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Husch Josten: "La société post-attentat(s). Über Erlösung"

Par Husch Josten : Auteure - Journaliste
Publié par Cécilia Fernandez le 25/04/2019
Ce texte inédit de Husch Josten a été rédigé le 23 mars 2018 dans le cadre des Assises Internationales du Roman (Lyon, mai 2018).

 

Portrait de Husch Josten

 

Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman In Sachen Joseph, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger Das Glück von Frau Pfeiffer vor und 2013 den Geschichtenband Fragen Sie nach Fritz. 2014 erschien Der tadellose Herr Taft sowie zuletzt die Romane Hier sind Drachen (2017) und Land sehen (August 2018) im Berlin Verlag. Husch Josten lebt heute wieder in Köln. (Quelle: www.piper.de)

 

 

Es ging nie um Verrat. Amos Oz erklärt seine Geschichte. Sein Romanheld aus Judas, Schmuel Asch, habe vielmehr alternative facts für richtig gehalten: Judas habe Jesus nicht verraten. Judas habe so sehr an Jesus geglaubt, ihn so sehr geliebt, dass er gemeinsam mit ihm - um alle von Jesus zu überzeugen - die Kreuzigung publikumswirksam am Freitag zur Prime Time inszenierte. Doch etwas ging schief. Sein Freund stieg nicht, wie verabredet, vor aller Augen göttlich vom Kreuz herab. Sein Freund starb. Starb grausam. Judas konnte seine Mitschuld nicht ertragen und brachte sich um. Denn, so Amos Oz in seinem Zwischenruf Jesus und Judas (Lecture on Jesus, Berlin, 25. Mai 2017, Patmos Verlag): „Judas hat den Fehler eines Fanatikers gemacht. Er wollte Erlösung, sofort, um jeden Preis.“

Gedanken und Notizen sortieren. Zu Papier bringen, in welchem Zustand sich unsere Gesellschaft befindet. Welche Gesellschaft? Die europäische, die westliche, die mondiale? Erlösung. Den Begriff seit 2001, seit diesem Septembermorgen, immer wieder im Kopf. Erlösung. Doch mitten in diesen Gedanken hinein eine Push-Meldung auf dem Handy. Geiselnahme in einem südfranzösischen Supermarkt. Makabere Bestätigung des Satzes, mit dem diese Zeilen eigentlich beginnen sollten: Post-attentat? Existiert denn eine Gesellschaft post-attentat, wenn nach dem Attentat vor dem Attentat ist? Wenn wir nach wie vor unerlöst sind vom Terror? Wenn wir wissen, dass die Inszenierung des einen Anschlags Ansporn ist, den nächsten noch schockierender in Szene zu setzen?

Trèbes… Ein Städtchen bei Carcassonne. Alles wie immer: Die Wahl der Orte, wir wissen es inzwischen allzu gut, gerne willkürlich. Es können, müssen aber keineswegs Stätten mit Symbolkraft sein. Hauptsache, niemand fühlt sich noch irgendwo sicher. Die Lage unübersichtlich. Der Täter bekennt sich zum Islamischen Staat, der Islamische Staat rühmt sich seines Mitstreiters. Es gibt Tote und Verletzte - die Angaben variieren, im Fernsehen bringen Stakkato-Laufschriften die Zuschauer von mittäglichen Seifenopern und Verkaufssendungen auf den neuesten Stand. Morgen früh wird die Zahl der Todesopfer gestiegen sein, werden Hintergrundberichte zum Attentäter veröffentlicht, die uns sehr bekannt vorkommen werden. Er war bereits im Visier der Ermittler. Oder er war der unauffällige, freundliche Nachbar. Wie immer. Wie immer.

Wirklich wie immer seit 2001, der Zeitenwende, als der Terror seine Beschaffenheit änderte, Mobilfunk auf Mittelalter und Breitbandinternet auf Barbarei traf? Alles schrie nach Erlösung in dem von Terroristen schockierend inszenierten Horror. Die Opfer, die starben, verletzt wurden, auf Hilfe und Rettung hofften, die Politiker, Geheimdienste, die jetzt, viel zu spät, Bewegungsmuster, Vorstrafen, abgehörte Telefonate, auffällig gewordene Personen in Verbindung brachten. Lehrer, Eltern, Freunde, die nicht mehr wussten, mit wem sie jahrelang zu tun gehabt hatten. Die Gesellschaft, die von den schrecklich faszinierenden Bildern gefangen genommen, zu Tode erschreckt wurde und begriff, dass die Globalisierung auch Globalisierung von Konflikten und Gefahren meinte. Schließlich die Attentäter selbst, die sich in New York, Paris, London, Brüssel, Berlin, Trèbes als Märtyrer missverstanden… Von wem wird morgen in den Nachrichten die Rede sein? Einem Kleinkriminellen, im Gefängnis durch Mitinsassen radikalisiert? Oder vom netten, jungen Mann mit Doppelleben, der auf der Suche war: Nach Identität, nach seiner höchstpersönlichen Erlösung? Der sich auf einen Willen, eine Stimme, mächtiger als er selbst, berief, die uns allen die Sprache verschlagen soll? Uns… Der Gesellschaft… Der Gesellschaft post-attentat…

