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Die Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich in den 70er und 80er Jahren: zwischen Herabsetzung und Idealisierung

Par Anne-Marie Pailhès : Maître de conférences - Université Paris Ouest Nanterre La Défense
Publié par Marie Laure Durand le 25/06/2014
Nach dem Grundlagenvertrag von 1972 erkennt Frankreich das Pankower Regime offiziell an und unterhält mit der DDR Beziehungen, die trotz der Existenz der Berliner Mauer Frankreichs allgemeiner Politik gegenüber Deutschland dienen. Der ostdeutsche Staat weckt das Interesse universitärer und intellektueller Kreise, was im Kulturabkommen von 1980 konkretisiert wird. Die Biermann-Affäre und das jähe Ende einer gewissen Liberalisierung im Bereich der Kunst und der Kultur in der DDR haben allerdings die Wahrnehmung der DDR in Frankreich verändert, wobei die Rolle der Opposition an Bedeutung gewinnt. Die Geschichte der realen oder imaginären Beziehungen zwischen der Zivilgesellschaft der beiden Staaten muss noch geschrieben werden, zum Beispiel anhand der Erforschung der Freundschaftsgesellschaft Frankreich-DDR.

Frankreich und die beiden deutschen Staaten haben eine Dreiecksbeziehung unterhalten; immer wieder wird die deutsch-französische Versöhnung in der Form des Elysée-Vertrags in den Vordergrund geschoben, wobei die Bundesrepublik als der einzige gültige Partner dargestellt und das andere Deutschland oft vergessen wird. Die offizielle Beziehung lief mit der Bundesrepublik, während die Beziehungen des französischen Staates zur DDR von der Bundesrepublik bestenfalls toleriert wurden. Davon zeugen die wenigen Publikationen zu diesem Thema, übrigens nur von deutschen Wissenschaftlern, die die illegitime oder wenigstens nebensächliche Dimension dieser Beziehungen betonen, wie z. B. das Buch von Ulrich Pfeil, Die anderen deutsch-französischen Beziehungen – Die DDR und Frankreich 1949-1990  oder die Publikation von Dorothee Röseberg, Frankreich und „Das andere Deutschland“. Es fehlt bis jetzt ein französischer Blick auf die Geschichte dieser Beziehungen.

Ziel dieses Beitrags ist es, diese Beziehungen anderer Art dank der vorhandenen Quellen in Erinnerung zu rufen und den Leser vielleicht auf ein möglicherweise neues Feld auf dem Gebiet der deutsch-französischen Beziehungen aufmerksam zu machen. Der französische Staat war stets an der Existenz der DDR interessiert, was auch immer die Regierung der Bundesrepublik davon hielt. Es sei hier an das Bonmot des Schriftstellers François Mauriac erinnert, „Ich liebe Deutschland so, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt“[1]. Vor diesem Hintergrund ist es also kein Wunder, wenn Frankreich zu den ersten westlichen Ländern gehörte, die nach der Ratifizierung des Grundlagenvertrags durch den Bundestag im Dezember 1972 die DDR im Februar 1973 anerkannten. Erst ein Jahr später konnten die beiden Botschafter ihr Amt antreten. Auf französischer Seite war Bertrand Guillier de Chalvron, der nach Buchenwald deportiert worden war, der erste Botschafter „in Berlin bei der DDR“ (und nicht „in der DDR“). Der Botschafter der DDR in Frankreich, Ernst Scholz, war während des Zweiten Weltkriegs aktiv in der frz. Résistance gewesen. Das wurde auch in den Begrüßungsworten des französischen Präsidenten Pompidou gewürdigt.

Die Anerkennung der DDR durch Frankreich markiert die erste Zäsur in den Beziehungen beider Länder, für die DDR hatte aber die Anerkennung der ostdeutschen Staatsbürgerschaft den Vorrang. Aus diesem Grund legte die DDR viel Wert auf das Konsular- und Kulturabkommen, das darauf folgen sollte. Da Frankreich aber nicht gewillt war, an den Vorrechten der Alliierten zu rühren, verzögerte sich die Unterzeichnung dieses Abkommens bis 1980 und die dann auch darin vorgesehene Einrichtung von Kulturzentren in Ostberlin und Paris, die erst 1983 bzw. 1984 ihre Türen öffneten. Die offizielle, diplomatische Geschichte stimmt aber nicht mit der kulturellen überein: Bereits nach der Biermann-Ausbürgerung im November 1976 begann sich das Bild der DDR in Frankreich zu ändern. Die Wende zu den 80er Jahren stellt eine andere Zäsur in den Beziehungen dar. Von nun an kannte die offizielle Geschichte Höhe- und Tiefpunkte. In diesem Jahrzehnt gab es wie übrigens schon im vorausgehenden in einem nicht zu vernachlässigenden Umfang Beziehungen auch zwischen einfachen Bürgern aus Frankreich und der DDR – das ist ein eher unbekannter Aspekt der Geschichte, den ich besonders hervorheben möchte.

