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8. Februar 2016 - Zum Tod Roger Willemsens

Publié par Cécilia Fernandez le 02/10/2016

Roger Willemsen. Immer zu früh

Matthias Kalle (Zeit Magazin)

08. Februar 2016

Er konnte mit dem Ernsten unterhalten und das Unterhaltende ernst nehmen. Das war nur eines seiner vielen Talente. Nun ist Roger Willemsen gestorben. 

Roger Willemsen war immer zu früh dran. Wenn man mit ihm einen Abgabetag für seine Kolumne vereinbart hatte, zum Beispiel einen Freitag, dann schickte er den Text bereits Donnerstag, manchmal auch Mittwochabend, obwohl er sich vorher sicher war, dass er den Freitag in keinem Falle schaffen würde. "Montag", schrieb er dann manchmal in einer seiner Mail, "frühestens." Ach, und wenn es erst am Dienstag gewesen wäre.

Fünf Jahre lang hat Roger Willemsen seine Jahreszeitenkolumne für das ZEITmagazin geschrieben, in den letzten drei Jahren war ich sein Redakteur, er schrieb mir Mails, ich schrieb zurück. In den Mails ging es um Abgabetermin und Längenwünsche (Roger Willemsen lieferte nicht nur zu früh – seine Texte hatten auch immer die exakte Länge) und manchmal ging es auch um andere Dinge. Aber es ging nie darum, wie glücklich wir in der Redaktion darüber waren, dass er für uns schrieb. Willemsens Jahreszeiten, im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, vier Seiten im ZEITmagazin, an denen es nichts zu rütteln gab. In keiner Mail habe ich Roger Willemsen geschrieben, dass ich ein Fan von ihm war, seit vielen Jahren schon. Seit dem November 1993.

 
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Bis ans Ende der Welt und weiter
Tilman Spreckelsen (FAZ)
08. Februar 2016

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er war einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen. Willemsen starb im Alter von 60 Jahren an einer Krebserkrankung.

Am Ende seines Weges hatte er den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Bayerischen Fernsehpreis, den Julius-Campe-Preis für Literaturkritik, den Deutschen Hörbuchpreis und viele mehr erhalten. Am Anfang aber stand ein Preis für eine Komposition zu „Anna Livia Plurabelle“, mit dem der Schüler Roger Willemsen um das Jahr 1970 herum ausgezeichnet wurde. Die Besetzung klingt zeitgemäß wüst – zwei Frauenstimmen, Cembalo, Querflöte, Vibraphon und Naturgeräusche –, und als das Stück in Bonn aufgeführt wurde, lernte der junge Komponist dabei den Pianisten Friedrich Gulda kennen: „Zuletzt“, erinnerte sich Roger Willemsen, „improvisierten wir dann gemeinsam“. Der Schüler spielte Vibraphon.

Viel später hat Willemsen, geboren 1955 in Bonn, der als Kind bürgerlicher Eltern im Nebengebäude eines Schlosses aufwuchs, früh den Vater verlor, mehrmals sitzenblieb und bereits als Schüler zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste, vom „wilden, unbehüteten Schwärmen“ gesprochen, das kennzeichnend für seine Kindheit gewesen sei: „Ein brütend melancholisches Kind“, sei er gewesen, „das sich oft in die Wiesen setzte und isolierte, ein Kind, das wegwollte, raus in die Welt und raus aus der Welt.“ Eines seiner schönsten Bücher, erschienen 2010, handelt davon, die Erde, um das mindeste zu sagen, bis zu den Punkten hin zu erkunden, an denen es nicht mehr weitergeht. Was immer „Finis terrae“ hieß, scheint den studierten Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler, der eine Zeit lang Assistent von Walter Müller-Seidel in München war und mit einer exzellenten Arbeit zu Robert Musil promoviert worden ist, unwiderstehlich angezogen zu haben.

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Zum Tod von Roger Willemsen: Der Anti-Spießer
Nils Minkmar (Spiegel Online)
08. Februar 2016

Roger Willemsen - dieses lästernde, lüsterne, kiffende, krähende Genie. Ohne ihn werden wir kämpfen müssen, um nicht in einer Republik von Langweilern zu enden.

