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Bettina Brentano von Arnim: eine Wegbereiterin des Feminismus?

Par Catherine Dolt : Elève - ENS de Lyon
Publié par Marie Laure Durand le 06/06/2011
Bettina von Arnim, die Schwester von Brentano, gilt als Vorläuferin der Frauenemanzipation. Sie konnte bahnbrechend ihren eigenen Weg verfolgen und sich dank des Schreibens emanzipieren in einer Zeit, als die Frauenfrage langsam zum Thema wurde und die ersten Frauenbewegungen im Zuge der Revolution entstanden. Ihre Erziehung, ihre Umgebung und ihre Begegnungen haben ihr zum feministischen Bewusstsein verholfen.

"Sybille des Romantismus", "Kobold", "ewiges Kind", "Dichtermuse", "politische Publizistin"... all diese Bezeichnungen beziehen sich auf Bettina von Arnim, was die Komplexität ihrer Persönlichkeit an den Tag legt. Bettina Brentano von Arnim ist einerseits als provokantes, unbesonnenes "Kind" und andererseits als tapfere Frau bekannt. Inwiefern kann sie als Vorreiterin der feministischen Ideale betrachtet werden, obwohl zu ihren Lebzeiten die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft weder anerkannt war, noch überdacht werden konnte? Laut dem Wahrig ist eine Feministin eine "Frau, die für die Aufhebung der Herrschaft des Mannes über die Frau und Gleichberechtigung im gesellschaftlichen und privaten Bereich kämpft". Ist diese Definition für die Vorhaben und Leistungen Bettina von Arnims geeignet? Wie ließen sich die feministischen Züge ihrer Person kennzeichnen? Die Französische Revolution, der Vormärz und die Revolution von 1848-1849 gelten als Aufbruchsjahre für die Frauenfrage und die Frauenbewegungen. Bettina Brentano von Arnim ist also tatsächlich Zeugin der Anfänge des Feminismus. Hat sie aber aktiv an dieser feministischen Aufbruchszeit teilgenommen?

I Was bedeutet es, zu dieser Zeit eine emanzipierte Frau zu sein?

Olympe de Gouges forderte Ende des 18. Jahrhunderts die Ausdehnung der Menschen- und Bürgerrechte auf die Frauen und wurde 1793 wegen ihrer Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin hingerichtet. Bettina Brentano von Arnim lebte also in einer Gesellschaft, in der die Vorstellung einer Gleichberechtigung der Geschlechter "wenig Akzeptanz fand und ein deutliches Machtgefälle zwischen Männern und Frauen allgegenwärtig war" (Schaser 2006: 2).  Die Geschlechterzuschreibungen sowie die Bevormundung der Frauen galten als naturgegeben und diese Machtverhältnisse bildeten das Grundgerüst der Gesellschaftsordnung. Erst mit dem Aufbruch der Frauen in der Französischen Revolution erlebte der Feminismus seinen Beginn. Der Anfang von organisierten sozialen Frauenbewegungen fand um die Revolution von 1848 statt.

Die wichtigsten Anstöße erhielt die Frauenbewegung von der Französischen Revolution 1789 und der europäischen Revolution 1848-1849. Die Französische Revolution mobilisierte mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte auch die Forderungen nach der rechtlichen und sozialen Gleichstellung der Frau, die zumeist mit einer radikalen Kritik an den bestehenden Verhältnissen verknüpft waren. Die Anfänge der organisierten Frauenbewegung in Deutschland reichen in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Die Aufbruchstimmung, die Deutschland im Vormärz erfasste, beschränkte sich nicht auf den männlichen Teil der Bevölkerung. Aus vereinzelter Kritik an der Situation von Frauen wurde eine Frauenbewegung, die um die Jahrhundertwende in der Öffentlichkeit unübersehbar an Einfluss und Ansehen gewonnen hatte. (Schaser 2006 : 1)

