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Das Streben nach einem selbstbestimmten Leben. Sigrid Damm, Caroline Schlegel-Schelling und das literarische Erbe in der DDR

Par Anna-Lena Gnosa
Publié par Marie Laure Durand le 02/02/2014

Anna-Lena Gnosa
élève ENS de Lyon


– Sigrid Damm ist heute vor allem für ihre Bücher bekannt, in denen sie vergangene Schicksale sensibel und vorsichtig anhand authentischer Quellen lebendig werden lässt. „Geschichte an sich ist doch totes Material, es wird doch nur durch uns Heutige lebendig, durch unsere Zuwendung, unsere Interessen“, meint die Schriftstellerin selbst – eine Aussage, die gleichzeitig ihren Werdegang und ihre Interessen widerspiegelt. 1949 in Gotha geboren, studierte sie in Jena Geschichte und Germanistik. Die Fächer sowie der Ort ihres Studiums tragen vielleicht unter anderem dazu bei, ihre Hinwendung zur Jenaer Romantik und zur Weimarer Klassik zu erklären, die immer wieder Thema ihrer Werke sind. Später war Sigrid Damm als Hochschuldozentin in Jena und Berlin tätig, wobei sie 1970 im Fach Philosophie promovierte. Seit 1978 arbeitet sie als freie Schriftstellerin, für ihre Veröffentlichungen hat sie seitdem zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Weder als Biografien noch als Romane bezeichnet sie ihre Werke, die auf sorgfältigen Recherchen aufbauen[1]. Insgesamt weisen sie wenig Fiktives auf, sondern bleiben nahe an den Fakten; wenn letztere Lücken aufweisen, füllt Sigrid Damm diese durch vorsichtige Mutmaßungen und Überlegungen.

Diese Vorgehensweise spiegelt bereits ihr 1978 verfasstes Essay Caroline Schelling-Schlegel. Ein Lebensbild in Briefen wider. Ab der siebenundachtzigsten Seite hat Sigrid Damm hier Caroline Michaelis‘ Briefe abgedruckt, als unmittelbares geschichtliches Material, das sie weitgehend für sich selbst wirken lässt und daher nicht unmittelbar mit weiteren Kommentaren rahmt. Lediglich kurze, notwendige Bemerkungen wie „Anfang fehlt“ oder „abgebrochen“ sowie die Angabe des Adressaten finden sich hier. Die Seiten 243 bis 256 sind einer Auswahl an Dokumenten gewidmet, bei denen es sich unter anderem um Briefe anderer Personen handelt. Zuletzt gibt Sigrid Damm ab der Seite 257 in ihren „Anmerkungen“ Erläuterungen und Hintergrundinformationen zu den Briefen und bestimmten Namen oder Begriffen. Den historischen Dokumenten hat Sigrid Damm eine rund achtzigseitige Einführung vorangestellt, in der sie Carolines Entwicklung darstellt. Anhand der Briefe und anderer Dokumente, aus denen sie immer wieder an passender Stelle zitiert, zeichnet sie vorsichtig und anschaulich Carolines Leben – ihre inneren Antriebe und äußeren Handlungen – mit der ihr eigenen Mischung aus Distanz und Nähe nach[2]. Marcel Reich-Ranicki bezeichnet sie in einer Sitzung des Literarischen Quartetts vom 18. Juni 1999 (diskutiert wird ihr Buch Christiane und Goethe) nicht nur als glänzende Kommentatorin und hervorragende Schriftstellerin, sondern lobt außerdem ihre Fähigkeit, in ihren Werken treffend zu zitieren.

– Sigrid Damm schildert in ihrem Essay unter anderem, wie Caroline Parallelen zwischen der Literatur, die sie liest, und ihrem eigenen Schicksal zieht. Außerdem spricht sie ausdrücklich davon, dass wir bei der Betrachtung von Carolines Leben und Handeln „Eigenes im Fremden“[3] (S. 12) erblicken. Diese beiden Tatsachen deuten darauf hin, dass Sigrid Damms Interesse für Caroline einen tieferen Grund hat, dass sie sich vielleicht in dieser historischen Frauengestalt wiederfindet. Caroline Schlegel-Schelling. Ein Lebensbild in Briefen ist Sigrid Damms erstes literarisches Werk. Mit der Arbeit an ihm fasste sie den Entschluss, als freiberufliche Schriftstellerin zu arbeiten. Daraus lässt sich schließen, dass dieses Werk als Ergebnis ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Caroline, einer zentralen Frauengestalt der Romantik, für Sigrid Damm einen besonderen Stellenwert hat und viel über ihr eigenes Schicksal aussagen könnte. Die Schriftstellerin selbst ist in der DDR aufgewachsen und hat dort die meiste Zeit ihres Lebens verbracht. Das erste Buch über Caroline Michaelis (weitere folgten) erschien 1978 – also rund zehn Jahre vor der Wende, zu Zeiten der DDR. Detering meint hierzu:

Es ist kein Zufall, dass dieses Schreiben sich ausgerechnet in der Spätzeit der DDR entwickelte, in jenem historischen Augenblick, in dem das Programm einer sozialistischen ,Erbepflege‘ sich von der erwünschten staatlichen Selbstbestätigung in das genaue Gegenteil zu verwandeln begann.[4]

Sigrid Damm wendet sich Gegenständen zu, die durchaus zu dem klassischen literarischen Erbe der DDR gehörten und deren Bearbeitung, sei sie literarisch oder wissenschaftlich, gerne gesehen wurde; hierzu gehört beispielsweise die Revolution im Rahmen der Mainzer Republik. Allerdings verfolgt sie in Wahrheit ein anderes Hauptanliegen, wie in diesem Fall die Wiederentdeckung dieser beeindruckenden Frauengestalt der Romantik.
Das wirft auch die Fragen auf, inwiefern sich in Sigrid Damms Roman eventuell das literarische Erbe der DDR zeigt, in der sie erzogen wurde, studierte und lehrte? Wo wendet sich dieses vielleicht gegen das Regime? Könnten Lebenserfahrungen Sigrid Damms in der DDR die Wahl des Gegenstandes ihres Buches, der ebenfalls dem (deutschen) literarischen Erbe entstammt, bedingt haben? Gründet ihr Interesse für Caroline auf Parallelen zu ihrem eigenen Schicksal? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden, wobei zunächst auf Eigenschaften Carolines eingegangen wird, die Sigrid Damms Interesse an ihr geweckt haben könnten, anschließend Parallelen gezogen werden zwischen der gesellschaftlichen Realität, die Damm in der DDR erlebte, und der Darstellung von Carolines Leben, um schließlich eventuellen Spuren der sozialistischen Ideologie in der Einführung nachzugehen. Dies alles geschieht in der Perspektive des literarischen Erbes, besonders mit der Frage nach dem Interesse an dem Erbe, das den Gegenstand des Buches darstellt, und dem unmittelbaren Einfluss darauf in der DDR.

