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"Es braucht der Tat, nicht der Verschwörung": Kleist und die nationale Frage in der « Hermannsschlacht »

Par Niels Mariat : Elève en Master 2 - ENS de Lyon
Publié par Cécilia Fernandez le 28/09/2018
Écrite en 1808 alors que les armées prussiennes subissent de lourdes défaites face à l’Empereur français, la Bataille d’Arminius de Kleist est à n’en pas douter une pièce d’une grande valeur historique. S’il est aujourd’hui couramment admis que cette pièce peut être lue comme un appel à la résistance face à l’occupation militaire française - les Germains tenant lieu d’Allemands et les Romains de Français -, il s’agit dans cet article de comprendre en particulier le rôle que joue la représentation de ces deux camps dans cet aspect politique de la pièce. Une analyse détaillée montre à la fois la finesse de l’exploitation des codes de représentation par le dramaturge et leur utilisation non moins subtile par ses personnages, lesquels, navigant entre théâtre, fiction et histoire, savent jouer de la représentation comme d’une véritable arme politique.

Thusnelda et son fils doivent défiler à Rome sous les yeux du général Germanicus

Karl Theodor von Piloty "Thusnelda im Triumphzug des Germanicus" (1873)

Einleitung

In der Hermannsschlacht thematisiert Kleist einen Schlüsselmoment der Vorgeschichte Deutschlands. Als der germanische Feldherr Hermann im Jahre 9 vor Christus das bis hierhin unbesiegte – und angeblich unbesiegbare – Heer des römischen Reiches in die Knie zwang, setzte er den römischen Einsätzen in den germanischen Ländern, die nach Cäsars Siege bei Mülhausen 58 vor Christus begonnen hatten, ein Ende. Diese Schlacht, die im Teutoburger Wald stattfand, wurde dann sowohl nach diesem Ort als nach dem Namen des Siegers genannt: die Hermannsschlacht.

Als sich Kleist 1808 dieses historisch geladenen Ereignisses bemächtigte, lieferte er eine bemerkenswerte Darstellung der Hermannsschlacht. Im Stück ist kaum von der Schlacht selbst, sondern vor allem von den Verhältnissen zwischen den Germanen und den Römern sowie von der Vorbereitung der daraus entstandenen Schlacht, die Rede. Im Mittelpunkt des Stückes steht der gesamte Prozess, den die verschiedenen germanischen Volksstämme in ihrem Aufstand gegen den römischen Besetzer durchlaufen haben.

In dieser Hinsicht erscheint das Entstehungsdatum des Werkes als aufschlussreich. Als es 1808 geschrieben wurde, waren die deutschen Staaten des Rheinbundes vom napoleonischen Heer besetzt. Der Thematik dieses Stückes, in dem es um die Freiheit eines besetzten Landes geht, lässt sich in jenem Zusammenhang eine besondere, nicht nur historische, sondern auch politische Bedeutung beimessen, indem es an die zeitgenössische politische Situation der deutschen Staaten erinnert. Wurde die Hermannsschlacht als implizite Anspielung auf die zeitgenössische Situation, oder sogar als ein politisches Manifest verfasst? Auch wenn es schwierig ist, diese Frage ohne Bedenken zu beantworten, sprechen viele Argumente zugunsten einer solchen Deutung des Stückes. Es sollen zunächst diese Argumente angeführt werden (I), um die Folgen dieser Deutung im Stück (II) und auf politischer Ebene zur Zeit Kleists (III) anzusprechen.

I- Deutsche Germanen und französische Römer: Begründung der Parallele

1) Zwei geschichtlich vergleichbare Situationen

Einführend lässt sich sagen, dass die beiden Situationen – die Besatzung Germaniens durch die Römer und Deutschlands durch die Franzosen –  verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen, was die betroffenen geographischen Zonen, die Kriegstechniken und die politischen Systeme betrifft.

