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Der deutsche Widerstand gegen Hitler

Par Gilbert Merlio : Professeur émérite - Université de Paris Sorbonne (Paris IV)
Publié par Marie Laure Durand le 31/03/2010
Der Text schildert die verschiedenen Phasen und die verschiedenen Formen des deutschen Widerstands gegen Hitler. Auf den politischen Widerstand der linken Parteien und Organisationen, der im Untergrund und vom Exil aus fortgesetzt wird, folgt die geistige Widersetzlichkeit der Kirchen. Die Opposition eines Teils der zivil-militärischen Eliten setzt Ende der 30er Jahre ein, als Hitlers Kriegspläne für die Zukunft der Nation gefährlich erscheinen. Im Krieg erscheinen andere Formen des Widerstands (der Kreisauer Kreis, die Weiße Rose, die Rote Kapelle). Der Krieg ist auch die Zeit der "stillen Helden", die den Verfolgten helfen. Trotz ihres Scheiterns zeigt die Verschwörung vom 20. Juli 1944 um Stauffenberg noch einmal deutlich, dass es ein "anderes Deutschland" gegeben hat. Bei all diesen Manifestationen des deutschen Widerstands wurde der Akzent auf die Motivationen gelegt, die mutige Deutsche zum Widerstand gegen den national-sozialistischen Totalitarismus veranlasst haben.

Der deutsche Widerstand gegen Hitler ist heute dem französischen Publikum nicht mehr unbekannt. Zwischen 1995 und heute sind in Frankreich eine ganze Reihe von Büchern von französischen und deutschen Autoren erschienen (siehe die Bibliographie), die entweder eine Gesamtdarstellung bieten, oder einzelne Aspekte beleuchten. Beliebt sind auch die Publikationen von Selbstzeugnissen und Dokumenten. Der Widerstand der jungen Studenten der "Weißen Rose" oder das von Stauffenberg durchgeführte Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 dürften wohl, nicht zuletzt dank Filmen oder Fernsehsendungen, die bekanntesten Manifestationen des deutschen Widerstands sein. Die deutsche Literatur über dieses Thema geht ins Unermessliche, als Teil der Literatur über das Dritte Reich. Am Anfang war der deutsche Widerstand gegen Hitler. Man darf dessen Wert nicht an der Zahl der Widerständler messen. Mitte der dreißiger Jahre schätzte ein Bericht der Gestapo die Zahl der Oppositionellen auf 0,2% der Gesamtbevölkerung (70 Millionen Einwohner), das heißt ungefähr auf 140 000. Aber auch in den von Deutschland besiegten und besetzten Ländern bildete der Widerstand nur eine Minderheit (man schätzt die Zahl der bewaffneten Widerstandskämpfer am Ende des Krieges in Frankreich auf 25 000!), obwohl sich hier die Lage ganz anders darstellte als in Deutschland. In diesen Ländern war der Widerstand ein nationaler Kampf gegen eine fremde Besatzungsmacht, die - manchmal mit Hilfe kollaborationsbereiter Regierungen - die einheimische Bevölkerung unterdrückte und ausbeutete.  In Deutschland mussten diejenigen, die sich zur Opposition und zum Widerstand entschlossen, Partei ergreifen gegen die legal gewählte Regierung des Landes, der es bald gelang, durch Propaganda, Lockung und Zwang die Zustimmung einer großen Mehrheit der Bevölkerung zu gewinnen. Sie mussten bereit sein, als Hochverräter zu gelten und wurden auch vom totalitären nationalsozialistischen Regime als solche behandelt. Man darf nicht vergessen, dass die ersten Konzentrationslager - zum Beispiel Dachau im März 1933 - für die deutschen Oppositionellen (Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, auch liberale und konservative Politiker) eingerichtet wurden. Die Oppositionellen und Widerständler waren alles andere als "Fische im Wasser" (Mao Tse-Tung) in einem Land, in dem Terror und Denunziantentum herrschten. Um den deutschen Widerstand zu beschreiben und zu verstehen, muss man dessen Phasen und Formen unterscheiden. Was die Formen anbelangt, dann liegt es auf der Hand, dass ein bewaffneter Widerstand in einer totalitären Diktatur, die sehr schnell einen ganzen Bewachungs- und Unterdrückungsapparat aufgebaut (SA, SS, Gestapo) und sich die Unterstützung des Heeres gesichert hatte, kaum eine Chance hatte, das Regime zu stürzen. Aufstände, Demonstrationen oder sonstige öffentliche Proteste wurden unerbittlich niedergeschlagen, sobald sie eine wahre konkrete Bedrohung des Regimes darstellten. Und Untergrundaktionen (z.B. Sabotagen) waren bloße Nadelstiche für ein solch gefestigtes Regime. Die verbrecherische Natur des Regimes wurde nicht gleich erkannt. Hitler verstand es, als ein allein um den Wohlstand und die Größe Deutschlands besorgter Staatsmann aufzutreten. Die Konservativen, die ihm schließlich den Steigbügel zur Macht gehalten hatten, glaubten, ihn "umrahmen" zu können. Dass er sich nicht lange an der Macht halten würde, war damals die irrtümliche Meinung vieler deutscher Politiker, auch linker. Deshalb konnte ein deutscher Historiker das Wort prägen: "Hitlers Geschichte ist die seiner Unterschätzung"! Da in einer Diktatur Opposition verboten ist, muss jede Opposition zum Widerstand werden. Neben dem aktiven Widerstand, dessen Ziel es ist, das bestehende Regime zu stürzen, gibt es den passiven Widerstand, der darin besteht, die Befehle nicht auszuführen, die Maschinen zu verlangsamen usw., kurz den "zivilen Ungehorsam" zu praktizieren, um das Regime zu schwächen. Historiker wie Martin Broszat oder Richard Löwenthal haben die Aufmerksamkeit auf eine dritte Widerstandsform gelenkt, die "Resistenz" (eigentlich ein Wort aus dem physiologischen Bereich) oder, besser, die "gesellschaftliche Verweigerung". Diese Begriffe bezeichnen Verhaltensweisen von Leuten, die sich dem ideologisch-politischen Zugriff des totalitären Staates zu entziehen versuchten und sich privat oder öffentlich nonkonform benahmen oder in ihrem Milieu an ihren religiösen oder politischen Überzeugungen festhielten. Nun werden Abweichler in einem totalitären Staat kriminalisiert. Sich dem Deutschen Gruß verweigern, an einer verbotenen katholischen Prozession teilnehmen, ja Witze gegen das Regime machen, das alles erhielt im III. Reich den Rang eines Widerstandsaktes und wurde bestraft. Diese verschiedenen Arten oder Grade des Widerstandes mischen sich oft, zwischen ihnen gibt es Übergänge. Nicht selten geht der eine, der mit Resistenz begonnen hat, zum passiven und schließlich zum aktiven Widerstand über. Die "geistige" d.h. weltanschauliche Opposition oder "Widersetzlichkeit" der Kirchen und der sogenannten "inneren Emigration" einiger Intellektueller nimmt ihren Platz zwischen Resistenz und Widerstand ein.

