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Bernhard SCHLINK: „Das Wochenende“

Publié le : 1 juillet 2008
 Das Treffen eines nach 24 Jahren aus dem Gefängnis befreiten RAF-Terroristen mit ehemaligen linksradikalen Freunden 

Das Wochenende, Diogenes Verlag, Zürich 2008, 225 S., ISBN 978-3-257-06633-3

Das Wochenende ist das neueste Buch des 1944 geborenen Romanautors und Professors für Rechtswissenschaften Bernhard Schlink, dessen literarischer Welterfolg Der Vorleser (Le liseur) ihn zu einem der bekanntesten aktuellen deutschen Autoren krönte. Er ist ebenfalls Autor mehrerer juristischer Fachbücher, Werke für Belletristik und Aufsätze.

Wie schon in seinem Bestseller-Roman Der Vorleser wagt sich Bernhard Schlink auch mit diesem Buch an ein kritisches Thema aus der deutschen Vergangenheit heran, indem er die heikle Geschichte des Terrorismus der Roten Armee Fraktion literarisch verarbeitet. Es scheint ziemlich deutlich, dass die Ereignisse des Frühlings 2007 Bernhard Schlink zu seinem literarischen Schaffen anregten. Man erinnere sich: Im Mai 2007 reichte der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar bei dem Bundespräsidenten Horst Köhler ein Gnadengesuch ein. Dieses wurde unter anderem wegen der Grußbotschaft Klars, die in der ultra-linken Zeitung Junge Welt veröffentlicht wurde, zurückgewiesen. Doch was wäre geschehen, wenn sein Gesuch Erfolg gehabt hätte? An diese heikle und jedoch faszinierende Vorstellung wagt sich Schlink in seinem zuletzt erschienen Werk heran.

Der ehemalige Terrorist Jörg wird nach 24 Gefängnisjahren begnadigt, und für sein erstes Wochenende in der Freiheit organisiert seine Schwester Christiane ein Treffen mit ehemaligen links(radikal) stehenden Freunden, die jetzt ein bürgerliches Leben führen: der Journalist Henner, die Lehrerin Ilse, der Geschäftsmann Ulrich mit Frau und Tochter, die Bischöfin Karin, der Rechtsanwalt Andreas. Doch auch der junge Revolutionär Marko, der Jörg für sich gewinnen will, um aus ihm den neuen Leader der linksradikalen Opposition zu machen, gesellt sich zur Gruppe, sowie Jörgs Sohn Ferdinand, der seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater hatte und nun mit ihm abrechnen will. Das Treffen findet in einem abgelegenen Haus auf dem Lande statt, fern von jeglichen Reportern und Journalisten. Schlink gestaltet das Treffen wie ein psychologisches Kammerspiel, und nicht nur Jörg, sondern alle Anwesenden müssen sich mit ihrer eigenen Geschichte, mit den Lebenslügen und verlorenen Träumen, mit der Frage nach der eigenen Schuld auseinandersetzen. Schlink geht es darum, die 68er-Generation in die Gegenwart zu holen. Er möchte in seinem Roman darstellen, wie die ehemaligen Kämpfer heute leben, fühlen und denken. So driftet das Geschehen zwischen den Gedanken der einzelnen Figuren und den Gruppengesprächen hin und her, und doch kreist alles um Jörg. Dessen Taten und Ziele werden von jedem anders gedeutet, doch eine befriedigende Antwort erhält man nie. Er ist in seiner Vergangenheit gefesselt und kann sich weder von ihr lösen noch will er es, da er in ihr vor der aktuellen, so veränderten Welt Zuflucht findet. Er hält dieselben Reden wie damals in den siebziger Jahren. Doch diese Zeit ist längst um, Jörgs Parolen machen heutzutage keinen  Sinn mehr, da neue Ideologien, Kämpfe und Arten von Terrorismus nun die Welt beherrschen. Demzufolge versucht Schlink eine Kontinuität des damaligen und des heutigen Terrorismus zu schaffen - auf eine sehr augenscheinliche und simplifizierte Weise: Die Lehrerin Ilse wird zu Schlinks Doppelgänger, sie greift zur Feder und schreibt das neue, fiktionale Leben des ehemaligen Kameraden Jan nieder, der vor dreißig Jahren unerklärlicherweise Selbstmord beging. Ilse beteiligt den fiktionalen Jan an den Ereignissen des 11. September 2001, und stellt ihn erschüttert angesichts der begangenen Tat dar. Ob dies ein Weg Schlinks ist, die Aktionen der RAF zu mildern und zu relativieren, sei dahingestellt.

Mit dieser Spiegelerzählung versucht Schlink ebenfalls zu verdeutlichen, wie schwierig es ist, über ein solches Thema zu schreiben, und dem Leser mehrere Gesichtspunkte und Interpretationsmöglichkeiten vor Augen zu führen. Handlung gibt es kaum - warum sollte es auch? Was, außer Nachdenken, kann ein kaum befreiter ehemaliger Terrorist machen? Da ist das Auftauchen des jungen Radikalen Marko etwas schwerfällig, sowie die Auseinandersetzung mit dem Sohn Ferdinand, der in den Taten des Vaters eine Wiederholung der Nazi-Verbrechen sieht. Die Argumente, die in den Gedanken und Gesprächen diskutiert werden, sind angesichts des interessanten Gebrauchs der RAF-Schriften enttäuschend. Trotz allem ist Das Wochenende eine interessante literarische Variante zu den RAF- Dokumentationen und aktuellen Debatten über die Ereignisse im Herbst 1977 in den Medien, eine angenehme Lektüre, die sich vor allem für Oberstufenschüler als erstes Annähern an das Thema des RAF-Terrorismus sehr gut eignen könnte.

Marie-Christine Gay élève ENS LSH Stand: Juli 2008

 

 

 

Leseprobe

Linkssammlung der FU Berlin mit Schulprojekten

Weitere Rezensionen: Perlentaucher

 
 
Mise à jour le 1 juillet 2008
Créé le 1 juillet 2008
ISSN 2107-7029
DGESCO Clé des Langues