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Droht ein Virus die deutsch-französischen Beziehungen zu infizieren?

Par Katja Kristin Knauth
Publié par Cécilia Fernandez le 28/01/2021
Ein Bericht über die Auswirkungen von Covid-19, am Beispiel der Grenzschließungen und des Deutsch-Französischen Gymnasiums in Freiburg (Mai-Juni 2020)

70 Jahre, nachdem der Schumann-Plan den Grundstein für die deutsch-französische Partnerschaft legte, beeinträchtigen – Covid-19 bedingt – nationalstaatliche Entscheidungen und Grenzschließungen das bilaterale Verhältnis. Am 11. März 2020 wurde die gesamte Region Grand-Est vom Robert-Koch-Institut (RKI) zum Risikogebiert erklärt. Daraus folgte, dass nur Pendler und Warenverkehr die Grenzen passieren durften. Aufgrund der deutschen Abschottung kam es zu „populistischen Reflexen“, wie es im Mai Jean Rottner, Präsident des Conseil régional Grand-Est, vorsichtig formulierte. So wurde ein Einkaufsverbot in Deutschland für die elsässischen Grenzgänger ausgesprochen, welches bei diesen großen Unmut hervorrief. Zudem sahen sie sich rassistischen Beleidigungen ausgesetzt, sogar einige Autos mit französischem Kennzeichen wurden zerkratzt. Solche Auswüchse haben das bilaterale Verhältnis belastet, jedoch muss betont werden, dass ab dem 24. März einige französische Corona-Patienten auf deutsche Intensivstationen verlegt worden sind, was trotz aller Schwierigkeiten von der Festigkeit der deutsch-französischen Freundschaft zeugt.

Die angespannte Lage zwischen den beiden Nachbarländern zeigte sich insbesondere auch am Beispiel der Corona-Krise am Deutsch-Französischen-Gymnasium (DFG) in Freiburg im Breisgau. Vor der Epidemie überquerten Lehrer und Schüler aus dem Elsass tagtäglich die Grenze, um das DFG, das sich als binationale und bikulturelle Begegnungsschule versteht, zu erreichen. Doch Covid-19 bewirkte nicht nur Schul- und Grenzschließungen, sondern auch Uneinigkeit der drei deutsch-französischen Gymnasien (Freiburg, Saarbrücken und Buc) bzgl. der Durchführung des deutsch-französischen Abiturs. Eigentlich ist zwischen Frankreich und Deutschland vertraglich festgelegt, dass die drei DFGs dieselbe Abiturprüfung ablegen. Stattdessen verkündete das DFG in Buc, kurz nachdem das französische Zentralabitur am 3. April abgesagt worden war, ebenfalls eine Absage der Abschlussprüfungen. Währenddessen mussten die 107 Abiturienten des DFGs in Freiburg – von denen 41 aus dem Elsass stammen – in Ungewissheit ausharren, bis schließlich das Kultusministerium Baden-Württemberg drei Wochen vor Prüfungsbeginn das Stattfinden des Abiturs anordnete. Die wochenlangen Unklarheiten und national unterschiedlichen Entscheidungen wiederum führten zu Unzufriedenheit und Protestaktionen vor dem DFG in Freiburg. Der Unmut gipfelte in einem Eilantrag beim Verwaltungsgericht, der am 8. Mai von 37 Schülern der Abschlussklasse gestellt wurde, um die Entscheidung zu kippen. Dieser Eilantrag richtete sich sowohl gegen das DFG selbst als auch gegen das Land Baden-Württemberg und gegen die Bundesrepublik Deutschland. In ihm wurde statt der Abiturprüfung ein Abiturzeugnis gefordert, das auf den Vornoten der Schüler basieren sollte. Das Gericht lehnte jedoch den Eilantrag ab.

Mittlerweile, genauer gesagt seit dem 15. Juni, sind die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich wieder vollständig geöffnet, auch der Präsenzunterricht an den Schulen in Deutschland, einschließlich des DFG in Freiburg, wurde für alle Klassen wieder aufgenommen. Doch die lang ersehnten Lockerungen bergen neue Herausforderungen. Ein Interview, das ich mit der Internatsleiterin des Freiburger DFG, Kristine Albersmann, bereits Mitte Mai geführt habe, berichtet von solchen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Rückkehr einiger Schüler aus Frankreich in das deutsch-französische Internat.