1.Der Widerstand der Linken

1.1 Der kommunistische Widerstand

Dieser Abstufung in den Formen entspricht auch eine Progressivität in der Zeit. Der erste Widerstand gegen das Hitler-Regime war derjenige der linken Parteien und Gewerkschaften. Er setzte die politische Opposition fort, die diese Organisationen gegen die Rechte und gegen den Nationalsozialismus in den letzten Jahren der Weimarer Republik betrieben hatten. Die aktivsten waren zweifelsohne die Kommunisten. Die Kommunistische Partei Deutschlands verfügte wie die Nationalsozialisten über aktive Kampforganisationen und sie hatte seit Beginn der dreißiger Jahre einen wahren Bürgerkrieg gegen ihre NS-Feinde geführt. Diese heftigen Straßenkämpfe, die häufig mit Todesfällen endeten, hatten die politische Landschaft des "Endes von Weimar" geprägt und auch sehr oft im deutschen Bürgertum die Angst vor dem Bolschewismus geschürt, so dass der Machtantritt Hitlers 1933 von vielen als die weniger schlimme Lösung empfunden wurde. Seit 1929 betrieben die Kommunisten die "ultralinke" Politik, zu der die Komintern sie angewiesen hatte. Da die Sozialdemokraten mit "bürgerlichen" Parteien Regierungskoalitionen eingegangen waren, wurden sie von den Kommunisten als "Sozialfaschisten" beschimpft. Die zerstrittene Linke trägt einen Teil der Verantwortung für den "aufhaltsamen Aufstieg" des Adolf Hitler. Beide linken Parteien waren in ihrer Ideologie befangen. Für die Kommunisten und für die immer noch marxistisch eingestellten Sozialdemokraten war der Faschismus das letzte Zucken eines sterbenden Kapitalismus. Die Kommunisten glaubten noch immer an eine proletarische Revolution nach dem Modell der bolschewistischen Revolution von 1917. Unmittelbar nach dem Machtantritt Hitlers fielen sie einer verschärften Verfolgung zum Opfer. Der Anlass dazu war der Reichstagsbrand vom 27.2.1933, der den Kommunisten zur Last gelegt wurde. Die unmittelbar darauffolgende "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" setzte praktisch alle demokratischen Rechte außer Kraft und gab den Anstoß zur "Gleichschaltung", das heißt zum totalitären Einparteienstaat. Als gesamtdeutsche Partei konnte sich die KPD noch an den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 beteiligen, bei denen sie nur noch 12,5% der Stimmen erhielt. Aber das Mandat ihrer 81 Abgeordneten wurde für ungültig erklärt. Ihre nun verbotene Opposition konnten sie nur noch als Untergrundbewegung fortsetzen. In einem Monat wurden mehr als 10 000 Kommunisten, unter ihnen zahlreiche Spitzenfunktionäre und Intellektuelle, verhaftet. Parteipräsident Ernst Thälmann wurde bis zu seiner Ermordung im Jahre 1944 im KZ Buchenwald inhaftiert. Andere Führer wie Walter Ulbricht gelang es, ins Ausland, bzw. nach Moskau zu fliehen. Eine Auslandsleitung wurde in Paris und Moskau errichtet, die von außen dem inneren Widerstand mit allen möglichen Mitteln helfen sollte. Vor Ort versuchten die Kommunisten in dieser "heroischen Phase" trotz der Verfolgung den Widerstand zu organisieren. Sie zeigten sich mutig. Sie versuchten noch Demonstrationen zu organisieren, in den Fabriken Sabotagen auszuführen, verteilten gegenpropagandistische Flugblätter, verkauften weiter ihr nun illegal gedrucktes Zentralorgan Die rote Fahne weiter, versuchten durch Publikationen die deutsche Bevölkerung über die wahre Natur des Regimes aufzuklären. Der Kampf gegen die Verfolgung war aber den effizienten Methoden der Verfolgung nicht gewachsen. Es gelang der Gestapo sehr schnell, den nun im Untergrund lebenden Organisationen auf die Spur zu kommen, zudem sie über das Archiv der politischen Polizei der Weimarer Republik verfügte, die schon viel Material über die kommunistischen Aktivitäten gesammelt hatte. Entscheidend war aber, dass die Masse versagte. Die von Hitler getroffenen Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit demobilisierten zahlreiche Arbeiter, wenn sie sie nicht sogar dazu veranlassten, zur NSDAP überzulaufen. Im Juni 1933 hatte die DKP 60% ihrer Mitglieder verloren. Im März 1935 wurde die letzte Innenleitung der Partei von der Gestapo aufgedeckt. Von nun an bestand der kommunistische Widerstand weiter, er musste sich aber in autonome Kleingruppen umorganisieren und eine andere Strategie ins Auge zu fassen. Im August 1935 beschloss die Komintern den linken Kurs aufzugeben und zur Volksfrontpolitik überzugehen. Es galt, mit allen demokratischen Kräften zu paktieren, die das nationalsozialistische Regime zugrunde richten wollten. Im Inneren wurde die Taktik des Trojanischen Pferdes gefördert: In kleinen geheimen Gruppen organisiert, sollten die Kommunisten alle Arbeiter-, Freizeit- und Jugendorganisation des Staates infiltrieren und durch Ausnutzung eventueller Protesthaltungen (zum Beispiel wegen des Arbeitsrhythmus oder des Lebensstandards) sie in ihrem Sinne beeinflussen. Auch das scheiterte! Die Kampfbereitschaft der Kommunisten ließ nach, was an der von Jahr für Jahr sinkenden Zahl der Verhaftungen zu messen ist. Wenn auch die Auslandsleitung in Moskau unter Wilhelm Pieck weiterhin der irrealistischen These eines möglichen Massenaufstands anhing, musste im Inneren darauf verzichtet werden. Man musste sich mit der "Milieuerhaltung", das heißt mit der Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen Parteigenossen begnügen, in der Hoffnung in einer günstigeren Zeit die Widerstandsgruppen reaktivieren zu können. Die Vorstellung einer großen, andauernden, wohl organisierten kommunistischen Widerstandsbewegung im Dritten Reich gehört zu den Fabeln, die später das SED-Regime in der DDR zur eigenen Legitimierung erfinden wird. Der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 schuf auch bei den deutschen Kommunisten eine große Verwirrung. Man gab sich der Illusion hin, wiederum eine Innenleitung errichten zu können, Die Rote Fahne wieder in Deutschland legal erscheinen zu lassen. Es war die Zeit des großen Betrugs. 1200 deutsche Kommunisten, die im Zuge der stalinistischen Schauprozesse verhaftet worden waren, wurden nach Deutschland zurückgeschickt, um gleich ins Konzentrationslager eingeliefert zu werden (Siehe Margarete Buber-Neumann, Als Gefangene bei Stalin und Hitler, 1949)! Der im Juni 1941 beginnende Krieg gegen die Sowjetunion gab dem kommunistischen Widerstand einen neuen Impuls. In verschiedenen Großstädten konstituierten sich geheime Widerstandsgruppen, die nur lose Verbindungen miteinander unterhielten und wesentlich in zwei Richtungen handelten: die Verbreitung von Gegenpropaganda und, oft im Zusammenschluss mit Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern der Organisation Todt, die Sabotage der Industrieproduktion. Die wichtigsten waren: die Gruppe Uhrig und Römer in Berlin und München, die Gruppe Bästlein in Hamburg, die Gruppe Knöchel, der es 1942 sogar gelang, eine illegale Zeitung, Der Friedenskämpfer, zu drucken und zu verteilen; die Gruppe Saefkow-Jacob, die in Verbindung mit dem in Moskau gegründeten "Nationalkomitee Freies Deutschland" am Ende des Krieges von Berlin aus versuchte, den kommunistischen Widerstand wieder zu vereinheitlichen und vor allem Kontakte mit der "Verschwörung des 20. Juli" aufnahm.