Die Frauenorganisationen wurden vor allem von Frauen aus bürgerlichen Schichten gegründet, so dass die Forderung nach Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten zur Kernfrage wurde. Solche Ziele waren für einige nur mit einer gesamtgesellschaftlichen Reform durchzusetzen. Eine Strömung der feministischen Vereine wollte zum Beispiel die Gleichstellung der Frau durch eine radikale Veränderung der Gesellschaft und den Sozialismus erreichen. Andere Vereine bemühten sich eher um die Milderung der Not armer Bevölkerungsschichten. Die Sozialfürsorge lag Bettina Brentano von Arnim auch sehr am Herzen, wovon ihre Sozialschriften zeugen. In Bezug auf Frauenbildung hat sie selbst das Recht auf die von ihr gewünschte Bildung errungen. Der Dachverein der deutschen Frauenbewegung, der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), wurde erst 1894 gegründet. Der organisierten Frauenbewegung gingen aber auch Einzelkämpferinnen voraus, zu denen wir Bettina Brentano von Arnim zählen können. Sie ist zwar nie Mitglied eines Frauenvereins gewesen, aber sie hat teilweise dieselben Ziele wie jene Vereine verfolgt. Übrigens gab es innerhalb der feministischen Bewegung dieser Zeit zwei Tendenzen: einerseits die aktive Beteiligung an Frauenvereinen und andererseits die Möglichkeit, die Feder als Waffe zu wählen. Durch das geschriebene Wort konnten Ideen und Absichten propagiert werden. Als Vorreiterin der Vormärzzeit können wir die Publizistin und engagierte Schriftstellerin Luise Otto erwähnen. Verschiedene Frauen-Zeitungen - wie Die soziale Reform von Louise Dittmar in Leipzig oder Die Frauen-Zeitung von Franziska Anneke in Köln - galten außerdem als Sprachrohr der ersten Frauenbewegung. Bettina Brentano von Arnim ist zwar auch eine Frau der Feder, aber ihre Ziele sind nicht deutlich feministisch: Sie wünscht sich eine generelle soziale Verbesserung.

II Eine frühzeitige Emanzipation: das Vorbild emanzipierter Frauen in ihrer Umgebung

Ihre Emanzipation als Frau verdankt Bettina Brentano von Arnim ihren literarischen Tätigkeiten und ihrer Umgebung, die ihr geholfen hat, sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Ihre Umgebung hat dafür gesorgt, dass sie von Geburt an außergewöhnlich war. 1807 stellt sich Bettina auf ihrer Visitenkarte wie folgt vor: "Bettina, Schwester von Sophie, Tochter von Maximiliane, Enkelkind von S. von La Roche". Bettina Brentano fühlt sich als Frau Mitglied ihrer Familie und ihr Geschlecht betrachtet sie als authentische Würde: Sie will dieses weibliche und zugleich literarische Geschlecht fortsetzen. Sie erfreut sich sowohl einer traditionellen Erziehung - ihr wird ein Wissen in weiblichen Gebieten vermittelt und die ihr beigebrachten moralischen Werte werden noch traditionell aufgefasst - als auch einer damals seltenen Freiheit. Ihre stark weiblich geprägte Erziehung verdankt Bettina ihrer Großmutter mütterlicherseits sowie unterschiedlichen Begegnungen. Die Frauen, denen sie während ihrer Jugend begegnet, werden ihr Leben und ihre Weltanschauung bestimmen.

Sophie von La Roche : die "literarische Großhofmeisterin" und die "gute Mutter von Deutschlands Töchtern"