All denen, die nicht fanatisch, sondern eins sind in der nach menschlichem Ermessen vernünftigen Überzeugung, dass es sofortige, universale Erlösung nicht gibt, wenigstens sicher nicht gibt, indem wir Unschuldige umbringen. All denen, die wissen, dass Mord- und Totschlag, Gewalt, Hinterhältigkeit, Grausamkeit, Zerstörungslust, dass das Böse zwar zu allen Zeiten und überall auf der Welt existierte und existiert, die sich trotzdem aber rigoros weigern, es als Normalität anzuerkennen. In verunsicherten Staaten im Ausnahmezustand mit Notstandsgesetzgebung, neben erstarkenden Rechtspopulisten, inmitten traumatisierter Bürger, die das Vertrauen in ihre Regierungen und vielfach auch in ihre Nachbarn mit Migrationshintergrund verloren haben, innerhalb der Gruppe zutiefst verängstigter Menschen, denen das Gefühl von Sicherheit in ihrer nächsten Umgebung abhanden gekommen ist, ist doch mit überwältigender Mehrheit dies die Gesellschaft post-attentat, die man vor lauter Angst gelegentlich aus dem Blick verliert: Eine Kontinent-, Länder-, Regime-, Überzeugungs-, Bildungs-, Bekenntnis-, Klassen-, Wohlstands-, Mentalitätsgrenzen überschreitende Gemeinschaft, die über Einwanderungsfragen, Asylrecht, Klimaschutz, Zölle, Waffengesetze, Globalisierung, Glauben, Datenschutz und unendlich viel mehr in Raserei und unauflösliche Konflikte geraten mag, die von der Welle des Fortschritts etwa in Fragen der Pränataldiagnostik, Abtreibung, Gentechnik, Sterbehilfe an die Grenzen ihres Denkens und ihrer ethischen Belastbarkeiten gespült wird, die aber - ganz ohne Diskussion - absolut eins ist in der Ablehnung des Terrors. Eins ist in der Überzeugung, dass man Erlösung nicht herbeimorden oder herbeibomben kann. Sondern dass Erlösung ein Prozess ist, für den man leben, an den man glauben und an dem man arbeiten muss, während einem ständig Fehler unterlaufen.

Die Sache ist die: Eine Gesellschaft, die die Idee von Erlösung verstanden hat, ist nicht zerstörbar. Sie ist, so pathetisch es klingt, in ihrem Glauben an das Gute und an die Freiheit eine Bastion, egal, wie viel Blödsinn sie innen- wie außenpolitisch, wirtschafts-, sozial-, sicherheits-, kultur- oder arbeitsmarktpolitisch ansonsten veranstalten und wie oft und regelmäßig sie sich, historisch betrachtet, verirren mag. Der Terrorismus ist das Ende jeder Kommunikation, des Dialogs. Immer. Ein erbärmliches, feiges, unfassbar blindes Instrument. Immer. Er lernt vielleicht in der Wahl der Waffen und in der Inszenierung dazu. Nicht aber inhaltlich. Denn seit 2001 gelingt es diesem Monster nicht, der Gesellschaft die Sprache zu verschlagen. Der Terror hat sie in ihren Grundfesten erschüttert. Er hat sie grausam verletzt. Er hat sie an die Grenzen ihrer Vernunft gebracht, auch das. Aber er hat sie nie zum Schweigen gebracht. Im Gegenteil. Die Gesellschaft post-attentat schreit. Trauert. Tobt. Besinnt sich auf ihre besten Errungenschaften. Demonstriert. Streitet. Schimpft. Redet. Verhandelt. Diskutiert. Prangert an. Musiziert. Malt. Schreibt. Und hat gelernt, wie morgen in den Zeitungen zum Anschlag in Trèbes stehen wird, dass die „Demokratie mit den Mitteln der Demokratie immer gewinnen wird“ (Laurent Joffrin, „Libération“). Es ist nicht wie immer seit 2001. In einer unausgesprochenen Übereinkunft hat diese Gesellschaft zutiefst verinnerlicht, dass allein darin Erlösung liegt: In der Freiheit des Wortes. Und natürlich in der Liebe. Sie dürfen wir nicht vergessen. Das wäre dumm. Und Amos Oz gar nicht recht. 

 

 

 

Pour citer cette ressource :

Husch Josten, "Husch Josten: "La société post-attentat(s). Über Erlösung" ", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), avril 2019. Consulté le 21/08/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/litterature-contemporaine/textes-inedits/la-societe-post-attentat-s-uber-erlosung-von-husch-josten

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