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«Adam und Evelyn» von Ingo Schulze

Par Louise Sampagnay : Elève - ENS de Lyon
Publié par Marie Laure Durand le 14/02/2014
Le roman d’Ingo Schulze porte dans son titre l’empreinte de l’héritage biblique. Les allusions au texte biblique traversent le texte ; le péché originel est commis par Adam, lorsque celui-ci trompe Evelyn. Adam et Evelyn sont confrontés à deux paradis possibles, de part et d’autre du Mur : celui de l’Est, règne du socialisme, et celui de l’Ouest, paradis de la société de consommation.

Alle Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags, München, 2010 (2. Ausgabe)

Über Ingo Schulze

Ingo Schulze wurde 1962 in der Deutschen Demokratischen Republik, in Dresden, als Sohn einer Ärztin und eines bekannten Physikers geboren. Nachdem er klassische Philologie an der Universität Jena studiert und den Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee absolviert hatte, war er kurzzeitig als Schauspieldramaturg am in der DDR beliebten Landestheater Altenburg und zunächst als Journalist tätig. Zur Zeit der Wende war Ingo Schulze sechsundzwanzig; deshalb lässt er sich leicht mit seinen zahlreichen Figuren gleichsetzen.

Dennoch fing Ingo Schulze mit den frei erfundenen Romanen und Kurzgeschichten erst nach der Wiedervereinigung an. Nach der Veröffentlichung zahlreicher Erzählungen wie 33 Augenblicke des Glücks. Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter (1995), Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998), Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa (2005) oder Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007) erschien 2008 der Roman Adam und Evelyn.

Analyse des Romans Adam und Evelyn

« Das war ne Männergeschichte oder Frauengeschichte, sonst nichts. » Evelyn, S. 250

Lässt sich Ingo Schulzes On-the-Road-Erzählung so kurz und bündig beschreiben? Die Handlung dieses dreihundert Seiten langen Romans kann einem durchaus belanglos erscheinen. Am Ende der fünfundfünfzig Kapitel hat man teilweise immer noch den Eindruck, Ingo Schulzes Buch sei sogar eine einfache, dem Erwartungshorizont des Lesers entsprechende Liebesgeschichte.

Nachdem die einundzwanzigjährige Kellnerin Evelyn ihren Lebensgefährten Adam, einen Schürzenjäger und freischaffenden Damenschneider, mit einer seiner Kundinnen beim Ehebruch ertappt hat, flieht sie mit ihrer Freundin Mona und deren westdeutschem Vetter Michael nach Ungarn. Adam beschließt, ihnen zu folgen, um Evelyn wieder nach Hause zu bringen. Unterwegs lernt er einige Frauen kennen, die wie er auf einer mehr oder weniger verständlichen Flucht sind.

Am Ufer des Balaton verbringen sie alle zusammen ein paar Tage, an denen Adam und Evelyn sich ständig streiten oder mit ihren jeweiligen neuesten Eroberungen – mit der jungen Katja, die unbedingt in den Westen will, und dem westdeutschen Biologen Michael – schlafen. Da Ungarn gerade den DDR-Bürgern die Grenze nach Österreich geöffnet hat, überqueren sie sie nach langem Zögern. Im Westen entdecken sie gleichzeitig die Bibel (Kapitel 42, « Erkenntnisse ») und die vor allem von Evelyn heiß ersehnte Konsumgesellschaft, welche Adam auch gefällt. Doch ist das Ehepaar immer noch nicht glücklich: Evelyn ist schwanger und studiert an der Uni, während Adam sich zum ersten Mal vor der Arbeit drückt.

Angesichts der Gliederung der Erzählung und vor allem der Tatsache, dass die Auseinandersetzung mit dem biblischen Text gleichsam zufällig mit der Ankunft im Westen verbunden ist, könnte die Frage nach der vielfältigen Beziehung zum biblischen Erbe in einer von unruhigen politischen Umständen geprägten Zeit aufgeworfen werden.