1.2 Der Widerstand der Sozialdemokraten

Die sozialdemokratische Partei (SPD) war mit dem katholischen Zentrum die solideste Stütze der Weimarer Republik gewesen. Theoretisch hing sie weiterhin der marxistischen Lehre an, praktisch war sie revisionistisch geworden. Seit 1930 war sie nicht mehr an der Macht, betrieb aber eine Tolerierungspolitik gegenüber den letzten rechten Regierungskoalitionen. Sie verfügte auch über eine paramilitärische Kampforganisation Das Reichsbanner, das zahlenmäßig sogar die Kampforganisationen der anderen Parteien weit übertraf (3,5 Mio!). Was aber die Haltung der Sozialdemokraten  in der Weimarer Republik und zu Beginn des III. Reichs charakterisierte, war ihr Legalitätskurs. Als die legale preußische Regierung (mit der SPD als Hauptkomponente der "Weimarer Koalition") im Juli 1932 unter der Kanzlerschaft von Papens durch den sogenannten "Preußenschlag" illegal abgesetzt und durch einen "Reichskommissar" ersetzt wurde, reagierten die Sozialdemokraten nur durch eine Anklage beim Staatsgerichtshof in Leipzig! Eine historische Erfahrung bestimmte die Haltung der Partei am Anfang des III.Reichs: die Tatsache, dass sie damals Bismarcks antisozialistische Gesetzgebung überlebt hatte. Sie war geneigt, jetzt dieselbe abwartende Haltung einzunehmen, um den Bürgerkrieg zu vermeiden und in der Überzeugung, Hitler würde sich nicht lange an der Macht halten können. Niemals wurde dem Reichsbanner der Kampf- und Schießbefehl gegeben. Von den Nazis wurden die Sozialdemokraten auch als Marxisten verfolgt, wenn auch nicht mit derselben Konsequenz und Grausamkeit wie die Kommunisten. Der erste Widerstandsakt der Sozialdemokraten war die mutige Rede ihres Präsidenten Otto Wels auf in der Reichstagssitzung vom 23. März, als das Ermächtigungsgesetz für Hitler beschlossen wurde. Trotz der moralischen und physischen Drohungen denunzierte Wels den antidemokratischen Charakter dieses Gesetzes, das die Weimarer Verfassung de facto außer Kraft setzte und eine Scheinlegalität herstellte. Als am 2. Mai die Gewerkschaften "gleichgeschaltet" wurden, bereitete sich die Sozialdemokratie auf den illegalen Kampf gegen die Diktatur vor. Eine Außenleitung wurde gegründet, die SOPADE (SOzialdemokratische PArtei DEutschlands), die zunächst ihren Sitz in Prag hatte, wo auch das Partei-Organ Neu-Vorwärts gedruckt wurde. Es wurden "Grenzsekretariate" errichtet, die damit beauftragt waren,  einerseits die Genossen in Deutschland mit logistischen Mitteln und Publikationen der Partei zu versorgen und andererseits Flüchtlingen zu helfen. Diese Aktion vom Exil aus wird den wichtigsten Teil des sozialdemokratischen Widerstands ausmachen. Die SOPADE wird 1938 nach Paris und 1940 nach London ziehen müssen. Viele Sozialdemokraten werden auch nach Amerika gehen. Der Kontakt mit den westlichen Demokratien und mit anderen emigrierten deutschen Demokraten wird zum Ausgangspunkt der Nachkriegsentwicklung der Partei von einer noch marxistischen Arbeiterpartei zu einer sich zur liberalen Demokratie und zur Marktwirtschaft bekennenden Volkspartei. Im Inneren kann man drei Haltungen unterscheiden: die Gruppe derjenigen Sozialdemokraten, die ihr Milieu von dem Zugriff des NS-Regimes bewahren wollten; die Gruppe einiger Führer der Partei oder der Gewerkschaften, die sich nicht selten nach einem Aufenthalt im Gefängnis oder im KZ sich zurückzogen, aber doch Netze von militanten Parteigenossen aufrechterhielten, um sie rechtzeitig reaktivieren zu können (Julius Leber z.B.); die Gruppe derer, die noch etwas aktiver waren und wie die Kommunisten trotz der Gefahren den Propagandakrieg fortzuführen versuchten. Dieser Propagandakrieg, der die Verbrechen des Regimes denunzierte und Aktionsprogramme vorschlug, wurde besonders intensiv von den sogenannten "Zwischengruppen" geführt, das heißt von in der Regel jungen Dissidenten, die entweder die KPD oder die SPD aus politisch-ideologischen Gründen verlassen und kleinere Parteien gegründet hatten. Ein einziges Beispiel: die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, der der junge Willy Brandt angehörte. Der Propagandakrieg durch illegale Publikationen oder mit Flugblättern oder Plakaten, die an vertraute Personen geschickt oder auf den Strassen angeschlagen wurden, war im Dritten Reich wohl in Erwartung besserer Tage das einzige Mittel gegen das Regime anzukämpfen. Es gelang den linken Organisationen einen einzigen Streik zu organisieren, im Jahre 1936 bei Auto-Union in Berlin. Auch waren Sabotagen höchst gefährlich und unwirksam, denn man wurde schnell denunziert und hart bestraft. Man kann die relative Apathie der Sozialdemokratie beklagen. Aber ihre Strategie war im Rückblick vielleicht klüger als der anfängliche Frontalkampf der Kommunisten, deren Partei von den Nazis zerrieben wurde. Auch im Inneren und trotz Volksfrontpolitik hörte das gegenseitige Misstrauen  zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten nie auf.

2. Der Widerstand der Kirchen

Kann man von einem Widerstand der Kirchen sprechen? Die Kirchen sind keine revolutionären Institutionen. Sie predigen den Gehorsam gegenüber dem Staat. Sie wollen und können nur durch Worte und exemplarische Verhaltensweisen wirken. Deshalb ist es auch besser von ideologischer Widersetzlichkeit zu sprechen als von regelrechtem Widerstand. Darüber hinaus muss man auch zwischen den Institutionen und den Gläubigen unterscheiden. Die Institutionen sind um ihren eigenen Schutz besorgt und in einem totalitären Staat ist diese Sorge verständlich. An der Basis sind aber viele Christen aufgrund ihres Glaubens zur Opposition und sogar zum aktiven Widerstand übergegangen. Ein anderer Faktor ist die Angst der Kirchen vor dem Bolschewismus, die in ihren Augen - und in den Augen vieler anderer auch im Ausland - Hitler als das kleinere Übel erscheinen ließ. Hitler bezweckte auch die Gleichschaltung der Kirchen. Und er war ein geschickter "Rattenfänger"...

2.1 Die katholische Kirche

Am Ende der Weimarer Republik hatte die katholische Kirche den Nationalsozialismus verurteilt und bekämpft. In vielen Diözesen wurde den Katholiken der Beitritt zur NSDAP verboten und die Nationalsozialisten erhielten Sakramentsverbot. Das "positive Christentum", zu dem sich das Programm der NSDAP von 1920 bekannte, wurde als Betrug bewertet. Als nun Hitler, der sich stets als Katholik ausgab, in seiner Rede vom 23. März anlässlich des Votums des Ermächtigungsgesetzes das Christentum zur moralischen und kulturellen Grundlage des deutschen Volkes erklärte, glaubte die Kirche einen Kompromiss mit dem Staat eingehen zu können (das Modell dazu lieferten die Lateranverträge zwischen Mussolini und der Kirche; ein Bild, auf dem katholische Bischöfe den deutschen Gruß machen, veranschaulicht diese berüchtigte Kompromissbereitschaft!). Sie neigte um so mehr dazu, als Hitler bald ein früheres Versprechen des Reichskanzlers von Papen erfüllte. Er unterzeichnete am 20. Juli 1933 ein Reichskonkordat, das die Rechte der Kirche zu garantieren schien. Dieses Reichskonkordat wird heute noch kritisch bewertet. Es stellte für Hitler ein internationales Ehrenzeugnis aus und konnte die Auflösung des Zentrums und der katholischen Gewerkschaften nicht verhindern. Durch das Konkordat glaubte die Kirche einen neuen Kulturkampf vermeiden zu können. Sie verkannte Hitlers Zynismus, denn gleich wurde ein wachsender Druck auf die zunächst noch bestehenden katholischen Institutionen ausgeübt (Schulen, Jugendverbände, Klöster...). Verlogene (Schau)Prozesse wegen Devisenhandel oder sexuellen Verbrechen wurden gegen katholische Geistliche organisiert. Kurz, die Schikanen häuften sich. Schon früh hatten katholische Geistliche (Alois Dempf, Friedrich Mückermann) vom Ausland heraus zur offenen Opposition gegen die totalitäre Diktatur aufgerufen. Nun konnten die deutschen Bischöfe nicht mehr schweigen. Sie protestierten zunächst gegen die Verstöße gegen das Konkordat. Leider protestierten sie meistens in nicht öffentlichen Eingaben an den Führer, dessen Aufmerksamkeit man auf diese "Exzesse" lenken wollte. Aber bald wurde der Verbrechercharakter des Regimes so manifest, dass sie es nicht mehr dabei bewenden lassen konnten. So begannen die deutschen Bischöfe "Hirtenbriefe" von der  Kanzel herab vorlesen zu lassen, in denen die Kritik an der rassistischen Ideologie und Politik des Regimes immer deutlicher wurde. Die Gottesdienste wurden immer öfter von Leuten besucht, die ihre kritische Einstellung zum Nationalsozialismus dadurch bekunden wollten. Der heftigste öffentliche Protest von Seiten der katholischen Kirche ist die Enzyklika des Papstes Pius XI. "Mit brennender Sorge" vom März 1937. An ihrer Erarbeitung hatten sich deutsche Bischöfe (Michael von Faulhaber, Konrad von Preysing, Clemens von Galen) beteiligt, sie wurde auf deutsch verfasst und am 21. März von den katholischen Kanzeln in Deutschland verkündet. Die Klagen über die Verstöße gegen das Konkordat waren fortan eingebettet in eine Kritik an dem Neuheidentum des Regimes, an seiner rassistischen Verachtung der menschlichen Würde und der "Naturrechte". 1941 erhob der Bischof von Münster Clemens Graf von Galen eine öffentliche Anklage gegen die Euthanasieaktionen, die daraufhin eine Zeit lang eingestellt wurden. Die Hierarchie fühlte sich immer noch zur Vorsicht gehalten. Da seine Predigten zu kritisch waren, erhielt der Jesuit Rupert Mayer 1937 in München ein "Kanzelverbot". Da er nicht schweigen wollte, wurde er trotz der Proteste der Bevölkerung ins KZ eingewiesen. Dasselbe Los ereilte den Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der 1943 in Berlin öffentliche Gebete für die verfolgten Juden veranstaltet hatte. Viele Jesuiten waren in Widerstandsgruppen aktiv. Der Berliner Bischof Konrad von Preysing scheint Verbindungen zu der Verschwörung des 20. Juli gehabt zu haben. Man mag die allzu große Vorsicht der Hierarchie, besonders des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Bischof Bertram aus Breslau, bedauern. Man mag auch manche Ambivalenzen der Bischöfe herausstellen (Im November 1939 feierte Faulhaber mit einem Dankgottesdienst Hitlers "wunderbare" Rettung vor dem Attentat Georg Elsers!). Bedenklich ist ihr blinder Antibolschewismus (Galen erklärte den Krieg gegen die UdSSR zum Kreuzzug!) und besonders beklagenswert ihr öffentliches Schweigen bei der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze (1935), beim Pogrom des 9. 11.1938 (Kristallnacht) und über die Judenverfolgung überhaupt (In der Enzyklika "Mit brennender Sorge" blieb sie unerwähnt; vgl. auch die Haltung von Pius XII.). Ihre Verteidigung der Juden beschränkte sich hauptsächlich auf die der "getauften" Juden! Nichtsdestoweniger blieb die katholische Kirche die einzige "Massenorganisation", die Hitler nicht gleichzuschalten vermochte und die während des Dritten Reichs ein Pol des weltanschaulichen Dissenses innerhalb der vom Regime erzielten "Volksgemeinschaft" geblieben ist. Man sagt, Hitler habe mehrmals bedauert, das Konkordat unterzeichnet zu haben.

