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Textausschnitt Julia Engelmann „One day / Reckoning Text“

Par Sinje Passura
Publié par mduran02 le 07/01/2014
Analyse d'un extrait de Slam Poésie de Julia Engelmann. Ce texte poétique aborde les thèmes contraires de la léthargie et de la motivation en jouant notamment avec le subjonctif 2 (conditionnel) et l'impératif.

Link : http://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8

(…)
Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein,
oh Baby, werden wir alt sein,
Und an all die Geschichten denken,
die wir hätten erzählen können.
Und die Geschichten,
die wir dann statt dessen erzählen,
werden traurige Konjunktive sein wie –
„Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen
und hätte fast die Buddenbrooks gelesen,
und einmal wär' ich beinah
„bis die Wolken wieder Lila“ waren noch wach gewesen,
fast hätten wir uns mal demaskiert
und gesehen, wir sind die Gleichen,
und dann hätten wir uns fast gesagt,
wie viel wir uns bedeuten
werden wir sagen erzählen.
Und dass wir bloß faul und feige waren,
das werden wir verschweigen
und uns heimlich wünschen
noch ein bisschen hierzubleiben,

Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp
- und das wird sowieso passieren -
dann erst werden wir kapieren,
wir hatten nie was zu verlieren.
Denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen,
also los! Schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen.
Also!

Lass uns nachts lange wach bleiben,
aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei
die allertollsten Lieder singen!
Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen,
sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern,
„bis die Wolken wieder lila sind“.
Lass mal an uns selber glauben,
ist mir egal, ob das verrückt ist!
Wer genau kuckt, sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.
Wer immer wir auch waren,
lass uns werden, wer wir sein wolln.
Wir haben viel zu lang gewartet,
lass uns Dopamin vergeuden!
„Der Sinn des Lebens ist leben.“ -
Das hat schon Casper gesagt.
„Let’s make the most of the Night „
- Das hat echo Ke$ha gesagt.
Lass uns möglichst viele Fehler machen
und möglichst viel aus ihnen lernen,
lass uns jetzt schon Gutes säen,
damit wir später Gutes ernten!
Lass uns alles tun, weil wir können
und nicht müssen,
jetzt sind wir jung und lebendig,
und das soll ruhig jeder wissen!
Lass uns uns mal demaskieren
und dann sehen, wir sind die Gleichen,
und dann können wir uns noch sagen,
dass wir uns viel bedeuten!
Denn unsere Tage gehen vorbei
– das wird sowieso passieren –
und bis dahin sind wir frei,
und es gibt nichts zu verlieren.
Das Leben, das wir führen wollen,
wir können es selber wählen.
Also los, schreiben wir Geschichten,
die wir später gern erzählen!
Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein,
oh Baby, werden wir alt sein,
Und an all die Geschichten denken –
die für immer unsre sind.


Quelle: Julia Engelmann: Eines Tages, Baby, Poetry Slam Texte, Goldmann Verlag, München, 2014.

Analyseansätze

Ich fände es nun vor allem interessant den Text auf seine lyrischen Aspekte hin zu untersuchen, mit welchem Thema, oder welchen Themen er sich auseinandersetzt und wie dies bewerkstelligt wird.

Zur Form

 
Zunächst soll der Textausschnitt, wie bei jeder Gedichtanalyse, formal auf rhythmische, metrische und reimende Regelmäßigkeiten hin untersucht werden.

Der Rhythmus ist durchgehend frei und die Verse sind metrisch nicht reguliert. Dies ist in der Regel typisch für Slam Poetry, da die Texte oft prosaische Elemente enthalten, indem sie Erzähltexten gleichen und von traditionellen Gedichtformen abweichen.

Dennoch gibt es formale Elemente, die den Text zusammenhalten und poetisch machen: zum einen den Refrain, der immer wieder in leicht veränderter Form wiederkehrt, zum anderen die hier und da auftretenden Reime. Diese stehen jedoch nicht zwingend am Ende einer Zeile, sondern befinden sich vielmehr zwischen den Zeilen, beziehungsweise innerhalb derer und tauchen ebenfalls sehr unregelmäßig auf. So ist in den ersten Zeilen kein Reim zu erkennen und dann der erste, wenn auch unreine Reim (Zeile 13 und 15) mit „gleichen“ und „bedeuten“. Diese Art von unreinen Reimen taucht noch öfter in der hier gewählten Textpassage auf, wie zum Beispiel mit „schmeißen“ und „reisen“ (Zeile 34 und 35), oder „verrückt ist“ und „kuckt sieht“, (Zeile 39 und 40), oder auch „lernen“ und „ernten“, (Zeile 51 und 53) und „müssen“ und „wissen“, (Zeile 55 und 57). Sie geben dem Text Lockerheit und Natürlichkeit, scheinen dessen Spontaneität zu suggerieren.

