war es unerträglich in einem Raum zu sein, den man nicht sieht. Ich habe vollkommen die Orientierung verloren. Ich habe nicht mehr gewusst, wo oben, wo unten, wo links, wo rechts ist. Ich habe es nicht ausgehalten. Ich glaube, ich war, gefühlt eine halbe Stunde drin, objektiv gesehen, zwei Minuten, drei Minuten, ich weiß es nicht.

Evelyn Wiesinger: Das ist natürlich die Situation dann im Buch…

Andrea Maria Schenkel: … Und das ist ganz genau die Situation im Buch. Für mich war es ein Alptraum. Das war der Ausgang. Ich habe danach überlegt, das Ganze anders zu benennen, aber es ist dann letztendlich dabei geblieben, und zwar aus einem ganz anderen Grund. Es ist mir sehr viel später aufgegangen, dass die beiden Figuren sich eigentlich in einem Bunker befinden, denn beide sind nicht fähig, irgendwie Kontakt zu ihrer Außenwelt aufzunehmen. Ein Miteinander der Beiden ist überhaupt nicht möglich. Sie sind beide unheimlich stark isoliert, unheimlich in sich eingeschlossen.

Evelyn Wiesinger: Ja, auch untereinander. Es gibt fast keine Kommunikation. Sie verlieren sich im Prinzip in ihren Träumen, in ihren Erinnerungen, auch in diesen Fantasien, die immer wieder vorkommen.

Andrea Maria Schenkel: Sie verlieren sich in ihrer eigenen Vergangenheit, in ihren eigenen Fantasien. Sie sind vollkommen unfähig, sich anderen Menschen zu öffnen. Aus dem Grund habe ich dann den Titel „Bunker“ beibehalten, weil ich glaube, dass mit dem Titel weniger die offensichtliche Handlung beschrieben wird, sondern eigentlich mehr das, was in ihnen vorgeht.

Evelyn Wiesinger: Also durchaus eine symbolische Bedeutung: dieser geschlossene Raum um jede der Figuren. 

Andrea Maria Schenkel: Der Titel hat eigentlich einen wesentlich tiefergehenden Grund als es im ersten Augenblick den Anschein hat.

Evelyn Wiesinger: Es ist ja auch von der Art her viel mehr eine Psychologisierung von diesen Figuren. Also man taucht viel mehr in die Figuren ein, als es in den ersten beiden Büchern der Fall war.

Andrea Maria Schenkel: Das war ja für mich natürlich unheimlich interessant, es zu beschreiben und vor allen Dingen, wie gerade die Entführte mit dem Thema Angst umgeht. Man hat nicht immer Angst. Du kannst nicht immer Angst haben, wenn du eingesperrt bist. Du passt dich an. Wenn du keine Möglichkeit hast, dich mit irgendetwas zu beschäftigen, was machst du dann? Wenn kein Buch da ist? Da fängt man an zu träumen…

Evelyn Wiesinger: Es war auch so eine Stelle - sie sagt einmal: „mir ist langweilig“ -, wo man erstmal denkt: „ja, sie ist ja eingesperrt und eigentlich müsste sie panisch reagieren“.

Andrea Maria Schenkel: Ja.

Evelyn Wiesinger: Aber ganz im Gegenteil! Wie Sie sagen, sie fängt dann an zu träumen, sie…

Andrea Maria Schenkel: Ja, womit beschäftigt man sich dann? Man hat das Gefühl, es ist einem langweilig. Es ist aber nichts da. Es ist kein äußerlicher Anreiz da … Man kann kein Radio hören. Man kann nicht rausgehen. Man ist fest an diesem Ort gebunden. Es ist nichts da zur Zerstreuung. Also was macht man? Man fängt an, zu träumen. Man fängt an, nachzudenken. Man fängt an, Dinge zu beobachten, denen man normalerweise überhaupt keinerlei Beachtung schenken würde. Man reflektiert über die eigene Vergangenheit. In Träumen kehrt die eigene Vergangenheit wieder. Ungelöste Konflikte, die man hat, die jeder höchst wahrscheinlich irgendwie in seinem Leben hat, tauchen dann wieder auf, werden auf einmal gröβer und gröβer. Man kann sie nicht mehr wegschieben. Eingesperrt sein in einem Raum bringt einem vielleicht viel viel näher, konfrontiert einen vielleicht viel viel näher mit seinem eigenen Ich, als man es eigentlich überhaupt haben möchte.