Die Erziehung durch Sophie von la Roche fungiert als Grundstein für Bettina Brentano von Arnims spätere geistige Unabhängigkeit. Ihre Großmutter war die meistgelesene Schriftstellerin des 18. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, dass es nicht nur ihre Berufung, sondern auch ihr Beruf war. Für Bettina wird sie infolgedessen zum Vorbild, zumal sie auch ihr Vormund wird. Nach dem Tode ihrer Tochter Maximiliane 1793 und ihres Schwiegersohns 1797 nimmt Sophie von La Roche drei ihrer unmündigen Enkeltöchter in ihrem Haus auf. Bettina Brentanos Mutter, Maximiliane von La Roche, verkörpert in den Augen Bettinas sozusagen einen Misserfolg im Vergleich zu ihrer Großmutter. Maximiliane war tatsächlich weder unabhängig noch in der Lage, sich selbst zu entfalten. 1774 heiratete sie Peter Anton Brentano und fügte sich in eine Position, die dem altertümlichen weiblichen Ideal entsprach. Sophie von La Roche wird als Erzieherin von Deutschlands Töchtern betrachtet. Der eindeutige Zweck ihrer Werke ist es, "Teutschlands Töchtern" mütterlichen Rat zu erteilen. Sie gibt die Zeitschrift Pomona. Für Teutschlands Töchter selbst heraus, und andere ihrer Werke zeugen von ihrem Vorhaben. wie z. B. Briefe an Lina als Mutter. Ein Buch für junge Frauenzimmer, die ihr Herz und ihren Verstand bilden wollen. Ihre liebsten Gestaltungsmittel sind nämlich der literarische Brief und die moralische Erzählung. Christine Touaillon hat bemerkt, dass Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St** zum ersten Mal ein Frauenleben "von den Mädchenjahren bis zur Geburt des ersten Kindes" (1919: 125) darstellen. Sophie von La Roche hat also weibliche Aufklärung im eigentlichen Sinne des Wortes betrieben. Sie hat zugunsten der Frauenbildung gearbeitet und warb um Anerkennung der häuslichen und kulturellen Leistungen der Frau. Bettina ist die Erbin solcher Ideale und hat Nutzen daraus gezogen: Sie ist gelehrt und hat sich auch emanzipieren können. Sophie von la Roches Werk Die Geschichte des Fraülein von Sternheim gilt als erster Frauenroman. Die Titelfigur verwirklicht sich in ihrem Lebenskampf und durch ihre Selbstverwirklichung wird die Bedeutung von Erziehung hervorgehoben. Zudem hatte dieser Roman auch die Wirkung, dass er den Einfluss weiblicher Autoren ins rechte Licht rücken ließ (zu diesem Punkt, siehe Joeres, Ruth Ellen B./Kuhn, Annette, 1985: 92-116). Sophie von La Roche hat übrigens die Entwicklung Bettinas stark geprägt, indem sie ihr den Zugang zu ihrem Salon gestattet hat. Dort atmete Bettina die Luft der zeitgenössischen Geschichte ein.

Karoline von Günderode (1780-1806)

Ab 1799 fühlt sich Bettina von der diskreten Nähe Karoline von Günderodes in Offenbach angezogen. Die Beziehung ist zuerst diejenige einer Jugendlichen zu einem faszinierenden älteren Mädchen. Sie werden erst später Freundschaftsbande knüpfen, in der Zeit, zu der Bettina nach Frankfurt zurückkehren und Karoline täglich im Stift besuchen wird. In ihrem Briefwechsel schneiden sie philosophische und emanzipatorische Fragen an. Karoline ist dabei die Erfahrene, die Frau mit dem realistischen Blick, so Armin Strohmeyr (2010: 126). Karoline von Günderode ist die einzige Frau, die Anfang des Jahrhunderts ihre Schriften im Alleingang und unter männlichem Pseudonym veröffentlicht. Die Werke der anderen Frauen erscheinen im Schutze ihrer Ehegatten - dies ist der Fall für Sophie Mereau-Brentano, Caroline Schlegel, Dorothea Schlegel. Die Rollenzuweisung erlaubte es den Frauen nicht, schriftstellerisch tätig zu sein, um sich der männlichen Bevormundung zu entziehen. Der Umgang Bettina Brentanos mit Karoline von Günderode führt zur Erfindung einer gemeinsamen, von der Außenwelt abgekapselten Welt. Der Intellekt bildet eine bedeutende Dimension ihrer Beziehung: Der Wissensdrang und das Bedürfnis, ihre Lektüren zu besprechen, kennzeichnen sie beide. Sowohl für Karoline als auch für Bettina fungieren das Lesen und das Wissen als Mittel zur Emanzipation. Sie gründen gemeinsam die so genannte Schwebereligion, mit der sie zu zweit die Welt aus den Angeln heben wollen.