Die 70er Jahre: die Entfaltung der Beziehungen zwischen der Anerkennung (1973) und dem Konsular- und Kulturabkommen (1980)

Die französische Deutschland-Politik und insbesondere die Politik gegenüber der DDR ist in den 70er Jahren von Grundelementen gekennzeichnet, die sie kontinuierlich geprägt, ob nun unter Robert Schuman und De Gaulle, unter Pompidou (1969-1974) oder unter Giscard (1974-1981). Folgende Leitlinien waren maßgebend:

  • das Bündnis mit der Bundesrepublik hat Vorrang, darf nicht im geringsten aufgrund von Beziehungen zum „anderen Deutschland“ in Frage gestellt werden.
  • die Viermächterechte über ganz Deutschland und Berlin sollen aufrechterhalten werden.
  • die deutsche Teilung ist ein notwendiger Faktor für das europäische Gleichgewicht. Aus diesem Grund ist Frankreich am Weiterbestehen der DDR interessiert (was auch noch 1989 eine Rolle spielen wird).

Das erste Prinzip verhinderte nicht, dass die Ostpolitik und die damit zusammenhängende Normalisierung der Ost-West Beziehungen in Paris positiv aufgenommen wurden. Die Anerkennung der DDR durch Frankreich – dies galt übrigens für sämtliche westeuropäische Staaten – geschah erst nach der Ratifizierung des Grundlagenvertrages durch den Deutschen Bundestag. Paris wollte weder einen Konflikt mit Bonn riskieren noch den Erfolg von Brandts Ostpolitik gefährden, die von der christdemokratischen Opposition heftig kritisiert wurde. Bonn blieb trotz aller Missliebigkeiten und Missverständnisse zwischen beiden Partnern der bevorzugte Verbündete und der einzige, der grundsätzlich als legitim angesehen wurde.

Nach wie vor wollte sich Frankreich ein Mitspracherecht über die Entwicklung der deutschen Frage vorbehalten und, wie schon erwähnt, die Viermächterechte über ganz Deutschland und Berlin aufrechterhalten. Es bestand deshalb immer darauf, dass die Viermächterechte über Deutschland als Ganzes und Berlin erhalten bleiben. Die heikle Frage der Staatsbürgerschaft, eigentlich die einzige, die nach der völkerrechtlichen Anerkennung wirklich politischer Natur war, war lange Zeit ein Zankapfel zwischen beiden Regierungen und blieb folglich bis 1980 ungelöst. Honecker, dem es um die Durchsetzung der auf dem 8. Parteitag verkündeten „Zwei-Staaten-Theorie“ und damit um die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR ging, hatte im Oktober 1974 Frankreich einen entsprechenden Entwurf für ein Konsularabkommen zukommen lassen. Frankreich war aber als Siegermacht mit seinen Rechten für ganz Deutschland und für Berlin nicht bereit, durch den Abschluss eines solchen Konsularvertrages mit der DDR an diesen Rechten zu rühren. Die französische Regierung schloss sich der Position der Bundesrepublik und implizit damit dem „Alleinvertretungsanspruch“ an, wonach der bundesdeutsche Kernstaat ganz Deutschland in den Grenzen von 1937 repräsentiert. Auch wenn Großbritannien bekanntlich anders entschied, weigerte sich Frankreich bis zum Schluss, in dem schließlich 1980 doch unterzeichneten Konsularabkommen eine DDR-Staatsbürgerschaft festzuschreiben.

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Dok. 1. Städtepartnerschaften mit der DDR.© Fonds RDA, Université Paris VIII Saint-Denis.

Frankreich war der siebzigste, aber der zweite westliche Staat, der die DDR staatsrechtlich anerkannte, weil die Notwendigkeit der deutschen Teilung in diesen Jahren auch ein untastbares Prinzip seiner Politik blieb. Das geschah immerhin ohne exzessiven Enthusiasmus. Bis zur Ernennung der beiden Botschafter verging ein ganzes Jahr: Diese Verzögerung lässt sich zwar einerseits aus materiellen Gründen erklären, weil das frühere Gelände am Pariser Platz nicht benutzt werden konnte. Schwerwiegender waren aber die juristischen Gründe: Frankreich bestand hartnäckig darauf, dass der französische Botschafter „in Berlin bei der DDR“ akkreditiert wird und nicht in der Deutschen Demokratischen Republik. Für Frankreich behielt nämlich Berlin einen Sonderstatus – es unterstand der Kontrolle der Alliierten.

Genau wie sein Vorgänger Pompidou verlangte Giscard d’Estaing von der sowjetischen Regierung die Zusicherung, dass die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten keinesfalls zur Debatte stünde. So soll er, laut dem französischen Publizisten André Fontaine, noch 1979 gegenüber Breschnew geäußert haben, dass er die Aufrechterhaltung der deutschen Teilung und zu diesem Zweck eine enge Zusammenarbeit zwischen Paris und Moskau wünsche. Giscard d’Estaing sah die deutsch-französischen Beziehungen ausschließlich in der Perspektive der fortgesetzten Teilung Deutschlands[2].