2.2 Der Protestantismus

Seit Luther hatte sich im deutschen Protestantismus eine lange Tradition der Staatsfrömmigkeit gebildet. Als vorherrschende Konfession im Deutschen Reich hatte ihn auch der Nationalismus mehr geprägt als den ultramontanen Katholizismus. Als 1918 die Fürsten abgesetzt wurden, die bis dahin die summi episcopi der evangelischen Landeskirchen gewesen waren, zeichnete sich eine Tendenz zur Nationalisierung des Protestantismus ab. Sie wurde am Ende der Weimarer Republik von der Bewegung der "deutschen Christen" getragen, die die Idee eines völkischen Christentums vertrat. Nach der "Machtergreifung" wollte sich Hitler auf sie stützen, um eine ihm ergebene nationale Kirche zu errichten. Es gelang ihm nach einigen Manipulationen einen Getreuen, den Theologen Ludwig Müller, zum Reichsbischof ernennen zu lassen. Unter dessen Leitung beschloss die evangelische Synode im September 1933 die Anwendung des "Arierparagraphen" auf die Kirche. Das bedeutete die Entlassung aller Pfarrer jüdischer Herkunft. Einige Pfarrer wie Martin Niemöller, die die Vormundschaft des Staats ablehnten, gründeten dann den "Pfarrernotbund", dessen ursprüngliches Ziel die Unterstützung der entlassenen Pfarrer war, der sich aber schnell zum Oppositionsflügel innerhalb der Kirche entwickelte. Gut ein Drittel der Pfarrer traten bis Ende 1933 diesem Bund bei. Von nun an tobte der sogenannte Kirchenkampf, ursprünglich weniger ein Kampf zwischen Staat und Kirche als ein Kampf innerhalb der Kirche. Selbstverständlich meldeten sich schon damals Stimmen, die den völkischen Charakter des Staates kritisierten; zum Beispiel diejenige des jungen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der schon im Juni 1933 die Frage des Antisemitismus stellte und den Widerstand gegen einen ungerechten Staat rechtfertigte. Im Mai 1934 konstituierte sich auf einer "freien, bekennenden Synode" in Barmen, einem Vorort von Wuppertal, die so genannte Bekennende Kirche. Ihr Haupttheologe war der Schweizer Karl Barth, der in der "Barmer Erklärung" mit Bezug auf Luthers Theorie der Zwei Reiche erklärte, dass der Staat nicht berechtigt sei, in die innere Angelegenheiten der Kirche einzugreifen. Damit wurde nichts anderes als der totalitäre Charakter des neuen Staates angeklagt. Karl Barth wurde seiner Professur in Bonn enthoben und des Landes verwiesen. Die Bekennende Kirche wollte zunächst ihre Autonomie gegenüber dem Staat behaupten und sich im Prinzip jedes politischen Engagements enthalten. Aber vor dem wachsenden Druck des Staats gab sich ihr radikaler Flügel mit Leuten wie Niemöller und Bonhoeffer eine neue unabhängige "provisorische" Leitung und begann in Denkschriften, Rundbriefen usw. die antichristliche, lügenhafte, rassistisch unmenschliche Politik des Staates anzuprangern. Parallelen mit der Entwicklung in der katholischen Kirche können gezogen werden. Angesichts der immer deutlicher erkennbaren Unmenschlichkeit des Staats fiel Christen das Schweigen immer schwerer. So kritisierte der Bischof von Württemberg, Theophil Wurm, schon vor Clemens von Galen die Euthanasieaktionen des Staates. Dietrich Bonhoeffer, der Hitler für den "Antichrist" hielt, stieß zum aktiven zivil-militärischen Widerstand, er wurde 1943 verhaftet und 1945 im KZ gehängt. Martin Niemöller war 1937 verhaftet und ins KZ eingeliefert worden, wo er als "persönlicher Gefangener des Führers" (er war ein tapferer U-Boot-Kommandant im ersten Weltkrieg gewesen) bis Kriegsende blieb. Aber die gleichen Ambivalenzen wie im Katholizismus lassen sich auch hier feststellen: dasselbe Schweigen über das Judenpogrom vom 9. November 1939; Wurms Haltung ist nicht einmal eines gewissen antisemitischen Nationalismus ledig! Die Haltung einzelner Pfarrer an der Basis ist hier wie im Katholizismus viel dezidierter und lobenswerter als die der Hierarchie! Oft wird der Widerstand der Christen auf die Bekennende Kirche eingeschränkt. Das stimmt nicht. Nur ein Teil der Bekennenden Kirche ist in aktive Opposition gegangen. Die prozentuale Beteiligung der Katholiken am Widerstand ist viel größer als die der Protestanten, wie die Zahl der verhafteten Priester oder Pfarrer deutlich zeigt. Aber der deutsche Protestantismus hat im III. Reich eine wichtige Wende vollführt. Als Bekennende Kirche ist er aus der Burg der "inneren Freiheit" aus- und ins politische Leben eingestiegen. Die Oppositionellen in der DDR werden sich daran erinnern!