– Das Leben Carolines erzählt gleichsam den Kampf um ein selbstbestimmtes Leben – dies betont auch Sigrid Damm immer wieder. Gleich auf der ersten Seite unterstreicht sie, dass Caroline ihr Leben lang darum gerungen habe, „sich als Mensch zu verwirklichen. Sie wagt zu leben. Das ist ihre unerhörte Kühnheit“ (S. 11). Kurz darauf folgt die Bemerkung, dass Caroline frei über sich verfüge (S. 12). Zentral scheinen in Sigrid Damms Einführung auch die Worte „das Leben bewußt zu gestalten“ zu sein – sie finden sich gleich mehrmals; dies ist es, was Caroline an Goethe bewundert (S. 56), dies gelingt ihr selbst (S. 14). In dem Essay wird vor allem von den Bemühungen Carolines erzählt, ihr Leben trotz der Grenzen, an die sie immer wieder stoßen muss, bewusst zu gestalten. Die Tatsache, dass Sigrid Damm die Lebensweise Carolines als „Kunst“ bezeichnet, gibt einen Hinweis darauf, dass diese Gegenstand ihrer Bewunderung ist. Caroline ist sich ihrer eigenen Wünsche im Klaren und setzt sich ihre Ziele selbst: „Ich bin so sicher in mir selber geworden, weil ich weiß, was ich will“ (S. 200) schreibt sie beispielsweise 1801 an Schelling, zu einer Zeit, in der in Deutschland eine allgemeine politische Ernüchterung einsetzt. Gleichzeitig hebt Sigrid Damm mehrmals Carolines klaren Blick auf die ihr gesetzten Grenzen hervor. So spricht sie von der geschärften Sicht der selbstbewussten Frau auf ihr „mögliches historisches Wirkungsfeld“ (S. 15), oder beschreibt ihre Fähigkeit, zeithistorisches Geschehen kritisch einzuordnen (S. 30, 59 und 77). Letztlich zeichnet sie Caroline als eine Frau, die sich von gesellschaftlich-politischen Zwängen emanzipiert. Trotz ihrer klassischen Erziehung (die Mutter wollte eine perfekte Hausfrau aus ihr machen), gelingt es ihr später, historische Moralvorstellungen und gesellschaftliche Tabus zu überwinden. Dies zeigt sich unter anderem, als sie während der Mainzer Revolution eine Liebesbeziehung zu einem jungen Franzosen eingeht und nach der Geburt des aus dieser außerehelichen Verbindung hervorgegangenen Sohnes sogar offen zu ihr steht; oder wenn sie sich von ihrem zweiten Mann August Wilhelm Schlegel scheiden lässt (ein zu ihrer Zeit skandalöses Anliegen), um den sehr viel jüngeren Schelling zu heiraten. Über diese Taten schreibt Sigrid Damm mit oft unverhohlener Bewunderung, zum Beispiel wenn sie den Mut und das Selbstbewusstsein betont, mit denen Caroline sich zu ihrer Liebesbeziehung in Mainz bekennt (vgl. 42). Bewusst leben bedeutet in diesem Zusammenhang somit, dass Caroline die äußeren Bedingungen hellsichtig erkennt und dabei versucht, sich von ihnen so wenig wie möglich einschränken zu lassen, um ihre Persönlichkeit trotz aller Widrigkeiten zu entfalten. Bezeichnenderweise schreibt sie selbst in einem Brief vom 8. März 1789 an ihre Freundin Luise Gotter: „Was mein Wille kann, das wird er – und was die Nothwendigkeit fordert, werd ich ihr einräumen, doch niemals mehr ihr geben, als sie wirklich fordert“ (104). Nach diesem Grundsatz scheint sie ihr ganzes Leben zu gestalten. Wenn man bedenkt, dass Sigrid Damm ebenfalls in einer Gesellschaft lebte, die von politischen Zwängen beherrscht wurde – nämlich die der DDR – könnte hierin ein Grund gesehen werden, weshalb Carolines Schicksal sie interessiert. Gerade das Jahr 1978 war von Auseinandersetzungen zwischen den DDR-Behörden und den Intellektuellen markiert, was sich unter anderem in der Verurteilung des Philosophen und Politikers Rudolf Bahro zu acht Jahren Haft niederschlug. Für Sigrid Damm war sicherlich auch der achte Schriftstellerkongress im gleichen Jahr bedeutsam, an dem kritischere Autoren wie Christa Wolf oder Stefan Heym nicht teilnahmen. Zwei Jahre zuvor hatte der Skandal um die Ausbürgerung Biermanns Wellen geschlagen und zu dem öffentlichen Protest von Schriftstellern der DDR geführt, die mit ihrem in Westdeutschland veröffentlichten offenen Brief die Angelegenheit in einen Gegenstand internationalen Interesses verwandelten. Diese politischen Vorgänge ebenso wie die kleinen Abläufe des Alltags werden Sigrid Damm sicherlich tagtäglich die Grenzen in ihrem eigenen Leben vor Augen geführt haben, sowie die Notwendigkeit des Eintretens für die Freiheit angesichts einer repressiven Macht; die Biermann-Affäre veranschaulichte vielleicht außerdem die Möglichkeiten sowie die Verantwortung von Schriftstellern. Für das Spüren von Einschränkungen spricht auch, dass Sigrid Damm schon kurz nach der Wiedervereinigung für einige Zeit in England lehrte. Die gewonnene Freiheit nutzte sie somit sofort, um zu reisen und auf diese Weise neue Möglichkeiten auszuschöpfen. Vielleicht erkennt sich Sigrid Damm daher zumindest zum Teil in Caroline aufgrund deren Charaktereigenschaften wieder: Caroline ist sich wie sie selbst der äußeren Grenzen in ihrem Leben bewusst, lässt sich von ihnen jedoch nicht einschüchtern, sondern strebt allen Widrigkeiten zum Trotz nach einem selbstbestimmten Leben.