In den beiden Fällen handelt es sich um ein besetztes Land, das dem Territorium des heutigen Deutschlands mehr oder weniger entspricht. Nach den Siegen Bonapartes in Norditalien und dessen Vormarsch in das österreichische Erbland wurde 1797 der Friede von Campo-Formio beschlossen, der zur Abtretung des linken Rheinufers an die Franzosen führte. Diese wurde vier Jahre später durch den nach der Schlacht bei Marengo unterzeichneten Frieden von Lunéville bestätigt. Damit begann die Besatzung eines Teils der deutschen Staaten durch die Armee Napoleons. Diese Parallele wird durch die Benennung „Deutschland“ verstärkt, die vierundzwanzigmal im Stück vorkommt und die den Eindruck vermittelt, dass es sich genau um dasselbe Land handle (um nur ein Beispiel anzubringen, I.3, S.16 : „Wolf: Hermann soll, der Befreier Deutschlands, leben!“).

Ähnlich waren auch die diplomatischen Techniken der Besetzer, die in den beiden Fällen einen Teil der Besetzten für sich zu gewinnen vermochten. Der Verrat Aristans an Hermann erinnert in dieser Hinsicht an den 1806 gegründeten Rheinbund, die militärische Allianz mit den Südstaaten, der dem französischen Kaiser mehr wehrfähige Männer für seinen Feldzug nach Moskau sichern sollte.

Schließlich lässt sich sagen, dass die geopolitische Lage der deutschen Staaten 1808 mit jener der germanischen Stämme im Jahre 9 n. Chr. zu vergleichen ist: In den beiden Fällen haben wir es mit Gebieten zu tun, die keineswegs einheitlich sind. Es ist übrigens eine der Gretchenfragen des Stückes von Kleist, auf die seine Figuren ständig hindeuten. Die Frage wird nämlich sowohl von den Germanen, die zur Einheit aufrufen, als auch von den Römern, die nach dem Sprichwort „Teile und herrsche!“ die Germanen zu unterjochen versuchen, explizit angesprochen.

2) Germanen und Deutsche

Um die Parallele mit der Entstehungszeit zu verdeutlichen, soll auf die Darstellung der Germanen und der Römer im Stück eingegangen werden. Was die Germanen betrifft, liegt die Parallele auf der Hand – sie werden ständig „Deutsche“ genannt. Durch diese Benennung erstellt Kleist eine gemeinsame Geschichte, eine Art Erbschaft, die von den tapferen Germanen auf die Menschen, die 1808 in den deutschen Staaten lebten, übertragen wurde: Es sollte den Letztgenannten zeigen, dass sie ihre direkten Nachfahren waren und dass, da die Germanen ebenso „deutsch“ wie die Deutschen waren, die Deutschen ebenso tapfer wie die Germanen sein könnten.

3) Römer und Franzosen

Auf der Seite der Besetzer bietet das Stück keinen unwiderlegbaren Beweis für eine Parallele zwischen den Römern und den Franzosen. Doch verschiedene Indizien bewegen den Leser – und besonders zur Zeit Kleists – dazu, diese Parallele zu ziehen.

Erstens ist zu bemerken, dass Napoleon sowie das römische Oberhaupt zu ihrer jeweiligen Zeit der Inbegriff der Macht und des Ruhms waren. Der römische Kaiser, der den Namen Cäsars, seines berühmten, ruhmreichen Vorgängers trug, verkörperte die größte Zivilisation und die größte Armee seiner Zeit. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, wenn die germanischen Fürsten im Stück ständig auf die Unbesiegbarkeit des römischen Heeres hinweisen und wenn jene als „die weltbesiegenden“ bezeichnet werden (II.1, S.19). Napoleon, der sich auch in Anlehnung an das römische Reich Kaiser nennen ließ, hat das ganze 19. Jahrhundert als legendäre Figur geprägt: Er war der Mann, der fünfzehn Jahre lang gegen all die Heere Europas allein unbesiegt geblieben ist. Aus diesem Grund wirkt das Auftauchen des Wortes „Kaiser“ doppelsinnig. Es ist umso bemerkenswerter, als das Wort mehrmals mit erwünschten Gewalttaten verbunden wird (I.3 „Hermann: [Ich erstrebe nichts] als jenem Römerkaiser zu erliegen“).