Der Erfolg als Autorin, weitere Projekte

Auszug 6: der Erfolg als Autorin, weitere Projekte (Dauer 5:53)

Evelyn Wiesinger: Also glauben Sie, dass die ersten beiden Bücher vor allem, besonders in Bayern erfolgreich waren? Ich meine, für mich war es schon auch so ein Wiedererkennungseffekt, so die Freude dran: Ja, das ist auch ein Teil von mir irgendwo...

Frau Schenkel: Ja. 

Evelyn Wiesinger: …und ich weiß nicht, wissen Sie was darüber? War das in Bayern besonders erfolgreich oder haben Sie andere Reaktionen von Lesern in Bayern erlebt als in anderen Teilen Deutschlands? 

Andrea Maria Schenkel: Das Faszinierende war: Es war nicht nur in Bayern erfolgreich, sondern wenn ich mir anschaue, wo ich gelesen habe, dann stelle ich fest, es war sehr erfolgreich in Bayern und es war unglaublich erfolgreich im Norden, also in Norddeutschland. Das hat mich eigentlich überrascht. Also am Anfang hat mich das überrascht, denn ich habe gedacht: „Vielleicht können die eigentlich weniger damit anfangen“. Aber es stimmt nicht. Und dann habe ich festgestellt, egal wie lang die Übersetzung herausgekommen ist und ich zu reisen angefangen habe und auch in andere Länder zu reisen angefangen habe, und wie ich dort an die Reaktionen der Leser erfahren konnte, egal wo ich war, egal, ob ich in Amerika war, ob ich in Dänemark war, in Skandinavien war: Es war gleich. Sogar jetzt, hier, in Frankreich, auf der Messe in Lyon. Komischerweise haben sich auch in diesen Ländern Leute wiedererkannt oder haben Leute wieder vertraute Situationen erkannt. Ich glaube, es liegt zum Teil daran, dass das Buch einen Raum lässt, also dass ich nicht jedes Bild bis zum Ende beschreibe, sondern die Situation beschreibe. Jeder kann sich irgendwo wiederfinden. Die Bilder, die er sich zu dem Text macht, sind seine eigenen, sind aus den eigenen Erfahrungswerten. Es spielt komischerweise nicht mal eine Rolle, obwohl das Buch Tannöd sehr sehr stark durch den Katholizismus in Bayern geprägt ist, spielt das komischerweise für den Leser aus anderen Regionen, also für den Leser aus mehr protestantischen Regionen wie in dem Norden Deutschlands, überhaupt keine Rolle. Sie erkennen sich wieder. Sie sagen zwar: „Ok gut, wir haben zwar dieses Gebet nicht, aber auch dieses Gebet war für mich interessant, aber diese Art und Weise der Religiosität gibt es ja bei uns auch. So unterschiedlich ist es nicht einmal“. 

Evelyn Wiesinger: Das stimmt. 

Andrea Maria Schenkel: Also auch da haben sie sich dann wiedergefunden und das war für mich dann interessant, dass sich auch Leser in England plötzlich wiederfinden. Die anglikanische Kirche ist eigentlich vollkommen anders, aber sie finden sich auf einmal wieder. Das war für mich das Überraschendste insgesamt. 