3. Die Widerstandsformen während des Krieges

Der Krieg erschwerte und stimulierte den Widerstand gleichzeitig. Mehr denn je konnte jetzt ein Widerstandskämpfer als Landesverräter erscheinen. Mehr denn je kamen der Terrorcharakter und die Unmenschlichkeit des Regimes zum Vorschein, und verstärkten die Neigung zur Opposition und dann zum Widerstand. Zu erwähnen wäre zunächst das Attentat von Georg Elser im Bürgerbräukeller am Abend des 8. November 1938. Der Krieg hatte noch nicht begonnen, aber Elser handelte, weil er nach dem Münchner Abkommen der festen Überzeugung war, dass Hitler Deutschland und Europa in einen schrecklichen Krieg stürzen würde. Hatte er andere ideologische Motivationen? Er hatte dem kommunistischen Rotfrontkämpferbund angehört, aber vor seinem Attentat betete er regelmäßig in einer Kirche. Sein Attentat gegen Hitler bereitete er allein vor. Er wusste, dass Hitler jedes Jahr an diesem Abend im Bürgerbräukeller zum Gedenken an den Putsch von 1923 zu Alten Kämpfern sprach. Über 30 Nächte ließ er sich in diesem Lokal einschließen, um eine Zeitzünderbombe in die Säule einzubauen, an der Hitler gewöhnlich seine Rede hielt. Leider fasste sich der Führer an diesem Abend besonders kurz. Er verließ den Saal, bevor Elsers Bombe explodierte. Elser wurde auf seiner Flucht in die Schweiz verhaftet, ins KZ eingeliefert, wo er bis zu seiner Ermordung im April 1945 blieb. Das Beispiel des einfachen Möbeltischlers Georg Elser zeigt uns, wie der Geist des Widerstandes aufgrund eines "Aufstands des Gewissens" bei einem Einzelnen erwacht und ihn zur Tat antreibt. Sein Attentat eröffnet die Reihe der leider gescheiterten Attentate gegen Hitler bis zum Attentat von Stauffenberg am 20. Juli 1944. Typisch für den Widerstand im Krieg sind auch die Aktivitäten der so genannten "Roten Kapelle". So genannt von der Gestapo selbst, als sie herausfand, dass diese Gruppe von Widerstandskämpfern für die gesamteuropäische prosowjetische Spionageorganisation dieses Namens arbeitete. In der Tat waren nur einige Mitglieder dieser Gruppe Kommunisten und die Spionage war nicht ihre einzige Aktivität. Dieser Kreis hatte sich Ende der dreißiger Jahre aufgrund von persönlichen Bekanntschaften gebildet. Die Überzeugungen, die dort vertreten wurden, waren sehr unterschiedlich: vom Kommunismus zum Liberalismus über die christliche und die sozialdemokratische Einstellung. Die beiden führenden Persönlichkeit der Gruppe, der Jurist Arvid Harnack und der Offizier Harro Schulze-Boysen, sind eher mit denjenigen national-revolutionären Intellektuellen der Weimarer Zeit in Zusammenhang zu bringen, die für Deutschland einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchten. Dieses Gedankengut kam in verschiedenen Denkschriften, die die Gruppe in den widerständigen Milieus im Jahre 1942 zirkulieren ließ, zum Beispiel in dem von Schulze-Boysen redigierten und an Intellektuelle geschickten Flugblatt: "Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk". Plakate gegen das Polizeiregime, gegen den Krieg und den Hunger wurden auch von der Gruppe angeschlagen. Nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjet-Union entschloss sie sich, aktiver zur Niederlage des NS beizutragen und begann mit ihrer Spionagearbeit, die zur Verhaftung von 126 Personen  führte, von denen 50 wegen Hoch- und Landesverrats zum Tode verurteilt wurden. Ein Phänomen, das sich im Krieg entwickelte, war der Widerstand der Jugend. Ein Zeichen, dass es dem Nationalsozialismus nicht gelungen war, wie er es für sich beanspruchte, die ganze Jugend an sich zu binden. Die bekannteste Widerstandsgruppe ist die "Weiße Rose", genannt nach dem Namen, mit dem diese Münchner Studenten ihre antinationalsozialistischen Flugblätter unterzeichneten. Im Mittelpunkt dieser Gruppe steht das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl. Enttäuscht von der Hitler-Jugend, die entgegen den Idealen der Jugendbewegung die Persönlichkeit ihrer Mitglieder unterdrückte, kamen sie als Studenten in München in Kontakt mit christlichen Intellektuellen der "inneren Emigration" wie Carl Muth, Theodor Haecker usw. Entscheidend war aber die Erfahrung des schrecklichen Krieges an der Ostfront, die Hans Scholl mit seinen Freunden Willi Graf und Alexander Schmorell machte. Von nun an waren sie von der Absurdität und vom kriminellen Charakter dieses Krieges überzeugt. Nach ihrer Rückkehr nach München als Medizinstudenten, drängte sie die Frage nach der Schuld, die das deutsche Volk dadurch auf sich lud, zur Tat. Sie beschlossen, mit Flugblättern ihre Landesgenossen aufzuklären und zum passiven Widerstand zu bewegen. Die ersten vier wurden zwischen dem 27. Juni und dem 12. Juli 1942 an etwa hundert Intellektuelle per Post geschickt. Sie wiesen einen hohen geistigen Gehalt auf, zeugten aber auch von einer großen politischen Hellsicht. Der Zivilisationsbruch, den der Nationalsozialismus bedeutet, wurde deutlich beschrieben, Hitler als Antichrist dargestellt, Deutschlands Niederlage angekündigt, und die Methoden eines möglichen Widerstands im dritten Flugblatt skizziert (Sabotagen, Streiks usw.). Das fünfte Flugblatt wurde Ende Januar 1943 mit der Unterzeichnung "Flugblätter der Widerstandsbewegung" und als Appell an alle Deutschen an mehrere tausend Adressaten geschickt. Es war viel politischer, erneuerte die Warnungen und skizzierten die Zukunft eines postnationalistischen befriedeten Europa. Die Briefe wurden an weit von einander liegenden Orten eingeworfen, um den Eindruck eines weit verzweigten Widerstandsnetzes zu erwecken. Das sechste Flugblatt wurde unter dem Eindruck der Niederlage bei Stalingrad am 12. Februar 1943 verfasst und an etwa dreihundert Studenten gesendet. Die Gruppe wollte die Unruhe ausnutzen, die sich bei den Studenten breit gemacht hatte und von einer schnöden Rede des Münchner Gauleiters geschürt worden war. Ihr Idealismus riss sie zu immer kühneren Handlungen. Sie hatte begonnen, Parolen wie "Hitler Massenmörder" auf die Mauern in München zu malen. Das Flugblatt selbst ironisierte "die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten".  Die Mitglieder der Weißen Rose glaubten naiv, dass die Zeit der Auflehnung für das deutsche Volk gekommen sei. Trotz aller Vorsicht war ihnen die Gestapo auf die Spur gekommen. War das der Grund, weshalb Hans und Sophie Scholl am 18. Februar alle Vorsicht aufgaben? Am hellen Tag legten sie Restexemplare des fünften und sechsten Flugblatts auf die Treppen und vor die Räume des Universitätsgebäudes, wurden gesehen, denunziert, verhaftet. Da Hitler unbedingt am Mythos einer ihm treu ergebenen deutschen Jugend hing, wollte er mit dem Prozess ein Exempel statuieren. Dieser fand unter dem Vorsitz des grausamen Vorsitzenden des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, statt. Alle aktiven Mitglieder der Gruppe, ihr Mentor, der Professor Kurt Huber, einbegriffen, wurden zum Tode verurteilt und kurzfristig hingerichtet. Der Widerstand der weißen Rose stellt einen typischen Fall des Aufstands des Gewissens dar. Er war politisch, in Verkennung des immer noch wirkenden Charismas von Hitler, ein Misserfolg (Am Tage der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl wurde Goebbels im Berliner Sportpalast wegen seiner rhetorischen Frage "Wollt Ihr den totalen Krieg?" bejubelt). Moralisch behält er aber eine große Tragweite. Einige Historiker bedauern vielleicht zu Recht, dass der Widerstand der "Weißen Rose" denjenigen anderer, oft linker Gruppen in den Schatten gestellt hat. In der Tat haben andere Gruppen in verschiedenen deutschen Städten auch versucht, ihre Opposition gegen das Hitler-Regime auf verschiedene Weisen kundzutun. Genannt seien die Gruppe der jüdischen Jungkommunisten um Herbert Baum, die im Mai 1942 in Berlin verhaftet wurde, nachdem sie versucht hatte, die - ironische - nationalsozialistische Ausstellung "Das bolschewistische Paradies" in Brand zu stecken; die sogenannte "Swing-Jugend" in norddeutschen Städten wie Hamburg, meistens Gymnasiasten, die gegen den Konformismus des Regimes durch die Übernahme amerikanischer und grotesker Lebensgewohnheiten protestierten; vor allem aber die sogenannten "Edelweiß-Piraten", die aus Arbeitermilieus einiger Großstädte am Rhein stammten, links eingestellt waren und vor Ausschreitungen nicht zurückschreckten. Im Krieg wurde der Druck des Staates noch größer, aber die Tendenz ihm zu entgehen oder sich ihm entgegenzusetzen ebenfalls. Viele Fälle von "zivilem Ungehorsam" waren hier zu registrieren: Frauen, die um einen gefallenen Sohn trauerten und den Arbeitsrhythmus in der Rüstungsindustrie verlangsamten, Beamte, die einen Befehl hinauszögerten usw. Erstaunlich ist dennoch, wie die NS-Maschine doch bis zum katastrophalen Ende weiter lief!