Roger Willemsens Tod muss ein Missverständnis sein: Roger ist stets ein Agent im Auftrag der Lebenden. Ich habe ihn oft an Nachrufen und Traueransprachen arbeiten sehen, es war ihm sehr wichtig: Der Banalität des Sterbens die Brillanz seiner Reden entgegen setzen, die Trauergemeinde agitieren für die nun gemeinsame Sache des Lebens, die Erinnerung feiern und alle in eine Raserei gegen den Tod treiben. Es gelang ihm jedes Mal.

Roger Willemsen betrat eine Bühne und schon nach wenigen Minuten vollzog sich eine fast sinnlich wahrnehmbare, kollektive Übertragung: Alle wollten sein wie er. Schlagfertig, belesen, weitgereist, engagiert und intelligent. Und hinter der Bühne, da wollten ihn alle beschützen. Stets war er umgeben von Menschen, die ihm Gutes wollten, die alles für ihn getan hätten, weil sie wussten, dass so einer nicht wieder kommt. Er schien dann unbesiegbar.


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"Wenn man ein Image hat, muss man es schänden"
Johanna Bruckner und Julian Dörr (SZ)
08. Februar 2016

Roger Willemsen war ein wacher Beobachter voll beißender Ironie. Eine sehr subjektive Zusammenstellung seiner schönsten Momente.

Roger Willemsen als investigativer Moderator
Vorgespielte Naivität funktioniert manchmal bei Frauen, so gut wie nie bei Männern, und sie ist überhaupt und eigentlich nervig. Nicht bei Roger Willemsen. Der sitzt 1995 in seiner Talkshow Willemsens Woche Medienprofi und Focus-Mann Helmut Markwort gegenüber und gibt ein Bild der Unbedarftheit ab: dunkler Anzug, runde Hornbrille, Haarteppich statt Frisur. Harmloser Professortyp - wenn da nicht die funkelnden Äuglein wären. Aus seinem Mund schießen - das kommt Willemsens Redegeschwindigkeit tatsächlich sehr nahe - Sätze wie dieser: "'68 sind Sie in die FDP gegangen und die Studenten auf die Straße, das nur nebenher."

Doch Willemsen triezt nicht nur an der Oberfläche, er bohrt da, wo es weh tun müsste: "Als es bei Hoechst Chemieunfälle gegeben hat, da haben Sie ab dem neunten Unfall berichtet. Es hat aber schon sehr früh eine ganzseitige Anzeige von Hoechst bei Focus gegeben. Warum wurden da eigentlich acht Unfälle, darunter der schlimmste (...), nicht erwähnt?" Und dann haut er seinem Gast dessen Werbespruch "Fakten, Fakten, Fakten" um die Ohren: "Ich sag' auch immer: Akten, Akten, Akten."

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Roger Willemsen als Reisender: "Er strahlte so eine kindliche Freude am Leben aus"
Eva Thöne (Spiegel Online)
10. Februar 2016
Interview mit dem Fotografen Ralf Tooten
Roger Willemsen war Weltreisender aus Leidenschaft, um die 80 Länder hat er gesehen. Der Fotograf Ralf Tooten war mit ihm unterwegs - und erinnert sich an einen großen Flaneur.

Zur Person

Ralf Tooten, 57, lebt und arbeitet als Fotograf in Bangkok und Hamburg. Roger Willemsen lernte er durch eine Beinahe-Kollision mit dem Fahrrad in Hamburg kennen. 2009 entwickelte er mit ihm das Buch "Bangkok Noir".

SPIEGEL ONLINE: Herr Tooten, für das Buch "Bangkok Noir" durchstreiften Sie gemeinsam mit Roger Willemsen die thailändische Hauptstadt bei Nacht. Ist Ihnen eine Situation besonders in Erinnerung geblieben?

Tooten: Wir hatten mal eine besondere Begegnung mit einem Wahrsager, der Roger zwischen Blumenkränzen und Kerzen mitten auf der Straße die Zukunft aus Karten las. Er sagte voraus, dass er mit 61 Jahren einen Bestseller schreiben würde; das kann nun nicht mehr passieren. Er las aber auch, dass Roger ein Mensch ist, der auch dann noch gut zuhören kann, wenn er eigentlich schon alles weiß. Und das traf auf Roger absolut zu.
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Pour citer cette ressource :

"8. Februar 2016 - Zum Tod Roger Willemsens", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), octobre 2016. Consulté le 29/11/2020. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/revue-de-presse/8-februar-2016-zum-tod-roger-willemsens