Vous êtes ici : Accueil / Littérature / RDA et RFA / Littérature de RDA / Das literarische Erbe in der DDR

Das literarische Erbe in der DDR

Par Anne Lemonnier-Lemieux : Maître de Conférences - ENS de Lyon
Publié par Marie Laure Durand le 10/04/2013

Anne Lemonnier-Lemieux
Maître de conférences en littérature allemande (ENS Lyon)


– Das Literaturseminar des Wintersemesters 2012-13 an der École Normale Supérieure de Lyon wurde dem Thema des literarischen Erbes in der DDR gewidmet. In diesem Zusammenhang untersuchten Master-Studenten, die aus Schülern der ENS und ausgesuchten anderen Teilnehmern aus Deutschland und Frankreich bestanden, berühmte oder weniger bekannte Texte der DDR-Literatur, von Christa Wolfs Kein Ort. Nirgends bis hin zu Franz Fühmanns Abhandlung Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann. Es ergab sich daraus weniger eine genaue Bestimmung des Begriffs des « literarischen Erbes » als vielmehr ein Überblick über die zahlreichen Aspekte, auf die er sich beziehen könnte: Denn zum Erbe gehören sowohl die aus dem Exil zurückgebrachten Werke als auch die Wiederbelebung von in Vergessenheit oder Verruf geratenen Dichter-Figuren oder die Auseinandersetzung mit alten Mythen der Weltliteratur. Die kontrastive Betrachtung der BRD, in der es in derselben Zeitspanne überwiegend darum ging, eine radikal neue Literatur ohne geschichtlichen Hintergrund zu erfinden, wie in der Gruppe 47 und im Gedicht Inventur von Günter Eich, machte deutlich, wie politisch dieser Kampf der ostdeutschen Schriftsteller um ein literarisches Erbe war, und veranlasste die Teilnehmer außerdem dazu, die Frage nach dem Werden dieses Anliegens aufzuwerfen: Was ist nach der Wende aus diesem Interesse der ostdeutschen Schriftsteller an der literarischen Vergangenheit geworden? Musste es den wirtschaftlichen Geboten des Buchmarktes erliegen oder wurde es z.B. in den Dienst einer Bestimmung der entstehenden neuen deutschen Identität gestellt?

Die hier von sieben Studenten verfassten Beiträge, von denen sich jeder mit einem einzigen Buch und Autor befasst, versuchen, diesen Fragen einigermaßen Rechnung zu tragen. Chronologisch geordnet und mit Anna Seghers’ berühmtem Werk Das siebte Kreuz beginnend, rufen sie dann 1969 mit Hermlins Hörspiel Scardanelli die Erinnerung an den unglücklichen, auf Grund der hoffnungslosen politischen Lage seiner Zeit verrückt gewordenen Hölderlin wieder wach. Mit Franz Fühmann konnten die Schüler der DDR aber auch nacherzählte alte germanische Sagen wie das Nibelungenlied neu entdecken, während Heiner Müller mit Germania Tod in Berlin ein vielfältiges historisches und literarisches Erbe einsetzte, das die heutigen Leser bzw. Zuschauer verwirren mag. In den achtziger Jahren interessierten sich viele Schriftstellerinnen für ihre romantischen Vorgängerinnen, unter denen Caroline Schlegel-Schelling, der auf Grund ihrer Teilnahme an der Mainzer Revolution 1793, aber auch am Jenaer literarischen Kreis um die Zeitschrift Athenäum 1797 eine vorrangige Stellung zukam, wie es Sigrid Damm in Caroline Schlegel-Schelling – Ein Lebensbild in Briefen auslegt. Das Schiller-Jahr 2004, das anlässlich des 200. Todestages des Dichters zahlreiche Schiller-Biografien hervorbrachte, darunter das ebenfalls von Sigrid Damm verfasste Werk Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung, zeigt, wie lebendig das Interesse am literarischen Erbe nach der Wende geblieben ist. Dies kann Ingo Schulzes Wiederaufnahme des Bibel-Paares Adam und Eva in Adam und Evelyn 2008 nur bestätigen – wenn auch hier das Interesse an dem literarischen Erbe zweifellos weit über das deutsche Erbe an sich hinausgreift.

Pour citer cette ressource :

Anne Lemonnier-Lemieux, "Das literarische Erbe in der DDR", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), avril 2013. Consulté le 15/12/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/rda-et-rfa/litterature-de-rda/das-literarische-erbe-in-der-ddr