Das Judenmädchen Veilchen: die Einführung in die Judenfrage

Veilchen ist eine junge jüdische Stickerin, der Bettina in Offenbach bei ihrer Großmutter begegnet. Bettina hilft Veilchen bei Auftragsarbeiten und "fegt gar die Straße, um sie zu entlasten" (Strohmeyr 2010: 126). Diese Tat bleibt nicht unbemerkt und die Tante Möhn tadelt sie dafür. Bettina geht über die Standesschranken hinweg und kämpft bereits in jungen Jahren zugunsten der Minderheiten,denn obwohl Veilchen Bettina lediglich Handarbeiten beibringen sollte, führt Bettinas Wissensdrang dazu, dass sie von den Lebensumständen des jüdischen Mädchens erfährt, die sie in ihrem Briefwechsel als "ein kleines Genrebild des ärmlichen jüdischen Haushalts" erwähnt, so Hartwig Schultz (1987: 13). Dieser führt seine Analyse wie folgt fort:

Wenn man so will, ist dies der Anfang ihrer Laufbahn als politische Schriftstellerin, wenngleich ihre Beschreibungen erst mehr als 40 Jahre später erschienen und möglicherweise in dieser Spätzeit überarbeitet wurden (Schultz et al. 1987: 13)

Ihre Begegnung mit Veilchen wird übrigens in Clemens Brentanos Frühlingskranz geschildert. Die Emanzipation bedeutet die "Befreiung von Abhängigkeit und Bevormundung, Gleichstellung" (Wahrig). Diese Emanzipation ist Bettina von Arnim gelungen, unter anderem dank ihres sozialen Engagements.

III Eine engagierte Frau: ein "herzhafter Griff in die Dornen der Zeit" oder eine Emanzipation durch die Politik

Bettina von Arnims politische Tätigkeit stimmt mit dem Moment überein, in dem sie sich ihrer schriftstellerischen Berufung widmet. Sie wird sich zur politischen Schriftstellerin entwickeln, obwohl sie schon früh eine Neigung zu politischen und sozialen Themen empfindet. Ihr sozialpolitisches Engagement ist besonders bedeutend, da sie sich mit Leib und Seele für ihre Ziele einsetzt. Ihre Schriften spiegeln die Werte, an die sie glaubt, wider.

Der Weg zur politischen Schriftstellerin

Durch Achim von Arnims Tod erlangt Bettina die Freiheit der geistigen Selbstverwirklichung. Ein neuer Lebensabschnitt fängt für sie an, der sich durch eigene und eigenständige literarische Arbeit kennzeichnet. Zusammenfassend könnte man die politische Laufbahn Bettina von Arnims wie folgt schildern:

Seit Anfang der vierziger Jahre wandelte sie sich zur politischen Schriftstellerin, und sie fand auch rasch für ihr Engagement den ihr passend erscheinenden Platz: Sie wollte dem ihrer Meinung nach leicht beeinflußbaren und zu liberalen Reformen geneigten preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Wünsche des Volkes dolmetschen. Einer der besten Journalisten jener Tage, Karl Gutzkow, bezeichnete deshalb ihre Rolle mit dem Stichwort "Vorrednerin". Die Einstellung Bettinas zu den Geschehnissen und Ideen jener Jahre war allerdings viel komplizierter. Unmöglich, die bewegte Fülle ihres Lebens in einem Schlagwort einzufangen. (Böttger 1990: 9-10)

Bettina Brentano von Arnim ist in die Geistesgeschichte als politische Autorin - nicht als Feministin - eingegangen. 1843 erscheint Dies Buch gehört dem König. Es ist dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. gewidmet, der zunächst für seine aufgeklärten Ideen gelobt wurde. Im Königsbuch erwähnt Bettina ihre politische Auffassung des preußischen Staates. Das Armenbuch beschäftigt sich mit der Verarmung des Volkes. Zuerst sammelte Bettina Brentano von Arnim Augenzeugenberichte sowie Statistiken und fokussierte dann auf den Aufstand der schlesischen Weber (1844). Dieses Projekt wurde jedoch mit einem Veröffentlichungsverbot belegt. Bettina äußert ihre Meinung ohne Furcht. Da ihre Äußerungen auch öfters zu wagemutig sind, lässt der König sie bespitzeln. Einer der Spitzel berichtet im Jahre 1847:

Die Tendenz dieser Teegesellschaften ist eine sozialistische, indem die Versammelten sich vorzugsweise über ein in Wesen und Form zu verbesserndes Leben unterhalten und besprechen. Vorzüglich ist es das weibliche Geschlecht, das sich nach der Befreiung von den Fesseln des Herkommens, der Mode, der Konvenienz sehnt. Unter allen Frauen dieser Art in Berlin, die einen öffentlichen Ruf genießen, ist Bettina von Arnim unstreitig die erste und bedeutendste. (Strohmeyer 2010: 142)

In dem oben zitierten Auszug wird deutlich, dass Bettinas Vorgehensweise Ähnlichkeiten mit Frauenbewegungen aufweist, die die Verbesserung der weiblichen Lage durch den Sozialismus erreichen wollten. 1852 erscheint die Fortsetzung ihres ersten Buches mit Königsbuch: Gespräche mit Daemonen. Sie greift das Thema des Antisemitismus auf, das damals als besonders heikle Thematik galt.

Eine tätige und wagemutige Frau

Als Frau im sozialen Bereich tätig zu sein, hat zur Zeit Bettina von Arnims diverse Auswirkungen. Zuallererst überschreitet sie die Grenzen, die ihrem Geschlecht auferlegt sind. Damals beschränkten sich die Aktivitäten einer Frau auf die Privatsphäre des Hauses und der Familie. In dieser Hinsicht bildet Bettina von Arnim keine Ausnahme, da sie in erster Linie als Mutter von sieben Kindern und Ehefrau dargestellt werden kann.

In diesen ersten Jahren [der Ehe] bewältigte Bettine klaglos, humorvoll, tatkräftig und mit erstaunlichen praktischen Fähigkeiten die alltäglichen Pflichten einer Hausfrau und Mutter (Ehmann/Steinsdorff 2008: 158)

Rahel Varnhagen betrachtet Bettina von Arnim als ein mythologisches Kindermädchen: Sie  sei eine absolute Mutter, eine zeitlose und beinahe sagenhafte Figur. Die Tatsache, dass Bettina eine Mutter war, wurde auch in ihrer Todesanzeige unterstrichen. In der Monatsschrift Frankfurter Museum wurde darauf verwiesen, dass sie "alle ihre Kinder selbst genährt" und später "ohne überflüssige Glücksgüter trefflich erzogen" habe. "Neid und Verleumdung haben niemals dieses eheliche Verhältnis angetastet und Bettinas Ruf ist fleckenlos" (Drewitz 1992: 268). Bettina wünscht sich eine freie Erziehung für ihre Kinder und insbesondere ihre Töchter. Ihre Pädagogik ist frei und antiautoritär. Diese Gesinnung lässt sich zweifellos auf ihre eigene Kindheit zurückführen, in der sie es durchsetzen konnte, dass ihr Unterricht in Geschichte, Philosophie, Zeichnen und Musik erteilt wurden. Ihr Bruder und Vormund Franz willigte darin ein, bezahlte jedoch die Lehrer mit Bettinas Erbteil: Für ihn galten diese Beschäftigungen  für eine Frau  als sinnlos. Jedoch waren klassische weibliche Aktivitäten nur ein Teil ihres Lebens. Denn sie war zudem als engagierte Schriftstellerin eine politische Stimme.

Eine Verfechterin der Menschenwürde

Schreiben bedeutet für Bettina von Arnim, wesentliche Werte des Individuums zu verteidigen: Ihre Schriften bilden ein humanistisches Bekenntnis. Ob in Bezug auf die Judenfrage oder auf das Thema der Armut des Volkes, Bettina von Arnim setzt sich immer für die Menschenwürde ein. Als Verfechterin dieser engagiert sie sich zugunsten der Frauen, jedoch ohne eine "Feministin" im wahrsten Sinne des Wortes zu sein.

Aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts rührte ihre Leidenschaft der Vernunft, sich mit den gegebenen Umständen kritisch auseinanderzusetzen, und der Wille zur größtmöglichen individuellen Freiheit des Menschen in der Gesellschaft. Daß Bettina darüber hinaus auch öffentlich die Respektierung weiblicher Eigenart verlangte, sichert ihr einen Ehrenplatz unter den Vorläufern der organisierten Frauenbewegungen ihres Jahrhunderts. (Böttger 1990: 352)

Um der Zensur zu entkommen, gründet Bettina von Arnim sogar den Arnimschen Verlag. Dies ist ein Mittel, um ihre Unbescholtenheit zu bewahren. Ihre Familie ist an dem Verlag beteiligt und beklagt sich über den Misserfolg des Verlags. Obgleich der Arnimsche Verlag scheitert, zeugt es von Bettina von Arnims Integrität. Sie will partout ihr Recht auf freie Meinungsäußerung behaupten.

IV Das "Kind" seiner Zeit bekennt sich nicht offen zum Feminismus

Bettina Brentano gilt als enfant terrible der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts und hat auch immer Anspruch auf ihren Kosenamen das Kind erhoben. Jedoch hebt diese Ansicht hervor, dass die Dichterin von ihren Zeitgenossen oft missverstanden wurde. Die ihr zugeschriebene Leichtsinnigkeit war im Gegenteil ihre stärkste literarische Waffe.

"Un témoin au féminin" (Marie-Claire Hoock-Demarle)

Bettina von Arnim ist weder eine feministische noch eine feminine Zeugin. Sie ist eher ein Zeuge, der als Frau aus einer anderen Perspektive berichtet. Sie bemüht sich darum, ihre Authentizität zu bewahren, umso mehr als ihrer Ansicht nach das Schreiben ein Pendant des Handelns ist (zu diesem Punkt, siehe Hoock-Demarle). Der Briefwechsel wird vorwiegend von Frauen benutzt, da diese literarische Gattung dem Alltagsrhythmus der Frauen entspricht. Außerdem ist der Briefwechsel oft ein Mittel, um mit der Vergangenheit - das heißt mit der Familie und dem Geburtsort - in Verbindung zu bleiben.

Ein vom "es" geprägtes Leben und Werk: die Mädchen-Frau oder das ewige Kind

Bettina von Arnim erscheint stets als Mädchen-Frau, oder sogar als Kind. Ihre Identifikation mit der Figur Mignons trägt dazu bei, dass das "es" in ihrem Werk entscheidend ist. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts berichtet Alexander von Humbolt in Briefen über "das Kind", womit er sich auf  Bettina von Arnim bezieht. Es ist ihr Kosename in den intellektuellen Kreisen Berlins und dieser Name ist nicht verächtlich gemeint: Er ist vielmehr eine deutliche Anspielung auf Bettina von Arnims erste Publikation - Goethes Briefwechsel mit einem Kinde -, die sie 1835 in drei Bänden veröffentlicht.

Wenn Humbolt demnach vom "Kind" spricht, so nimmt er eine Selbststilisierung der Schriftstellerin wieder auf, die uns in die Zeit ihrer Jugend zurückführt, in die Zeit der Frühromantik um 1800. Das "génie enfant", das schöpferische, spontane Naturkind, wie es Goethe in der Mignon-Figur seines Romanes Wilhelm Meister dargestellt hatte, wurde zum Ideal der Frühromantik. (Schultz et al. 1987: 12)

Bettina von Arnims Werk ist willkürlich vom "es" geprägt, was einer Selbstprofilierung der Autorin entspricht. In Bezug auf den Fall der Brüder Grimm schreibt Hartwig Schultz Folgendes:

Ihre Rolle als "Kind", die sie im Briefwechsel mit Goethe so meisterhaft gespielt hatte, verwandelte sich in die eines raffiniert agierenden politischen enfant terrible, das seine Wahrheit phantasievoll zu vertreten verstand und unter dem Schutz einer gewissen Narrenfreiheit wirksamer handeln konnte als manche Politiker. Man nahm sie nicht ganz ernst, fürchtete aber doch ihre unberechenbare spitze Zunge und eben diese "Wahrheiten", auf die sie pochte.  (Schultz et al. 1987: 17)