4. Der Widerstand der zivilen und militärischen Eliten vor dem Krieg

Die zivil-militärischen Eliten hatten am Anfang mit Hitler kooperiert. In der Regel waren sie von der preußischen Tradition geprägt und antidemokratisch eingestellt. In ihrer großen Mehrheit hatten sie also das Ende von Weimar, dieser "Republik ohne Republikaner", herbeigewünscht. Die Konservativen träumten von einem autoritären, nicht von einem totalitären und pöbelhaft rassistischen Regime. Die letzten konservativen Kanzler der Weimarer Republik hatten versucht, eine Lösung ohne Hitler, den Chef der stärksten Fraktion im Reichstag, zu finden. In der Hoffnung, Hitler umrahmen zu können, hatten sie schließlich die Kooperation akzeptiert, weil sie dieselben nationalen Ziele wie der NS-Führer verfolgten: Abwehr des Bolschewismus im Innern, Rückgängigmachung des Versailler Diktats im Äußeren. Die Kooperation ist von Anfang an voller Spannungen gewesen. Hier zeigte sich wiederum Hitlers dämonische Geschicklichkeit. Er wusste durch die Agitprop seiner paramilitärischen Truppen (SA) ein Klima zu schaffen, in dem die Blankovollmacht ihm bewilligt wurde (Ermächtigungsgesetz, 24.3.1933). Ohne Schwierigkeiten konnte er die einflussreichen konservativen Mitglieder seines Koalitionskabinetts loswerden (Alfred Hugenberg). Vor allem: durch die "Nacht der langen Messer" am 30. Juni 1934, in der die Chefs der SA (Ernst Röhm) ermordet wurden, beruhigte er die Reichswehr, die die Bildung eines Volksheers befürchtet hatte. Nach dem Tode Hindenburgs im August 1934 wurden die beiden Ämter des Reichspräsidenten und des Kanzlers vereinigt. Hitler wurde "Führer und Reichskanzler", die Militärs mussten ihm einen persönlichen Treueid schwören. Entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrags wurden zu ihrer großen Zufriedenheit die Wehrpflicht wieder eingeführt, die Wehrmacht wiederhergestellt, das linke Rheinufer remilitarisiert, der Anschluss Österreichs verwirklicht... Der eigentliche Widerstand der zivil-militärischen Eliten begann erst 1938, nachdem Hitler seine Kriegspläne zur Lösung der "Raumfrage" enthüllt und unbequeme hohe Militärs wie die Generäle Blomberg (Reichskriegsminister) und Fritsch (Oberbefehlshaber des Heeres) entlassen hatte. Auch innerhalb der Wehrmacht entschied er die Machtfrage zu seinen Gunsten: Er übernahm selbst die Wehrmachtführung, was vielen Offizieren aus der alten preußischen Tradition wider den Strich ging. Auch dem General Ludwig Beck, Chef des Generalstabes des Heeres, schienen Hitlers abenteuerliche Pläne den soeben wiedererlangten Status Deutschlands in Gefahr zu bringen. Da es ihm nicht gelang, Hitler zu mäßigen, erbat er seinen Abschied. Er bildete dann eine oppositionelle Gruppe mit dem ehemaligen Reichspreiskommissar und Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, der im Konflikt mit Hitlers Religions- und Rassenpolitik auch zurückgetreten war und fortan als politischer Kopf der Gruppe galt. Der Diplomat Ulrich von Hassell, der Finanzminister Preußens Johannes Popitz, und der Professor der Rechte Peter Jens Jessen bildeten den rechten Flügel dieser Opposition. Als Berater der Firma Bosch (Der liberale Robert Bosch war einer der wenigen deutschen Industriellen, die den Widerstand unterstützten) konnte Goerdeler unbehelligt reisen, um sein Widerstandsnetz zu erweitern und zu konsolidieren. Goerdeler und Beck standen im Kontakt mit oppositionellen Militärs wie zum Beispiel dem General Erwin von Witzleben und mit der Abwehr des Admiral Canaris, deren Zentralabteilung von dem Obersten Hans Oster geleitet wurde, einem erbitterten Gegner Hitlers seit der Ermordung seines damaligen Chefs, General von Schleicher, während der Röhm-Affäre. Oster wurde zum Mittelpunkt der militärischen Opposition, der sogar Verbindungen zu alliierten Geheimdiensten unterhielt (Er warnte die Niederlande 1940 vor dem Angriff der Wehrmacht). Damals schon wurden in diesem Kreis Staatsstreichs- und sogar Attentatspläne entworfen. Hitlers glänzende Schnellsiege in Polen, Norwegen und Frankreich legten aber den Widerstand lahm. Hätte der projizierte Umsturz die mindeste Chance gehabt, die Unterstützung des Volkes zu bekommen?

5. Die Kreise des "bürgerlichen" Widerstandes

Der Kreisauer Kreis erhielt seinen Namen von dem Landgut, das seinem wichtigsten Vertreter, dem Rechtsanwalt Helmuth James Graf von Moltke, in Schlesien gehörte und wo viele Sitzungen dieses Kreises stattfanden. Sein Ziel war nicht der aktive Widerstand. Um ein modisches Wort zu gebrauchen: er war nichts anderes als ein think tank, das über die Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg nachdachte. Für den preußischen Junker Moltke und seinen Freund Peter Graf Yorck von Wartenburg war es gleich klar, dass Hitler, dessen anfängliche Siege in ihren Augen den "Triumph des Bösen" darstellten, den Krieg nicht gewinnen konnte. Die christlichen Werte bildeten die Grundlage ihres Denkens, aber es ist ansonsten schwer, sie einer klassischen ideologischen Strömung zuzuordnen (der linke Historiker Hans Mommsen bezeichnet sie als "Dissidenten des Konservatismus"). Nach Diskussionen unter sich versuchten Moltke und Wartenburg ab 1940 Gleichgesinnte aus allen politischen Lagern zu sammeln. Zu den Sitzungen kamen also Diplomaten (Adam von Trott zu Solz), Geistliche beider Konfessionen (der Jesuitenpater Alfred Delp, Eugen Gerstenmaier), Sozialdemokraten (Carlo Mierendorf, Julius Leber) und Gewerkschafter (Wilhelm Leuschner). Sie gehörten in der Regel einer jüngeren Generation an als die im Kaiserreich sozialisierten Mitglieder des konservativen Widerstands, und sie hatten die nationalsozialistische Diktatur praktisch von Anfang an abgelehnt. Auf die zahlreichen vom Kreis zwischen 1941 und 1943 erarbeiteten Dokumente kann hier nicht eingegangen werden. Die Politik, die darin vorgeschlagen wurde, war selbstverständlich der des III. Reichs diametral entgegengesetzt. Im neuen Deutschland sollten alle demokratischen Freiheiten und der Rechtsstaat wiederhergestellt werden. Vorgesehen war ein dezentralisierter Bundesstaat, der auch seinen Platz in einem befriedeten föderativen Europa finden sollte. Man ginge aber in die Irre, wollte man in diesen Programmen das Vorspiel des bundesrepublikanischen Grundgesetzes sehen. Denn die Erfahrung der krisenhaften Weimarer Republik und wohl auch ihre soziale Herkunft hatten bei Leuten wie Moltke ein Misstrauen gegen die politischen Parteien, und ihre Oligarchien und gegen die demagogisch-plebiszitären Aspekte der parlamentarischen Massendemokratie gespeist. Ihnen schwebte eher eine Art pyramidale Demokratie der Notabeln vor, in der die von der unteren Stufe Gewählten ihren direkten Wählern verantwortlich sein würden. Auch patriarchalische Töne wurden hierin laut.  Verantwortung war eines ihrer Schlüsselworte: Im Wahlrecht sollte die Stimme eines Familienvaters mehr Gewicht haben als die Stimme eines ledigen Wählers! Ihre wirtschaftlichen Programme verrieten dennoch den Einfluss der Sozialdemokraten unter ihnen und vermischten kapitalistische und planwirtschaftliche Elemente. Der Kreisauer Kreis hat nicht nur gedacht. Einige seiner Mitglieder wurden am Ende auch in die Verschwörung des 20. Juli involviert und erfuhren dasselbe Los wie die anderen Mitglieder. Moltke selbst lehnte den Tyrannenmord aus Gewissensgründen ab, und weil er auch fürchtete, eine neue Dolchstoßlegende könne den Neuanfang belasten. Dennoch wurde er schon im Januar 1944 verhaftet und nach dem Umsturzversuch zum Tode verurteilt. Die programmatische Arbeit des Kreisauer Kreises ist einzigartig. Es gab aber auch andere "bürgerliche" Kreise, wie den Solf-Kreis in Berlin, der Juden half und andere oppositionelle Aktivitäten entfaltete, oder, viel wichtiger, den Freiburger Kreis, der sich vorwiegend aus Ökonomen zusammensetzte und Theorien entwickelte, die die "soziale Marktwirtschaft" der Nachkriegszeit vorwegnehmen.