In den Jahren nach der Anerkennung – seit 1974 – stand das Tandem Schmidt-Giscard („le couple franco-allemand“) im Vordergrund, was sich für die DDR eher ungünstig auswirkte. Die DDR setzte nun auf bürgerliche Politiker, um ihr Ziel der vollständigen Anerkennung, d.h. auch Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft, durchzusetzen. Zum Beispiel wurde schon im Jahre 1973 Edgar Faure, der Präsident der französischen Nationalversammlung, in die DDR eingeladen. Der Besuch wurde aber zunächst vom Premierminister Pierre Messmer verboten, um übertriebene Freundschaftsbekundungen gegenüber der DDR zu vermeiden. Er fand schließlich doch im Januar 1974 statt. Ein weiterer Schritt wurde im Januar 1976 mit dem Besuch des DDR-Außenministers Oskar Fischer in Paris erreicht. Dieser Besuch wurde als „Arbeitsbesuch“ heruntergespielt, um nicht von einem „offiziellen Besuch“ sprechen zu müssen. Anhand solcher Fußnoten der Geschichte wird klar, dass die Beziehungen zum „anderen Deutschland“ bei weitem nicht normalisiert waren, obwohl Oskar Fischer zuvor bereits seinen Amtskollegen aus Dänemark, Norwegen und Belgien – alles NATO-Staaten – begegnet war. Zu einem Treffen mit dem Präsidenten Giscard oder mit dem Premierminister Jacques Chirac kam es nicht, obwohl später aus diversen, damals geheim gebliebenen Quellen gesickert ist, dass es in diesem Punkt Divergenzen zwischen beiden Männern gegeben hätte. So hieß es kritisch zur Zeit des Besuches in Le Monde: „Man kann sich fragen, ob Paris nicht allzu große Rücksicht auf Bonn nimmt, wenn der Besuch von Herrn Fischer als ein ‚Arbeitsbesuch‘ und nicht als ein offizieller Besuch betrachtet wird. Inwiefern ist das Realismus?“ (Le Monde, 7. Januar 1976, S. 1 „Le contentieux avec l’autre Allemagne“).

Diese zögernde, reservierte Haltung seitens der französischer Behörden trat auch klar zu Tage, als das französische Außenministerium im Jahr 1974 das zwischen der Universität Paris 8 und der Humboldt Universität unterzeichnete Abkommen missbilligte.

Die Unterzeichung des Konsular- und Kulturabkommens wurde bis 1980 hinausgezögert: Frankreich beharrte auf einem französischen Kulturzentrum in Ostberlin mit freiem Zugang zu westlichen Publikationen, die DDR auf der Nationalitätsfrage.

In diesen Jahren erscheinen die Handelsbeziehungen als Ersatz für kaum existierende politische Beziehungen auf höchster Ebene. Schon am 20. Januar 1970 war ein Abkommen zwischen dem Amt für Außenwirtschaftsbeziehungen der DDR und dem Conseil Français du Commerce Extérieur unterzeichnet worden, das den Austausch von Waren vorsah. Von 1970 bis 1974 wurde die DDR zum zweitwichtigsten Handelspartner Frankreichs im Osten. Das Handelsvolumen verdoppelte sich sogar bis 1980. Diese Erfolgsmeldungen verbargen aber ein eher bescheidenes Ergebnis, denn der Handel mit der DDR stellte 1979 nur 0,24 % des französischen Außenhandels dar.

Die 80er Jahre: Beziehungen im Zeichen der außenpolitischen Stabilisierung

Der Umfang des Außenhandels konnte also kein politisches Druckmittel für die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft darstellen. Ende der 70er Jahre entbrannte in Deutschland aber eine Diskussion, die die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR beleben sollte. Die Debatte um die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung weckte die Pariser Ängste vor einem starken Deutschland. Anfang 1978 war im Spiegel ein Manifest der DDR-Opposition erschienen, dessen Autoren, ein geheimer „Bund demokratischer Kommunisten“, die Wiedervereinigung nachdrücklich forderten (Der Spiegel, 1/1978, « Wir sind gegen die Einparteiendiktatur », S. 21-24.). Anfang 1979 erklärte der langjährige französische Botschafter in Bonn, François Seydoux, gegenüber dem Spiegel: „Für uns Franzosen ist Deutschland immer im Werden, ein Land, von dem man niemals weiß, was aus ihm wird“. In manchen Ministerien sprach man von den „deutschen Ungewissheiten“. Der Publizist Peter Scholl-Latour hatte knapp ein Jahr zuvor geschrieben: „Unterschwellig hatten die Franzosen stets gespürt, dass die ungelöste Deutschland-Frage nicht nur das europäische Gleichgewicht und das Ost-West Verhältnis, sondern die Existenz der Sechser- und dann der Neunergemeinschaft im Kern belastet. Die Frage wurde nie formuliert, aber heute kommt sie wieder hoch: wie würde eine Bonner Regierung reagieren, falls ihr eines Tages das Angebot der Neutralisierung, gekoppelt an irgendeine Form der föderativen Wiedervereinigung gemacht würde?“ Damals erschien in der Zeitschrift Allemagnes d’Aujourd’hui ein Artikel vom Chefredakteur Felix Lusset mit dem Titel: „Une réunification inattendue?“ (Gibt es eine unerwartete Wiedervereinigung?)

Das belebte das französische Interesse an zwei deutschen Staaten. Im Juli 1979 fand daraufhin der offizielle Besuch des französischen Außenministers Jean François-Poncet in Ostberlin statt. Wie bei seinen Vorgängern handelte es sich nicht um einen Besuch „in der DDR“, sondern „bei der Regierung der DDR“, weil Paris weiterhin nicht gewillt war, Ostberlin als Hauptstadt der DDR anzuerkennen. Immerhin war es der erste Besuch eines Chefs der westlichen Diplomatie in der DDR. Er war der Auslöser für die Unterzeichnung des Konsular- und Kulturabkommen. Ähnliche Abkommen waren schon 1976 mit Großbritannien und im September 1979 mit den USA geschlossen worden: damit konnte sich die französische Regierung weiter einbilden, eine unabhängige Außenpolitik zu treiben. Diese Illusion wurde auch 1980 genährt, als Frankreich nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan als einziges westliches Land nicht die Olympischen Spiele in Moskau boykottierte.

