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Besprechung: "Beschleunigung und Entfremdung" von Hartmut Rosa

Par Roman Kaiser-Mühlecker : Lektor - ENS de Lyon
Publié par Cécilia Fernandez le 06/04/2016
Roman Kaiser-Mühlecker
Lektor an der ENS Lyon


cover-hartmut-rosa_1465158141679-jpgHartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, Suhrkamp, Berlin, 2013, 154 Seiten.

"Wo seid ihr, Professoren?", fragte die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ im Sommer 2015 die Hochschullehrerschaft der Bundesrepublik. Entstanden ist dabei eine überaus lesenswerte Serie, die erforscht, warum - in unruhigen Zeiten wie diesen - deutsche Professoren und Professorinnen in öffentlichen Debatten so erstaunlich wenig präsent sind. Den Anstoß zur Diskussion gab der Medienwissenschaftler Berhard Pörksen.[1] Das Wissenschaftssystem, so Pörksens These, dränge seine besten Köpfe ins Abseits, weil das Anreizsystem in der Ära des „Publish or perish“ eine Wissenschaft fördere, die den Spezialaufsatz für wenige Leser eher belohne „als die erhellende Polemik, das Ideenbuch oder die elektrisierende Synthese des Denkens, die sich an die breite Öffentlichkeit richte.“ Auf der Strecke bliebe beim rastlosen Publizieren in peer-reviewed journals und beim unermüdlichen Eintreiben von Drittmitteln die „Buchkultur der großen Entwürfe“. Man stünde heute vor Geistes- und Sozialwissenschaften, die die „Aufgabe der unerschrockenen, risikobereiten Zeitdiagnostik“ zunehmend Schriftstellern, Journalisten und Künstlern überließen, denen gemeinsam sei, „dass sie sich für die Feinheiten des akademischen Prämienwesens nicht sonderlich interessieren.“

Eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser von Pörksen aufgestellten „Regel“ bildet das Werk des Jenaer Soziologie-Professors Hartmut Rosa. Die zentralen Fragen, die seine 2005 erschienene und ins Englische und Französische übersetzte Habilitationsschrift „Soziale Beschleunigung - Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (Suhrkamp) anleiten, sind so einfach wie drängend. Seit Jahrhunderten machen wir am laufenden Band Erfindungen, um Zeit zu sparen. Warum haben dennoch immer mehr Menschen das Gefühl, permanent zu wenig Zeit zu haben? Warum haben wir, obwohl wir immer mehr erleben, das Gefühl, ständig etwas, und vielleicht sogar das wichtigste, zu verpassen? Woher rührt die Angst so vieler, „abgehängt“ zu werden, den Anschluss zu verlieren? Die Antworten auf diese (und noch viele weiteren) Fragen findet Rosa in den Zeitkonzeptionen der Moderne. Das moderne Subjekt stehe aufgrund der Wachstums- und Wettbewerbslogik kapitalistischer Gesellschaften unter dem Druck, sich permanent selbst zu optimieren. Das Leben werde zu einem Akkumulationsprojekt, die To-Do-Listen würden immer länger werden, während das Gut Zeit knapp bleibe. Dieses Dilemma führe zum Versuch, die Zeit zu verdichten - also Abläufe zu beschleunigen. Am Ende des Tages gingen wir dennoch immer wieder als „schuldige Subjekte“ ins Bett, denn:
Dieselben Techniken, die uns dabei helfen, Zeit zu sparen, führen zu einer Explosion der Weltoptionen. Ganz egal, wie schnell wir werden, unser Anteil an der Welt, also das Verhältnis der realisierten Optionen und der gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpaßt haben wird nicht größer, sondern konstant kleiner. [2]
Wer zu wenig Zeit hat, um die Habilitationsschrift oder etwa Rosas neuestes 800 Seiten starkes Buch „Resonanz“ zu lesen, dem sei ein Essay ans Herz gelegt, der 2013 erschienen ist (ursprünglich auf Englisch) und die zentralen Fragen und Thesen des Autors auf sehr anschauliche Weise zusammenfasst: „Beschleunigung und Entfremdung - Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ (Suhrkamp). Rosa verbindet hier seine Beobachtungen zur sozialen Beschleunigung mit Überlegungen zur „Entfremdung“, ein in Ungnade gefallener Begriff aus der Kritischen Theorie, den Rosa entstaubt und neu interpretiert. Der Zeitdruck in der beschleunigten Welt, der als völlig unpolitisch betrachtet werde, in Wahrheit aber geradezu totalitäre Kontrolle auf Individuen ausübe, untergrabe das Autonomieversprechen der Moderne, so Rosa. Mit seinem Anspruch, das große Ganze im Blick zu behalten und alle aktuellen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Phänomene unter dem Gesichtspunkt der Beschleunigung zu betrachten, übernimmt sich Rosa bisweilen. Manche Thesen dürften bei einer näheren Überprüfung als überspitzt erscheinen (etwa das postulierte Ende der sinnhaften Lebensgeschichte in narrativen Interviews). Man darf sich auch die Frage stellen, ob die Überforderung und die nicht abzuarbeitenden To-Do-Listen nicht doch auch ein gewisses Upper-Class-Phänomen sind. (Welcher normaler Arbeitnehmer braucht einen halben Tag, um seine E-Mails abzuarbeiten?) Aber Rosa betreibt eben genau jene „risikobereite Zeitdiagnostik“, deren Fehlen Bernhard Pörksen in der „Zeit“ so sehr beklagt. Rosa selbst ist sich dessen ganz deutlich bewusst. In der Einleitung zu seinem Essay schreibt er:
[Dieses Buch] gründet in der Überzeugung, daß die Sozialwissenschaften Fragen stellen müssen, die im Leben der Menschen einen Widerhall finden, Studierende mitreißen und empirische Forschungen antreiben. Zudem bin ich überzeugt, daß Soziologen, Philosophinnen und politische Theoretiker heutzutage allzuoft in Debatten und Forschungsprojekte verstrickt sind, die nicht einmal in ihnen selbst irgendeine Leidenschaft entfachen. Wir ergehen uns einfach im routinierten Problemlösen im Rahmen etablierter Paradigmen im Sinne Thomas Kuhns, mit dem Ergebnis, daß Soziologie und Sozialphilosophie der breiteren Öffentlichkeit nicht mehr viel zu bieten hat.[3]
In diesem Sinn ist auch Rosas Bemühen zu verstehen, möglichst verständlich zu schreiben. „Beschleunigung und Differenz“ ist keine leichte Lektüre - aber wirklich kompliziert ist das Buch nur dort, wo Komplexität vonnöten ist. Rosa zielt darauf ab, Leser außerhalb des engen Fachkreises zu erreichen. Auch Laien (wie dem Autor dieser Zeilen) bietet dieser Essay einen faszinierenden Einblick und einen guten Einstieg in das Denken Hartmut Rosas. Er wurde übrigens auch ins Französische übersetzt (La Découverte 2012).


[1] Vgl.: Pörksen, Bernhard (2015): "Wo seid ihr, Professoren", in: Die Zeit Nr. 31/2015 (30.5.2015), online unter: http://www.zeit.de/2015/31/wissenschaft-professoren-engagement-oekonomie (abgerufen am 24.5.2016).

[2] Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit (Berlin 2013), S. 29.

[3] Ebenda, S. 6.

Pour citer cette ressource :

Roman Kaiser-Mühlecker, "Besprechung: "Beschleunigung und Entfremdung" von Hartmut Rosa", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), avril 2016. Consulté le 26/02/2021. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/bibliotheque/besprechung-beschleunigung-und-entfremdung-von-hartmut-rosa