6. Die Verschwörung des 20. Juli

Zu Beginn der "Operation Barbarossa", das heißt des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 stellte Ulrich von Hassell fest, dass es Hitler gelungen war, die deutsche Wehrmacht zum Helfershelfer seiner Verbrechen zu machen. Viele deutsche Generäle fassten in der Tat diese Kampagne als einen Kreuzzug gegen den "jüdischen Bolschewismus" auf und akzeptierten die Verstöße gegen das Kriegsrecht, die dieser Weltanschauungskrieg erforderte (Kommissarbefehl). Die Widerstandskreise um Hans Oster hatten nie ganz aufgehört, auf Mittel und Wege zu sinnen, um der unverantwortlichen und verbrecherischen Politik des Führers Einhalt zu gebieten. Auch an der Ostfront, bei der Heeresgruppe Mitte, versuchte der Chef des Stabes Henning von Tresckow seinen Chef, Generalfeldmarschall von Kluge, für einen Putsch gegen Hitler zu gewinnen.  Die "Winterkatastrophe " vom Winter 1941 und der Rückzug vor Moskau zerstörten den Mythos von Hitlers Unbesiegbarkeit. Bei einem Treffen mit Goerdeler soll Tresckow im Juli 1942 gesagt haben, der Krieg sei verloren. Hitler sei verrückt geworden, er müsse eliminiert werden. In der Tat: Die  Siegessträhne war vorbei, jetzt häuften sich die Niederlagen auf allen Schlachtfeldern: in Afrika, besonders an der Ostfront mit der schweren Niederlage bei Stalingrad Anfang 1943. Mehrere von Offizieren der Heeresgruppe Mitte vorbereiteten Attentatsversuche scheiterten. Hitler kapselte sich immer mehr in seiner "Wolfsschanze" bei Rastenburg ab, es wurde immer schwieriger, sich ihm zu nähern. Anderseits fehlte es dem Widerstand an einer Führungsperson, die zum Putsch entschlossen war und das nötige Charisma besaß, um die Wehrmacht mitzureißen. Die in Frage kommenden hohen Generäle (Kluge, Fromm, Mannstein) blieben zögerlich. Im März 1943 versuchte sie Goerdeler vergeblich durch eine Denkschrift über die katastrophale Lage zur Tat zu ermuntern. Erst als Claus Graf Schenk von Stauffenberg zum Widerstand stieß, verfügte man über eine zum Handeln entschlossene Persönlichkeit, die bald mit seiner mitreißenden Energie zum Motor der Verschwörung wurde. Ein brillanter Offizier, der mutig für sein Land und seinen Führer gekämpft hatte. An der Ostfront hatte er aber 1941 erkannt, dass der NS-Rassismus eine wahnwitzige Ausrottungsideologie war. Nach schweren Verletzungen vor Tunis wurde er im Herbst 1943 als Chef des Stabes im Allgemeinen Heeresamt (unter General Friedrich Olbricht) nach Berlin berufen, wo er am 1.7.1944 zum Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres (General Erich Fromm) ernannt wurde. In dieser Funktion hatte er Zugang zu den Besprechungen zur "Lage" im Führerhauptquartier. Stauffenberg nahm schnell Kontakte mit anderen Protagonisten des zivilen und des militärischen Widerstands auf: Tresckow, Goerdeler usw. Besonders wichtig ist das Zusammentreffen mit Julius Leber, einem Mitglied des Kreisauer Kreises, der fortan  mit ihm an der Spitze der Verschwörung stehen wird. Der zum rechten Flügel der Partei gehörende Sozialdemokrat Leber hatte vier Jahre im KZ Sachsenhausen gesessen und hatte sich dann als Kohlenhändler in Berlin niedergelassen, ohne den Kontakt zu anderen Genossen zu verlieren. Mehr als der allzu selbstsichere und geschwätzige Goerdeler war dieser Pragmatiker dazu geeignet, an der Vorbereitung eines Putsches teilzunehmen. Er wurde zum politischen Kopf der Verschwörung. Mit Goerdeler, Beck, Leuschner und dem katholischen Gewerkschafter Jakob Kaiser verfasste Leber Anfang 1944 das Manifest der Verschwörung "Der Weg". Dieses Dokument zielte auch darauf hin, einen möglichst breiten Konsens innerhalb der Widerstandskreise herzustellen. Leber definierte auch die "Elf Punkte", über die die neue Regierung nach dem Putsch mit den Gegnern Deutschlands verhandeln sollte. Er wollte die Basis der Bewegung erweitern und nahm sogar Kontakte mit der kommunistischen Saefkow-Gruppe auf. Das wurde ihm zum Verhängnis: Infolge einer Denunziation wurde er im Juli 1944 verhaftet. Inzwischen war auch Hans Oster im März 1944 entlassen worden, weil man bei der Verhaftung seines Mitarbeiters Hans von Dohnanyi Belastungsmaterial  auch gegen ihn gefunden hatte. Diese Reihe von Verhaftungen und Entlassungen (Bonhoeffer, Moltke, Leber usw.) zeigten, dass die Gestapo Verdacht zu schöpfen begann. Dies und die Lage an den Fronten (inzwischen  hatte die "Invasion" in Frankreich begonnen) drängten zur Tat. Es war den Verschwörern klar, dass Hitler physisch zu eliminieren war (Nur Goerdeler hatte einige Vorbehalte). Nationale Motivationen haben  zweifelsohne zu diesem Entschluss beigetragen. Durch Hitlers Eliminierung könnte man die westlichen Alliierten vielleicht nicht von ihrer Absicht abbringen, Deutschland eine bedingungslose Kapitulation aufzuzwingen, aber sie zu einem Waffenstillstand im Westen zu bewegen, der die Stabilisierung der Ostfront erlaubt hätte. Aber auch politisch-ethische Gründe waren bei den Verschwörern vorhanden. Tresckow soll zu dieser Zeit gesagt haben: "Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig". Auch Julius Leber meinte, der Versuch von Seiten der Deutschen, sich aus eigenem Antrieb vom Diktator freizumachen, sei für die Zukunft des Vaterlands überaus wichtig. Attentat und Putsch waren miteinander verbunden. Es ging nicht nur darum, den Tyrannen zu ermorden und die ihm getreuen Männer und Institutionen auszuschalten, sondern auch die vorgesehene neue Regierung (mit Goerdeler als Reichskanzler) und ihr Programm von den verschiedenen Institutionen und in der Bevölkerung anerkennen zu lassen. In seiner Funktion als Stabschef des Ersatzheeres und mit dem Wissen seines Chefs General Fromm (der gesagt hatte, nur im Falle eines gelungenen Attentates wolle er den Putsch unterstützen!) wollte Stauffenberg, der sich darüber mit Tresckow beriet, zu einer List greifen. Das Ersatzheer umfasste alle Truppen, die auf dem Reichsterritorium stationiert waren. Deren Mobilisierung war im Falle innerer Unruhen oder Gefahren (z.B. eines Angriffs mit Fallschirmjägern) vorgesehen. Stauffenberg wollte mit der Unterstützung Olbrichts ein "Kriegspiel" namens "Operation Walküre" inszenieren, das von der Annahme eines kommunistischen Aufstands ausging, und dem Ersatzheer erlauben sollte,  im Inneren des Reichs die Macht an sich zu reißen. Mit anderen Worten: Die Verschwörer wollten einen falschen Putsch vortäuschen, um den wahren vorzubereiten, ohne den Verdacht der Nazis zu erregen. Die Schwierigkeit war aber das Attentat. Der Kopf des Staatsstreichs sollte im Prinzip nicht auch gleichzeitig die Hand des Attentats sein. Nur fand man eben niemand anders als Stauffenberg selbst, um sich dem Führer in der "Wolfsschanze" zu nähern und das Attentat durchzuführen. Das geschah nach ein paar Verschiebungen am 20. Juli. Wie man weiß, kam Hitler wieder einmal fast glimpflich davon und somit war der Putsch zum Scheitern verurteilt. In Paris und in Wien konnten Generäle der Wehrmacht, die der Verschwörung nahe standen, eine Zeit lang die nationalsozialistischen Formationen unter ihre Kontrolle bringen. In Berlin, wo Stauffenberg vom Bendlerblock (Sitz des OKW) aus den Staatsstreich steuern wollte, dauerte es nicht lange, bis die Verschwörer ihre Niederlage anerkannten. Noch in der Nacht  wurden Stauffenberg, Olbricht und ihre nächsten Mitarbeiter auf den Befehl von Fromm (!) standrechtlich erschossen. Ludwig Beck, der auch anwesend war, gab man die Möglichkeit, Selbstmord zu begehen. In den darauffolgenden Prozessen wurden mindestens 180 Personen hingerichtet. Aufgrund der Sippenhaft waren die Familien der Verschwörer nicht vor Verfolgungen geschützt: Stauffenbergs Frau wurde ins KZ Ravensbrück geschickt, seine Kinder einer von der SS bewachten Erziehungsanstalt anvertraut!

