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Haben die Orakel uns etwas zu sagen?

Par Katrin Solhdju
Publié par Cécilia Fernandez le 01/01/2015
Katrin Solhdju

katrin-solhdju_1420131401573-jpgKatrin Solhdju, Kulturwissenschaftlerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte für Philosophie an der Kunsthochschule Ecole de Recherche Graphique in Brüssel und ist Mitglied der Groupe d’études constructivistes an der Université Libre de Bruxelles. Sie ist ebenfalls Mitbegründerin von Dingdingdong, einem Institut zur Erforschung der Huntington-Krankheit. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der Art und Weise, in welcher den Betroffenen ihre Diagnose mitgeteilt wird, da sich dies tiefgreifend auf ihr weiteres Leben auswirkt.

Artisans du devenir – Propositions pour une écologie du diagnostic (Presses du réel, 2014)


Der Vergleich mit antiken Orakeln und Hellsehern liegt in Bezug auf den HD-Test [Huntington's disease; C.F.] und allgemeiner mit Blick auf Techniken präsymptomatischer Diagnostik auf der Hand. Nicht nur die Massenmedien bedienen sich zur Beschreibung und Analyse genetischen Zukunftswissens dieser Topoi, sie tauchen auch in der Fachliteratur regelmäßig auf. Nancy Wexler etwa publizierte zwischen 1983 und 93 mit Blick auf den präsymptomatischen Gentest für die HD mindestens drei Artikel, die schon im Titel eine solche Verknüpfung herstellen: „The Gene-Oracle“, „Clairvoyance and Caution“ und „The Teresias Complex“.

In all diesen Fällen beziehen sich die Autoren auf das von den antiken Medien der Zukunftsprophetie vorhergesagte Unglück, deren Verwünschungscharakter und die menschliche Machtlosigkeit ihm gegenüber. Der Bezug ist also durchgängig ein negativer, pejorativer. Die konkreten Orakel-Praktiken und ihre metikulöse Regulation werden nicht entfaltet. Sie scheinen mir allerdings hoch interessant, wenn es darum geht, über die Beschaffenheit medizinisch-diagnostischen Zukunftswissens nachzudenken.

Im ersten Jahrhundert – wohl in den 80er oder frühen 90er Jahren – unserer Zeitrechnung kam es im Apollontempel zu Delphi zu einem dramatischen Unfall – dem Tod der Pythia. Bei Plutarch heißt es: „À la fin, complètement bouleversée, elle s’élança vers la sortie avec un cri insensé et effrayant, et se jeta à terre, mettant en fuite non seulement les consultants, mais encore le prophète Nicandre et ceux des hosioï qui se trouvaient là. Rentrés quelques instants après, ils la relevèrent alors qu’elle avait repris ses esprits et elle ne survécut que peu de jours.“

Welche Vorkommnisse waren diesem Ereignis vorausgegangen und wodurch war der beängstigend heftige Ausbruch der Pythia verursacht worden, der sie in den Tod treiben sollte? Der Tod der Pythia wird von Plutarch als direkter und eindeutiger Effekt unzulässiger ritueller Manipulationen durch das Tempelpersonal beurteilt. „Des consultants étant venus d’un pays étranger, la victime, à ce qu’on raconte, avait reçu les premières aspersions sans bouger et sans s’émouvoir (akíneton kaì apathés), puis comme les prêtres redoublaient de zèle et la pressaient à l’envi, à force d’être inondée et comme noyée, elle finit à grand-peine par se rendre.“

Die so genannten Präliminarien, die Vorbereitungen und Vorkehrungen also, die getroffen werden mussten, ehe die Pythia konsultiert werden konnte, hatten innerhalb der delphischen Liturgie einen zentralen Ort und Sinn. Sie bestanden aus einer ganzen Reihe von Schritten, die nicht zuletzt vor Augen führen, dass es sich bei jeder Art der Divination um eine hochgradig heikle Angelegenheit handelt, die es genau, vorsichtig und wachsam vorzubereiten und zu begleiten gilt.