Obwohl Frankreich förmlich vermeiden konnte, die DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen, konnten DDR-Bürger auf französischem Gebiet den konsularischen Schutz sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR suchen. Der Konsularvertrag wurde im September 1981 durch die Assemblée Nationale ratifiziert und trat im November 1981 in Kraft. Er sah die Eröffnung von zwei Kulturzentren in Ostberlin und in Paris vor. In Ostberlin sollten die Besucher mindestens prinzipiell freien Zugang zu westlichen Publikationen haben. Am 18.8.80 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die Interessen der Führung in Ost-Berlin stimmen in einem wichtigen Punkt mit den französischen überein. Beiden ist daran gelegen, dass Deutschland nicht wieder vereint wird. Nicht nur bei der linken Opposition, auch bei der bürgerlichen Regierungskoalition, besonders bei den Gaullisten ist das Bewusstsein lebendig, dass sich Frankreich keinen besseren Nachbarn wünschen kann als ein geteiltes Deutschland“.

Die kulturellen Beziehungen vor und nach der Biermann-Affäre

Die Eröffnung der beiden Kulturzentren fiel in eine Zeit, in der die DDR zugleich in bestimmten Kreisen der französischen Gesellschaft Interesse erweckt hatte, wenn auch nicht das von Seiten der DDR gewünschte Interesse. Während das Bild der DDR in Frankreich in den 60er Jahren eher positiv ausgefallen war, war es in den 70er Jahren von mehr Gleichgültigkeit geprägt. Die Biermann-Affäre belebte das Interesse für das andere Deutschland, das von den französischen Medien weitgehend ignoriert worden war. Von diesem Desinteresse zeugt z.B. der Titel des 1966 erschienen Buches von Gilbert Badia und Pierre Lefranc, „Un pays méconnu : la République Démocratique Allemande“ (Badia, Gilbert und Lefranc, Pierre, Un pays méconnu : la République Démocratique Allemande, Verlag Zeit im Bild, 1966, Dresden, 324 S.).

Die DDR hatte 1975 an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki teilgenommen, und ihr Einverständnis zum berühmten Korb 3 der Schlussakte über die Achtung der Menschenrechte erklärt. Daran wollte der französische Außenminister François-Poncet bei seinem Besuch 1979 erinnern. Inzwischen hatte nämlich die Biermann-Affäre bis nach Frankreich Wellen geschlagen und die Kreise verstimmt, die bisher das sozialistische Deutschland immer verteidigt hatten. Die Vereine und Zeitschriften, die mit der DDR sympathisierten, nahmen kritisch Abstand zur Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976. Biermann hatte schon zuvor in der DDR Auftrittsverbot und durfte nach einer Tournee in der Bundesrepublik, während der er sich sehr kritisch über seine Heimat geäußert hatte, nicht wieder in die DDR einreisen. Die Herausgeber der politisch der nicht-kommunistischen Linken zugeordneten Zeitschrift Allemagne d’Aujourd’hui, der nach der Anerkennung der DDR 1973 ein „s“ hinzugefügt worden war und die von da an Allemagnes d’Aujourd’hui hieß, bildeten ein Komitee Biermann und organisierten gegen diese Ausbürgerung und gegen die Verletzung der Menschenrechte in der DDR eine Protestveranstaltung in der Mutualité am 1. Juni 1978. Dem Komitee saß der Schriftteller Vercors – der Autor von Das Schweigen des Meeres/Le silence de la mer, vor.

In Le Monde erschien im Dezember 1976 ein Beitrag des Schriftstellers Raymond Jean, Mitglied des PCF und des Freundschaftsvereins France-RDA. Er kritisierte die Ausbürgerung von Biermann und prangerte die stalinistische Praxis der DDR an (Le Monde, 10. Dezember 1976, S.3, « Communiste critique », par Raymond Jean).

Im Jahre 1977 sorgte dann der Fall Bahro für Aufregung. L’Humanité veröffentlichte Artikel gegen die Inhaftierung des Philosophen und Autors von der Alternative. Connaissance de la RDA, eine Publikation der Universität Paris 8 Saint-Denis, hatte sich seit ihrer Gründung 1973 die bessere Kenntnis des anderen deutschen Staates zum Ziel gesetzt. Auch diese Zeitschrift, die sonst ihre Sympathie für die DDR offen bekundete, publizierte kritische Artikel gegen die Inhaftierung von Bahro (z.B. Mathieu, Jean-Philippe, « Qui a peur de Rudolf Bahro ? », Connaissance de la RDA, n° 8, 1979, p. 95-97) und über die Kulturpolitik der DDR. Ein Artikel stammte sogar aus der Feder von Bernard Umbrecht, dem Korrespondenten der Humanité in Ostberlin (Umbrecht, Bernard, « De la haute trahison et autres délits », Connaissance de la RDA, n°9, 1980, p. 233). Diese Unstimmigkeiten spiegelten die politische Debatte auf höchster Ebene zwischen der SED und den westlichen kommunistischen Parteien wider, die unter dem Motto Eurokommunismus für einen politischen Pluralismus und die Unabhängigkeit der kommunistischen Parteien von Moskau plädierten.