Daneben sind aber genauso reine Reime zu finden, wie „passieren“ „kapieren“ „verlieren“ (Zeile 22-24) oder „wählen“ „erzählen“ (Zeile 26-28) oder „vorbei“, „frei“ (Zeile 62 und 64). Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere. Sie runden die Passagen ab, garantieren für einen stetigen Textfluss.

Die verwendeten Reime sind also meist Binnenreime, ansonsten Paarreime und nur selten Kreuzreime.

Der letzte Absatz wiederum ist jedoch frei von Reimen, bildet quasi einen Bruch und gleicht dadurch vielmehr einem Abschlussstatement. Diese letzten Wörter sollen nicht durch Schnörkel verziert, sondern einfach und klar gehalten werden, um eine nüchterne aber eindringliche Aussage zu schaffen.

Das lyrische Ich

Wer spricht und wer wird angesprochen? der „Sprecher“ dieses Textes ist eine vermittelnde Instanz. Das lyrische Ich scheint hier vielmehr ein lyrisches „Wir“ zu sein. Es redet nämlich immer von „wir“ oder „uns“, niemals von sich allein. Dies bringt die kollektive Verbundenheit zum Ausdruck, dass, passend zum Inhalt des Textes, wir alle betroffen sind und alle aufgerufen zu reagieren. Genauso ist der Adressat zwar anscheinend eine Person (siehe: „ Und eines Tages, Baby (…)“ (Zeile 1)), trotzdem richtet sich der Text an jeden einzelnen, der diesen hört oder liest. Es geht immer um das „Wir“, um das „Uns“. Das „Ich“ beschränkt sich eigentlich nicht auf ein „Du“, nicht einmal auf ein „Ihr“, sondern durch das stetige benutzen der 1. Person Plural schließt sich das lyrische Ich selbst mit ein, zeigt so Solidarität und kann Vertrauen schaffen. Seine Botschaft richtet sich gleichfalls an sich selbst. Dies ist eine gute Möglichkeit nah an diejenigen heranzukommen, die man mit seinen Worten erreichen möchte. Der Sprecher benutzt bewusst die Ansprache an den Einzelnen, um jeden zu erreichen, auch wenn alle gemeint sind.. Der Zugang zu den Worten wird auf diese Art erleichtert und eine gewisse Intimität geschaffen, um einen persönlichen Bezug zu ermöglichen.

Die Themen

Geht es zwar zunächst noch um das große Thema Lethargie und Antriebslosigkeit, wird später auf das Gegenteil hingearbeitet – Motivation und Antrieb.

Ausdruck der Lethargie sind sprachlich gesehen vor allem die vielen Konjunktive, die das lyrische Ich verwendet.Der Konjunktiv als typisches Zeichen von Wünschen oder verpassten Chancen, die eben nie real sind, sondern immer nur hypothetisch und nicht greifbar. Es ist die Rede von Faulheit und Feigheit, von Geschichten, die nie geschrieben werden, wenn wir nicht bald aufwachen und sofort handeln.

Und genau an dieser Stelle beginnt ein neuer Einschnitt. Es kommt auf einmal sprachlich zu einem klaren Bruch, zu einem Übergang zu einem Gegenthema, nämlich der Motivation und dem persönlichen Engagement des Einzelnen für sein Leben. Hier verschwindet der Konjunktiv und wird vermehrt durch Imperativformen ersetzt, die das kollektive „wir“ und „uns“ zum Handeln anspornen. „Lass uns…“ (Zeile 30/34/43/50…) ist eine der am häufigsten verwendeten Wortkombinationen der zweiten Hälfte des Textes. Es fordert die Abkehr von Nichtstun und Träumereien. Denn noch ist nichts verloren, noch ist das Hypothetische wahr zu machen. Die Zeit wird zwar so oder so vorbei gehen, aber wir können selbst wählen, wie wir sie gestalten wollen und welche Geschichten wir schreiben wollen. Wir müssen nur damit anfangen.

