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„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge

Par Agathe Bernier-monod
Publié par Marie Laure Durand le 04/03/2014

Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts, Rowohlt, 2011, 432 S.

Vier Generationen, sieben Blicke und ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl

cover-petit_1396502159810-jpgEugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichtes umreißt vierzig Jahre der DDR-Zeit. Vier Generationen, die sieben Mitglieder der Familie Umnitzer, kommen abwechselnd zur Sprache und tragen die Geschichte. Trotz der Unterschiede, die sie unversöhnlich voneinander trennen, führen sie alle unschlüssige und unzufriedene Existenzen; sie scheinen nie richtig dazuzugehören, verstellen und beherrschen sich ständig, um dem Fremdbild zu entsprechen, welches die anderen und die Gesellschaft ihnen zuschreiben.

Wilhelm und Charlotte, die Urgroßeltern und somit die älteste Generation, sehnen sich noch nach Mexiko – der Stadt, in die sie während des Zweiten Weltkriegs flüchteten und in der sie wohlhabend lebten. Charlotte, die ihrem adlig-konservativen Milieu aus politischer Leidenschaft und Liebe entfloh, ringt vergeblich um die Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten in einem Land, in dem Vetternwirtschaft und strikte Beachtung der Parteilinie das Wort haben.

Nicht selten mündet die Sehnsucht nach der Vergangenheit oder einem anderen Leben in die Selbstmythisierung. Der Patriarch Wilhelm versteht es, die eigene zentralamerikanische Vergangenheit zu verformen und sich zur Legende hochzustilisieren. Mit einem emblematisch an der Wand hängenden Lasso lässt er seine bewundernden Genossen in dem Glauben verharren, er hätte wie in einem fortwährenden Abenteuer gelebt und prominente südamerikanische Kommunisten gekannt.

Kurt, Charlottes Sohn aus erster Ehe, der nach der NS-Machtübernahme in die Sowjetunion flüchtete, saß wegen seiner deutschen Herkunft und einer vermeintlich beleidigenden Postkarte dreizehn Jahre im Gulag. In Haft lernt er seine künftige Frau Irina kennen. Nach der Freilassung wird ihm als Wiedergutmachung für dieses Unrecht eine akademische Stelle zugesprochen. In einem unbändigen Schaffensdrang überwindet er seinen Schmerz durch die Neuschreibung der ganzen deutschen Zeitgeschichte. Sein unermüdliches Schreiben wird auf diese Weise zum Mittel der Flucht und Selbstbetäubung.

Irina, Kurts Gattin, eine verblasste Schönheit, die nach Jahren in Deutschland immer noch nur gebrochen Deutsch kann, ertränkt ihren Frust und ihre Langeweile in Alkohol. Sie verschanzt sich hinter einer Mauer aus Hass, verwirft ihre angeheiratete Familie sowie die Geliebten ihres Sohnes, verwandelt ihre frühere Überlebensenergie in Zorn und Empörung gegen ihre gegenwärtige Situation. An ihr wird die Bedrückung der Frauen durch Verführungszwang und Älterwerden deutlich.

Überlegungen zum Älterwerden kommen auch durch den monströsen, beinahe grotesken Körper Nadjas, Irinas Mutter, zum Ausdruck. Der Ekel, den Nadja bei den anderen erzählenden Figuren auslöst, wird zur Chiffre der allgemeinen gesellschaftlichen Ablehnung des Alterns.

Alexander, Irinas und Kurts Sohn, das Alter Ego des Verfassers, war zur Zeit der Wende noch ein junger Erwachsener. Er leidet an Orientierungslosigkeit, zögert zwischen Stabilitätsbedürfnis und dem Abweichen von Konventionen. Eine unheilbare Krebskrankheit treibt ihn zur Bilanz an und führt ihn auf die Spuren seiner Großeltern nach Mexiko. Alexander, der nie richtig lieben konnte und stets vor Verantwortung wegrannte, entdeckt in Mexiko ein intensives und gefährliches Leben, weit entfernt von der gefühllosen Bequemlichkeit des Westens. Dort erkennt er auch zum ersten Mal das Wesen der Schönheit und findet endlich Ruhe.