Das Bild der DDR, die bisher eher Sympathien genoss, verblasste bei den Intellektuellen in den 80er Jahren. Sie wandten sich jetzt eher der kritischen Intelligenz in der DDR zu. Der französische Germanist Jean-Pierre Hammer, der freundschaftliche Beziehungen zu ostdeutschen Künstlern und Schriftstellern pflegte, wurde zur persona non grata in der DDR. Er durfte nicht mehr in die DDR einreisen, weil er öffentlich Biermann und Bahro unterstützt hatte.

Ein unbekanntes Land – mit Ausnahmen

In der breiten Öffentlichkeit war die DDR weiterhin terra incognita. Es fand zwar eine bescheidene Annäherung auch von Personen aus den Gesellschaften statt, wenn auch vor allem in einer Richtung, aber der Umfang der „Austausche“ darf nicht überschätzt werden. Auf offizieller politischer Ebene hingen diese Austausche von der jeweiligen innenpolitischen Lage in Frankreich ab. Während der Union de la Gauche (1972-1977) musste die PCF ihren Verbündeten – also die PS – schonen; nachdem dieses Bündnis 1977 zerbrochen war, wurden die Kontakte der PCF zu Ostberlin intensiviert. Georges Marchais verbrachte z.B. zum Jahreswechsel 1978/1979 seinen Urlaub in der DDR. Die PCF unterstützte dann auch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan.

Auch die Basis wurde nun auch langsam von diesen Austauschen betroffen. Die Échanges Franco-Allemands, 1958 entstanden, waren das Pendant des Comité français d’échange avec l’Allemagne nouvelle. Dieses französische Komitee für den Austausch mit dem neuen Deutschland hatte unter der Leitung von Alfred Grosser die DDR aus seinem Blickfeld ausgeschlossen. Die EFA wurden nach der Anerkennung 1973 in „Association France-RDA“ umbenannt (dieser Name wich 1991 wieder dem alten). Der Verein zählte Ende der 70er Jahre immerhin 15 000 Mitglieder und 50 regionale Komitees. Der Umfang der dadurch zustande gekommenen Treffen kann natürlich nicht mit der Arbeit des Deutsch-Französischen Jugendwerks rivalisieren. France-RDA als „pressure group“ diente der Politik der SED, die Kontakte zu ausgewählten Städten in industriellen Ballungszentren fördern wollte. Es wurden Freundschaftstage und -wochen der DDR organisiert sowie Ausstellungen, Filmtage, Sportfeste und sogenannte „Karawanen der Freundschaft“. Im Bereich des Jugendtourismus organisierte LVJ (Loisirs et vacances de la jeunesse) Freundschaftszüge in die DDR. Weiterhin existierten Städtepartnerschaften, insbesondere zwischen Städten der DDR und der Pariser Vororten, die zu dem „roten Gürtel“ gehörten. Die Reisen waren von einer groβen Asymmetrie gekennzeichnet, da viel mehr Gäste aus Frankreich in der DDR als DDR-Gäste in Frankreich empfangen wurden. Das macht die folgende Aufstellung deutlich (Pfeil, Ulrich, 2004, S. 513):

Jahr

Französische Gäste in der DDR

DDR-Gäste in Frankreich

1977

1065

83

1986

1631

457

 
Dok. 2. Glückwünsche einer Freundin aus der DDR. © Privatarchiv

Sehr populär waren die Sprachferienlager für junge Franzosen – schließlich erlernten zu dieser Zeit noch viele Schüler die deutsche Sprache in Frankreich. Die Teilnahme richtete sich in Frankreich nicht nach politischen, sondern eher nach sozialen Kriterien; mitunter bestand eine Gruppe zu 30% aus Kindern von arbeitslosen Arbeitern. Der geringe Preis solcher Aufenthalte im Vergleich zu einer ähnlichen Leistung in der Bundesrepublik spielte sicher eine Rolle. Die Betreuer der Schülergruppen waren auf DDR-Seite in der Regel Romanistik-Studenten und Französischlehrer, die sonst kaum die Möglichkeit der Sprachpraxis hatten. Sie wurden hauptsächlich nach politischen Kriterien ausgewählt, wenn auch nicht nur danach. Unter ihnen waren auch etliche Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit. Da das von der DDR dargebotene Bild sehr positiv sein sollte, wurden die frz. Gäste sehr gut verpflegt – auch aus diesem Grund war die Teilnahme an solchen Aufenthalten bei Studenten sehr begehrt. Für die älteren Jugendlichen wurden auch „séjours travail-loisirs“, Arbeits- und Freizeitaufenthalte, angeboten. Die jungen Leute sollten zwei Wochen mit Brigaden aus anderen sozialistischen Ländern, von Polen bis Kuba und Usbekistan, arbeiten und mit dem dabei verdienten Geld ihren Aufenthalt in einer Jugendherberge an der Ostsee oder in der sächsischen Schweiz finanzieren. Diese Aufenthalte verliefen nicht immer nach Plan und die jungen Franzosen nachten den ostdeutschen Verantwortlichen oft durch ihr „freches“ Verhalten zu schaffen. Das lag auch daran, dass sie den Alkoholgenuss nicht so gewohnt waren wie ihre osteuropäischen Nachbarn.