Das Gedicht kann also thematisch wie auch sprachlich gesehen in zwei Teile geteilt werden. Die Konjunktive und das Thema der Lethargie bilden den ersten Teil bis Zeile 28, ab Zeile 29 beginnt mit der Verwendung von hauptsächlich Imperativen und dem Thema der Motivation der zweite Teil.

Intertextuelle Verweise

Wie bereits erwähnt beziehen sich Poetry Slammer oft auf Texte anderer Slammer oder auf ihre eigenen Texte. Anhand des hier ausgewählten Textbeispiels kann man sehen, wie sich die Rezipienten aber auch auf Passagen oder Beispiele beziehen, die außerhalb der eigentlichen Wettbewerbe liegen. Zum einen verweist das lyrische Ich auf die Buddenbrooks (Zeile 9),. Natürlich bleibt unklar, warum gerade dieses Beispiel gewählt wurde, aber man könnte davon ausgehen, dass es zum Beispiel an der Geschichte und deren Umfang liegen könnte. Es geht schließlich darum Geschichten zu erzählen, und die Buddenbrooks ist ein sehr mächtiger und bekannter Roman, der ebenfalls seinerseits in die literarische Geschichte eingegangen ist. Man könnte also sagen, das Buch habe bereits Geschichte geschrieben.

Daneben findet man allerdings vor allem Anklänge an Passagen aus modernen Liedern. So wiederholt das lyrische Ich zweimal die Zeile „bis die Wolken wieder lila sind“ (Zeile 11 und 37), einem Satz aus dem Lied Lila Wolken von Marteria, Yasha und Miss Platnum, das lange Zeit auf Platz eins der Charts war und somit vielen bekannt sein dürfte. Noch dazu hat diese Passage durch die lila Wolken etwas poetisch Verträumtes an sich, das den Menschen ein wenig aus der grauen Alltagswelt entführt,. Hier steht der Satz vor allem für die langen Nächte, in denen bis zum Morgen etwas erlebt wurde, er stellt sich also der allgemeinen Lethargie entgegen. Passend dazu wird auf die Zeile von Kesha verwiesen (Zeile 48) die übersetzt so viel heißt, wie „lass uns das Beste aus der Nacht machen“. Und davor zitiert man einen Satz von Casper mit „der Sinn des Lebens ist Leben“ (Zeile 46). Diese beiden Zitate nacheinander sind für die Zuhörer sehr prägnant. Vielen sind die Zeilen bereits ein Begriff, und wenn nicht, ist die Bedeutung dennoch klar. Beide bedeuten, dass das Leben zu kurz ist, um nichts zu tun und die Zeit einfach vergehen zu lassen. Diese beiden Zitate fordern dazu auf, sofort zu handeln.

Interessant ist jedoch hierbei der Gegensatz zwischen den verwendeten Zitaten und der Aussage „Also los, schreiben wir Geschichten (…)“ (Zeile 68), denn im Grunde genommen ergibt sich hieraus ein Paradoxon: Indem das lyrische Ich auf Zitate zurückgreift und andere alte Geschichten oder Ideen anklingen lässt, schreibt es schließlich nicht wirklich seine eigenen. Es bezieht sich auf andere, die bedeutend oder aussagekräftig waren und somit bereits geschrieben wurden.

So kann man am Ende feststellen, dass der Text aus vielen Kontrasten besteht und es wäre interessant diese Gegensatzpaare, sowohl auf inhaltlicher wie auch formaler Seite, im Einzelnen näher zu betrachten.

 

Pour citer cette ressource :

Sinje Passura, "Textausschnitt Julia Engelmann „One day / Reckoning Text“ ", La Clé des Langues [en ligne], Lyon, ENS de LYON/DGESCO (ISSN 2107-7029), janvier 2014. Consulté le 20/02/2018. URL: http://cle.ens-lyon.fr/allemand/arts/musique/textausschnitt-julia-engelmann-one-day-reckoning-text

Mots-Clés
  • Slam
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  • Slam Poésie
  • Konjunktiv
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