I - Eine vielfältige Beziehung zum literarischen und biblischen Erbe

Adam und Evelyn ist kein einfacher Roman, denn die Auseinandersetzung mit diesem Buch stellt gleich zu Beginn eine zentrale Frage: Welcher literarischen Gattung ist diese Erzählung zuzuordnen? Sie könnte einerseits als eine Komödie betrachtet werden: Die politischen Umstände werden humorvoll geschildert, da sie ja nicht im Mittelpunkt des Buchs stehen. So scherzen die Anhalterin Katja und Adam, weil sie einander verdächtigen:

Ich weiß ja, wie es in Wirklichkeit ist. Wir sind beide von der Staatssicherheit und kontrollieren die Glaubwürdigkeit des anderen Mitarbeiters. (Adam, S. 81)

Außerdem tauchen lustige Elemente mehrmals auf, beispielsweise die ironischen Anprangerungen des Regimes, die zu DDR-Zeit undenkbar gewesen wären:

Kannst ja sagen, dass man dich entführt hat, ich hab dir Schlafmittel in den Tee getan, und als du aufgewacht bist, warst du im Westen. Zum Glück konntest du fliehen, zurück in den Staat, in dem die Arbeiter und Bauern die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein für alle Mal... entschuldige, entschuldige, das war blöd. (Evelyn über Adams mögliche Rückkehr in die DDR, S. 220)

Darüber hinaus kommen manche Dimensionen dieses Romans einem fast absurd vor: Adam und Evelyn haben zum Beispiel eine riesige Schildkröte als Reisegefährtin und kümmern sich um sie, als wäre das Tier ein Kind.

Die Tatsache, dass dieser Roman ebenfalls einem amerikanischen Roadmovie der 1960er Jahre gleicht, erinnert anderseits an die Epik; die Reise der Hauptprotagonisten wird zur wahren Metapher für die Suche nach Freiheit – entspricht aber die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze überhaupt der Freiheit? – und nach der eigenen Identität.

Man darf außerdem nicht übersehen, dass Schulze auch Dramaturg war. Die langen Dialoge, die zum größten Teil aus sehr kurzen, lebensnahen Aussagen bestehen, erinnern stark an die Stichomythien eines Theaterstücks. Ingo Schulzes Roman könnte also als eine Mischform betrachtet werden, die Elemente aus der Komödie, dem Drama und dem Epos in sich vereinigt. Diese Mischung ist Bestandteil der eigene Beziehung Schulzes zum literarischen Erbe.

Darüber hinaus weist der Umgang des Schriftstellers mit dem biblischen Erbe eine problematische Dimension auf. Die Onomastik deutet ständig darauf hin: Adam und Evelyn verweisen ganz eindeutig auf das erste Ehepaar und auf die Stammeltern der ganzen Menschheit (Buch Genesis, Kapitel 2 bis 5). Nicht zufällig ist Adam als Damenschneider tätig: Adam und Eva waren ja die ersten Menschen, die Kleider trugen; außerdem wurden sie aus diesem Grund zu Schutzpatronen der Schneiderzunft. Darüber hinaus sind zwei Nebenfiguren – Kommilitoninnen Evelyns am Ende des Romans – nach zwei der drei Erzengel Michaela und Gabriela benannt; Michaela schreibt sogar eine Abhandlung über Haydns Schöpfung! (S. 308). Eine der Hauptfiguren heißt Michael und übt als Hamburger einen großen Einfluss auf die sich nach dem Westen sehnenden Frauen Evelyn und Katja aus. Die Bekannten, die die kleine Gruppe am Ufer des Balaton beherbergen, heißen mit Familiennamen Angyal – « Engel » auf Ungarisch; übrigens umgeben sie die jungen Deutschen mit liebevoller Fürsorge. Die Figuren Adam und Evelyn sind also wortwörtlich von Engeln umgeben.