Zweitens stellt sich das römische Heer als Schützer dar, genauso wie Napoleon, dem manche vorgeworfen haben, gelogen zu haben, als er behauptete, er ziehe in die deutschen Länder ein, allein um sie von der Tyrannei der Fürsten zu befreien und das Ideal der französischen Revolution fortzupflanzen. Die Römer geben sich bei den Germanen dreifach als Schützer: Gegen Marbod, gegen den Ur (I.2) und gegen die Germanen selber (IV.9, S.68 „Thusnelda: So mancher einzelne, der, in den Plätzen, / Auf Ordnung hielt, das Eigentum beschützt –“). Jedesmal wird dieser Schutz von den Germanen entlarvt. Hermann wiederholt mehrmals im Stück, dass der Schutz gegen Marbod ein Vorwand ist, um ins Cheruskerland einzuziehen. Er entlarvt auch die wahre Absicht der Römer in Bezug auf „das Eigentum“:

Thusnelda: So mancher einzelne, der, in den Plätzen, / Auf Ordnung hielt, das Eigentum beschützt – Hermann: Beschützt! Du bist nicht klug! Das taten sie, / Es um so besser unter sich zu teilen. (IV.9, S.68)

Schließlich kann man auch in den kulturellen Beziehungen zwischen den Römern und den Germanen eine Anspielung auf die Franzosen sehen. Die Römer sind herablassend den Germanen gegenüber und besonders in Bezug auf die Sprache:

Dritter Feldherr: Was das, beim Jupiter! / Für eine Sprache ist! […] Ein Greulsystem von Worten […] / Ich glaube, ein Tauber wars, der das Geheul erfunden, / Und an den Mäulern sehen sie sichs ab. (V.2, S.75)

Die Verachtung durch die Römer erinnert an die kulturelle Vormachtstellung, die die Franzosen am Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa noch genossen. Dieses Zitat des dritten Feldherren erinnert an den groben und herablassenden französischen Lieutenant Riccaut, der in Lessings Minna von Barnhelm die deutsche Sprache als „plump“ degradiert (Minna von Barnhelm IV.5 „Riccaut: O was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak!“). Diese Ähnlichkeit mit der Vormachtstellung der französischen Kultur wird durch die Faszination der Germanen für die Römer verstärkt, die von den Germanen als Vorbild betrachtet werden (III.3, S.39 „Thusnelda:  [Ventidius war bei mir] und zeigte mir am Putztisch, / Wie man, in Rom, das Haar sich ordnet, / den Gürtel legt, das Kleid in Falten wirft.“) und deren Kunstwerke aus den Reisen nach Rom mitgebracht werden (III.3, S.39 „Thusnelda: Das ist das schöne Prachtgeschenk, / Das du aus Rom mir jüngsthin mitgebracht.“). In diesen Zeilen spürt man generell die Faszination für das französische Modell zur Zeit der Besatzung des linken Rheinufers durch Napoleon, welche nicht nur die Kultur, sondern auch das Rechtswesen – nicht zuletzt durch das napoleonische Zivilgesetzbuch – und die Verwaltung betroffen hat.

Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass die Elemente, die hier vorgebracht wurden, keine Gewissheit schaffen können. Sie tragen aber beträchtlich dazu bei, die Hypothese einer historischen Parallele zu verschärfen.

II- Wölfe und Schafe: Eine bloß manichäische Darstellung?

Wenn man davon ausgeht, dass die Germanen für die Deutschen und die Römer für die Franzosen stehen, lässt sich die Darstellung der Germanen und der Römer auf einer übertragenen Ebene verstehen. Wie bereits erwähnt, beschäftigt sich Kleist nicht nur mit der Schlacht, sondern vor allem mit den Verhältnissen zwischen den Germanen und den Römern. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht die Metapher der Wölfe und der Schafe, die im Stück der Darstellung dieser Verhältnisse zugrundeliegt und die sowohl von den Römern als auch von den Germanen angewendet wird, um die eigenen Eigenschaften zum Ausdruck zu bringen. Diese biblische Anspielung lässt zunächst an eine manichäische Darstellung der Germanen-Deutschen und der Römer-Franzosen denken. Wenn es auf den ersten Blick selbstverständlich scheint, dass Kleist die Germanen den Römern gegenüber aufwertet (1), besteht diese Aufwertung nicht ausschlieβlich in einer binären, manichäischen Gegenüberstellung, denn die Germanen selbst haben nicht nur gute Eigenschaften vorzuweisen (2). Diese anscheinend schlechten Eigenschaften werden dennoch ständig zugunsten der Germanen umgewertet. Es soll untersucht werden, inwiefern diese komplexe Darstellung letztendlich trotzdem zum Ziel gelangt, die Germanen den Römern gegenüber aufzuwerten.