Allerdings könnte die Frage aufgeworfen werden, ob eine Erklärung des Interesses Sigrid Damms für Caroline nur mit der Erfahrung von Grenzen in ihrem Leben innerhalb der DDR nicht zu kurz griffe. Abgesehen von dem persönlichen Bezug aufgrund des Studiums in Jena, wo auch Caroline eine für sie erfüllte Zeit verbrachte, sowie dem professionellen Interesse, das Sigrid Damm aufgrund ihrer Studienfächer Germanistik und Geschichte an Caroline hat, könnte auch ein anderer Faktor eine Rolle spielen: Die eigenen Grenzen, die Sigrid Damm in einer Parallele zu denen in Carolines Leben sehen könnte, fußen eventuell nicht nur auf den spezifischen in der DDR, sondern gleichermaßen auf denen, die sie als Frau erleben musste. Sigrid Damm promovierte 1970, zu einer Zeit, in der dieser Schritt für eine Frau alles andere als selbstverständlich war. In ihrer späteren Tätigkeit als Dozentin in dem damals (mehr noch als heute) von Männern dominierten universitären Feld hatte sie sicherlich einige gesellschaftliche Hürden zu überwinden. Des Weiteren waren die siebziger Jahre sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland von der Emanzipation der Frau geprägt, mit dem Unterschied, dass in der DDR die Gleichheit offiziell als vollbracht galt. Die Tatsache, dass DDR-Frauen sich mit Frauengestalten der deutschen Literatur befassten, deutete also darauf hin, dass die offizielle Gleichheit doch nicht als selbstverständlich betrachtet werden konnte, und enthielt eine Spur Kritik am offiziellen Diskurs. Und so suchten Schriftstellerinnen nach möglichen Vorgängerinnen[5], beispielsweise auch Christa Wolf, die 1979 ihren Roman Kein Ort. Nirgends veröffentlichte, in dem sie sich intensiv mit Karoline von Günderrode auseinandersetzte.

Dafür, dass die politischen Grenzen, die Sigrid Damm in der DDR erfuhr, auch einen Grund für ihr Interesse an Caroline darstellen könnte, spricht neben der teils bewundernden Darstellung von Carolines Charaktereigenschaften und ihrem Umgang mit den Einschränkungen ebenfalls, dass Damm immer wieder auf den Zusammenhang von Politik, Gesellschaft und persönlicher Lebenswelt hinweist[6]. Die politische und gesellschaftliche Verfolgung Carolines nimmt in dem Essay insgesamt einen großen Raum ein. Nach ihrem Mitwirken an der Mainzer Revolution, das aufgrund ihres Status als Frau sogar nur eingeschränkt möglich war, trifft Caroline die ganze Härte der staatlichen Repression: Sie ist lange Zeit in Haft. Nach ihrer Freilassung muss sie außerdem die moralische Ächtung durch ihre Mitbürger erfahren. Diese ist so hartnäckig und bitter, dass sie schließlich keinen anderen Ausweg sieht, als Wilhelm August Schlegel zu heiraten. Der Zusammenhang zwischen der moralischen und politischen Sphäre zeigt sich ebenfalls, als Friedrich Schlegel und Caroline aufgrund der „Sittenverderbtheit“ der Schriften des Ersteren aus Göttingen verbannt werden. Diese staatlichen und gesellschaftlichen Zwänge sind auch in der DDR zu spüren. Die Wahl des Präsens in der Aussage Sigrid Damms „Wie eng aber politische und moralische Sphäre zusammenhängen“ (S. 49) zeigt, dass sie diesen Zusammenhang für noch immer gegeben hält, wahrscheinlich noch in der Gegenwart selbst erfährt.

Die Verbindung zwischen persönlichem Leben und gesellschaftlich-politischem Geschehen zeigt sich außerdem auf einer sehr subtilen Ebene, der der inneren Gefühlswelt. Auch dieser Bereich wird an mehreren Stellen im Buch von Sigrid Damm beschrieben. 1791 bekennt Caroline offen, dass sie „den Weg der einmal erlangten Freiheit unverrückt zu gehen“ (S. 24) gedenke, Sigrid Damm bezeichnet ihre Aussagen als „kühne und radikale Töne“ (S. 25) und bemerkt hieran anschließend, dass dies „in Parallelität zu allgemeinen Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen“ (S. 25) geschehe. Die Umbrüche in Politik und Gesellschaft beflügeln Carolines Hoffnungen auf ein selbstbestimmteres Leben, sodass sie ihnen klar Ausdruck zu geben wagt. Doch auch die umgekehrte Folge ist zu beobachten; so klagt sie in den letzten Jahren ihres Lebens: „Es liegt ein Druck auf der Welt, unter dem man nicht mehr frei zu atmen vermag“ (S. 77). Dieser Verweis darauf, wie Caroline die gesellschaftlichen Zwänge faktisch körperlich empfindet, zeigt eindringlich, dass sie unter der das 19. Jahrhundert dominierenden politischen Reaktion und dem damit verbundenen herrschenden gesellschaftlichen Klima leidet. Diese politische Unterdrückung scheint mit einem sorgfältigen Verschluss und Geheimhalten ihrer innersten Hoffnungen und Wünsche einherzugehen. Gleichzeitig lässt sich Caroline trotz aller Verfolgung und Ächtung nicht von ihren demokratischen Grundsätzen und ihrer selbstbestimmten Lebensweise abhalten. Diese Eigenschaft muss Sigrid Damm unter dem Eindruck des Umgangs der DDR mit politischen Gegnern sicher faszinieren.