Die Anspielungen auf die Bibel durchziehen den ganzen Text; sie sind in jedem Kapitel, ja auf fast jeder einzigen Seite der Erzählung vorhanden. Doch die Beziehung zum biblischen Erbe weist eine zwiespältige Dimension auf. Zu bemerken ist zuerst, dass die Verschiebung der Erbsünde gleich von vornherein eine zentrale Stelle annimmt. Hier ist der Sündenfall nicht aufs Essen der verbotenen Frucht zurückzuführen, sondern auf den vom ostdeutschen Schneider Adam mit einer seiner Kundinnen begangenen Ehebruch. Nachdem Evelyn ihn erwischt hat, flieht er aus einem fast sinnlosen Impuls heraus – und in seiner Hartnäckigkeit, Evelyn zurückzugewinnen, erscheint er fast lächerlich. Sein einziges Ziel besteht eigentlich darin, Evelyn ins Paradies zurückzulocken. Adams Haus, das er von seinem Vater – von Gott? – geerbt hat, und dessen Garten gleichen schon im ersten Kapitel (« Dunkelkammer ») dem Garten Eden. Die Flucht würde in dieser Hinsicht dem biblischen Sündenfall entsprechen. Außerdem greift Schulze insgesamt dreiundzwanzigmal auf das Motiv der Früchte zurück – Feigen, Zitronen, Äpfel, Trauben...

II - Wo liegt das Paradies? Der Westen als endlich erreichbarer Garten Eden?

« Und dort gibt’s wirklich nen Garten? » Evelyn, S. 302

Ingo Schulze wäre es bestimmt leichtgefallen, den Liberalismus und die Konsumgesellschaft als eindeutige Werke des Teufels anzuprangern. Hier kann man den Westen nämlich nicht als eindeutiges Paradies deuten. Die selbst ernannte « freie Welt » lockt vor allem Katja und Evelyn an – der Hamburger Michael ist von der Überlegenheit der westlichen Welt auf jeden Fall überzeugt (« Aber du weißt nicht, wie schön es ist, wie schön! Bei uns lebst du einfach besser und länger. », S. 151) –, während Adam zurück nach Hause möchte, das heißt in die DDR (« Ich leb im Osten nicht schlecht », S. 171-173). Hier werden also zwei Auffassungen vom Paradies gegenübergestellt: zum einen ironisch und unterschwellig das Paradies des « real existierenden » Sozialismus, der sich selbst offiziell als Idealzustand der Gesellschaft bezeichnete, zum anderen das Paradies der westlichen Konsumgesellschaft, die Wohlstand verspricht. Die Parallele mit der Bibel wird außerdem dadurch erschwert, dass das DDR-Paradies eigentlich die Arbeit einschließt (die DDR nannte sich einen « Arbeiter- und Bauernstaat »), im Gegensatz zu der Bibel, in der die Arbeit auf die Welt nach dem Sündenfall und der Entfernung vom Paradies hinweist. Der Leser kann sich deshalb auf kein fest gefügtes Schema verlassen.

Sicher ist aber, dass die gefallene Mauer die Welt metaphorisch in ein Diesseits und ein Jenseits teilt. Ist das Jenseits der westlichen Welt besser als das frühere Diesseits der DDR – oder, wenn man die Metapher weiter berücksichtigt, als auf Erden? Wie kann man sein Lebensziel oder Reiseziel erreichen – und welches Ziel? Wohin gelangt man in einer verworrenen Welt, die nicht so polarisiert ist wie zur Zeit des kalten Krieges?

Kennzeichnend für diese Problematik ist die Art, wie die Beziehung Adams zur Arbeit im Roman geschildert wird. Er taucht in den ersten Kapiteln, in der DDR also, als echter Schöpfer auf, der die Frauen zu schöneren Geschöpfen macht, um mit ihnen zu schlafen; das alles geschieht darüber hinaus im ständigen Wechsel des Lichtes, genauso wie am Anfang der Schöpfung – « Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht ». Zu bemerken ist außerdem, dass der Schneider sich bei der Arbeit die Brust reibt, als würde ihm die Rippe, mit der Gott Eva schuf, fehlen.

Auf der anderen Seite, d.h. der bundesrepublikanischen Seite, erscheint der Zellbiologe Michael als ein leicht von sich selbst eingenommener Wissenschaftler, der ebenfalls wie Adam mit Gott rivalisiert, indem er dank der Forschung die Sterblichkeit zu überwinden hofft und so hochmütig die Erbsünde aufheben möchte.