1) Standpunkte: Eine geprägte Diskrepanz zugunsten der Germanen

Zunächst lässt sich sagen, dass die Germanen und die Römer meistens vom Standpunkt der Germanen aus dargestellt werden. Das heißt, dass die Sichtweise der Germanen den Rahmen des Stückes bildet. Dies lässt sich beispielsweise sehr deutlich durch die Schauplätze feststellen. Die fünf Akte spielen im Lager der Germanen: im Wald (erster Aufzug), im Fürstenzelt Hermanns (zweiter Aufzug), neben dem Zelt Hermanns (dritter Aufzug), im Zelt Marbods (vierter Aufzug), im Teutoburger Wald (fünfter Aufzug). Das römische Lager bleibt in der Ferne. Ein anderes Beispiel dafür ist der Abstand zwischen den Germanen und den Römern, der manchmal rein grammatisch ausgedrückt wird. Wie im Lateinischen benutzt Hermann den Artikel „jener“ statt „dieser“, um seine Geringschätzung dem römischen Kaiser gegenüber zum Ausdruck zu bringen. (I.3, S.12 Hermann: „[Ich erstrebe nicht] als jenem Römerkaiser zu erliegen“).

In diesem von den Germanen beherrschten Rahmen werden die Germanen größtenteils durch ihre guten Eigenschaften und die Römer durch ihre Fehler gekennzeichnet. Die Darstellung  der Figuren lässt sich also auf den ersten Blick in eine manichäische Auffassung einordnen. Jede Eigenschaft der Germanen entspricht einem Fehler der Römer. Es lässt sich durch folgende Beispiele veranschaulichen. Erstens werden die Germanen als ein Volk dargestellt, das in Verbindung zur Natur lebt. Die Germanen leben im Wald und erweisen der Natur Respekt. Die Römer dagegen fällen rücksichtslos Bäume. Auch dadurch gibt Kleist dem Zuschauer zu verstehen, dass die Germanen mit dem Land eng verknüpft sind, während die Römer nicht zu diesem Land gehören. Zweitens lässt sich sagen, dass den Germanen ein höheres Ehrgefühl verliehen wird als den Römern. Hermann ist als ein ehrenhafter Mensch dargestellt, der seinem ehemaligen Feind Marbod viel Respekt erweist. Der Respekt zwischen den beiden geht so weit, dass sie sich den Titel des Königs der Germanen gegenseitig zuerkennen (letzter Auftritt). Aufschlussreich ist der Fall Aristans, der die Germanen verrät und sich dem Heer des Varus‘ anschließt: Dieses einzige Beispiel ist ein Beweis dafür, dass der Verrat bei den Germanen allein von persönlichen Neigungen herrührt, während er bei den Römern ein staatliches Vorhaben ist. Die Römer verwenden auf institutioneller Ebene eine Technik, die darin besteht, mehrere Bündnisse gleichzeitig zu schließen, um die Feinde gegeneinander aufzuwiegeln:

Hermann: „[…] soll mir, nach dem Versprechen Augusts, / die Oberherrschaft in Germanien werden […] Ich weiß inzwischen, dass Augustus sonst / ihm mit der Herrschaft von Germanien geschmeichelt. (II.10, S.30)

Die Wahl des Standpunktes hat schließlich eine ausführlichere Darstellung der Germanen zur Folge, die dazu führt, dass der Zuschauer sich leichter mit ihnen identifizieren kann. Dies gilt im Besonderen für die vielen Szenen aus dem Privatleben Hermanns und Thusneldas, die auf der Bühne aufgeführt werden. Obwohl sie immer mit der politischen Handlung des Stückes verbunden sind, tragen sie doch dazu bei, dass die Germanen emotionaler als die Römer wirken. Darüber lässt sich sagen, dass nicht nur die Darstellung der Liebe (II.8, S.27 Hermann: „So, was ein Deutscher lieben nennt, / mit Ehrfurcht und Sehnsucht, wie ich dich?“ ; IV.9, S.72 „Mein schönes Weib, wie rührst du mich“), sondern auch die anderer Gefühle diesen Eindruck der Nähe vermitteln soll, wie zum Beispiel bei dem Einverständnis, das aus ihren Scherzen hervorgeht:

Thusnelda: „Ach, geh! Ein Geck bist du!, ich seh es, und äffst mich! / […] du scherztest bloss?“ – Hermann: „Ja. – Mit der Wahrheit, wie ein Abderit. (III.3, S.43)

2) Falsche komplexere Elemente

Die Aufwertung der Germanen-Deutschen wird dennoch nicht nur durch diese manichäischen Elemente vollzogen. In der Tat lässt sich feststellen, dass das Stück den Germanen auch Laster verleiht. Es wäre also nicht abwegig zu behaupten, dass das Stück eine komplexere, nicht so manichäische Vision der Germanen und der Römer anbietet. Sieht man genauer hin, sprechen dennoch diese Elemente letztendlich immer zugunsten der Germanen.

Die im Stück erwähnten Fehler der Germanen sind folgende: Sie seien faul, grob und gewalttätig. Doch diese Fehler werden ständig gerechtfertigt. Die Faulheit, die  den Germanen schon von Tacitus (Tacitus, Germania) vorgeworfen wurde, wird hier als eine List Hermanns dargestellt, um die Wachsamkeit der Römer zu täuschen. Die pauschale Gewalt, die Thusnelda Hermann vorwirft (IV.9), indem sie „gute“ und „böse“ Römer unterscheidet, wird von Hermann mit der Idee der Freiheit legitimiert. Er sagt, er lehne jede Form der Barmherzigkeit ab, die den Sieg unsicher macht: Nur ein totaler Krieg kann zu einer totalen Befreiung führen, obwohl die Gewalt ihn anwidert und von ihm als reine Pflicht seinem Volk gegenüber empfunden wird (IV.9, S. 68 Hermann: „Ich will die höhnische Dämonenbrut nicht lieben! / So lang sie in Germanien trotzt, / Ist Hass mein Amt und meine Tugend Rache.“). Selbst die Hinrichtung Aristans wird gerechtfertigt, weil sein Tod um der Einheit Germaniens willen notwendig sei. Die Fehler der Germanen werden also zwar zugestanden – aber ständig als notwendig dargestellt, da sie im Namen einer erhabenen Idee, nämlich der Freiheit, begangen werden.

III – Die politische Lehre im Stück: Ein Lehrbuch zur nationalen Befreiung?

Die Hervorhebung der Germanen als Befreier ihres Landes verleiht dem Stück im Zusammenhang der französischen Besatzung eine zeithistorische Bedeutung. In der Hermannsschlacht werden nicht nur Befreiungskämpfe gerechtfertigt, sondern auch etliche historisch-politische Grundsätze verankert, die sich als Theorie, ja fast als Manifest zur nationalen Befreiung interpretieren lassen.

1) Eine Lehre zur nationalen Befreiung

a) Die Wiederherstellung der Einheit des Volkes

Die erste Lehre, die von Kleist erteilt wird, betrifft die wiederherzustellende Einheit des Volkes. Schon am Anfang des Stückes weisen Hermann, Wolf und andere germanische Fürsten darauf hin, dass die Uneinheitlichkeit des germanischen Volkes seine Befreiung verhindert. (I.2, S.7 Wolf: „Es bricht der Wolf, o Deutschland, / in deine Hürde ein, und deine Hirten streiten / um eine Handvoll Wolle sich.“). Dementsprechend versuchen sie trotz ihrer Streitigkeiten die verschiedenen Stämme zu einem einheitlichen Volk zu machen. Zu dieser Idee der Einheit des Volkes als Grundsatz des Befreiungskrieges wurde Kleist wahrscheinlich von den Ereignissen der französischen Revolution angeregt. Sie erinnert an die Kanonade von Valmy im Jahre 1792, bei der es den französischen Nationaltruppen gelungen war, die verbündeten Truppen der preußisch-österreichischen Koalition in die Flucht zu schlagen. Die beiden Koalitionen, die Preußen und Österreich im Zeitalter der französischen Revolution, also etwa fünfzehn Jahre vor der Veröffentlichung des Stückes, beschlossen hatten, hatten nämlich den Vormarsch der revolutionären bzw. kaiserlichen Truppen nicht verhindern können. Die Koalition von 1796 im Besonderen war in die Niederlage bei Marengo 1801 und in den Frieden von Lunéville gemündet. Die Anstrengung der Germanen, eine Einheit zu schaffen, lässt sich also als Aufruf Kleists zur Schaffung einer tieferen Einheit zwischen den deutschen Staaten interpretieren, die weit über eine bloße Koalition hinausgehen soll.