Um sicher zu gehen, dass die Zeichen günstig standen und das Orakel „in Betrieb genommen“ werden durfte, musste vor jeder Befragung der Pythia ein Tier geopfert werden. Aber diese Opferung fand ihrerseits wiederum nur nach weiteren Präliminarien statt, bei denen das jeweilige Tier einer jeweils spezifischen Probe unterzogen wurde, die dazu diente, festzustellen, ob der nächste Schritt überhaupt angezeigt war. Nur wenn die Ziege springend die Nackenhaare aufgestellt, der Stier Mehl oder der Eber Kichererbsen gefressen hatten, konnte man davon ausgehen, dass die Pythia konsultiert werden konnte, sie also in der Lage war mit dem Gott in Verbindung zu treten und dieser seinerseits bereit, seinem Instrument, der Priesterin die notwendigen Eingebungen zukommen zu lassen. Erst wenn das jeweilige Opfertier also durch klar festgelegte Zeichen sein Einverständnis gegeben hatte, ging man zu dessen Opferung über. Ehe dann wirklich die Pythia befragt werden durfte, mussten sich allerdings auch die Ratsuchenden selbst einer Reihe von Präliminarien unterziehen: sich reinigen, einen Opferkuchen verbrennen etc. Erst nach Erfüllung all dieser Rituale wurden sie in das Adyton (das Allerheiligste) im Apollontempel eingelassen. Und auch die Pythia hatte, ehe sie auf dem Dreifuß Platz nahm eine Reihe ritueller Handlungen durchlaufen „Sie hatte in der Quelle Kastalia ein rituelles Bad genommen, aus der Kassotisquelle getrunken, Blätter vom Lorbeerbaum gekaut und Weihrauch entzündet.“[1]

Für den Vollzug des delphischen Orakels war die Vielzahl vorbereitender Maßnahmen also konstitutiv. War eine der vorgeschriebenen Bedingungen nicht gegeben, so durfte und konnte normalerweise keine Befragung stattfinden. Denn „(Q)uand (…) la faculté imaginative et divinatoire se trouve bien ajustée à l’état du souffle, comme à un remède adéquat (pharmákon), alors les prophètes éprouvent nécessairement l’enthousiasme; mais, quand il n’en est pas ainsi, l’enthousiasme ne se produit pas, ou bien il se produit de manière déréglée (paráphoron), non sans atteinte et sans trouble.“

An jenem Tag, an dem die Pythia das Adyton inmitten einer Konsultation floh, waren die geopferten Ziegen zuvor nicht springend erzittert. Dies ignorierend war das Tempelpersonal dennoch das Risiko eingegangen, eine Konsultation der Pythia zu erlauben. Die Deregulierung ihres „Enthusiasmus“ war denn auch von Beginn der Sitzung an offenbar von den Anwesenden bemerkt worden. „(E)lle ne descendit dans le lieu prophétique, dit-on, qu’avec répugnance et aversion. Dès ses premières réponses, il fut manifeste, à sa voix rauque, qu’elle ne se remettait pas de son trouble et qu’elle ressemblait à un vaisseau désemparé, étant pleine d’un souffle muet et mauvais.“[2]

Der Fall der toten Pythia macht allzu deutlich, dass ernsthafte Gefahren drohten, wenn man versuchte, Zukunftswissen zu erzwingen und eine ratlose Pythia zum Dienst im Allerheiligsten drängte. Das Geschenk (gift) der ‚faculté imaginative’ oder göttlichen Inspiration schlug dann nur allzu schnell in ein Gift (poison) um; und diese pharmakologische Beschaffenheit des Vorhersagens künftiger Ereignisse innerhalb derer gelungene und todbringende Verbindung mit dem Gott erschreckend nah beieinander lagen, einzig durch eine Variation der Dosierung voneinander getrennt, strukturierte das delphische Orakel konstitutiv. Vielversprechendes Wahrsagen (mantein) und regelloses, existentiell riskantes Wahnsagen (manie=Wahn) lagen hier gefährlich nah beieinander. Die Pythia dazu zu zwingen eine Frage zu beantworten, Zukunft vorherzusagen und Ratschläge zu erteilen, obwohl alle Zeichen dagegen sprachen, dass sie antwortfähig (response-able) war, erwies sich denn auch als tödliches Spiel.