Sie nimmt

die bestimmte, herausfordernd naive Haltungen ihrer Kindheit und frühen Jugend wieder auf, weil nur einem Kinde zu sagen erlaubt ist: Der Kaiser ist nackt. [...] "Närrisch" hat sie sich selbst oft genannt. In ernsten Zeiten kann es ein Schutz sein, nicht ganz ernst genommen zu werden. (Wolf 1983: 548 und 556)

Die Selbstprofilierung als Kind ist nicht nur ein Mittel, um ihre Meinung freier äußern zu können, sondern auch ein Mittel, um sich dem Anstandskodex zu entziehen:

"Sie halten mich ja doch für ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab": Von einem Kind wird nicht erwartet, daß es die gesellschaftlichen Konventionen beachtet, die einer Frau zugebilligte Rolle spielt. Kulturanalytisch betrachtet, verkörpert die Rolle, die Bettine als Frau und Autorin einnimmt, einen "Konflikt zwischen Ausdruckswunsch und Redeverbot". Bettine erfand die kulturelle Nische des weiblichen Clowns, die "Narrenfreiheit". Das Kind, das sie in ihren Werken auftreten läßt, ist eine Kunstfigur: es ist nicht mit dem realen Kind Bettine identisch, "aber auch kein literarisches Kunstprodukt", wie Michaela Diers erklärt, "sondern die stilisierend überformte Darstellung des Kindes, das sie einst war" (Sparre 2009: 41)

Bettina Brentano von Arnim pocht auf ihre Identifizierung mit dem "es", da es ein Mittel ist, ihre Eigenart zu betonen.

Eine Erbschaft für die Frauen

Bettina von Arnim kann als Vorreiterin der feministischen Bewegungen betrachtet werden, insofern als sie die Emanzipation der Frau verkörpert. Sie ist zwar als Brentanos Schwester und Arnims Frau bekannt, aber sie ist es auch auf Grund ihrer eigenen Laufbahn. Es ist ihr nämlich gelungen, bahnbrechend den eigenen Weg zu verfolgen, einerseits weil sie eine starke Persönlichkeit hatte und andererseits weil die Zeit, in der sie lebte, ein günstiger Nährboden war. Ihre Emanzipation verdankt sie also teilweise der "Zwischenzeit" (nach Christa Wolfs Ausdruck, die damit die Lage Deutschlands um 1800 bezeichnet). Die Zeit nach der Revolution ist eine Zeit, in der die Menschen erneut Energie schöpfen. Sie ähnelt der Lage in der Nachkriegszeit. Gewöhnlich ändern sich die jeweiligen Rollen der Menschen beiderlei Geschlechts in der Nachkriegszeit, da Frauen in der Kriegszeit dazu gezwungen sind, sich einigermaßen zu emanzipieren. Die Nachkriegszeit und die Zeit nach einer Revolution sind infolgedessen eine Zeit der eingehenden Reflexion über die Identität der Individuen. Dabei spielen Frauen eine besondere Rolle in der Erfindung neuer Geselligkeitsformen. Bettina von Arnim und Karoline von Günderode haben sich dank des Schreibens emanzipiert. Sie waren in der Literaturgeschichte zwar nicht die ersten Schriftstellerinnen, aber sie haben zusammen, so Christa Wolf, eine Sprache gegründet, deren Erben wir noch heute sind.