Dok. 3 Teilnahme junger Französinnen an einem „Camp travail/loisir“, 80er Jahre,
© Privatarchiv

Dieses Gebiet der interkulturellen Beziehungen ist noch recht wenig erforscht. Die Aufenthalte in der DDR dürften zu den prägenden Erinnerungen einer Reihe von damals jungen Franzosen gezählt haben. Davon zeugen mehrere Webseiten, die in den letzten zehn Jahren spontan eingerichtet wurden; sie zeigen deutlich, dass insbesondere die von der CGT, also der kommunistischen Gewerkschaft, organisierten Aufenthalte ein prägendes Erlebnis für die Entdeckung eines anderen Systems waren.

Die Rolle der Kulturinstitute in der zweiten Hälfte der 80er Jahre

Während in den 80er Jahren diese Art des Austausches zahlenmäßig ihre Grenzen erreichte, wurde den kulturellen Beziehungen mit der Gründung der zwei Kulturinstitute ein neuer Schub gegeben. Das Kulturinstitut der DDR wurde am 12. Dezember 1983 in Paris eröffnet, das französische Centre culturel im Januar 1984 in Berlin Unter den Linden eingeweiht.

Das DDR-Kulturzentrum war ein Prachtbau von Charles Garnier am Boulevard Saint Germain in der Nähe des von Biermann besungenen Standbilds von Danton. Die Eröffnungsveranstaltung mit Hermann Kant wurde vom Oppositionellen Roland Jahn gestört, der Flugblätter der Friedensbewegung der DDR verteilte. Für die SED sollte sich der Einsatz lohnen, da die kulturellen Beziehungen bei der Durchsetzung der politischen Ziele halfen. Das ist auch aus den Programmen dieser Einrichtung zu lesen, die insgesamt nur 7 Jahre existierte. 1984 wurden dort 35 Jahre DDR gefeiert, 1985 40 Jahre Befreiung vom Faschismus, 1986 der XI. Parteitag der SED. Es bleibt die Frage, ob solche Themen wirklich geeignet waren, die nicht-kommunistisch sozialisierten Franzosen in das Institut zu locken! Ab 1988 wurde die Thematik etwas aufgelockert: Es wurden z.B. Kolloquien zu CAPES und Agrégation-Fragen organisiert, was Ulrich Pfeil als ein Zeichen für die „schleichende Selbstaufgabe der SED“ interpretiert (Pfeil, Ulrich, 2004, S. 547).

Nachdem die DDR in der Frage des freien Zugangs zu westlichen Publikationen nachgegeben hatte, konnte das französische Kulturzentrum in Ostberlin vom französische Außenminister Claude Cheysson im Januar 1984 eröffnet werden. In seinem Werk widmet Ulrich Pfeil diesem Institut lange Ausführungen, die es vor allem und fast ausschließlich als Tatort der Staatssicherheit betrachten (Pfeil, Ulrich, 2004, S. 548-566). Das Institut hatte nämlich einen besonderen Platz mitten im geteilten Deutschland und in der geteilten Hauptstadt. Man darf aber nicht vergessen, dass ähnliche Institute schon seit 1947 in Budapest und seit 1968 in Warschau existierten. Die DDR-Staatsführung war aber gegenüber dieser „legalen Basis des Feindes“ noch viel misstrauischer als die Regierungen in den erwähnten Ländern. Voraussetzung für die Eröffnung des Instituts war der freie Zugang für alle Bürger der DDR – das war auch eine Folge des von der DDR unterzeichneten Korbs 3 der Helsinki-Charta. Bestimmte Kategorien von Bürgern waren aber von vornherein vom Besuch des Kulturzentrums ausgeschlossen, wie z.B. Angehörige der NVA oder Angestellte bestimmter Firmen oder Institute, die in dieser Hinsicht strenge Anweisungen bekamen. Die Staatssicherheit sorgte mit den üblichen Methoden für die Erkennung und Auflistung der Besucher. Die Sprachkurse hatten besonders Erfolg, und die Kapazitäten reichten bald nicht mehr aus. Höhepunkte der ideologischen Auseinandersetzung waren z.B. der Vortrag von Alfred Grosser 1985 über die gesellschaftliche Situation in Frankreich oder das Konzert von Léo Ferré 1986. Die Veranstaltungen waren in der Regel lange im voraus ausverkauft, was nicht unbedingt mit einem starken Interesse für die französische Kultur zu tun hatte – sondern eher mit einer Haltung der geistigen Opposition. Aus Quellen der Staatssicherheit scheint auch hervorzugehen, dass bestimmte französische Beamte mit Künstlern der Oppositionsszene verkehrten und ihnen sogar dabei halfen, ihre Werke nach Westberlin zu bringen. Solange aber die entsprechenden Quellen der Renseignements généraux nicht zugänglich sind, ist größte Vorsicht bei dieser Interpretation der Geschichte geboten.