b) Die Suche nach einem Einklang zwischen dem Fürsten und dem Volk

Nach der Wiederherstellung der Einheit des Volkes, die als erste Stufe der nationalen Befreiung fungiert, lässt sich im Stück ein Reflektieren über die Rolle des Volkes und des Fürsten erkennen. Es lässt sich in der Hermannsschlacht feststellen, dass die nationale Befreiung nur durch eine bestimmte gewogene Zusammenarbeit bzw. durch einen Einklang zwischen dem Fürsten und dem Volk gelingen kann. Auch wenn Hermann den Krieg gegen die Römer nicht ohne das Volk hätte gewinnen können, erscheint auf der anderen Seite das Volk als ein dummes Ganzes, das die Klugheit des Fürsten braucht, um seine Freiheit zurückzugewinnen. Im Rahmen der Parallele mit Kleists Epoche lässt sich der Rolle des Fürsten eine große Bedeutung beimessen.

Auf der einen Seite wird die Weisheit Hermanns gelobt. Die Feindlichkeit zwischen den verschiedenen Volksstämmen, die im Stück für die Germanen kennzeichnend ist und die schon im ersten Auftritt auf der Bühne dargestellt wird, wird ständig von den Fürsten – und besonders von Hermann – angeprangert, weil er die Notwendigkeit der Einheit über alle uralten Streitigkeiten stellt. Er ist immer derjenige, der das Volk zur Einheit führt, indem er es lehrt, die anderen „Deutschen“ als Brüder zu betrachten. (V.10 „Hermann: denkt, dass die Sueven Deutsche sind wie ihr“ ; V.14 „Hermann: Es soll kein deutsches Blut, / An diesem Tag, von deutschen Händen fließen.“). Hermann ruft die Cherusker dazu auf, selbst die Verräter zu verschonen (V.14, S.89 „Hermann: Vergebt! Vergesst! Versöhnt, umarmt und liebt euch“), was aus ihm eine christliche Figur macht, indem seine Rede die Bibel fast wörtlich zitiert (Joh. 13.34: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“). Es soll aufzeigen, dass nur ein kluger Fürst wie Hermann die Germanen zur Einheit bringen kann. Es ist von der politischen Lage des besetzen Deutschlands 1808 nicht zu trennen: Das Volk braucht Fürsten, die die Notwendigkeit der Einheit verstehen. Ein solcher Anführer ist umso notwendiger, als er allein imstande ist, die Dummheit der Germanen auszugleichen. Er muss in der Tat die Rolle eines Lehrers des Volkes spielen, wie zum Beispiel im zweiten Auftritt des dritten Akts, in dem die Germanen den listigen Plan Hermanns nicht verstehen, sodass er der Reihe nach drei Hauptleute über den Plan verständigen muss.

Auf der anderen Seite lässt sich feststellen, dass das dumme Volk und der kluge Fürst einander unentbehrlich sind. Diese Ambiguität wird in einer Erwiderung Hermanns zusammengefasst (IV.3, S.59 „Hermann: Es braucht der Tat, nicht der Verschwörung“). Mit diesem Satz führt Hermann zwei gegensätzliche Weisen an, den Feind loszuwerden und die Einheit zu schaffen: Auf der einen Seite durch die Verschwörung, die darin besteht, dass ein Teil der Eliten sich verständigt und durch geheime Manöver die Macht ergreift ; auf der anderen Seite durch die Tat, dass heißt den freiwilligen, totalen Aufstand des Volkes. Wenn er zwischen diesen beiden Methoden wählen muss, zieht Hermann den Aufstand vor: Der Fürst ist auf das Volk angewiesen.