Die Darstellung verschiedener Arten des Umganges mit Einschränkungen und historischen Zwängen insgesamt stellt in Sigrid Damms Einführung ein mehrfach auftauchendes Motiv dar. In Carolines erster Ehe, die sie unglücklich mit Böhmer in Clausthal durchlebt, versucht sie sich immer wieder mit Theorien zu beruhigen, so beispielsweise damit, dass sich ihr Glück aus Kleinigkeiten zusammensetze (S. 21). Ähnliches Verhalten hat sicher auch Sigrid Damm in der DDR beobachten können, wo sich die Menschen überwiegend innerhalb der Zwänge durch das Regime einrichten mussten. An anderer Stelle denken Wilhelm August und Caroline Schlegel, frisch verheiratet, darüber nach, wegen Carolines noch immer anhaltender gesellschaftlicher Ächtung zu emigrieren (S. 52). Nach der Biermann-Affäre im Jahre 1976 verließen immer mehr Schriftsteller die DDR, um sich in der BRD niederzulassen. Außerdem zogen sich viele Menschen, nicht zuletzt Schriftsteller, in die sogenannte innere Emigration zurück (wie es schon im Dritten Reich viele getan hatten), in der sie zwar eine offene Konfrontation vermieden, sich aber dennoch von der herrschenden Ordnung und Macht distanzierten. Dieser Umgang mit einem freiheitsbeschränkenden System ist in Sigrid Damms Buch ebenfalls beschrieben: Angesichts der politischen Verfolgung im Zuge der reaktionären deutschen Staaten zieht sich der Kreis der befreundeten Jenaer Frühromantiker ins Private zurück, wobei sie in der Praxis des eigenen Zusammenlebens im Kleinen versuchen wollen, was in der Gesellschaft als Ganzes nicht durchzusetzen ist (S. 61). Die verschiedenen Modelle des Umgangs mit Einschränkungen und Repression konnte Sigrid Damm sicher auch in der DDR häufig beobachten – vielleicht gar an sich selbst.

Eine andere Parallele zu den Gegebenheiten in der DDR lässt sich in der von Sigrid Damm angesprochenen Frage der Erziehung finden. Caroline selbst wird in dem für ihre Zeit typischen Ziel erzogen, eine gute Hausfrau zu werden (S. 19). Sie braucht einige Zeit, um sich von den ihr in der Kindheit vermittelten Idealen und Moralvorstellungen zu lösen. In der DDR versuchte der Staat, bei der Erziehung der Kinder eine wichtige Rolle zu spielen, um sie nach seinen Vorstellungen zu formen. In den Schulen und staatlichen Einrichtungen wurden spezifische sozialistische Werte vermittelt – ähnlich wie bei Caroline – und gewisse Rollenbilder als Ziel dargestellt. Vor diesem Hintergrund erscheint es umso bemerkenswerter, dass Sigrid Damm mit Bewunderung von Carolines Erziehungsmethoden bei ihren eigenen Kindern spricht: „Caroline ist eine wunderbare Mutter […]. Sie ist ihren Kindern stets Partnerin, Freundin“ (S. 69), wobei sie möchte, dass sich ihre Kinder frei entfalten können. Statt autoritärer Verformung der Kinder liegt das Ziel somit in deren freier Entwicklung, ihren Anlagen entsprechend. Diese Freiheit wurde in der staatlichen Erziehung der DDR sicher häufig vermisst.