Die französischen Intellektuellen und die DDR

Der Einfluss der beiden Kulturinstitute darf sicher nicht überschätzt werden, ihre eventuelle Ausstrahlung sagt wenig über den Informationsgrad der Bevölkerung in beiden Ländern aus. In Frankreich waren zwar in den 60er Jahren Bücher ostdeutscher Autoren wie Christa Wolf (Der geteilte HimmelLe ciel partagé, traduit de l’allemand par Bernard Robert, 1964, Editeurs français réunis), Bruno Apitz (Nackt unter Wölfen – Nu parmi les loups, traduit de l’allemand par Y.P. Loreilhe avec la collaboration de Lia Lacombe, 1961, Éditeurs français réunis), Hermann Kant (Die AulaL’amphithéâtre, traduit de l’allemand par Anne Gaudu, 1970, Gallimard) erschienen, und zwar sowohl bei den Éditeurs français réunis, einem Verlag, der der PCF nahe stand, als auch bei traditionellen Verlagen wie Gallimard oder Le Seuil. Auch wurde Heiner Müller in Frankreich zur Theaterikone, seine Stücke, wie auch seit den 50er Jahren diejenigen von Bertolt Brecht, wurden oft in den Avantgarde-Theatern der Pariser Umgebung inszeniert (wie das noch heute der Fall ist). Trotzdem war das allgemeine Interesse an der DDR-Literatur in Frankreich recht gering. Auch die offizielle Anerkennung der DDR und die verbesserte politische Lage schienen aber auf die mangelnde Neugierde der französischen Verlage keinen Einfluss zu haben.

Dok. 4 Französische Ausgabe von Biermanns „Drahtharfe“, 1972

Seit Ende der siebziger Jahre erhielt die Verbreitung der DDR-Literatur neue Impulse. Dies war aber eher politischen Ereignissen zu verdanken. Französische Verleger schenkten vorwiegend solchen Autoren ihre Aufmerksamkeit, die als Dissidenten eingestuft wurden oder die DDR verlassen hatten. 1978 erschien z.B. bei Gallimard Souvenirs d’interrogatoire (Gedächtnisprotokolle) von Jürgen Fuchs mit einem Vorwort von Wolf Biermann. Mehrere Bücher von Biermann wurden in den 70er Jahren veröffentlicht. Währenddessen war von Christa Wolf zwischen 1972 (Nachdenken über Christa T. / Christa T., traduit de l’allemand par Marie-Simone Rollin, 1972, Seuil) und 1981 (Kein Ort-Nirgends / Aucun lieu – Nulle part, traduit de l’allemand par Alain Lance, 1981, Hachette) kein Buch in Frankreich erschienen. Die inzwischen weltbekannte Schriftstellerin musste bei fast jedem Buch den Verlag wechseln, Le Seuil und Hachette hielten ihr nicht die Treue. In den 80er Jahren sind dann zwar Bücher von Stefan Hermlin, Franz Fühmann und Christoph Hein erschienen (wobei man einschränkend sagen muss, dass die Bücher von Stefan Heym nicht mehr übersetzt wurden, nachdem er aus den USA in die DDR gegangen war). Diese Publikationen konnten aber die Vielfalt dieser Literatur nicht widerspiegeln. Diverse Bücher waren auch ein wichtiges Informationsmittel über das Land und seine Einwohner. Im November 2009 unterstrich Joëlle Timsit, die letzte Botschafterin Frankreichs in der DDR (1986-1989), in einem Gespräch mit Radio France Internationale, dass sie Heins Drachenblut als Einführung in ihr neues Amt gelesen hat; später hat sie sich die Leute, die sie treffen wollte, „beim Lesen“ ausgesucht. Oft wurde das Interesse an diesem oder jenem Schriftsteller über die Bundesrepublik vermittelt. Deren Verlage übten eine Filterfunktion für französische Verlage aus, die davon ausgehend die Übersetzung und Publikation eines Werks in Angriff nahmen. In den 80er Jahren konnten dagegen eine ganze Reihe von modernen französischen Literaturwerken in der DDR erscheinen: natürlich Robert Merle, aber auch Modiano, Le Clézio, Claude Simon, Michel Tournier, Nathalie Sarraute, sogar Jean Genêt.

Nach wie vor blieb in Frankreich der Zugang zu den Originaltexten der DDR einem kleinen Kreis von Spezialisten vorbehalten. Die DDR wurde zugleich verstärkt in die Lehrpläne integriert. An Hochschulen widmeten sich immer mehr Magisterarbeiten und Dissertationen Themen, die mit der DDR zusammenhingen – die DDR bildete für einen Teil der französischen Germanistik eine Utopie, ein Gegenbild zur Bundesrepublik. Die DDR bot zudem groβzügige Stipendien für Studenten und junge Forscher – deren Zahl im Laufe der Jahre trotz allem abnahm. Die Zeitschrift Connaissance de la RDA konnte sich etablieren und wurde zwischen 1972 und 1990 von einer groβen Zahl von Universitätsbibliotheken abonniert; ihr Erscheinen wurde 1991 eingestellt. An der Universität Paris 8 – Saint-Denis wurde ein Dokumentationszentrum über die DDR eingerichtet, das bis heute die umfangsreichste Informationsquelle über die DDR in Frankreich bildet. Jean Mortier, Germanist und Historiker, Redakteur der Zeitschrift, schrieb 1999 über die Haltung der französischen Intellektuellen zu den kritisch-engagierten Schriftstellern der DDR: „In Ermangelung einer entsprechenden Presse hielt man diese Schriftsteller für das Echo der öffentlichen Meinung, das lebende Gewissen der Gesellschaft, und die bekanntesten unter ihnen sogar für deren Meisterdenker. Kurz gesagt, wir haben ihr kritisches Potential, wie übrigens auch diejenigen, die damals an der Macht waren, überschätzt“ (Mortier, Jean, „Die DDR in Forschung und Lehre in der französischen Germanistik von 1950 bis 1970“, in Röseberg, Dorothee, 1999, S. 475). Es wurden zudem Deutschlektoren aus der DDR an den französischen Universitäten beschäftigt, wie bereits lange zuvor französische Muttersprachler an den Universitäten der DDR arbeiteten. Trotz der steigenden Zahl der Universitätsabkommen blieben die Beziehungen aber von Misstrauen geprägt. Jean Mortier hat erzählt, dass die Histoire de l’Allemagne contemporaine, in der er den Teil über die DDR geschrieben hatte und die bei den PCF-nahen Editions Messidor erschienen war, vom Pariser Kulturattaché der DDR noch 1987 als „feindliches Buch“ bezeichnet wurde.