Doch wie groß die Rolle des Volkes auch sein mag, man spürt wohl, dass Kleist letzten Endes dem Fürsten die überragende Rolle gibt. Das Volk wird nämlich im Stück kaum dargestellt und bleibt im Schatten Hermanns, außer im vierten Akt, in welchem die Tochter eines Schmiedes vergewaltigt und getötet wird. Schließlich liegt am Ende des Stückes den Fürsten – und nicht dem Volk – das letzte Wort ob: Sie allein dürfen den König der Germanen wählen (V.letzt. „Marbod: Man soll im Rat die Stimm‘ sammeln“).

c) Die List der Besetzten: Die Darstellung als politische Waffe

Doch Kleist beschränkt sich nicht darauf, dem Fürsten und dem Volk eine Rolle zuzuteilen, sondern er führt ebenfalls dem Zuschauer Beispiele dafür vor Augen, wie sich die Freiheit konkret zurückerobern lässt. Am bemerkenswertesten ist die Ausnützung der Darstellung als politische Waffe durch die Germanen. Diese erfolgt auf zweierlei Weise.

In erster Linie nützen sie die Vorurteile über die Römer und deren Laster aus. Sie bemühen sich, eine grausame Darstellung der Römer zu verbreiten, um das Volk gegen sie aufzuhetzen. Das ist zum Beispiel das Ziel der Briefe, die jeweils ein Stück der Leiche eines unschuldigen Opfers enthalten und die von Hermann an die verschiedenen germanischen Fürsten geschickt werden. Es ist auch der Grund, weshalb Hermann Germanen damit beauftragt, Gräueltaten im Namen der Römer zu begehen, damit das Volk sich gegen die Römer erhebt.

Die Benutzung der Darstellung durch die Germanen beschränkt sich indes nicht auf die Römer. Sie nützen auch die Vorurteile über sich selbst als politische Waffe aus. Die Germanen sind sich dessen bewusst, dass die Römer ihnen gegenüber herablassend sind (III.6, S.48 „Ventidius: „Das fass ich in zwei Worten: er ist ein Deutscher“ ; III.3, S.42 „Hermann: „Was ist ein Deutscher in der Römer Augen? […] Eine Bestie.“), und sie nützen diese Vorurteile aus, um die Römer zu täuschen. In der fünften Szene des dritten Akts, die in einem Gespräch zwischen Hermann und Varus, dem römischen Feldherrn, besteht, unterwirft sich Hermann den Römern, indem er sich als „Knecht“ Varus‘ darstellt. (III.5, S.46 „Hermann: Du überfleuchst / Quintilius, die Wünsche deines Knechts“). Während die Handlung die Germanen als ein starkes, streitfähiges, ja sogar tierhaftes Volk darstellt, das so gewalttätig wie ein Wolf sein kann, täuschen die Germanen vor, harmlos zu sein, damit die Römer sie unterschätzen. Diese List des germanischen Fürsten lässt sich letzten Endes als politische Lehre für den zeitgenössischen Zuschauer bzw. Befreiungskämpfer deuten. Sie gewährt ihm Aufschluss darüber, wie man die doppelsinnige Metapher des Wolfes und der Schafe verstehen soll: Die Germanen sind keine Schafe, sondern Wölfe, die sich als Schafe ausgeben, das heißt, die als Schafe dargestellt werden wollen.

2) Jenseits der Theorie: das Theater als Ort der Gründung der deutschen Einheit

Kann die Hermannsschlacht als theoretische Überlegung und Manifest über die Mittel der Befreiung betrachtet werden, so soll auch darauf hingewiesen werden, dass das Stück die Einheit des deutschen Volkes nicht nur lobt, sondern auch an ihrer Wiederherstellung unmittelbar teilnimmt.

Die Benennung „Deutsche“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie zeigt nämlich, dass die Germanen sich nicht nur als Ubier, Sueven oder Cherusker, sondern auch als „Deutsche“ erkennen, das heißt als ein einheitliches Volk. Dadurch wird den Zeitgenossen vor Augen geführt, dass die Einheit Deutschlands schon einmal existiert habe und dass sie wieder hergestellt werden solle. Darüber hinaus leben diese „Deutschen“ nicht in Germanien, sondern in „Deutschland“, dessen Begriff im Zusammenhang der Handlung anachronistisch ist (I.3, S.14 „Hermann: Ganz Deutschland ist verloren schon“) (IV.1, S.54 „Rinold: So lang ein römischer Mann in Deutschland sei“). Es dient dazu, eine fiktive Einheit Deutschlands zu schaffen, die es weder zur Zeit Hermanns noch zur Zeit Kleists gab. Das Stück ist also der Ort, wo die territoriale Einheit des Landes entsteht.