Die Beziehung zur Arbeit, die in der Bibel als Strafe für die Erbsünde fungiert, wir hier zum Prüfstein des so genannten « Nachwendefrusts »: Kurz nach seiner Ankunft im Westen drückt sich Adam zum ersten Mal vor der Arbeit und wird immer schwermütiger. Wie nebenbei bemerkt, wird die freie Welt zu einer Art Garten Eden, wo der Mensch nicht einmal arbeiten muss bzw. zu arbeiten braucht: So betrachtet und bewundert Evelyn im Kapitel 47 (« Ein Küchengespräch ») lange die Spülmaschine ihrer bayerischen Verwandten, welche Adam später kaputtmacht – hiermit beschädigt er ein Symbol der freien Welt. Ironischerweise braucht der Mensch im Westen nicht einmal mehr im Schweiße seines Angesichts zu arbeiten; Adam verbringt deshalb Stunden, Evelyn aus dem 1. Buch Mose vorzulesen. Übrigens essen sie dabei eine Birne; die Frucht kehrt im Kapitel immer wieder und wird mehrmals angefasst. Kennzeichnend wird folgende Passage hervorgehoben:

Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. (Adam, S. 225)

Soll das also heißen, dass das Paradies schließlich in Ostdeutschland liegt wie Adam es mehrmals andeutet? Selbst wenn die politische Dimension dieser Frage nicht im Vordergrund steht, wirkt eine Interpretation der Bibel im Lichte der westlichen Konsumgesellschaft, wie sie Evelyn im Kapitel 48 umreißt, regelrecht ernüchternd und einengend:

Wer einmal bei dir war, der will nirgendwo anders mehr hin. Glaube, Liebe, Hoffnung, das steht hier [in der Bibel] irgendwo. Liebe, das haben wir, den Glauben an dich auch, dir fehlt nur die Hoffnung, ganz allein die Hoffnung, aber dafür hast du mich, ich bin die Hoffnung. (Evelyn, S. 267)

Die Ernüchterung war übrigens gleich nach dem Überschreiten der Grenze spürbar.

Mir kommt das vor wie ein Rummelplatz, nur dass die Riesenräder und Schießbuden fehlen. / So ähnlich, wirkt irgendwie koloriert. / Potjomkinsche Dörfer. / Ja, [...] als wär das gar nicht echt. (Adam und Evelyn, S. 222)

In dieser verwirrenden Stellung suchen gegen Ende der Erzählung die beiden Hauptfiguren nach der Wahrheit, und diese Suche nimmt sie ganz in Anspruch:

Adam? [...] Wenn es schiefgeht, dann sag die Wahrheit. Die Wahrheit ist das Beste. / Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. (Katja und Adam, bevor er sie illegal über die tschechisch-ungarische Grenze bringt, S. 83)

Einfach die Wahrheit, Adam, nichts als die Wahrheit. (Evelyn, S. 111)

III - Das Symbolische verliert sich allmählich in einer metasprachlichen Dimension

« Deine Heldengeschichte? / Ich traue der nicht. Die muss so was nicht wissen. Außerdem klang das wie erfunden. »
Adam und Katja, S. 112

Ob es sich nun um den biblischen Text oder um die von Ingo Schulze erfundene Erzählung handelt, dieser Auszug weist eindeutig metasprachliche Züge auf. In dieser metatextuellen Hinsicht lässt sich auch folgende Passage verstehen:

Die machen die Grenze auf! sagte Michael. / Quatsch, sagte Adam. Wer erzählt denn solche Märchen! (Adam und Michael, S. 184)

Das Verhältnis zum Erfundenen erweist sich als tief problematisch, was vermutlich auf den immer wiederkehrenden Rückgriff auf den biblischen Text zurückzuführen ist. Darüber hinaus ist sogar eine Art Humor über die biblische Intertextualität festzustellen:

Nackt war die ne Vettel. / Und Adam? / Wie er dastand, hinterm Schrank und nix an... / Adam im Adamskostüm. (Evelyn und Frau Angyal, S. 177)

Eine solche Anhäufung religiöser Anspielungen wäre in der sich als atheistisch gebenden DDR zweifellos verpönt gewesen. Ein offenes Wiederaufgreifen dieses alttestamentarischen Erbes ist bestimmt mit der Wende verbunden, die die Kirchen wieder in den Vordergrund rücken ließ. Ingo Schulze geht die Problematik des Schreibens gleich im ersten Kapitel an und verbindet sie anschließend mit der biblischen Schöpfung, die im ersten Buch Mose erzählt wird. Am Anfang des Romans sieht nämlich der Leser, wie Adam mit dem Photopapier im Entwicklerbad hantiert. Nicht zufällig steht folgender Satz ganz am Anfang der Erzählung – an der Stelle also, wo der Leser zum ersten Mal mit dem allwissenden Erzähler konfrontiert wird:

Doch der Augenblick zwischen dem Nichts und dem Etwas ließ sich nicht fassen, ganz so, als gäbe es ihn nicht. (S. 11)

Eine Brücke zwischen der göttlichen Schöpfung und dem literarischen Schaffen wird daher unauffällig geschlagen; die Figur Adam bildet den Bindestrich zwischen den beiden. Nicht von ungefähr fragt er Evelyn bei der gemeinsamen « Bettlektüre » (so der Titel des 20. Kapitels): « Ist dir überhaupt klar, worüber wir reden? ».

Darüber hinaus muss die Tatsache, dass die Erzählung zwischen Intertextualität, Hypertextualität und Metatextualität schwankt, berücksichtigt werden. Erstens weist sie nämlich zwei der drei Möglichkeiten auf, die nach der Terminologie Genettes in Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe der Intertextualität zuzuordnen sind: die verschiedenen Zitate – siehe die langen Zitate aus der Bibel im Kapitel 42 « Erkenntnisse » – sowie die zahlreichen Anspielungen auf das 1. Buch Mose und auf die ganze Bibel überhaupt zeugen davon. Zweitens weist aber auch die zwischen den Zeilen lesbare Parodie der religiösen Schrift Züge auf, die der Hypertextualität zuzuordnen sind. Der Leser erfährt fast am Ende des Romans – während einer Vernehmung durch die österreichischen Behörden, die einem DDR-Verhör gleicht und hiermit noch einmal die Frage nach der Legitimität der « freien Welt » aufwirft –, dass Adam in Wirklichkeit Lutz Frenzel heißt. Außerdem begeht hier nicht Eva / Evelyn, sondern Adam die Erbsünde, indem er mit seiner Kundin schläft. Drittens und schließlich wird auch mit der Metatextualität gespielt, denn die Exegese der Bibel gehört ja zur Metatextualität. Es ist bekanntlich nicht sicher, ob die verbotene Frucht ein Apfel, eine Orange oder gar eine Feige ist. Deswegen wechselt das Fruchtmotiv fast jedes Mal, wenn es auftaucht, das heißt dreiundzwanzigmal.

Abschließend kann man sagen, dass der Reiz dieser Erzählung hauptsächlich darin liegt, dass Ingo Schulze die Bedeutung eines Ereignisses, das sich im Buch der Geschichte eingetragen hat, mit politischen und religiösen Motiven zusammen verflicht. Außerdem wird die Identifikation des Lesers mit den jeweiligen Protagonisten dadurch erleichtert, dass die Figuren vor allgemeinen, grenzenlosen, zum Teil auch zeitlosen metaphysischen Schwierigkeiten stehen. In diesem Sinne gehen sie nicht fort, ob in den Westen oder in den Osten; sie kommen einfach weiter – im Leben.

 

Pour citer cette ressource :

Louise Sampagnay, "«Adam und Evelyn» von Ingo Schulze ", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), février 2014. Consulté le 25/08/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/rda-et-rfa/litterature-de-rda/adam-und-evelyn-von-ingo-schulze-