Auch andere Orakelpraktiken waren strengen Regeln unterworfen und bedurften der ausgiebigen Übung. Ob bei der Beobachtung des Vogelflugs, dem Entziffern von Öltropfen auf einer Wasseroberfläche oder auch dem Studium der Lebern geopferter Tiere zu prophetischen Zwecken, die „Beratungskompetenz korrespondiert der Lesefähigkeit“. Diese aber musste erlernt werden und so stellte man etwa tönerne und bronzene Lebermodelle her, die genau beschriftet waren und an denen die Adepten das anatomische Studium sowie die Suche nach Zeichen, die sich als Korrespondenzen zwischen Makro- und Mikrokosmos dechiffrieren ließen, im Detail erlernen konnten. „Wie im medizinischen Diskurs wurden Symptome zu Diagnosen, und Diagnosen zu Prognosen verdichtet. (...)“ Die Ergebnisse mussten ausgewertet und präzis festgehalten werden; denn nicht selten wurde der Irrtum des Beraters grausam bestraft.

Im Angesicht der Bedrohung, die das falsche Wahrsagen darstellte „haben Berater schon früh versucht, die Qualitäten ihrer Ratschläge von den Konsequenzen der empfohlenen Taten abzulösen.“[3] In diesem Sinne nahmen Ratschläge und Prophezeiungen, so etwa auch in Delphi, in den meisten Fällen die Form eines Rätsels an. Denn damit war sichergestellt, dass auf die eigentliche Vorhersage eine Phase ihrer Deutung folgen musste, für die das Orakel selbst nicht länger zuständig war. Der Beratungsprozess wurde zweischrittig: „Im ersten Teil wurden mediale, beispielsweise tranceinduzierte, charismatische Kommentare abgegeben, im zweiten Teil wurden diese Kommentare interpretiert.“[4] Während der eigentliche Hellseher oder aber die gottinspirierte Pythia oder Sybille in Rätseln sprachen, standen um Delphi und andere Orakelstätten herum daher ganze Stäbe von Spezialisten der Lektüre, Übersetzung und Interpretation dieser rätselhaften Auskünfte bereit. Ihren eigentlichen Sinn gewann eine Prophezeiung also erst nachdem sie durch mehrere Hände gegangen war, gewissermaßen kollektiviert worden war, ihre Dynamik. Dabei war es unabdingbar, die Rollenverteilung genauestens einzuhalten, denn sie verteilte zugleich die Verantwortung für das Vorhergesagte auf eine ganze Reihe von Personen. „Als Medium konnte die Instanz der Beratung nicht für Irrtümer belangt werden, denn dessen Sätze waren unverständlich; als Medienexperten konnten die Berater ebenso wenig belangt werden, denn sie kommentierten nicht Probleme der Besuche des Orakels, sondern einzig und allein Äußerungen des Orakels selbst.“[5] Sowohl die Vor- als auch die Nachbereitung der Produktion immer schon prekären Zukunftswissens setzte in diesen Kontexten also auf die strategische Multiplikation von Akteuren und Rollen ohne deren koordinierte Intervention sich dieses Wissen gar nicht erst generieren ließ.
[1] Das Orakel von Delphi. Geschichte und Texte. Reclam, S. 18.
[2] Alle Zitate aus: Plutarch: De defectu oraculorum.
[3] Macho, S. 65.
[4] Ebd.
[5] Ebd.

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Pour citer cette ressource :

Katrin Solhdju, "Haben die Orakel uns etwas zu sagen?", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), janvier 2015. Consulté le 26/09/2020. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/haben-die-orakel-uns-etwas-zu-sagen-