Diese anachronistische Benennung wird durch die historischen Anspielungen verstärkt, auf welche Kleist zurückgreift. Beim genaueren Hinsehen stellt man fest, dass diese Anspielungen den Zuschauer dazu bewegen, eine Brücke zwischen den Zeiten zu schlagen, wodurch das Bewusstsein einer uralten, historisch belegten Einheit geweckt wird. Als Beispiel dafür gilt die Ernennung des Königs der Germanen am Ende des Stückes. Der Wahlprozess, auf den Marbod hindeutet (V.letzt. „Marbod: Man soll im Rat die Stimm‘ sammeln“), lässt sich auf die Wahl des Kaisers zur Zeit des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zurückführen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass dieser Wahlprozess erst 1356 – also dreizehn Jahrhunderte nach der Hermannsschlacht! – durch die Goldene Bulle des Kaisers Karl IV. eingeführt wurde. Kleist projiziert in die entfernte Vergangenheit der Hermannsschlacht ein politisches Verfahren, das einer näheren Vergangenheit angehört, die er wieder zum Leben erwecken möchte. Es dient dazu, dieses Verfahren auf eine ruhmvolle Vergangenheit zurückzuführen, um es aufzuwerten, aber auch die deutsche Geschichte über die Jahrhunderte hinweg zu vereinheitlichen.

Dazu gehört auch der Ausdruck Marbods, der im letzen Auftritt des Stückes von den „grauen Vätern“ der Deutschen spricht (V.letzt., S.102 „Marbod: Und weil die Krone, zur Zeit der grauen Väter, / Bei deinem Stamme rühmlich war […]“). Dieses Zitat soll nicht nur in der Parallele zu Kleists Zeit verstanden werden, sondern es hätte auch 1808 unverändert gesagt werden können. Denn diejenigen, die zur Zeit Kleists als „graue Väter“ hätten bezeichnet werden können, waren ausgerechnet Hermann und die anderen Germanen. Es ist, als ob man sich in jedem Zeitalter auf ältere deutsche Vorfahren beziehen könnte, als ob keine Epoche die Epoche der Gründung Deutschlands gewesen wäre. Mit diesen zwei Wörtern „graue Väter“ verleiht also Kleist Deutschland einen uralten Ursprung, den man nicht datieren kann, als ob diese Einheit immer existiert hätte.

Schlussbemerkungen

Abschließend lässt sich sagen, dass die Darstellung der Germanen und der Römer viel komplexer ist, als man es auf den ersten Blick hätte erwarten können. Eine genauere Analyse des Stückes hat nämlich nahegelegt, dass eine bloß manichäische Interpretation zu kurz greift, um den Text zu verstehen. Über diese Darstellung hinweg entwickelt sich in der Tat eine politische Reflektion zum Thema Nation und Freiheit. Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass die national-politischen Fragen, die im Stück in Bezug auf die Hermannsschlacht gestellt werden, den Kernfragen entsprechen, die später das ganze 19. Jahrhundert beschäftigt haben (u.a : Was ist eigentlich Deutschland ? Worin besteht seine Einheit? Durch wen – das Volk oder den Kaiser – und gegen welchen Feind soll sich diese Einheit vollziehen?), sodass die Auffassungen, die im Stück durch die Darstellung der Figuren ausgedrückt werden, in dieser Hinsicht insgesamt etwas bilden, das man wohl als ein politisches Programm für die Zukunft Deutschlands im Jahre 1808 betrachten darf.

Ratisbonne, Mars 2018

 

Références bibliographiques

Kleist, Heinrich von. 1963 (1808). Die Hermannsschlacht. Stuttgart: Philipp Reclam.

Lessing, Gotthold Ephraim. 1996 (1767). Minna von Barnhelm. Stuttgart: Philipp Reclam.

Tacitus (98 n. Chr.): Germania.

Die Lutherbibel

 

Pour citer cette ressource :

Niels Mariat, ""Es braucht der Tat, nicht der Verschwörung": Kleist und die nationale Frage in der « Hermannsschlacht »", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), septembre 2018. Consulté le 15/12/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/mouvements-et-genres-litteraires/romantisme-et-classicisme/es-braucht-der-tat-nicht-der-verschworung-kleist-und-die-nationale-frage-durch-die-darstellung-der-germanen-und-der-romer-in-der-hermannsschlacht