7. Bedeutung

Auch dem zivil-militärischen Widerstand gelang es also nur, irgendwie die Ehre Deutschlands zu retten, und zu zeigen, dass es auch im totalitären Nationalsozialismus "ein anderes Deutschland" gegeben hat. Zu Legitimationszwecken hat sich die Bundesrepublik ab den 50er Jahren gerne auf den "Aufstand des Gewissens" bei den Verschwörern des 20. Juli und den jungen Leuten der "Weißen Rose" berufen. Die in den Kreisen des zivilen Widerstands erarbeiteten Programme zeugen zwar von dem Willen, mit dem Unrechtsstaat des Nationalsozialismus zu brechen, und zu humanistisch-christlichen Werten zurückzukehren. Aber auch die "demokratischsten" und "europäischsten" unter ihnen, die des Kreisauer Kreises, legen ein gewisses Misstrauen gegenüber der parlamentarischen Massendemokratie an den Tag, so dass man in ihnen unmöglich eine direkte Inspirationsquelle für das Grundgesetz erblicken kann. Selbstverständlich bleibt das Verdienst dieser "Leute, die Hitler getrotzt haben" (Badia) groß und darf so wenig wie die Verbrechen des Nationalsozialismus vergessen werden. Dass sie auch aus Sorge um Deutschlands Großmachtstellung in Europa, also aus nationalen wenn nicht nationalistischen Motiven gehandelt haben, vermindert ihr Verdienst kaum. Dieses soll auch an der Selbstüberwindung gemessen werden, die der Entschluss zum Widerstand von diesen in der preußischen Tradition erzogenen hohen Beamten oder Militärs erforderte. Sie mussten nicht nur das Risiko eingehen, als Hoch- und Landesverräter angesehen zu werden (als solche galten sie noch nach dem Krieg in vielen deutschen Milieus), sondern auch aufgrund der Sippenhaft die Konsequenzen ihrer Tat für ihre Familie befürchten. Es stimmt nicht, dass der zivil-militärische Widerstand erst spät auf den Plan getreten ist, als Deutschlands Niederlage unausweichlich war, und um zu retten, was noch zu retten war. Die meisten Hauptakteure waren schon vor dem Krieg zu Hitler in Opposition getreten und gingen schon damals mit Umsturzplänen um. Dass sie dabei Hitler weitergedient haben, kann ihnen auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Denn nur diejenigen, die im Zentrum der Macht geblieben waren, hatten eine wirkliche Chance diese Macht zu erschüttern. Der "Aufstand des Gewissens" ist bei ihnen auch nicht zu leugnen. In seinem Tagebuch notiert Ulrich von Hassell angesichts des Pogroms des 9. November 1938 (Kristallnacht), dass diese Schande in aller Zukunft Deutschland belasten werde. Zwar gab es in Deutschland keine einheitliche "Widerstandsbewegung", nur Gruppierungen, die sich mit unterschiedlichen Motivationen und auf unterschiedliche Weisen dem Regime entgegensetzten. Die Verschwörung des 20. Juli erhält aber ihren symbolisch-repräsentativen Wert dadurch, das es ihr am Ende gelungen ist, auch einige linke Politiker in ihr Unternehmen einzuspannen. Deshalb wurde ihrer in der Bundesrepublik besonders gedacht, während zu Beginn allein der kommunistische Widerstand in der DDR  gewürdigt wurde. Ein "anderes Deutschland" haben auch die etwa halbe Million Deutsche gebildet, die nach 1933 ins Exil mussten. Die Emigration ist für alle Betroffenen eine schwere Probe und auch eine Form des Widerstands gewesen, sei es nur wegen der Hilfe, die vom Ausland aus dem inneren Widerstand geleistet wurde, oder wegen der Information, die die Emigrierten über die Situation in Deutschland verbreiten konnten. Es entstand jedoch im Exil keine wahre Alternative zur NS-Politik, denn die Spaltungen der vornazistischen Zeit konnten nicht wirklich überwunden werden, wie  das Scheitern einer deutschen antifaschistischen Volksfront in Frankreich (mit Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Willi Münzenberg, Rudolf Breitscheid, Leopold Schwarzschildt) zeigte. Obwohl dieser Versuch (und der antifaschistische Kampf von Deutschen im spanischen Bürgerkrieg und in der französischen Résistance) für die DDR eine Referenz blieb, sollte man eher das politische Erbe des Widerstands für die Bundesrepublik in etwas anderem suchen:  in dem sowohl die "rote" als auch die "braune" Diktatur verwerfenden "antitotalitären Konsens", der im Kontakt mit den westlichen Demokratien besonders bei den Sozialdemokraten und den Vertretern der "Zwischengruppen" entstand. Es kam aber nie zur Bildung einer deutschen Regierung im Exil! Ist das der Grund, weshalb sich der deutsche Widerstand trotz zahlreicher Bemühungen über viele Wege (Vatikan, Schweiz, Schweden, Spanien) sich nie bei den westlichen Alliierten nie Gehör zu verschaffen wusste? Das Misstrauen gegen den deutschen Militarismus und Imperialismus war zu groß, und solche Verhandlungen waren mit der Forderung der bedingungslosen Kapitulation nicht zu vereinbaren. Die Sowjetunion scheint verständnisvoller gewesen zu sein. Aber das "Nationalkomitee Freies Deutschland", das sie 1943 aus der Taufe hob und ein breites Bündnis von Regimegegnern fördern sollte, war nur ein Instrument sowjetischer Politik. In der letzten Zeit vermehrte sich die Zahl der Publikationen, die sich nicht mehr den wichtigsten politischen Tendenzen und Gruppen des deutschen Widerstands, sondern bisher kaum beachteten und erforschten Teilaspekten widmeten, wie dem Widerstand der Frauen (auch der Frauen der Verschwörer), der Juden, der Häftlinge in den Konzentrations- oder Arbeitslagern (Revolten der Verfolgten) usw. Die Geschichte der deutschen (arischen) Frauen, die im Februar 1943 in der Berliner Rosenstraße gegen die Deportierung ihrer jüdischen Männer erfolgreich protestierten, zeigt, dass der persönliche Mut ein Terrorregime zum Nachgeben zwingen kann. Die Aufmerksamkeit wendet sich nun eher den Einzelnen oder den kleinen Netzwerken zu, die trotz hoher Risiken und sehr oft unter Einsatz ihres Lebens  Verfolgten oder Flüchtlingen zu Hilfe gekommen sind. In Berlin wurden so unter den schwersten Bedingungen etwa 5000 Juden versteckt und gerettet. Man interessiert sich für die Deserteure, die lange Zeit als solche  verschrien wurden, in deren Entschluss man aber nun auch einen Akt der Opposition und des Widerstandes zu erblicken geneigt ist. Durch die Publikation von Memoiren, Korrespondenzen, Erinnerungen, Selbstzeugnissen, Dokumenten, durch Biographien will man diesen "stillen Helden" zu Recht einen Platz im Pantheon des deutschen Widerstands einräumen. Man ist gleichsam von einer "heroischen" zu einer Sozialgeschichte der Opposition und des Widerstands übergegangen. Es gibt sogar Stimmen, die behaupten, der Geist des Widerstandes oder der Aufstand des Gewissens würden von den Verhaltensweisen dieser Einzelnen im Alltag besser vertreten, als von den ideologisch-politisch bewegten - und somit oft ambivalenten - Regimegegnern, die bisher im Mittelpunkt des Interesses gestanden hatten. Diese "stillen Helden" zeugen davon, dass auch in einem totalitären Terrorregime die Freiheit, die Menschlichkeit und die Würde des Menschen nicht völlig zu ersticken sind. Die Gefahr ist, dass man darüber vergisst, dass das deutsche Volk doch kein Volk von Widerständlern gewesen ist, und Hitler fast bis zum Ende gefolgt ist. Gegenstand der Forschung sind auch heute die Entwicklung der Geschichtsschreibung und der Platz des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur Deutschlands und der anderen europäischen Ländern.

Bibliographie

Gewählt wurden vorzugsweise Gesamtdarstellungen oder Nachschlagewerke, die eine präzisere Orientierung erlauben.

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Pour citer cette ressource :

Gilbert Merlio, "Der deutsche Widerstand gegen Hitler", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), mars 2010. Consulté le 21/08/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/histoire/le-nazisme/der-deutsche-widerstand-gegen-hitler

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Die weiße Rose

Sophie Scholls Leben: weisse-rose-stiftung.de Flugblätter der Weißen Rose: weisse-rose-stiftung.de Pressestimmen zum Film "Sophie Scholl. Die letzten Tage": zeitgeschichte-online.de Dossier zum Film: bpb.de Dokumentarfilm "Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose": basisfilm.de Ausschnitte von Maren Bergs Auftritt über die Weiße Rose: marenberg.com

Der 20. Juli 1944

"Das Heft geht der Frage nach, warum die Widerständler um Claus Schenk Graf von Stauffenberg erst so spät handelten. Möglichkeiten und Grenzen der wichtigsten Gruppen des deutschen Widerstandes werden analysiert.": bpb.de Der 20. Juli im Spielfilm: zeitgeschichte-online.de Der 20. Juli im Dokumentarfilm: zeitgeschichte-online.de Pressestimmen zu Fernsehfilmen und Dokumentarreihen: zeitgeschichte-online.de Wem gehört der 20. Juli 1944? Die Debatte um den Film "Operation Walküre": zeitgeschichte-online.de Pressestimmen zum Film: zeitgeschichte-online.de

Thomas Mann

"Deutsche Hörer" von Thomas Mann zum Hören: dhm.de

Theater

"Das Nachkriegstheater als Sprachrohr der deutschen Widerstandsbewegung" von M.-C. Gay : cle.ens-lyon.fr

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