Interview mit Kristine Albersmann

Wann haben die Schule und das Internat wieder ihren Betrieb aufgenommen?

Das DFG hat hier in Freiburg, genau wie für Baden-Württemberg vorgeschrieben, am Montag, dem 4. Mai, offiziell den Betrieb wieder aufgenommen. Allerdings konnte das Internat nicht wirklich an diesem Montag die Türen öffnen, weil wir außergewöhnlich viele Vorkehrungen treffen mussten, um den Abstand zwischen den Schülern zu gewährleisten. Beispielsweise mussten wir für jeden ein Einzelzimmer organisieren. Die Schüler konnten daher erst am Mittwochabend, dem 6. Mai, ins Internat kommen. Das nutzten auch noch nicht so viele, weil dies nur zwei Tage Unterricht für sie bedeutet hätte, und manche hatten an diesen Tagen nur wenig oder fast gar keine Kurse. Eine Wochenendbetreuung durfte leider bis auf Weiteres wegen der damals geltenden Quarantänebestimmungen nicht stattfinden.

 

Welche und wie viele Schüler durften wieder in das Internat zurückkehren?

Die Première- und Terminale-Schüler. Davon haben wir im Internat insgesamt 26. Nur gibt es einige, die von weither kommen, zum Beispiel aus dem Süden Frankreichs, für sie ist es nicht möglich gewesen hierherzukommen. Darauf komme ich später noch einmal zurück. Von den anderen haben sich einige dafür entschieden, zu Hause zu bleiben, um am Online-Unterricht teilzunehmen. Das heißt letztendlich sind maximal 24 Schüler hier, das hängt aber auch von den Unterrichtsplänen ab, ob die 24 auch tatsächlich immer da sind, und das ist eigentlich nie der Fall. Das heißt, es bewegt sich um die 18 bis 20 Schüler, die immer präsent sind. Wir beherbergen weitaus mehr Terminale-Schüler (16) als Première-Schüler (10). Die letzteren haben wie gewohnt Unterricht, aber auch nur in den Hauptfächern. Und die Terminale-Schüler haben Blockunterricht, ebenfalls nur in den Hauptfächern. Doch der Plan ändert sich wöchentlich. Nächste Woche beispielsweise haben die Terminale-Schüler lediglich eine mündliche Prüfung zu absolvieren, sodass sie in aller Regel gar nicht im Internat sind und nur noch die Premiere-Schüler zunächst einmal da sein sollen und dürfen.

 

Das klingt nach viel organisatorischem Aufwand! Mit welchem Transportmittel kommen denn die (Internats-)Schüler über die Grenze? Gab es Schwierigkeiten bei dem Erwerb der Grenzübertrittsbescheinigungen?

Die normalen Busse, die von beziehungsweise über Mulhouse kommen, fahren derzeit nicht. Unsere Busgesellschaft, die die Schüler eigentlich immer hin- und hertransportieren müsste, ist noch nicht in Betrieb. Sie möchte auch nicht die Verantwortung übernehmen. Ebenfalls der Elternbeirat, der den Bustransport organisiert, möchte dies nicht. Ich gehe davon aus, dass sehr viele von den Eltern gebracht werden. Einige organisieren auch ein covoiturage, allerdings dürfen auch nicht viele unterschiedliche Haushalte in einem Auto fahren. Und selbstverständlich müssen sie über eine Pendlerbescheinigung verfügen, doch diese ist relativ einfach zu erhalten: Die Schule erstellt und füllt sie aus und schickt sie dann per Mail oder per Post. Mit einer solchen Pendlerbescheinigung dürfen die Eltern die Kinder auch in die Schule begleiten. Manche fahren aber auch anscheinend mit dem Regionalzug. Hierfür müssen die Eltern jedoch auch erst mal nach Deutschland fahren, da die Grenze von keinem Zug überschritten wird. Aber wie gesagt, in aller Regel bringen und holen die Eltern die Schüler. An dieser Stelle möchte ich noch einen wichtigen Aspekt erwähnen: Die Schüler unterliegen eigentlich, auch wenn sie hierher pendeln, den sogenannten Quarantäne-Maßnahmen, die in Deutschland derzeit gelten. Denen zufolge müssen Nichtdeutsche, die aus dem Ausland anreisen, 14 Tage in Quarantäne bleiben. Da sie aber hierher zum Zwecke der Ausbildung kommen, gibt es eine Ausnahmeregelung für fünf Tage. Sie dürfen aber auch nicht mehr als fünf Tage bleiben. Doch das passt gerade gut, weil die Internatsschüler Sonntagabend ankommen und am Freitagmittag wieder abfahren. Und dann können sie am nächsten Sonntag wiederkommen usw. Hört sich absurd an, ist aber so.