– Gleichzeitig lassen sich in Sigrid Damms Abhandlung Spuren ihrer eigenen Erziehung in der DDR entdecken. Auffällig ist, dass es sich bei Zitaten, die nicht von Caroline selbst stammen, entweder um Aussagen von deren Zeitgenossen oder von Vertretern des Kommunismus beziehungsweise Sozialismus handelt. So finden sich in dem Essay drei Zitate von Engels (S. 38, 39 und 82). An anderer Stelle nennt sie Marx in einem Satz mit Friedrich Schlegel: „Entschieden greift Schlegel […] wie später die Junghegelianer und Marx“ (S. 48). Des Weiteren verwendet Sigrid Damm bisweilen typisch sozialistisches Vokabular, beispielsweise als sie über den „revolutionäre[n] Charakter“ (S. 39) schreibt, dem in deutschen Verhältnissen kein Handlungsspielraum bleibe. Außerdem meint sie, wieder in Zusammenhang mit Friedrich Schlegel, dass dieser mit seinem Angriff auf bestehende und überkommene Moralnormen „am morschen feudal-bürgerlichen Überbau“ (S. 49) rüttle – ein zweifelsohne sozialistischer Begriff, der der marxistischen Theorie des Basis-Überbau-Modells entstammt. Implizit lassen sich weitere Spuren der sozialistischen Ideologie finden. So spricht Sigrid Damm mehrfach die soziale Frage an, etwa wenn sie sich wundert, weshalb Caroline die schwierigen Lebensverhältnisse der Bergarbeiter in Clausthal nicht bemerkt beziehungsweise sie mit keinem Wort erwähnt (S. 22), oder wenn sie Carolines geschärftes soziales Bewusstsein betont (S. 30, 34, 45, 57 und 76). Diesen Aspekt scheint Sigrid Damm als wesentlich zu empfinden. Ebenso nehmen Überlegungen zur Revolution einen gewissen Raum ein. Sie spricht mit Bewunderung von der Mainzer Revolution (S. 34), von der inneren Revolution, die sich in Caroline selbst vollzieht (S. 35), und von der ästhetischen Revolution, die die Romantiker durchführen wollen, die aber, so Sigrid Damm, die politische nicht ersetzen könne (S. 49). Die Revolution gegen eine feudal-bürgerliche Ordnung spielt in der sozialistischen Ideologie eine zentrale Rolle.

All diese Elemente könnten als Hinweise auf von Sigrid Damm verinnerlichte oder übernommene Elemente der sozialistischen Ideologie verstanden werden. Sie verringern indes die sachliche Darstellung von Carolines Leben keinesfalls und sind weit davon entfernt, Sigrid Damms Einführung eine sozialistisch-ideologische Färbung zu geben. Zwar stellen sie teils bestimmte Blickwinkel auf die Fakten dar, doch sind sie historisch und literarisch zu rechtfertigen: Die Betonung der Revolution und der Auseinandersetzung zwischen denjenigen, die neue Ideen und Vorstellungen zu entwickeln wagen sowie umzusetzen hoffen, und den konservativen Kräften beispielsweise entspricht völlig den damaligen politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Entwicklungen. Für die Darstellung von Carolines Leben scheint die Hervorhebung dieser Vorgänge in besonderem Maße unverzichtbar, da sie großen Einfluss auf das Leben und die Vorstellungen der selbstbewussten Frau haben. Caroline wiederum hat wahrscheinlich selbst Friedrich Schlegels Theorien neuer gesellschaftlicher Ordnungen (wie die freie Liebe) erarbeiten geholfen und somit zur Entwicklung des revolutionären Gedankenguts der Frühromantiker beigetragen. Der Revolutionär Georg Forster setzte sich intensiv mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinander und regte hiermit auch Caroline zum Nachdenken an – Sigrid Damms Akzentsetzung auf das Soziale entspringt somit historischen Fakten. Schließlich muss darauf hingewiesen werden, dass eine völlig wertfreie Darstellung, die den Hintergrund und die Herkunft des Verfassers nicht verrät, faktisch unmöglich ist. Selbst wissenschaftliche Texte tragen Spuren des Werdeganges des Autors.

Möglich ist indes ebenfalls, dass die Verwendung marxistischen Vokabulars unentbehrlich war, wollte man seinen Text in der DDR veröffentlichen und gleichzeitig der Zensur entkommen.

– Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sigrid Damms Entscheidung, das literarische Erbe der Briefe Caroline Schlegel-Schellings zum Gegenstand ihres Buches zu machen, zu einem Teil auf ihren Erfahrungen in und mit der DDR gründet. Die staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung, unter der Caroline zu leiden hat, erinnern an den Umgang des sozialistischen Staates mit tatsächlichen oder angenommenen Gegnern. Die verschiedenen, von Sigrid Damm beschriebenen damaligen Modelle des Umgangs mit diesen Zwängen lassen sich auch in der DDR beobachten. Vor diesem Hintergrund erklären das bewusste Leben, das Caroline trotz aller ihr auferlegten Grenzen führt, ebenso wie Carolines Loslösung von im Zuge ihrer Kindheit verinnerlichten Werten und die freiheitliche Erziehung, die sie selbst ihren Kindern zugute kommen lässt, sicherlich Sigrid Damms Faszination für diese Frauengestalt der Romantik.
Gleichzeitig finden sich in der Einführung auch Spuren des unmittelbaren (literarischen) Erbes, das in der DDR vermittelt wurde, beispielsweise in Form von Zitaten von Engels, in dem Gebrauch von sozialistischen beziehungsweise marxistischen Begriffen sowie in dem Stellenwert, den die Themen der sozialen Frage und der Revolution in Sigrid Damms Essay einnehmen. Nichtsdestotrotz nähert sich diese Abhandlung über die mögliche sozialistische Ideologie hinaus dank der vorliegenden Dokumente – vor allem ihrer Briefe – behutsam Carolines Leben an.
Sigrid Damm übt keine explizite Kritik an der DDR; dies wäre 1978 auch kaum möglich gewesen. Die Darstellung von Carolines Kampf für persönliche Freiheit führt jedoch sicher dazu, dass sich Leser in der DDR mit ihr identifizieren können. Ein direkter Vergleich mit dem repressiven Vorgehen der DDR wird durch die Beschreibung der unterdrückenden Maßnahmen der politischen Macht, unter der Caroline unmittelbar zu leiden hatte, hierbei verstärkt. Die Bewunderung, mit der Sigrid Damm über Carolines vehementes Eintreten gegen jede Form der Unterdrückung und für ein selbstbewusstes Leben schreibt, vermittelt diese innere Einstellung als vorbildlich. Indirekt fördert die DDR-Schriftstellerin somit eine obrigkeitskritische, engagierte, selbstbewusste und mutige Lebenshaltung, ein Eintreten gegen Willkür und für persönliche Rechte; für Werte also, die von den Obrigkeiten in der DDR sicherlich nicht gerne gesehen waren. Implizit tritt Sigrid Damm für kritische Positionen ein, wobei sie staatliche Willkür in Frage stellt.

Das Interesse Sigrid Damms für Caroline könnte indes auch mit weiteren Parallelen in ihren und Carolines Erfahrungen begründet werden, zum Beispiel mit Grenzen, an die beide in ihrer Rolle als Frau stoßen mussten. Die ausführliche und tiefgründige Auseinandersetzung mit Caroline sowie der teils bewundernde Ton in der Beschreibung ihres Lebens unterstreichen die Bedeutung, die diese faszinierende Frauengestalt für Sigrid Damm hat. So wie Caroline Schlegel-Schelling trotz ihrer großen Begabung, die sich in ihren Briefen auf beeindruckende Weise offenbart, sich selbst immer im Hintergrund gehalten hat und, anstatt mit eigenen Werken ans Licht der Öffentlichkeit zu treten, – wozu sie von Zeitgenossen, die ihre Fähigkeiten erkannten, durchaus ermuntert wurde – sich auf kluges Raten und Kommentieren, gekonntes Übersetzen, gezieltes Anregen und vor allem auf das Schreiben von schön verfassten, lebhaften und scharfsichtigen Briefen beschränkte, klar erkennend, dass sie mit eigener schriftstellerischer Tätigkeit als Frau an gesellschaftliche Grenzen stoßen, wenn nicht gar diese überschreiten würde, so wurde Sigrid Damm, fast zweihundert Jahre später, mit Caroline selbst zur Schriftstellerin.

Die Tatsache, dass die meisten Bücher Sigrid Damms nach der Wiedervereinigung verfasst wurden, dass die Autorin und Germanistin vor allem nach 1989 zahlreiche Preise erhielt sowie nach der Wende zu einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin wurde, spiegelt eine ungebrochene Faszination für ihre Werke – und damit auch für die ihnen zugrunde liegenden Gegenstände – wider, die darauf schließen lässt, dass sich die Leser heute, nach dem Zusammenbruch der DDR, noch immer in einer Caroline Schlegel-Schelling wiederfinden und dass die Frage nach dem literarischen Erbe in Deutschland sie weiterhin interessiert.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Damm, Sigrid: Caroline Schlegel-Schelling. Ein Lebensbild in Briefen, Frankfurt am Main und Leipzig: insel taschenbuch 2009. Erschien zum 1. Mal 1978 als Vorwort zu den Briefen Carolines unter dem Titel: „Begegnung mit Caroline“.

