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Carolin Emcke: "Female Body"

Par Carolin Emcke
Publié par Cécilia Fernandez le 24/06/2019
Texte inédit de Carolin Emcke rédigé à l'occasion des Assises Internationales du Roman organisées par la Villa Gilet (Lyon, mai 2019).

Carolin Emcke tient un micro et regarde en souriant son interlocuteurCarolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.
Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.
Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen Von den Kriegen. Briefe an Freunde, Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF, Wie wir begehren, Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit sowie Gegen den Hass. (Quelle: www.fischerverlage.de)

 

Der weibliche Körper ist ein sonderbarer Singular. Es gibt ja nicht nur einen. Selbst wenn ich an meinen eigenen Körper denke, ist es ein sich permanent wandelnder Körper, ein Körper des Kindes, ein Körper des Teenagers, ein Körper, der die Lust entdeckt, die Müdigkeit kennt, der erkrankt, trainiert, altert, der genauer Konturen bekommt, schmaler wird, mehr Furchen, es sind viele Körper, dieser mein weiblicher Körper, und auch was weiblich daran ist, ist unbestimmt oder überdeterminiert, es ist jedenfalls ein Körper, der Lust und Begehren kennt, der weibliche Körper ist bei jemandem wie mir, die queer ist, die so begehrt wie ich begehre, Subjekt und Objekt zugleich, es sind weibliche Körper, Lippen, Brüste, Haut, Scham, Gesten, die ich will. Der weibliche Körper ist ein sonderbarer Singular, es sind ganz unterschiedliche Körper, ganz unterschiedliche Körperlichkeiten, die nicht unbedingt dem entsprechen müssen, was als „weiblich“ deklariert wird, die nicht immer innerhalb der Norm oder der Bilder von der Norm liegen, sondern jenseits davon oder ausserhalb, es sind Spielformen des Weiblichen oder Männlichen oder eben Spielformen der Codes von Geschlecht und Sexualität, die mich umtreiben, aufregen, erregen, denen ich erliege oder die mich berühren und beglücken.

 

Der weibliche Körper ist ein sonderbarer Singular. Es gibt ihn auch und vor allem durch die Überzeugung, dass es ihn gäbe, und dass dieser Körper ausstellbar, gebrauchbar, verhüllbar, berührbar, verfügbar wäre. Das ist vielleicht das, was wir alle als Kinder schon lernen, was wir zugeflüstert bekommen, auf dem Weg zur Schule, auf dem Weg zum Wasserholen, auf dem Weg in die Stadt, dass wir aufpassen müssen, dass uns andere wollen, auch wenn dann nie genau gesagt wurde, was das ist, was sie mit unseren Körpern tun wollen, das wurde beschwiegen, aber dass unsere Körper uns verwundbar machen, weil sie für andere etwas sind, dass sie bedrohlich oder erregend finden, das wurde uns beigebracht, von früh an. Der weibliche Körper ist also einer der Anderen, mein weiblicher Körper ist einer, der von anderen schon betrachtet, codiert, taxiert, normiert wurde, bevor ich auch nur die Sprache für meine Lust, bevor ich auch nur meine Lust entdeckt hatte, Objekt, bevor die eigene Subjektivität des Begehrens wirklich begriffen war.

 

Der weibliche Körper, das lernte ich dann im ersten Kriegsgebiet, in das ich reiste, dem Kosovo 1999, ist das, was als Instrument der Demütigung des Gegners eingesetzt wird, die weiblichen Körper werden nicht nur vertrieben, nicht nur geschlagen, nicht nur deportiert, nicht nur erschossen, sondern auch missbraucht. Der weibliche Körper, das lernte ich dann im nächsten Gebiet, auch ohne Krieg, in Pakistan oder in Haiti oder in Gaza, das sind die Körper, die im Kindsbett sterben, in denen herumgestochert wird, deren Körper nicht aushalten, was von ihnen erwartet wird oder was ihnen angetan wird, weibliche Körper, das sind die Körper, die andere Frauen brauchen, die sie pflegen, die entbinden helfen, die abtreiben helfen, weibliche Körper, das sind Körper voller Wissen.

 

Der weibliche Körper ist ein sonderbarer Singular, das sind auch diese Körper, die durchhalten, die sich widersetzen, die aufbegehren, die sich eigene Räume suchen, eigene Sprachen, das sind die Körper, die schöner werden, wenn sie älter werden, weil sie genauer wissen, was ihnen Lust bereitet, was sie brauchen, was ihnen gut tut, das sind die Körper, in die ich mich hineinlieben will, in die sich fallen lässt oder die sich auffangen lassen...das sind die Körper, mit denen ich lebe, und die sich und mich immer wieder berühren und verändern.

Pour citer cette ressource :

Carolin Emcke, "Carolin Emcke: "Female Body"", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), juin 2019. Consulté le 21/08/2019. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/litterature/litterature-contemporaine/textes-inedits/carolin-emcke-female-body

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