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18. März 2016 - Zum Tod von Guido Westerwelle

Publié par Cécilia Fernandez le 25/03/2016
Triumph und Niederlage
Majid Sattar (FAZ)

18. März 2016

Guido Westerwelle war ein „political animal“; ein sich stets neu erfindender Politiker, der messerscharf formulieren und noch leidenschaftlicher polarisieren konnte. Dass die FDP unter ihm nicht nur ihre größten, sondern auch ihre schlimmsten Zeiten erlebte, hat ihn bis zuletzt geschmerzt.

Unter Guido Westerwelle hat die FDP ihren größten Sieg gefeiert und ihren jähsten Absturz erlebt. Abgesehen von Angela Merkel gibt es keinen anderen Politiker in Deutschland, der in den vergangenen zwanzig Jahren eine Partei so sehr geprägt hat wie dieser sich stets neu erfindende Mann. Westerwelles stärkste Phase in seinem politischen Leben waren jene als Oppositionsführer im Bundestag. Da konnte der messerscharf formulierende, leidenschaftliche Polarisierer sein ganzes Talent einbringen und die große Koalition vor sich hertreiben.

Diese Phase begann am Abend der Bundestagswahl 2005, als der FDP-Vorsitzende in der „Elefantenrunde“ im Fernsehen einem wie aufgeputscht wirkenden Gerhard Schröder gegenübersaß und beobachtete, wie dieser Angela Merkel anging, man möge doch bitte die Kirche im Dorf lasse, sie werde gewiss nicht Kanzlerin. Während die CDU-Vorsitzende seltsam irritiert wirkte, ging Westerwelle sogleich zum Gegenangriff über: „Herr Bundeskanzler, ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht dümmer!“ Die FDP verweigerte sich einem Ampelbündnis und zwang damit die SPD in die große Koalition unter Merkels Führung. Es war dies die Voraussetzung dafür, aus den annähernd zehn Prozent für die FDP von 2005 vier Jahre später annähernd 15 Prozent zu machen. Nach diesem Triumph wurde Westerwelle Außenminister und Vizekanzler, womit sein politischer Abstieg begann.

 
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Zum Tode Guido Westerwelles: Der Extrem-Politiker
Severin Weiland (Spiegel Online)
18. März 2016

Guido Westerwelle hat den Kampf gegen sein Krebsleiden verloren. Der frühere Außenminister war einer der markantesten FDP-Politiker: Er führte seine Partei auf ungeahnte Höhen und war zugleich für ihren Abstieg mitverantwortlich.

Guido Westerwelle hatte inständig gehofft, die tückische Krankheit Leukämie überwunden zu haben. In einem langen Gespräch mit dem SPIEGEL hatte er im Herbst 2015 einen Satz gesagt, der jeden Menschen anrühren musste, der zur Empathie fähig ist: "Ich will unbedingt weiterleben."

Mit dem früheren "Stern"-Chefredakteur Dominik Wichmann hatte Westerwelle ein Buch veröffentlicht, das ebenfalls den Blutkrebs thematisierte, der ihn von einem Tag auf den anderen heimgesucht hatte. "Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht." Der Ton: ernst, gleichwohl optimistisch.

Doch zuletzt ging es ihm wieder schlechter, seit Ende November lag Westerwelle wieder in der Universitätsklinik Köln. Nun ist er an den Folgen der Leukämie-Behandlung gestorben - mit nur 54 Jahren.

Was auch immer über Westerwelle geschrieben und gesagt wurde, eines wird bleiben: Er war ein Politiker, der in der Bundesrepublik auffiel, der rhetorisch begabt war, schlagfertig, der oft witzig zu formulieren wusste. Genau das war aber auch seine größte Schwäche - seinen Tonfall fanden viele zu schrill, zu aufgeregt, mitunter auch zu aggressiv. Westerwelle polarisierte, er ließ kaum jemanden ohne Urteil zurück.

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Der ewig Unterschätzte veränderte die Republik
Ulf Poschardt (Die Welt)
18. März 2016

Er polarisierte immer: Guido Westerwelle erfand die FDP neu, war einer der besten Oppositionsführer und ein wegweisender Außenpolitiker. Seine weiche Seite zeigte er spät, im Umgang mit der Krankheit.

