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Festival Mode d'emploi 2015

Par Horst Bredekamp
Publié par Cécilia Fernandez le 12/03/2015
La Clé des langues est heureuse de vous faire découvrir les invités germanophones de ce nouveau festival international qui réunit philosophes, auteurs de sciences humaines et sociales, artistes et acteurs de la vie publique pour débattre des grandes questions d'aujourd'hui.

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Horst Bredekamp


horst-bredekamp_1449262446422-jpgHorst Bredekamp, Philosoph, ist Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität und ständiges Mitglied des Wissenschaftskollegs in Berlin - Institute for Advanced Studies. Er hat Kunstgeschichte, Archäologie, Philosophie und Soziologie studiert. In seiner Doktorarbeit analysiert er die Kunst als Vermittlerin in sozialen Konflikten. Seine bevorzugten Themen erstrecken sich außer der Kunst des Mittelalters und der Renaissance auf die Beziehungen zwischen der Technik und der Kunst einerseits und der Kunstgeschichte andererseits. Die neuen Medien stellen einen anderen Schwerpunkt seiner Arbeit dar.
In seinem letzten Werk, das er in Zusammenarbeit mit I. Brückle und P. Needham geschrieben hat, interessiert sich Bredekamp für die Art und Weise, wie ein von Galilei verfasstes Dokument, durch welches er bekannt wurde und dessen sich zahlreiche Forscher bedient hatten, sich schließlich als eine Fälschung entpuppt hat.

 A Galileo Forgery (Galileo's O), vol. 3, De Gruyter, 2014, 102 p.

Text: Überlegungen zum Phänomen des Bildakts


Seit dem byzantinischen Bilderstreit und dem Ikonoklasmus der radikalprotestantischen Bewegungen ist nicht mehr in derselben Intensität über Bilder nachgedacht worden wie in den letzten Jahrzehnten. Neben den genuinen Bildwissenschaften Archäologie und Kunstgeschichte haben sich zahlreiche weitere Fächer, und so vor allem auch die Philosophie, an den Möglichkeiten und Problemen des Bildes geradezu festgebissen. Angesichts der nach Komplexität wie Vielfalt wohl beispiellosen Erörterungen des Begriffs, der Geltung, der Macht und der Ohnmacht von Bildern versuche ich das Problem zu lösen, warum die Bilderfrage ein so insistent verfolgtes Thema geworden ist.

Vordergründig liegt die philosophische Renaissance des Bildes an der nie zuvor aufgetretenen Dominanz des Visuellen in der Massenkultur, der Politik, dem Militär, den Naturwissenschaften, dem Recht und der "Bildwirtschaft". Dahinter jedoch verbirgt sich ein tiefer liegendes Problem als Paradoxon. Der aufgeklärte Betrachter weiß, dass Bilder als von Menschen geschaffene Artefakte kein autonomes Leben besitzen. Dennoch aber entwickeln Bilder immmer wieder eine Präsenz, die sie mehr sein läßt als nur toter Stoff. Auf diesem Doppelstatus gründen die Erwartungen, dass in der Reflexion von Bildern mehr entsteht als der Blick von sich aus mitbringt. Hierin liegt der Kern des gesteigerten Interesses am Bild.

Im Doppelspiel von lebloser Starre und Lebendigkeit liegt das Vermögen von Bildern, handlungsstiftend wirken zu können. Mit Blick auf dieses Phänomen versucht der "Bildakt" eine Alternative zur Lehre des "Sprechakts" historisch und begrifflich zu begründen. Es beschreibt und analysiert Überlegungen zur agierenden Pseudo-Lebendigkeit von Bildern, wie sie in der westlichen Welt seit Platon überliefert ist. Diese aus der herkömmlichen Philosophie kaum ableitbare, gleichwohl aber mit Blick auf die gegenwärtigen Bildkonflikte drängende Theorie verfolgt das Phänomen wirkkräftiger Bilder in den drei Bereichen der künstlichen Lebendigkeit, des Austausches von Bild und Körper und der Eigentätigkeit der Form. Der letzte Punkt ist umso stärker zu betonen, als alle Bildfragen gegenwärtig von der Frage der Substitution von Körper und Bilder, wie sie in den gegenwärtigen Formen des Terrors fast täglich zu erfahren sind, beherrscht werden.