Markus, der letzte Erbe, früh von seinem Vater aufgegeben, zieht ohne Anhaltspunkte durch die Berliner Partyszene in der unmittelbaren Zeit nach der Wende. Dass er sich trotzdem zum Begräbnis der Großmutter Irina begibt, steht für seine Suche nach der eigenen Herkunft. Die jüngste Figur, deren Umrisse noch unbestimmt erscheinen, verkörpert die „dritte Generation Ostdeutschlands“. Obwohl sie zu jung waren, um an der sozialistischen Politik teilzunehmen, wurden die Letztgeborenen der DDR aber dauerhaft geprägt von der Auflösung des Staates, in dem sie groß geworden sind.

Die Weigerung, Stellung zu nehmen


Spannend wirkt in diesem Roman die Diskrepanz zwischen offensichtlicher gesellschaftlicher Anerkennung und innerer Zerrüttung, die, in einer Gesellschaft der Anpassung und Verstellung, an der Unmöglichkeit zu lieben liegt. Die scheinbar anständigen und gelungenen Existenzen der Umnitzers – der Parteikader Wilhelm, der angesehene Akademiker Kurt, die Musterhausfrau Irina – sind in Wirklichkeit gebrochen. Dennoch wird dieses Unglück dank Ruges nüchternen Schreibstils nie dramatisiert. Die Tragik wird nie unterstrichen, tritt nur hier und da zu Tage. In dieser Hinsicht erweist sich der in der Presse verbreitete Vergleich mit den Buddenbrooks als übertrieben. Im Gegensatz zu Hannos Tod kann der Ausgang des Romans als Appell gelten, das eigene Glück zu finden, und hinterlässt somit einen hoffnungsvollen Eindruck.

Der Roman In Zeiten des abnehmenden Lichtes weist für die Postmoderne eine relativ klassische Form auf. Die multiperspektivische Erzählung wird strikt angehalten, die Perspektive der wahrnehmenden Figur nie aufgegeben. Das Beeindruckende dabei bleibt die Zurückhaltung des Erzählers und Verfassers. Niemals verfällt er der Versuchung, didaktische Erklärungen zu liefern, niemals erlaubt er sich Stellung zu nehmen. Analyse und Interpretation werden ganz dem Leser überlassen. Bei diesem mag wohl diese unglückliche, manchmal unsympathische Familie Unbehagen hervorrufen. Dabei wird deutlich, wie sehr es jeder Figur, die in der eigenen Situation befangen ist, durchwegs an Hellsichtigkeit fehlt.

Die akribische Schilderung des Alltäglichen – wie etwa ausführliche Beschreibungen von Kochrezepten – wirkt manchmal irritierend. Diese naturalistischen Züge dienen aber nicht einer wirklichkeitsgetreuen Rekonstruktion, die auf eine identifikationsstiftende Verbindung mit dem Leser aus der ehemaligen DDR abzielt. Das Hervorheben alltäglicher Elemente erklärt sich vielmehr aus der Perspektive der handelnden Figuren. Das Kochen kennzeichnet vorwiegend Irina, Alexanders Mutter und Kurts Frau, die sich seit ihrem Kriegstrauma krampfhaft am Materiellen festhält, am Rezept der Thüringer Klöße, als ob ihr Glück und das Glück ihrer Familie davon abhingen. Eben durch diese subjektive Großaufnahme des Alltäglichen wird das Unsagbare vermittelt.

Die allmähliche Enthüllung der selbstbiografischen Dimension – der Vater Eugen Ruges war wie Kurt auch Historiker und Gulag-Häftling – verwischt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion und verleiht dem Werk eine weitere Tiefe.

Agathe Bernier-Monod

Pour aller plus loin


Leseprobe: rowohlt.de
Zitate aus Ruges Roman: www.kreis-stormarn.de
Arte-Präsentation: arte.tv
Weitere Rezensionen: perlentaucher.de
Pour citer cette ressource :

Agathe Bernier-monod, "„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), mars 2014. Consulté le 04/06/2020. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/bibliotheque/in-zeiten-des-abnehmenden-lichtsvon-eugen-ruge