 

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Internatsleiterin? Und welche besonderen Maßnahmen mussten Sie ergreifen?

Ich musste natürlich das Team wieder einberufen und wir mussten uns auf den neuen Hygieneplan einigen, den meine Stellvertreterin Franziska Guiter-Hohl vor allem ausgearbeitet hat. Er wurde fast viermal vom Amt für Schule und Bildung und vom Gesundheitsamt korrigiert, genauer gesagt mussten wir diesen verbessern und in eine andere Form bringen. Dieser ist jetzt 16 Seiten lang. Daraus haben wir versucht, zwei Seiten Hygieneregeln zu erstellen, die dann von den Schülern und den Eltern gelesen und unterschrieben werden, und an die sie sich streng halten müssen.

Diese Regeln implizieren, dass die Schüler auf den Fluren Masken tragen müssen, welche sie ablegen dürfen, sobald sie einen ihnen individuell zugewiesenen Arbeitsplatz eingenommen haben. Hierfür haben wir viele Schilder angefertigt. Zugewiesene Sitzplätze gibt es selbstverständlich auch im Speisesaal. Ein Spuckschutz trennt sie von ihrem Gegenüber, was etwas amüsant aussieht. Aber naja, diese Trennwand sieht auch irgendwie aus wie im Gefängnis, allerdings ist es fast ein bisschen blöder als im Gefängnis, da sie aus Plexiglas ist und man sich nicht gut verständigen kann; noch weniger als mit dem Nachbarn, der wiederum am nächsten Tisch 1,5m entfernt sitzen muss. Wenn alle ihren Sitzplatz eingenommen haben, wird ihnen das Essen vom Erzieher mit Mundschutz und desinfizierten Händen bzw. mit Handschuhen serviert. Es gibt im Internat auch viele Spender mit Desinfektionsmittel, mit denen die Schüler sich ihre Hände desinfizieren sollen, sobald sie einen Raum betreten bzw. verlassen. Vor allen Räumen gibt es einen schriftlichen Hinweis, mit wie vielen Personen der jeweilige Raum betreten werden darf usw. Außerdem dürfen wir keine gemeinsamen Aktivitäten anbieten und die Schüler dürfen kein Material austauschen.

Im Übrigen dürfen die Schüler wegen der Quarantäneregeln das Internat nicht verlassen, nur zum Zwecke des Schulbesuchs, d.h. sie dürfen sich an keinem anderen Ort aufhalten außer der Schule und bei uns. Die meisten Schüler akzeptieren das, weil sie wissen, aus welcher Gegend sie kommen und weil sie wissen, dass die Infektionsgefahr hoch ist. Abgesehen von der Schule und dem Internat dürfen die Schüler sich natürlich in einem Transportmittel zur Schule hin und zurück bewegen – das ist in aller Regel die Straßenbahn bzw. die Tram. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit viele ein Fahrrad besorgt, da sie die Tram für zu unsicher halten. Hier sieht man einen deutlichen Unterschied zu den deutschen Schülern, jedoch haben die Franzosen auch ein anderes confinement erlebt. Sie sind teils sehr entsetzt über die hiesigen deutschen Verhältnisse. Sie empfinden das Leben in Deutschland während COVID-19 als viel zu frei, kritisieren fehlende Vorsicht und haben große Schwierigkeiten, zumindest jetzt am Anfang, sich hier wieder hineinzufinden.

Eine große Herausforderung für uns Betreuer besteht darin, dass, wenn ein/e Schüler/in sich in einer schwierigen Situation befindet oder weint, wir trotzdem den Abstand wahren müssen und sie nicht in den Arm nehmen können. Gerade jetzt, kurz vor dem Abitur, sind die Terminale-Schüler besonders angespannt. Wir sind ja eigentlich ein ganz familiäres Internat und es ist natürlich schwerer, mit Abstand guten Mut zuzusprechen und Wärme zu geben. Das ist uns früher leichter gefallen, und vor allem ist es den Schülern untereinander auch leichter gefallen, sie haben sich ja auch oft gegenseitig getröstet und geholfen, indem sie sich in den Arm genommen haben, miteinander gearbeitet und Arbeitsmaterial ausgetauscht haben. Das können sie mittlerweile nicht mehr.