Der "Bildakt" definiert die geformten Artefakte als Agenten, die sich der rezeptiven Erwartung des Betrachters und Nutzers nicht vollständig aufschließen, sondern vielmehr einen Überschuss bilden, der die Rezipienten in ihrem Verhältnis zur Umwelt und zu ihrer Gemeinschaft mitdefiniert. In ihm wirkt eine Latenz, die sich unabhängig vom Betrachter entfaltet und diesen auf je überraschende Weise zur Handlung treibt. Indem dieses formautonome Surplus die Wissbegierde reizt, die Überraschung erzwingt und alle Gewissheit erschüttert, erzeugt es jene Störung, jenes clinamen, ohne das die Welt nicht existieren kann. Ohne Störung keine Bewegung, kein Strudel, keine Verdichtung in die Akte der Schöpfung: dieser Grundregel des Lukrez, die bis in die modernen Naturwissenschaften hinein wirksam geblieben ist, entspricht das Phänomen des Bildakts.

Die Bilderkämpfe der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass es keine der Gegenwart angemessene Aufklärung geben kann, so lange nicht das Gebot zur Distanz, das gegenwärtig in so gut wie allen Lebensbereichen ausgelöscht wird, in sein Recht zurückkehrt. Der substitutive, den Austausch von Bild und Körper betreffende Bildakt lässt eine neue Grenzziehung zwischen diesen Sphären zu einer Frage auf Leben und Tod werden. Nach dem Anschlag auf das Pariser Satireblatt Charlie Hebdo wurde schlagartig deutlich, dass der substitutive Bildakt nicht etwa ein Gedankenspiel, sondern bittere Realität ist.

Die aktuelle Strömung der Verkörperungsphilosophie bietet eine vielversprechende Anknüpfung. Sie leidet aber bis heute an dem Kurzschluss, dem sie sich zu entziehen sucht. Sie begreift den Körper und die Mittel des Denkens nach wie vor als Extensionen eines zerebralzentristisch zu denkenden Kerns. So lange die Verkörperungsphilosophie nicht den Polsprung wagt, das Gegenüber als mit eigener energeia versehener Größe zu begreifen, bleibt sie in der Denkfessel verfangen, aus der sie sich zu entwinden sucht. Es ist die Sphäre der Konfrontation mit der auf den Menschen zukommenden gestalteten Form, in der sich der Bildakt bewegt. In diesem Sinn ist er Element einer Verkörperungsphilosophie, die über ihn zu sich selbst gelangen kann.

Die Forschungen zum Bildakt könnten jenes Feld zu bestimmen suchen, das zwischen Sprachwissenschaft, Anthroplogie und Philosophie frei geblieben ist, obwohl es in der Logik dieser neuen Ansätze liegt: das Tertium der geschaffenen Artefakte in die Bestimmung des denkend handelnden und handelnd denkenden Menschen mit einzubeziehen.

 

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Institution incontournable de la scène culturelle à Lyon, la Villa Gillet rassemble artistes, écrivains et chercheurs du monde entier pour nourrir une réflexion publique autour des questions de notre temps à l'occasion de conférences, débats, tables rondes et lectures.
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Du 16 au 29 novembre 2015, penseurs, chercheurs, décideurs, entrepreneurs, acteurs de la vie publique et artistes iront à la rencontre du public à Lyon, Saint-Etienne, Chambéry ou Grenoble pour nous inviter à interroger le monde d'aujourd'hui en replaçant les sciences humaines au coeur du débat citoyen.




Pour citer cette ressource :

Horst Bredekamp, "Festival Mode d'emploi 2015", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), mars 2015. Consulté le 26/07/2021. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/civilisation/festival-mode-d-emploi-2015