Sekundärliteratur

Beyer, Susanne / Schreiber, Mathias: Am liebsten mit zwei Frauen leben. Sigrid Damm über ihre neue Schiller-Biografie und die Modernität des Dichters, in: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32060863.html, 01.11.2012.

Detering, Heinrich: Bin nicht Ottilie, nicht Christiane, nicht Lenz, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/f-a-z-romane-der-woche-bin-nicht-ottilie-nicht-christiane-nicht-lenz-1643235.html, 01.11.2012.

Hametner, Michael: Sigrid Damm – „Wohin mit mir“, in: http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/buch-damm100.html, 01.11.2012.


Notes


[1] In einem Interview zu ihrem Werk Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung erklärt Sigrid Damm, dass ihr die Recherche und eine literarische Form gleichermaßen wichtig seien; vgl. Susanne Beyer und Mathias Schreiber: Am liebsten mit zwei Frauen leben. Sigrid Damm über ihre neue Schiller-Biografie und die Modernität des Dichters, in: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32060863.html, 01.11.2012.

[2] Auch Heinrich Detering spricht in Zusammenhang mit Damms Vorgehen in ihren Büchern von einem „Gestus der Behutsamkeit, der tastenden, fragenden, sich ihrer Voraussetzungen vergewissernden Annäherung, die nach jedem Vorstoß der einfühlenden Phantasie wieder innehält und dann, im Bewusstsein des Vorläufigen aller historischen Deutungen, doch wieder weitergeht“. Auch die Mischung aus Distanz und Nähe beziehungsweise Objektivität und Subjektivität, Nüchternheit und Gefühl beschreibt er, wenn er von der „Doppelbewegung von Objektivitätsverlangen und subjektiver Anteilnahme“ in Damms Werken spricht. Siehe Heinrich Detering: Bin nicht Ottilie, nicht Christiane, nicht Lenz, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen /belletristik, 01.11.2012.

[3] Alle folgenden in Klammern stehenden Verweise beziehen sich auf: Sigrid Damm: Caroline Schlegel-Schelling. Ein Lebensbild in Briefen, Frankfurt am Main und Leipzig: insel taschenbuch 2009.

[4] Heinrich Detering: Bin nicht Ottilie, nicht Christiane, nicht Lenz, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton /buecher/ rezensionen/belletristik, 01.11.2012.

[5] Dies war leider in Deutschland kein leichtes Vorhaben: Im konservativen 19. Jahrhundert konnten letztlich nur während der Romantik Frauen als Schriftstellerinnen tätig werden, und auch sie scheiterten oder wurden mit gesellschaftlicher Verachtung gestraft. Es ist daher kein Zufall, dass gerade die Romantik zum Gegenstand literarischen Schaffens deutscher Schriftstellerinnen wurde.

[6] Caroline selbst stellt in einem Brief vom 18. Februar 1803 an Julie Gotter mit der ihr eigenen klaren Wahrnehmung der äußeren Verhältnisse fest: „Sonderbar ist es, daß, Einmal in die Stürme einer großen Revolution verwickelt mit meinen Privatbegebenheiten, ich es gleichsam jetzt zum zweitenmal werde, denn die Bewegung in der literarischen Welt ist so stark und gährend wie die politische“. Ernüchtert fährt sie fort: „Die Schufte und ehrlosen Gesellen scheinen eben die Oberhand gewonnen zu haben. Von Kotzbue an, der in Berlin fast Minister geworden, ist ein göttlicher Zusammenhang der Niederträchtigkeit in der Welt“ (S. 215).

Leseprobe


suhrkamp.de
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Pour citer cette ressource :

Anna-Lena Gnosa, "Das Streben nach einem selbstbestimmten Leben. Sigrid Damm, Caroline Schlegel-Schelling und das literarische Erbe in der DDR", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), février 2014. Consulté le 26/05/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/rda-et-rfa/litterature-de-rda/das-streben-nach-einem-selbstbestimmten-leben-sigrid-damm-caroline-schlegel-schelling-und-das-literarische-erbe-in-der-ddr