Schluss

Bettina von Arnim kann nicht nur als Feministin bezeichnet werden. Sie ist eine kosmopolitische Bürgerin aus der Großstadt Frankfurt, die Ehefrau eines preußischen Aristokraten und Dichters, eine siebenfache Mutter, die Autorin von Briefromanen und sozialen Schriften, eine ideologisch engagierte Frau der Revolution von 1848 und eine demokratische Sozialreformerin. All diese Merkmale sind im gleichen Umfang Teil ihrer Persönlichkeit. Gerade diese Komplexität ist bemerkenswert. Bettinas Stellung in der deutschen Kulturgeschichte ist heute durch ihre Erlebnisse als Vorläuferin der Frauenemanzipation gesichert. Jedoch haben wir gezeigt, dass sie auf die Asexualität des Kindes, des "es" pochte. Es wäre infolgedessen nicht geeignet, Bettina von Arnim als Feministin oder als Vorläuferin des Feminismus zu bezeichnen. Eigentlich verstößt sie gegen die sozialen Normen und gegen die Schranken ihres Geschlechts. Als Frau erregt sie das Aufsehen ihrer Zeitgenossen: Die Ermittlung im sozialen Bereich ist für eine Frau anstößig. Die Lebensart der Frauen wird von Normen und Sitten bestimmt: Bettina Brentano von Arnim kann nur als "bahnbrechend" erscheinen. Jedoch überschreitet sie unwillkürlich die Grenzen, die ihrem Geschlecht auferlegt sind. Sie handelt nämlich gemäß ihrer Persönlichkeit und ihres Wesens. Für sie wird Feminismus nie zur Waffe oder zum Mittel der Durchsetzung ihres Willens. Sie zieht übrigens das "es" vor, weil sie der Ansicht ist, dass Menschen - sowohl Männer als auch Frauen - gleich sind, wenn es darum geht, das Elend und das Leiden zu verkraften. Sie verkörpert vor allem den unbeugsamen Willen einer Frau, ihren selbstgewählten Weg zu gehen. Viele prägende Einflüsse haben sie dazu geführt, unter anderem ein in die Wiege gelegtes geistiges Erbe. Feministische Gesichtspunkte werden in Bettinas Werke nicht einbezogen. Versteht man aber Feminismus als einen Weg zur Emanzipation der Frau, der schon vor der Entwicklung einer organisierten Frauenbewegung und sogar vor der Verwendung des Begriffs selbst beschritten wurde, dann können wir behaupten, dass Bettina von Arnim vor-feministisches Gedankengut vertritt.

Bibliografie

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Böttger, Fritz: Bettina von Arnim. Ihr Leben, ihre Begegnungen, ihre Zeit, Bern, München, Wien: Scherz Verlag 1990.

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Ehmann, Ulrike/Steinsdorff, Sibylle von (Hrsg.): Vom Herzen in die Feder, Lebensspuren im Briefwechsel. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2008.

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Joeres, Ruth-Ellen B.: "'Das Mädchen macht eine ganz neue Gattung von Charakter aus!', Ja, aber ist sie deshalb eine Feministin? Beobachtungen zu Sophie von La Roches 'Geschichte des Fräulein von Sternheim'" in: Joeres, Ruth-Ellen B./Kuhn, Annette (Hrsg.): Frauen in der Geschichte IV, Düsseldorf: Schwann 1985, S. 92-116.

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Schultz, Hartwig/Härtl, Heinz/ Hoock-Demarle, Marie-Claire: Romantik und Sozialismus (1831-1859), Vorträge von Hartwig Schultz, Heinz Härtl und Marie-Claire gehalten anlässlich der Ausstellung im Studienzentrum Karl-Marx-Haus, Trier, von Juni bis August 1986. Schriften aus dem Karl-Marx-Haus: Trier 1987.

Sparre, Sulamith: "Aber Göttlich und Außerordentlich reimt sich": Bettine von Arnim (1785-1859), Muse, Schriftstellerin, politische Publizistin, Lich: Verlag Edition AV 2009.

Strohmeyr, Armin: Die Frauen der Brentanos. Porträts aus drei Jahrhunderten. Berlin: List Taschenbuch 2010.

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Wolf, Christa: Die Günderode / Bettina von Arnim; mit einem Essay von Christa Wolf. Frankfurt am Main: Insel 1983.

 

Pour citer cette ressource :

Catherine Dolt, "Bettina Brentano von Arnim: eine Wegbereiterin des Feminismus?", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), juin 2011. Consulté le 22/10/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/mouvements-et-genres-litteraires/romantisme-et-classicisme/bettina-brentano-von-arnim-eine-wegbereiterin-des-feminismus-