Evelyn Wiesinger: Ja, das stimmt, natürlich. So, als letzte Frage noch: Sie sind jetzt so bekannt, es geht sofort immer weiter, keinerlei Schreibblockaden. Sie haben ja gesagt, dass Sie nach Bunker auch sofort wieder eben eine Kurzgeschichte geschrieben haben, ist denn jetzt schon ein größeres Projekt wieder...?   

Andrea Maria Schenkel: Es ist das größere Projekt immer noch im Angriff. Eigentlich wollte ich, etwas Anderes schreiben. Ich will immer was Anderes schreiben und da kommt immer was Anderes, ja? Aber das war sehr sehr schwierig und vor allen Dingen, weil ich mich auf die Geschichte nicht einlassen konnte. Jetzt weiß ich es, warum ich mich auf die Geschichte nicht einlassen konnte, weil mir die Erfahrung mit Bunker gefehlt hat. Zu dem Zeitpunkt vorher habe ich es nicht gewusst. Ich habe geglaubt, ich kann diese andere Geschichte schreiben, aber mir hat die Erfahrung mit Bunker gefehlt. Es hat mir einfach gefehlt. Es war nicht da. Ich habe dieses Buch gebraucht. Ich habe es einfach noch gebraucht, für mich gebraucht, um mich dem anderen Text nähern zu können. Das sehe ich jetzt erst im Nachhinein. Damals war ich zum Teil verzweifelt, weil ich nicht richtig vorwärts gekommen bin, weil ich gemerkt habe, wie ich unsicher war. Ich habe zwar unheimlich viel über das Thema gelesen, unheimlich viel recherchiert mit dem Thema. Ich habe auch das Buch, wie ich glaubte, ganz gut im Kopf gehabt, aber irgendwas hat mich immer gehindert am Weiterschreiben. Jetzt weiß ich, was es war. Es hat mir einfach dieser Stein noch gefehlt. Es hat mir die Erfahrung noch gefehlt und jetzt brenne ich eigentlich drauf, anzufangen. Ich freue mich. Gut, ich weiß, ich bin ab Mittwoch wieder zuhause. Am Mittwoch bin ich noch ausgebucht, denn am Mittwoch muss ich noch die Meerschweinchen meiner Tochter besorgen. Sonst brauche ich gar nicht mehr heimfahren, aber ab Donnerstag möchte ich schreiben. Ich merke richtig, dass es ist wieder so wie bei Tannöd: ich muss es loswerden. Ich muss es loswerden. Es ist dieser Druck wieder da. Der Druck ist eigentlich erst da, seit ich diese Erfahrung mit Bunker hatte. Es war hinterher dann wirklich so ein Aha-Effekt und jetzt weiβ ich, wie ich es machen muss. 

Evelyn Wiesinger: Ja, dann sind wir ja gespannt auf das neue Buch dann, wenn es herauskommt…

Andrea Maria Schenkel: Danke!

Evelyn Wiesinger: Genau! 

Schenkel liest aus Bunker

Auszug 7: Schenkel liest aus Bunker, S. 58-60 (Dauer 5:06)

Bibliografie

Schenkel, Andrea Maria. Tannöd. Hamburg, Nautilus, 2006.

Schenkel, Andrea Maria. Kalteis. Hamburg, Nautilus, 2007.

Schenkel, Andrea Maria. Bunker. Hamburg, Nautilus, 2009.

Bislang erschienene französische Ausgaben:

Schenkel, Andrea Maria. La ferme du crime. Traduit de l'allemand par Stéphanie Lux, Actes Sud, 2008.

Schenkel, Andrea Maria. Un tueur à Munich. Josef Kalteis. Traduit de l'allemand par Stéphanie Lux, Actes Sud, 2009.

 

Pour citer cette ressource :

Evelyn Wiesinger, "Andrea Maria Schenkel : "dunkle Geschichten"", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), avril 2009. Consulté le 30/09/2020. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/litterature-contemporaine/entretiens/andrea-maria-schenkel-dunkle-geschichten-