Er hatte sich so auf sein Leben ohne die Politik gefreut. Strahlend, braun gebrannt, mit Seglerschuhen stand Guido Westerwelle im Juni 2014 in der prächtigen, frisch renovierten Altbauwohnung am Ku'damm in Berlin und konnte es kaum erwarten, als Anwalt und Vorsitzender seiner Stiftung zu wirken, die den Geist des freiheitlichen, rheinischen Kapitalismus in die Welt tragen wollte.

Wenige Wochen später wurde publik, dass Westerwelle an Leukämie erkrankt ist. Anders als viele andere hatte Westerwelle nach der Amtsübergabe an Frank-Walter Steinmeier im Dezember 2013 einen "clean cut" vollzogen. Er war durch mit der Politik. Er wollte sein Leben genießen, seine glückliche Ehe mit Michael Mronz, seine Liebe zur Kunst und den schönen Dingen des Lebens.

Wir standen auf dem Balkon seiner Stiftung, und er erzählte, wie er jetzt jeden Morgen von seiner Charlottenburger Wohnung in die Stiftung spazieren könne, ohne Fahrer, ohne Bodyguards, mit einer Sonnenbrille auf der Nase. Er lachte und blinzelte dabei in die Sonne. Er war mit sich im Reinen. Hatte seine Lektionen gelernt. Westerwelle hat viel gemacht, immer schon, von klein auf.

Und damit hat er natürlich auch immer schon viel falsch gemacht. Aber er hat das in einem Land getan, das Fehler nicht mag und wohl auch keine Vertreter einer Minderheit (schwul, liberal, gut gelaunt), die ohne Hauch von Demut und Komplexen lebte.

 
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Was bleibt von Westerwelle in der neuen FDP?
Nora Bossong (Zeit Online)
19. März 2016

Westerwelle hat neue Formate der Politvermarktung getestet, ist gestolpert, aber nie ganz gefallen. Wer in der FDP etwas werden wollte, musste sich an ihm abarbeiten.

Wie viel Spott kann ein normaler Mensch ertragen? Wie viel ein Politiker? Und wie viel Guido Westerwelle? Über die FDP zu spotten ist irgendwann zu einem Volkssport geworden, doch der Spott, den Westerwelle während seiner beruflichen Laufbahn hinnehmen musste, war nicht einfach nur komisch, oft war er ressentimentgeladen, abschätzig und eben auch billig. Ruhig wurde es erst zum Schluss, als die Leukämieerkrankung Westerwelles bekannt wurde, das war dann auch der letztmögliche Moment.

Westerwelle hat dagegen angelacht, gegen den Spott und, leiser, gegen die Krankheit, er hat den Spott, so schien es jedenfalls, auf die leichte Schulter genommen und die Krankheit als eine Chance, sich auf jenen Teil seines Lebens zu konzentrieren, den er sich zuvor, in seiner ständigen Geschäftigkeit, nie zur Gänze erlaubt hat. Dass, wer Politik macht, zum Lachen nicht in den Keller gehen muss, hat er unermüdlich, ja manchmal etwas verbissen unter Beweis gestellt. Dass, wer Politik macht, dafür besser auch nicht in den Big-Brother-Container geht, ebenfalls.

Westerwelle hat neue Formate der Politvermarktung ausgetestet, er ist dabei gestolpert, aber nie ganz gefallen. Denn hinter aller polemischen Begabung und einer Schmerzfreiheit in Bezug auf popkulturelle Medienformate stand ein Mann mit immensem politischem Gespür und mit Überzeugungen, für die er klar eintrat, mit taktischem Geschick und rhetorischem Talent. Und dennoch, das ist vielleicht das Tragischste an der politischen Biografie Westerwelles, bleibt von ihm überdeutlich der Wahlerfolg 2009 in Erinnerung, der gleichzeitig ein Wahlfiasko war.

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Pour citer cette ressource :

" 18. März 2016 - Zum Tod von Guido Westerwelle", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), mars 2016. Consulté le 21/10/2021. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/revue-de-presse/18-marz-2016-zum-tod-von-guido-westerwelle