 

Welche Stimmung herrscht derzeit insgesamt im Internat? Ärger über die Beschränkungen oder Freude über ein klein wenig Rückkehr zur Normalität?

Schwer zu sagen. Zuerst war die Stimmung, die in unserem Internat geherrscht hat, sehr deprimierend, weil sich die Schüler aufgrund unserer Maßnahmen ein bisschen wie im Gefängnis fühlen. Und wir sind die Aufseher und müssen freundlich, aber bestimmt darauf achten, dass die Regeln alle exakt eingehalten werden. Es ist sehr, sehr ruhig auf den Gängen und viele arbeiten auf ihren Zimmern. Die Beschränkungen sind aber auch eine Gewöhnungssache und werden teilweise, wie beispielsweise der Spuckschutz aus Plexiglas, mit Humor genommen. Und je nach Persönlichkeit empfinden die Schüler die Beschränkungen sehr unterschiedlich. Aber ich glaube, die Mehrzahl der Schüler hat großes Verständnis dafür, weil sie aus so einem totalen confinement herauskommen und in gewisser Art und Weise das Leben hier auch teilweise als Lockerung empfinden. Allerdings sie sind natürlich vorher in ihrer Familie gewesen und mussten dort ja nicht mit Mundschutz zusammen am Tisch sitzen, mussten nicht den Abstand halten. Aber jetzt hier im Internat mit allen anderen Schülern aus unterschiedlichen Haushalten müssen sie natürlich den Abstand wahren. Aber das finden die meisten richtig und wichtig und sie haben auch Angst davor, dass sie ihre Familienmitglieder, wenn sie wieder nach Hause kommen, gefährden. Und von den Eltern habe ich auch sehr positive Rückmeldung zu unseren Maßnahmen gehört, die diese absolut richtig finden und auch sagen, dass sie froh sind, dass das Internat wieder geöffnet ist. Aber es gibt natürlich trotzdem immer einige, es sind leider meist eher die Jungs als die Mädchen, die dann die Abstandsregeln nicht einhalten und ab und zu den Mundschutz nicht aufsetzen. Und einer der Schüler hat es sich beispielsweise erlaubt, zum Frisör zu gehen. Obwohl sie, wie gesagt, außerhalb der Schulzeit nicht raus dürfen, nicht joggen, gar nichts, außer im Hof des Internats eine Runde drehen und frische Luft schnappen. Da habe ich schon Verwarnungen aussprechen müssen, mit der Androhung des Ausschlusses aus dem Internat. Denn wenn ich den Anfängen nicht wehre, dann wird es auf jeden Fall nicht funktionieren, und wir sind nun mal für die Einhaltung der Regeln verantwortlich und wollen nicht, dass irgendetwas im Internat und auch nicht vom Internat ausgehend passiert. Aber der Großteil respektiert und akzeptiert die Regeln. Zunächst mal war die neue Situation schwierig, teils beklemmend, aber jetzt ist es einfacher und lockerer.

 

Quellen

MAHRO, Annette. «Hoffen, dass nichts zurückbleibt.», in: Badische Zeitung, 07.06.20.

NÜCKLES, Bärbel. «Der Druck zur Grenzöffnung», in: Badische Zeitung, 06.05.20.

SCHLENKER, Dieter. «Die Geburtsstunde der Europäischen Union», in: Badische Zeitung, 09.05.20.

STREIF, Stefanie. «Corona-Krise am Deutsch-Französischen Gymnasium», in: Badische Zeitung, 13.05.20.

https://internat.dfglfa.net (Letzter Zugriff: 24.06.20)

https://www.dfglfa.net/dfg/de/unsere-schule (Letzter Zugriff: 24.06.20)

https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA200501624&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp (Letzter Zugriff: 24.06.20)

Pour citer cette ressource :

Katja Kristin Knauth, "Droht ein Virus die deutsch-französischen Beziehungen zu infizieren?", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), janvier 2021. Consulté le 04/03/2021. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/histoire/le-couple-franco-allemand-et-leurope/droht-ein-virus-die-deutsch-franzosischen-beziehungen-zu-infizieren