Auf höchster politischer Ebene betrieb François Mitterrand eine Außenpolitik „sans illusion ni complaisance“, d.h. ohne Illusion und Schmeichelei. Im Laufe der 80er Jahre war er ein kritischer Beobachter der westdeutschen Friedensbewegung, die er als neue Erscheinung des deutschen Nationalismus betrachtete. Aus diesem Grund unterstützte er Helmut Kohl in der Frage der Stationierung der Pershing-Raketen. Parallel dazu ging die Annäherung zur DDR ihren (sozialistischen) Gang; Etappen davon waren der Besuch von Laurent Fabius 1985 in Ostberlin, schließlich der Besuch von Erich Honecker in Paris im Januar 1988. Damals schien die Zukunft der DDR allen Beobachtern gesichert. Kurz darauf sollte eine neue Zeit anbrechen.

Was bleibt?

Was bleibt heute noch auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich zu erforschen? Die diplomatischen Aspekte dieser Geschichte sind inzwischen gut bekannt, insbesondere durch die historisch gesehen einmalige Öffnung der offiziellen Archive der DDR. Im November 2009 sind außerdem neue diplomatische Quellen auf französischer Seite zugänglich gemacht worden. Es fehlen nur noch die Archive der französischen Geheimdienste!

Andererseits bleibt ein Aspekt dieser Beziehungen weitgehend unerforscht: Er betrifft die Geschichte der Beziehungen zwischen den „einfachen Menschen“. Die Aufenthalte von französischen Jugendlichen betrafen insgesamt mehrere tausend Personen, die mit DDR-Bürgern in Kontakt traten. Zudem lebten am Ende der DDR ca. 2000 Franzosen in der DDR. Ihre Biographien und Erfahrungen im anderen deutschen Staat bieten ein fruchtbares Forschungsfeld für die Oral History.

Bibliographie

Hammer, Jean-Pierre, Le vrai visage de la RDA entre la Stasi et l’opposition         démocratique. Révélations d’un témoin direct, Presses du Septentrion, 2010.

Höpel, Thomas „Zwischen nationaler Außenpolitik und interurbaner Kommunikation und Zusammenarbeit: Die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Lyon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, in: Border Research in a Global Perspective, hrsg. von Steffi Franke und James Scott (= Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 17 (2007), 4), S. 111-132.

Höpel, Thomas, “Die Kunst dem Volke”. Städtische Kulturpolitik in Lyon und Leipzig im Vergleich 1945-1989, Leipzig (Universitätsverlag) 2011.

Pfeil, Ulrich, Die « anderen » deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949-1990. Böhlau, 2004.

Röseberg, Dorothee, Frankreich und « Das andere Deutschland », Stauffenburg Verlag, 1999.

Joëlle Timsit, letzte französische Botschafterin in der DDR. Interview vom November 2009 für Radio France Internationale http://www1.rfi.fr/actude/articles/119/article_1993.asp

Yèche, Hélène, « Réactions françaises à la fondation des deux Allemagnes, 1949-1959 », in Allemagne d’Aujourd’hui, 2009, Nr 189, S. 93-103.

http://www.bu.univ-paris8.fr/rda/accueil/. Vorstellung des « Fonds RDA » der Universität Paris 8 mit zahlreichen Dokumenten

http://www.mesallemagnes.net/RDA/sites.htm. Sehr informative Webseite eines ehemaligen Deutschlehrers, mit vielen nützlichen Links.

Notes

[1] Diese Worte des Schriftstellers werden immer wieder zitiert – sind aber schwer zu belegen, außer in den Memoiren seines Sohnes Jean Mauriac.

[2] Die Darstellung der diplomatischen Aspekte stützt sich u.a. auf das schon erwähnte Werk von Ulrich Pfeil sowie auf die Arbeit der Historikerin Chantal Metzger, z.B. in: « Vierzig Jahre Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR » in Röseberg, Dorothee, 1999, S. 19-34.

 

Pour citer cette ressource :

Anne-Marie Pailhès, "Die Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich in den 70er und 80er Jahren: zwischen Herabsetzung und Idealisierung", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), juin 2014. Consulté le 19/10/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/die-beziehungen-zwischen-der-ddr-und-frankreich-in-den-70er-und-80er-jahren-zwischen-herabsetzung-und-idealisierung